Hannes Kothe-Opperau – aus dem Erzählband „Landpartie oder Auf der Suche sein"
hier: ein Vorschlag (auch) für den Unterricht
Vorerwägung: Die informierenden Textsorten im Bereich "Ereignisbeschreibung", z. B. Bericht, Nachricht und Reportage, sollten behandelt sein.
1 Die Ampel stand auf Rot. Haller trat auf die Bremse. Da war ihm der Wagen auch schon in die Kreuzung gerutscht. „Mensch, Glatteis!“ Er fühlte den Pulsschlag im Hals.
2 Beim Anfahren schlitterte das Heck zur Seite. Haller erschrak aufs Neue. Fast stand das Auto quer! „Auf die Kupplung! Das alte Ding hat ja kein ABS! Ja nicht auf die Bremse!“, murmelte er vor sich hin. Er hatte gleich wieder alles im Griff.
3 Haller hatte die Stadt hinter sich. Auf einmal packte ihn der Übermut. Er probierte auf freier Strecke so etwas wie Wedeln: „Wie auf der Skipiste!“, kicherte er.
4 Dann nannte er sich einen Idioten. „Sieh zu, dass du nicht im Graben landest – oder einem anderen in der Karosserie: Peng! Dieses dumpfe Dröhnen! Und dann das Entsetzen! Blut …“ Es überlief ihn kalt. „Nur nicht daran denken!“
5 Scheinwerfer in der Ferne! Haller zählte: „Acht, neun oder zehn Autos. Okay, sie halten auf Abstand und kriechen irgendwie nur so dahin“, beruhigte er sich.
6 Da, plötzlich! „Was soll denn das?“ Haller stockte der Atem. Da war einer aus der Kolonne ausgebrochen! „Der Irre überholt!“, schrie Haller heraus. „Ein Wahnsinniger! Kommt auf mich zu! Schleudert total!“ Es war wie in Zeitlupe. „Ein großes, schweres Ding!“, stammelte Haller vor sich hin. „Macht dich platt mit deiner kleinen Rostlaube!“
7 Für Sekunden war der andere schon hinter der Scheibe zu erkennen: Ein fettes Gesicht, aus dem das Entsetzen starrte. Der Mensch kurbelte hektisch am Lenker. Und der Straßenkreuzer schlug umso wilder aus auf dem Eis.
8 Die Schlange gegenüber war bereits am Straßenrand zum Stehen gekommen. Einer nach dem anderen hatte es geschafft.
9 Da blitzte es Haller: „Rechts raus! Vorbei lassen! Und zusehen! Der landet am Alleebaum! Zusehen, wie dieser Straßenkreuzer zerknautscht!“
10
Hinterm
Fenster hervor starrten jetzt die Leute auf die beiden Akteure.
11 „Trau dich was!“, durchzuckte es Haller. Dass ihm bei dem Tempo nicht viel passieren könne, spukte ihm plötzlich durch den Kopf …
12 Der große Amischlitten aber mäanderte nur noch ein paar Meter vor Haller. Und die platten Nasen an ihren Fenstern drüben lauerten auf den Crash: aufs Krachen, Knirschen, Splittern …
13 Flugs hatte Haller seine Gespinste durchtrennt. Das bedrohlich tanzende Ungeheuer war direkt vor ihm. „Weiter! Nicht bremsen! Der Dicken soll rechts vorbei!“, befahl sich Haller. „Leicht nach links anziehen! Verdammt! Die Kiste schlittert hinten weg! Kupplung! Steuer nach rechts!“ Der Wagen hinten wieder nach links …
14 Herüber, hinüber, herüber, hinüber …
15 Das Kreischen einer Frau. Die Leute gegenüber hatten runtergekurbelt und die Köpfe rausgestreckt. Eine Show: zwei so ungleiche blecherne Tänzer auf dem Eisparkett!
16 Plötzlich schien für Sekunden alles zu Ende gekommen: Der große Wagen war aufs Bankett geschlittert, und die Bremsen hatten offenbar gegriffen.
17 „Da, da!“, schrie einer, und die Köpfe fuhren herum: Die kleine Rostlaube schlenzte noch hin und her – und schlängelte sich jetzt zwischen ihnen und der Nobelkarosse hindurch. Das mickrige alte Ding brach immer wieder aus, wurde eingefangen, schlug aus wie ein Pendel, beschrieb fortgleitend Wellenlinien, wurde in die Gegenrichtung geführt, tanzte, wedelte, schwenkelte, schlenkerte auf dem Eis … Dennoch, immer wieder unter Kontrolle, erkannten die Gaffer: Dieser Kerl da kriegte das Ding ja immer wieder richtig in die Hand, klar, das ist einer, der es kann, einer, der das beherrscht, ein richtiger Dompteur! Tolle Augenblicke! Eine Nummer schon, wie im Circus! Was sollte noch passieren?
18 Der Wagen war schon am letzten vorbei. Nur noch leichtes Flattern. Nun völlig in der Richtung. Es war geschafft!
19 Jetzt rissen die Leute die Wagenschläge auf, sprangen auf die Fahrbahn, rannten, rutschten auf die Straße, winkten Haller hinterher, klatschten und warfen die Arme in die Höhe …
20 Haller sah alles im Rückspiegel, sah, wie sich auch der fette Mensch aus seiner Luxuskarosse herauszog, fertig, bleich …
21 Im Rückspiegel sah Haller seinen Triumph an Ort und Stelle bleiben.
Arbeitsaufträge
Benennen Sie bitte die literarische Art dieses Textes: ………………………………………………………………….............
Worin unterscheidet sich diese Fassung von einer sachlichen Ereignisbeschreibung?
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Markieren Sie Tätigkeits- und Vorgangs-Verben ("Bewegungsverben") und bilden Sie die infinite (Grund-)Form!
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Stellen Sie bitte den Handlungsverlauf mit der Spannungskurve dar!
„Benennen Sie bitte die literarische Art der Darstellung!“
Es handelt sich um einen Erzählbericht. Die Form könnte als Kurzgeschichte
bezeichnet werden (unmittelbarer Beginn; offener Ausgang; linearer,
einsträngiger Verlauf; Konzentration auf einen Wirklichkeitsausschnitt –
ähnlich „Schlaglicht“, „Einblendung“)
„Worin unterscheidet sich
dieser Text von einer sachlichen Ereignisbeschreibung?“
Der vorliegende Text ist auf die Handlung und deren Spannungskurve abgestellt.
Er enthält wörtliche Rede, Wertungen und saloppe Ausdrucksweisen.
Die W-Fragen sind nicht ausführlich beantwortet.
„Markieren Sie Tätigkeits- und Vorgangs-Verben ("Bewegungsverben") und bilden Sie die infinite Form!“
treten, rutschen, schlittern, landen, kriechen, ausbrechen, überholen, schleudern, kurbeln, ausschlagen, durchzucken, spuken, mäandern, tanzen, runterkurbeln, rausstrecken, fahren, schlenzen, schlängeln, ausbrechen, tanzen, wedeln, schwenkeln, schlenkern, Flattern, aufreißen, springen, rennen, rutschen, winken, klatschen, werfen, herausziehen
„Stellen Sie bitte den Handlungsverlauf mit der Spannungskurve dar!“
1 – 2 Überraschung,
Erschrecken (kurzes Ausschlagen der Spannungskurve)
3 – 4 Selbstsicherheit, Übermut, Einsicht
5 – 6 Erkennen, Erschrecken (Ansteigen der Spannungskurve)
7 – 10 Gefahr, Aktion
11 -14 Mut – Übermut, vernünftige Reaktion
15 ... Einblendung (die Anderen, die in Sicherheit sind als Betrachter des
Geschehens)
18 ... Abflachen der Spannungskurve
Was könnte mit dem Text noch anfangen werden?
Wie hätte die Geschichte
anders ausgehen können? (Ein Crash und seine Folgen. / Oder Haller
hätte stehen bleiben und sich feiern lassen können. Es wären Kontakte
möglich gewesen, z.B. mit dem zuvor gedanklich geschmähten Dicken. Engagement
für einen "Rennstall" ...)
Der Text wäre auch ins Präsens umzusetzen und als Reportage aufzuführen.
Auch so etwas wie eine
ethische Auswertung könnte versucht werden: „Im Rückspiegel sah Haller
seinen Triumph an Ort und Stelle bleiben.“
Daran wären Fragen zu knüpfen:
Bleibt der Erfolg wirklich zurück?
Ist es ein lohnendes Ziel, bewundert zu werden?
Schwankt Haller vielleicht zwischen der Entscheidung, seinen Erfolg still für
sich zu genießen oder ein Verlustempfinden aufkommen zu lassen?
Sollte Haller nicht auch dankbar sein, da diese gefährliche Begegnung so
glimpflich ablief?
Für fortgeschrittene Lesegenießer:
Zur
Erzählweise:
Der Text des Erzählberichts ist auktorial abgefasst. Das bedeutet - wäre zu
verdeutlichen -, dass hier ein „allwissender Erzähler“ spricht. Man nennt diese
Erzählweise auch Er-Erzählung. Sie ist in der dritten Person ausgeführt (im
Gegensatz zu einer Ich-Erzählung). Es dürfte sich auch lohnen zu erklären, dass
besagter „allwissender Erzähler“ als eine fiktive Figur gedacht ist - vom Autor
/ der Autorin erfunden. Davon ausgehend ließe sich erläutern, dass z. B. auch
das literarische Ich nicht als die Verfasserperson zu verstehen ist, die sich
da ausdrückt. Hier dürfte der Vergleich mit der Autobiografie (welche
Sachliteratur darstellt) greifen, wo die Ich-Identität gegeben ist.
Zum
Aufbau:
Absatz 01 -16: Wechsel vom Bericht zum (inneren) Monolog;
17 - 19: Übergang der Perspektive zu den
Leuten, den „Gaffern“;
20 - 21: Hallers Sicht
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Kritik und Vorschläge sind willkommen!