Bilder eines Landlebens im Umbruch im südlichen Deutschland des ausgehenden vorigen Jahrhunderts.

 

 Die zuletzt bei "AAVAA", Berlin, erschienene Auflage. Übertragen aus der dialektalen Form des bei "Bayerland", Dachau, 2002 erschienenen Bärlapper-Romans.

 

Vorspruch:

Das Bärlappkraut hat sich als Urgewächs aus sehr frühen Erdzeiten erhalten, über allen Wandel hinweg.

 

 

EINGANGS

 

Der Bärlapper Hans ist schon immer um fünf in der Früh aufgestanden, um in den Stall zu seinen Kü­hen zu gehen. Die Mutter hatte da längst einen Rosenkranz gebetet. Eine gute Stunde brauchte Bärlapper für die sechs Viecher. Die Mutter tränkte einst­weilen die Kälber, fütterte die Hühner und be­reitete das Frühstück, eine Brennsuppe, wie man sie immer hatte. Wenn er dann das Stallgewand ge­gen den "Blaumann" getauscht hatte und in der Kü­che saß, machte er mit der Mutter aus, was auf dem kleinen Bauernhof tagsüber zu erledigen sei. Sie mussten da nie viel reden. Ein paar Worte reichten aus, durch karge Gesten unterstützt.  

Gegen sieben fuhr Bärlapper mit dem Rad zur Ar­beit in die nahe Brauerei, die zum Schloss Ritzling gehörte. Bevor er dort durch das auf Altdeutsch gemachte Tor auf den Hof gelangte, musste er eine kleine Anhöhe hinauf und über eine schmale Brücke. Auf dem Weg zur Arbeit traf er meistens Kame­raden, denen er sich anschloss. War er jedoch al­lein, blieb Bärlapper auf der Brücke stehen, drehte sich noch einmal um und schaute zum Dorf hinunter. Bei dem Blick über den Anger und zu den Häu­sern hinüber hatte er immer ein gutes Gefühl. 

An seinem Arbeitsplatz stand er dann den ganzen Tag in einem hohen, bis zur Decke gefliesten Raum zwischen summenden Maschinen und stampfenden Apparaten. Ein scheinbar nie enden wollender Strom klirrender Flaschen lief auf ihn zu und an ihm vorbei. Er hatte an der gläsernen Kolonne mit beiden Händen zu tun und an jeder Flasche einen Handgriff auszuführen. Dieser Riese im Blaumann war bereits Inventar: Der Körper eine Säule, die Arme und Hände im Takt in Bewegung zum kurzen, gleichförmigen Ablauf. 

Und wollte sich Bärlapper auch nur einmal mit dem Handrücken über die Nase fahren, so musste er erst sein Tempo steigern, um sich am Band vorzuarbeiten. 

 

"Das ist ja schier gar Sträflingsarbeit!", hatte einer von Bärlappers Arbeitskameraden geschimpft, um sei­ne Anerkennung kundzutun. Der Müller Seppl war es, "der leicht einmal das Maul aufreißt, und bei dem es wie ein Anschiss klingt, wenn er einem etwas Gutes sagen will", wussten alle. Sie saßen da­mals bei der Brotzeit im Aufenthaltsraum. Der Müller hatte etwas gelesen. Da lag nämlich immer ein Blatt wie ein Tischtuch ausgebreitet auf der groben Platte. Wer die in ganz großen Lettern gehaltenen Aufmacher auch nur überflog, hatte sich immer gleich seine Meinung gebildet. Das Blatt war zwar stets bald fleckig und verschlissen, wurde jedoch vom Huber Max alle paar Tage erneuert, und zwar besonders dann, wenn der Max auf diese Weise wieder etwas ganz Besonderes mitteilen woll­te. Alle schauten heute immer wieder mal darauf. "Die gehen ja mit den Verbrechern im Zuchthaus um wie im Nobelhotel!", wetterte der Müller. "Aber das ist es ja genau. Heutzutag muss keiner von den Halunken mehr eine solche Arbeit machen wie der Bärlapper oder unsereiner hier umeinander!" Er schaute zornig in die Runde und tippte mit dem Finger auf eine Stelle in der Zeitung. 

 

Nach Feierabend beeilte sich Bärlapper immer, nach Hause und zu seiner Bauernarbeit zu kommen. Er war dann wieder Stunden im Stall bei seinen Rindern – und sein eigener Herr. Es musste auch das erledigt werden, was die alte Mutter nicht geschafft hatte. Meistens waren das eben die schwereren Arbeiten und überhaupt alles mit Maschinen, dem "neumodischen Zeug". Liegen bleiben durfte dem Bärlapper nichts und verkommen gleich gar nichts. Man schaute im Ort aufeinander, niemand wollte sich etwas Schlechtes nachsagen lassen. Besonders vor den Nachbarn, die immer gleich alles wissen, musste man besonders auf der Hut sein.

So hatte Bärlapper jeden Tag bis in die Nacht hinein zu tun. Er war es gewöhnt. Schließlich war er ja in diese Verhältnisse hineingeboren. Das Sachel war eben zu klein, als dass es damit allein zum Leben gereicht hätte. Es war immer so, dass man zu den Größeren gegangen ist, um ein paar Zentner Kartoffeln für die vielen Mäuler, die es zu stopfen galt, samt den Schweinen. Auch um das Ährenlesen nach der Getreideernte ging man auf die großen Felder, um für die Vermehrung seines Mehlvorrats zu sorgen. Sogar um das Grabenausmähen bemühte sich mancher bei der Gemeinde, um etliche Maul voll Gras mehr für seine paar Kühe, Schafe oder Geißen zu haben. Um lauter solche kleinen Nützlichkeiten mussten sie ständig besorgt sein. Bei den Herrschaften vom Schloss hatte es aber immer bare Münze gegeben, wusste Bärlapper. Es war so etwas wie eine Vergünstigung, dort zum Dienst antreten zu dürfen. Jeder hatte, früher jedenfalls, lange zu warten, musste sich sozusagen erst als zuverlässig und brauchbar zeigen, bis ihm die Gunst zuteilwurde. Es war zwar auch nicht zum Reichwerden, doch langte es immerhin mit dem Milchgeld zusammen, um das Angeschriebene beim Schlosser, Müller oder Krämer bereits am Ende eines jeden Monats zu tilgen – die dann nicht warten mussten, bis die Ernte verkauft und etwas Geld zur Verfügung war. Ganz früher gab es Zeiten, erinnerte sich die Mutter mit Schaudern, da hatten so manche oft nicht mal die paar Pfennige für den Kaminkehrer und musste sich die vom Nachbarn leihen. Ein Kleinhäusler musste, wenn er selber kein Handwerk neben dem Hof hatte, seine Dienste anbieten und irgendwo, möglichst in der Nähe, etwas dazuverdienen. Wer das andererseits nutzen konnte, der sparte sich Knechte und Mägde, die er das ganze Jahr hätte durchfüttern müssen. 

 

Daraus habe sich ein herbes, sozusagen gefühlloses Miteinander gebildet, bemerkte gelegentlich der alte Oberlehrer, der seine Siebzig auf dem Buckel – und eine spitze, ungern trockene Zunge hatte. "Alles gewachsen und in sich ruhend", fand er auch. "Und wenn doch mal einer aufbegehrt, dann kriegt er den bekannten Spruch aufgesagt: Wenn ein Junger nicht aufmuckt, dann hat er kein Herz. Es wurde freilich draufgesetzt: Wenn ein Alter immer noch dagegenredet, dann hat er kein Hirn – und", grinste er daraufhin, "wenn es euch befriedigt: Den Schuh ziehe ich mir an, weil ein Mensch ohne besagtes

Hirn ein leichteres Leben führen kann!"

 

Nicht etwa, dass jemand diese Redensart je auf Bärlapper hätte anwenden müssen. Der war eins mit seiner Welt und machte sich seinen eigenen Reim darauf. 

Kam die Zeit, in der die meisten Leute Ferien mach­ten, dichtete sich Bärlapper auch mal Geschichten zusammen. Die wollte er dann dem kleinen Schwestersohn erzählen. Einmal saß der Junge wieder neben dem Onkel auf dem Traktor. Warum Hans denn jeden Tag da zum Schloss gehe, wollte der Junge wissen, auch, ob da die Prinzen und Prin­zessinnen aus den Märchen wohnten. Die würde er dann auch mal ganz gerne sehen, weil die Mama und die Tante im Kindergarten immer wieder davon erzählten, dass es solche Leute gibt, die nicht wie die Leute sonst sind. Die Mama könne gar nicht genug kriegen von den Ganzschönen auf der ganzen Welt und suchte auch in der Zeitung danach, ob wieder was drinsteht. Weil da dauernd so was drinsteht, was die machen oder was die für Sachen anstellen. Hans fabulierte dann von seinen We­sen mit putzigen Schaumkronen, die lustig aussahen, wenn sie so mit Klirren und Klimpern daher­zogen. "Da denke ich mir, dass da lauter kleine Könige und Prinzen und Prinzessinnen daherkommen und solche besonderen Leute, wie sie meinen, dass sie sind. Du weißt ja, ganz die Feinen und Noblen und mit oben was drauf auf den Köpfen. In einer klirrenden, klimpernd schwatzenden Prozession", fabulierte Hans. "Verstehst du? Klirrend, klimpernd, schwatzend", wiederholte er. Er hatte sich schließlich gefreut, als ihm das eingefallen war. Er ließ den Kleinen diesen Zungenbrecher nach­sagen. Das wollte nicht gleich gelingen. Hans hielt sein Fuhrwerk an. Sie übten beide und hatten für eine ganze Weile ihr Vergnügen damit. Während Hans dann wieder anfuhr, erzählte er weiter, dass natürlich keiner die Sprache seiner gläsernen Herrschaften verstehen könne. "Aber Geklimpere, und mehr haben die nicht drauf", meinte er – verbesserte sich gleich: "Oder, was unsereins doch nicht versteht. Das muss ja auch niemand verstehen, denn ich glaube, die sind selber nicht so scharf drauf, dass sie einander verstehen. Hauptsache ist für die, dass die Zeit vergeht und sie nichts zu tun haben. Denn es muss auch solche Leute geben, die feiner sind und sich die Hände nicht dreckig machen wie unsereiner. Warum das so ist, das weiß niemand so recht, aber es langt ja zu wissen, dass es immer so war." Hans berichtete dann auch von Flaschenkönigen mit ganz großen Kronen. Dass die irgendwann, aber auf jeden Fall immer, und zwar meistens von hinten, einen kleinen Rempler kriegten, so dass die Krone runterfallen oder besser runterlaufen würde. "Dann geht es mit den Zurechtgestutzten", betonte er, "irgendwie ganz normal, weißt du, ganz ohne Überschaum, weiter, und zwar bis zu mir her." Bei ihm würden dann sowieso alle gleichgemacht, sozusagen ganz einfach, mit einem einzigen Griff: "Zack."

Eine Hand am Lenkrad, machte er dem Kleinen mit der anderen seine Handbewegung vor.

 

"Die Welt ist einem in Ritzling stets greifbar nahe", meinte gelegentlich der Oberlehrer. Was jemand nicht gleich verstehe, lasse er sich beim Bier oder über den Gartenzaun erklären. Oder es ist eben nicht möglich und somit gar nicht wirklich vorhanden, was einer nicht versteht: "Das gibt es ja gar nicht!", laute bei so etwas Unverständlichem dann der Schluss. "Und was da sonst noch so über die Zeitung und die Fernseher hereinschwappt, das ist nur Theater", nörgelte der Oberlehrer weiter, wenn er in Fahrt war. "Was nicht ausschließt – oder gerade darum, weil es Theater ist –, dass sich ein junger Mensch bemüht, seine Frisur, seine Kleidung oder sein Verhalten so zu richten, wie er es über die Kino-Stars gelesen oder von ihnen im Film gesehen hatte. Die Alten gehen damit auch, aber verschämter um. Politik – du lieber Gott! Von Interesse allenfalls, wenn es in der Welt wieder irgendwo gehörig kracht. Aber auch diese Anteilnahme legt sich schnell, wenn einer von den paar noch lebenden Veteranen in der Nähe ist und ihnen dann zum hundertsten Mal mit dem Russlandfeldzug kommt. 

Ein wenig Aufmerksamkeit, wenn es in der Heimatzeitung etwas über den Ort gibt, wenn von ei­nem ein Bild in der Zeitung ist oder wenn sie einen aus dem Gäu wieder gehörig in der Mange haben."

Wer nämlich mit beiden Beinen auf dem Boden stehe, meinte der Alte auch, und beharrlich dafür sorge, dass er den Horizont nicht aus dem Auge verliere, der darf sich gewiss sein, alles mit wenigen Blicken überschauen zu können. Das hinwiederum wiege einen in Ritzling in einem starken Gefühl der Sicherheit und mache einen selbstbewusst und in den Anschauungen ungemein beständig. 

Die Leute nahmen solche Reden des Alten, wenn sie sich diese denn überhaupt anhörten, natürlich nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis.

 

Am Morgen und am Abend konnte Bärlapper Bauer sein. Am ersten Tag der Woche, dem Sonntag, sogar den ganzen Tag: Ein König auf eigener Scholle, wie es immer noch hieß. Für die andere Zeit war er weg vom Hof und stand in Lohn – auch so ein altes Wort. Er sah darin keinen Zwiespalt und ging seiner Arbeit nach: Schier unbeweglich, mit etwas zugekniffenen Augen, die starr auf den ihm entgegen kommenden gläsernen Strom gerichtet waren, stand der Bärlapper Hans stundenlang da und war beinahe nicht mehr zu unterscheiden von der kalten metallenen, mechanischen Umgebung. Mit seinen großen, fleischigen Händen aber fuhr er in einer unglaublich geschickten, in einer geradezu elegant zu nennenden Bewegung die Glaskörper entlang: Mit der linken Hand drehte er die Flasche jeweils so, dass er mit der rechten, von unten heraufstreichend, zunächst auf der Außenseite des Zeigefingers die weiße Porzellankappe und auf der Oberseite des Mittelfingers den stählernen Bügel zu liegen bekam; er schob sodann die Porzellankrone mit dem roten Gummiring auf die Flaschenöffnung; er drückte schließlich den Spannbügel mit einem kräftigen Ruck nach unten. 

Wer gerade vorbei kam, blieb gerne einmal stehen und sah ihm eine Weile zu. "Da verstehst du ja", hat der Socher Luki gefrotzelt, "dass der kein Weib braucht. Wenn du siehst, wie der mit den Händen über die Flaschen fährt. Das schaut ja bereits aus, als wenn der was Fleischiges in seinen Pratzen hätte."  

Jeweils eine Sekunde mochte der Arbeitsablauf dauern. Das summierte sich.  

Da kommt was zusammen, urteilten die Leute. Die Direktion hatte sich sogar einmal zu der Äußerung herbeigelassen: "Eine einigermaßen respektable Lei­s­tung, nämlich ein nahezu hervorragendes Ergebnis."  

 

"Jemand rechnet sich, lautet ja ein in seiner ursprünglichen Form, wo allerdings eine Sache gemeint ist, gewandelter Spruch. Dass sich jemand rechne, wirkt den Leuten allerdings zu bemüht, eigentlich ausgesprochen überspannt", so der Schulmeister wieder. "So reden ja auch eher nur die vom Büro daher. Der normale Ritzlinger verwendet für einen ungewöhnlich fleißigen Menschen lieber den Ausdruck: Der arbeitet wie ein Stier. Das lässt dann auch wieder den Zweifel am Verstand des so Gekennzeichneten zu und kommt dem stets vorhandenen Bedürfnis nach etwas Hinterfotzigkeit entgegen – was in den kultivierten Kreisen derer vom Schreibtisch allerdings eher als gemeine Tücke bezeichnet werden würde."

 

Immer wieder mal wurde eine Schar von Touristen durch die Schlossbrauerei geführt: Gemeinderäte aus der Provinz, Volkshochschüler auf Studienwanderung, Landfrauen unter geistlicher Obhut ...  Alle schienen bestrebt, die Zeit von einem Gasthausbesuch zum anderen mit Besichtigungen einigermaßen kulturell sinnvoll, aber nicht unbedingt anstrengend zu überbrücken. Jedes Mal, wenn so ein Pulk bei Bärlapper angelangt war, erklärte der Braumeister weniger den betrieblichen Ablauf an diesem Platz, als vielmehr die nützlichen, guten, ja gerade in unserer Zeit – wie er formulierte – so unverzichtbar vorbildlichen, da immer seltener werdenden Eigenschaften dieses Arbeiters, respektive guten Geistes. Charaktereigenschaften wie Zuverlässig- und Redlichkeit würden sich in Bärlapper mit Geschicklichkeit paaren und fänden in Bescheidenheit ihre Krönung. Dieser Mensch sei noch nie um einen besonderen Urlaub oder gar eine Lohnerhöhung eingekommen.

Bärlapper kannte diese Leier längst – und sogar beinahe auswendig. Dennoch ging es ihm immer kalt den Buckel hinunter. Er war dann etwas durcheinander, weil es ihm einerseits wurscht, andererseits doch irgendwie peinlich war, so hingestellt zu werden. Wenn dieser Seim über ihn ausgegossen war, meinte er, seine eigene Grabrede gehört zu haben. Aber schließlich konnte er sich immer wieder fangen: "Der Meister muss halt irgendwas sagen und da fällt ihm nichts anderes ein. Den Leuten muss er einen solchen Schwulst verzapfen, anders geht es scheinbar nicht."  

Der Braumeister, geübt im Umgang mit Menschen, wusste natürlich, dass er diesen Schlagrahm um seinen Bärlapper wieder mit etwas Handfestem unterlegen musste: "Früher waren an diesem Ar­beits­platz zwei Leute gestanden. Die hat man oben­drein jeweils nach einigen Stunden ablösen müssen ..." – "Wegen der Gewerkschaft!", war da schon auch einmal hineingezischt worden. – "Da ist es immer zugegangen, sage ich Ihnen. Diese Leute haben sich doch den ganzen Tag mit denen von den benachbarten Abteilungen unterhalten und gelacht und ihre Gaudi gehabt. Oder sie haben gestritten. Da hat es auch nichts genützt, dass man eine Trennwand zu den Leuten in der Waschanlage und jenen in der Abkastung gezogen hat! Nein! Und entlassen Sie heute mal einen! Es hat nichts gebracht, den Abfüllteil vom Verschlussteil zu separieren, um so die Störungen zu unterbinden. Die beiden, damals, die dann nach der Abtrennerei, die ja auch was gekostet hat, übriggeblieben waren, die haben die erforderliche Leistung einfach trotzdem nicht bringen können. Aber dieser hier, der, den Sie hier sehen, nämlich unser lieber Bärlapper Hans, der bringt das. Alleine, wohlgemerkt! Das muss man sich einmal vorstellen. Eine Spezies, dieser Mensch, die am Aussterben ist – oder die es vielleicht noch gar nie gegeben hat."

Dieser Darlegung folgte häufig ein wohlgefälliges Murmeln, aus dem sich auch eine deutliche Aussage lösen konnte: "Ja, so was!" – "Da schau her!" – "Brav! Bravo!" Und am Ende das Klatschen, das den hohen Raum erfüllte und von den glatten Wänden widerhallte. 

Für gewöhnlich, jedenfalls erst, nachdem er Bärlapper den Beifall hatte zugutekommen lassen, fügte der Braumeister hinzu, dass das mit der Vorausset­zung für die Leistungssteigerung im Grunde ganz einfach gewesen sei: "Mein Bärlapper ist nämlich draufgekommen, dass das Fließband so anzuheben sei, dass er daran in aufrechter Haltung arbeiten kann! Dann lief die ganze Sache zwar nicht von selber, jedoch wie geschmiert!"   Es folgten meistens wieder Beifallsgeräusche. 

Einmal, anlässlich der Visite einer Gruppe von Schullehrern auf Fortbildungsreise, schwang sich der Braumeister nach seiner üblichen Einlassung über Bärlappers Qualitäten auf und verkündete, dass es seiner Meinung nach eben nicht nur einen Fortschritt der Technologie gebe, sondern auch einen solchen des Menschen selber. Er fühle sich zwar nicht als ein Darwin der menschlichen Seele, er glaube jedoch fest und unverdrossen an die charakterliche Evolution derselben. Die Schulmeister nickten wie auf Kommando mit dem Kopf und schienen tief beeindruckt. 

Bärlapper aber hatte mit verschiedenen Begriffen aus dieser Rede gar nichts anfangen können. Es ließ ihn auch kalt, dass ihm jemand im Vorübergehen anerkennend auf die Schulter klopfte. Im Übrigen war so ziemlich alles, was sich Bärlapper an Gefühl bezüglich seiner Arbeit leistete, ein wenig Stolz darüber, dass er an seinem Arbeitsplatz im wahren Sinn des Wortes und natürlich auch auf sei­nem Bauernhof alles voll im Griff hatte. 

Immerhin schützte ihn diese Regung davor, sich die von Zeit zu Zeit auftauchenden Sticheleien unter die Haut gehen zu lassen. Ein paar Kollegen spitzten ihn nämlich häufig wegen seiner Arbeitsweise an. Sie redeten ihm von Rechten, die der arbeitende Mensch besitze, was sich aber bis jetzt anscheinend noch nicht bis Ritzling und gleich gar nicht bis zu ihm, diesem guten Lapp von einem Bärlapper, herumgesprochen habe. Da das bei Bärlapper nicht fruchtete, schrumpften die Reden allmählich auf die Wendung zusammen, er solle doch nicht so idiotisch sein und sich auszuzeln lassen wie eine Weißwurst. 

Dass ihm Arbeit schaden könne, wie diese "Maulaffen" behaupteten, kam ihm ganz und gar blödsinnig vor. Oder er hielt es für ein Geschwätz von Faulenzern, "die mit der Arbeit nichts am Hut haben. Denn von der Arbeit gehst du nicht kaputt, aber vom Nichtstun freilich", war  er überzeugt – und wenn es sein musste, dann redete er auch so den anderen gegenüber, dass sie wenigstens für kurze Zeit still waren. 

Dann und wann fragte jemand, was er denn mit seinem Lohn immer mache, wo er doch ein einschichtiger Mensch sei "und nicht einmal für einen ledigen Bangert die Alimente musst du zahlen, denn das würde man dann doch wissen, wenn du angebaut hättest!" 

"Das weißt du schon, wen das überhaupt gleich gar nichts angeht!", antwortete Bärlapper dann nur – und hatte dazu so eine Handbewegung, die die anderen doch etwas vorsichtiger werden ließ. Er war ja zufrieden damit, sein Geld in seinen kleinen Bauernhof zu stecken. Es war ihm immerhin im Laufe der Jahre gelungen, die kleine Wirtschaft mit Gebäuden und Maschinen so auszustatten, dass sie, als eine Miniatur vielleicht nur, aber immerhin als ein akkurates Abbild der großen Bauernhöfe angesehen werden konnte. "Und das bei keiner Mark Schulden!", rutschte ihm dann gelegentlich heraus, wenn ihm einer auf die Nerven ging. 

"Sakra, wenn du keine Schulden hast", konnte da kommen, "dann stehst du ja besser da als die meisten, wenn sie nicht eben ein paar Baugründe zum Ver­silbern haben."  

 

"Man ist, was man ist, lautet ja eine weithin bekannte und ob ihrer Eindeutigkeit nicht so leicht zu widerlegende Behauptung", meinte der Oberlehrer. "Auch heißt es: Es ist, wie es ist. Trotzig ist zu ergänzen: Und es hat ein Recht, so zu sein. Bei erziehlicher Anwendung dieser handlichen Weisheit wird angefügt: Was man ist, das muss man dann gleich richtig sein, so wie es sich gehört.

Denn wer das nicht sein will, was er ist, der wird nicht ganz richtig sein im Hirnstüberl. Jedenfalls gilt das alles für ein richtiges Mannsbild." Der Alte hatte, wenn er so was von sich gab, immer dieses Grinsen in seinen Falten, das die Leute so hassten und für etwas schier Teuflisches hielten.

 

Es war für Bärlapper zwar eher ungewöhnlich, aber er soll doch einmal – und das sogar irgendwie protzig – gesagt haben, dass jede Flasche Bier, die im weiten Umkreis getrunken würde, durch seine Hände gegangen sei. Dass es das ja sonst nirgends mehr gebe, soll er behauptet haben, dass man die Flaschen so zumache, wie er es noch könne, "nämlich mit Bügel, die runtergedrückt werden, weil es sonst nur noch Blechdeckel gibt, die sie draufhauen, ganz herzlos und dass man sie nimmer zumachen kann, wenn man sie einmal aufgemacht hatte, seine Flasche." Egal nun, ob das stimmte, dass das der Bärlapper von sich gegeben oder ob es jemand erfunden hatte: "Klar Mensch, nichts geht ohne den Bärlapper Hans!", hieß es doch. "Ein jedes Flaschel Bier im Gäu ist durch den Bärlapper Hans seine Hände gegangen. Alle hat er angelangt zuerst!" Wenn sie beisammen hockten, kam es sogar vor, dass einer Bärlapper zuprostete: "Durch deine Hän­de!" Irgendwann hat wer gesagt: "Das sage ich euch, dass das mit den Bügelverschlüssen auf dem Bau und für die Maurer ganz wichtig ist und dass sie wegen dem das Ritzlinger Schlossbräu saufen, weil man die Flaschen wieder zumachen kann und kein Dreck hineinfliegt und sich einer nicht gleich alles ganz reinziehen muss, obwohl man es vielleicht gern machen täte in seinem Durst, den jeder dauernd hat bei der Arbeit und sonst auch!" 

Für die paar Kämpfernaturen im Dorf, die sich die Rechte der Arbeiter und solche Sachen aufs Panier geschrieben hatten, war der Bärlapper wegen der vielen erfolglosen Versuche, ihn zu belehren, ohnehin ein ziemlich hoffnungsloser Fall. Die Darstellung von seinen Flaschen da im Umkreis und dass ohne ihn nichts ginge und dass das auch noch wiederholt wurde und möglicherweise von ihm selber stammte, war ihnen unerträglich. Sie hielten es fortan für ganz und gar sinnlos, Bärlapper Aufklärung angedeihen zu lassen. 

"Kein Tropfen Bier trinke ich mehr", erklärte Bärlapper tatsächlich einmal, "wenn es so weit kommt, dass man es hier bei uns daheim macht wie in München drin, nämlich genau so wie in einer Fabrik!" Er erzählte, dass er bei einer Besichtigung mit dem Burschenverein war: "In so einer Bierfabrik sind die Weißkittel vom Labor rumgerannt. Das ganze Getue da mit dem Plastikzeug und dem Ne­onlicht im Keller, der gar kein richtiger Keller mehr war mit seiner Helligkeit. Und überhaupt, die Flaschen vom Fabrikbier, die haben gar keine richtigen Verschlüsse mehr, bloß so von der Maschine draufgehauenes Blech. Gegraust hat es uns allesamt", versicherte er, "pfui Teufel! Nur den Limotrinkern, hat es nichts ausgemacht, denn die sind es gewöhnt, dass es so ist. Doch von denen gibt es ja eh keinen unter uns." Er fühle sich irgendwie "als der letzte menschliche Punkt – mein lieber Schwan, da schaust du! – bei der ganzen Sache hier, die mit den Händen gemacht wird. Weil hier bei uns in Ritzling alles noch seine Ordnung hat!"

Die anderen wunderten sich damals allerdings: "Ja, wie kommst du denn auf so was? Das ist ja doch geschwollen dahergeredet, von wegen hier letzter menschlicher Punkt und so was?"  

Aber Bärlapper hatte schon alles gesagt. 

 

"Ein richtiges Mannsbild redet nie was so daher", hatte Bärlapper vom Vater, selig, immer wieder mal gehört. "Sicher musst du dir sein, gewiss, inwendig. Und du musst das, was du über dich und überhaupt sagst oder besser erst gar nicht sagst, tun. Machen musst du es, verstehst du? Denn wenn man was nicht machen kann, was man sich ausgedacht hat und es dann auch noch sagt, dann ist es auch nichts wert. Verrückt ist es noch dazu. Denn bloß so daherreden kann ein jeder Trottel. Du brauchst dich dann gar nicht zu wundern, wenn man über dich lacht!" 

 

Hans Bärlappers Position zwischen mannshohen, in einigen Exemplaren sogar bis an die Decke reichenden Apparaten, im Gestampfe kreisender, ziehender, hebender Mechanismen – und nicht minder im Ansehen der anderen – schien unanfechtbar. Er war sich sicher, dass sein Handgriff einzigartig und durch nichts Lebloses – und im Grunde auch nicht so leicht durch andere Menschen – zu ersetzen sei. Hans Bärlapper war bereit, es noch eine ganze Weile auszustehen. Am Ende aber, wenn es heißen würde, Abschied zu nehmen von diesem seinem Platz, würde er einen anderen mit viel Geduld die Handgriffe beibringen und ihn anlernen. "Freilich", beteuerte er sich, "was einer inwendig braucht zum Gutsein bei der Arbeit, das muss einer ja selber bringen, das muss drin sein, das kann keiner ihm beibringen ..."

 

 

 

 

DER FORTGANG

1

Es war Herbst geworden, und nächste Woche sollte auf dem Schloss Jahrtag sein. 

"Freilich kommen sie heuer wieder zusammen", hieß es, "die Herrschaften. Von allen Ecken der Welt. Nämlich, solche sind das und keine geringeren." – "Und wie sie in der Zeitung sind, mit großen Bildern. Auch wenn sie nicht drinstehen. Aber solche könnten sie leicht sein, wenn sie möchten." –  "So ein bissel fast nackt die Weiber, mit oben fast nichts an. Aber gleich so gemein sind die unseren nicht, Gott sei Dank, schämen würde sich das ganze Dorf." 

"Sie treffen sich, um was auszuhecken", argwöhnten einige. "So ein Quatsch", redeten andere dagegen, "kommen tun sie einfach, um ihre Kohle einzustreichen, die ihnen zusteht." – "Apanage!", traute sich die Krämerin in die Diskussion einzubringen, weil sie immer die Illustrierten hat und viel Zeit, dass sie hineinschaut und so was lernt, wenn keine Leute im Laden sind.

Dass die Herrschaften ihre Jagd abhalten werden, waren sich alle sicher, denn es war immer so gewesen. "Da sind diesmal sogar etliche Herrschaften von der Regierung aus München dabei", wollte jemand wissen. "Und nicht bloß zum Jagen", war zu hören, "die machen doch überall umeinander ihren Dreh und lassen nichts aus, was was bringt." 

Es war Gespräch, wo immer man zusammenkam. In der Käsküche, wie die Milchsammelstelle auch ohne Käserei noch hieß, und beim Wirt die Mannsbilder. Beim Krämer und über den Zaun die Wei­berleut. 

"Aber es sind sogar solche Politischen", wurde behauptet, "die bereits im Fernsehen waren." Und das beruhigte. "Denn wenn einer im Fernsehen hergezeigt wird, dann wird er nicht so ein Lump sein und so schlecht, dass er lügt und sich ein Geld in die Tasche schwindelt. Sonst könnte er sich nicht hinstellen vor all die Leute." – "Jeder hat heute sein Fernsehen, und wegen dem müssten die Politischen und die ganzen Großkopferten eigentlich immer ehrlicher werden, weil das Fernsehen alles sieht und es herzeigt." 

Der Gutsinspektor hatte einsagen lassen, dass sich alle Mannsbilder beim Wirt treffen: "Montag auf die Nacht, und zwar gleich nach dem Stall um acht! Verstanden? Einteilung der Treiber! Klar? Eine Maß Bier gibt es frei. Und ruhig sein! Karteln könnt ihr danach noch und davor nicht, wegen dem Krach immer und dem Anstand, der sich gehört!"

Bärlapper hatte es immer ganz lustig gefunden, in einer Horde wandelnder Vogelscheuchen lärmend durchs Gelände zu ziehen, um das Wild aufzuschrecken und den Herrschaften vor die Flinte zu treiben. Es war auch ganz selbstverständlich, dass einer wie er da mitmachte, auch der Vater war immer dabei gewesen. Bärlapper hatte sich also beeilt, hatte es sogar nicht ganz so genau gemacht im Stall. "Einmal im Jahr wird es seine Richtigkeit haben und nicht schaden", war er sich sicher. Er wollte rechtzeitig beim Wirt sein und ziemlich vorne sitzen "wie in der Schule seinerzeit, dass einem nichts auskommt ..." 

Als er dann ins Gasthaus kam, saßen da bereits ein paar Männer beim Bier. Sie kannten sich natürlich. Bärlapper setzte sich dazu. Es war nicht nötig zu fragen, wie lange denn die anderen schon im Wirtshaus hockten, denn auf den Bierfilzen war eine ganze Latte von Strichen. "Die haben ja viel Zeit", dachte er sich. Da fragte ihn der Görer Naz, wann er denn endlich seine paar Kühe weggebe: "Wo es doch sogar noch vom Staat ein Geld gibt dafür, dass einer mit seinen Kühen aufhört. Und das Geld vom Viehhändler dazu. Da kommt doch was zusammen. Ein schönes Biergeld und was dazu." Die anderen lachten. Bärlapper zuckte nur die Achsel. 

"Den Blödsinn muss man sich vorstellen", setzte der Naz nach, "weil die nimmer wissen, wer den Haufen Milch schlucken soll. Da geben die uns Bau­ern ein Geld, dass wir nicht mehr so viel Milch daherbringen!" 

"Der Staat zahlt ein Geld, dass das Vieh abgeschlachtet wird!", erinnerte der Luki.

"Aber dumm wärst du ja gewesen, wenn du da nicht auch hingelangt hättest!", war der Naz überzeugt. "Für meine vier Schecken die Abschlachtprämie, das hat mich allerdings nicht reich gerade gemacht, und du, Luki, du hast da für deine sechse das Geld gekriegt!"

"Musst halt auch bei einem Unsinn mitmachen", bekannte der Luki, "besonders wenn der von den Schlauköpfen in der Regierung kommt und es dir was bringt!"

In der Runde setzte ein Kopfschütteln ein. "Ja, was es alles gibt! Musst du dich ja fragen, ob die Blödheit bei den Gescheiten immer noch zunimmt!" Sie murmelten vor sich hin. "Ja wie's nur sein darf ..." Dann nahmen sie wie auf Kommando ihre Gläser und einen tiefen Schluck. "Die Politiker haben nur Mist im Kopf und wie sie ein Geld machen für sich", wetterte der Naz, als er sein Glas abstellte. Er koppte seinen Worten laut nach. Die andern stimmten ein, und gleich war es ein richtiges Rülpskonzert.

"Und in Afrika drunten ... ", polterte der Naz. Zunächst kam allerdings nichts mehr, und sie wussten nicht, ob er vergessen hatte, was er sagen wollte, ob er schon so blau war. "In Afrika drunten", ging es bei ihm dann doch weiter, "da verhungert der Neger, weil er nichts zum Futtern hat!" 

Wieder dieses Kopfschütteln. Doch das dauerte nicht lange. "Das sind doch lauter Bazi, die Politischen!", hetzte der Socher. Das fanden die anderen ganz richtig. Jeder schimpfte jetzt für sich, und jedem fiel etwas ein über "die vollkommen idiotischen Politiker, die das Geld so rausschmeißen und selber den Hals nicht vollkriegen und so scheinheilig daherreden, dass sie alles bloß für die Leute machen ..." Sie hörten erst auf, als der Naz sich wieder den Bärlapper vornahm und wissen wollte, wann der sich endlich einen schönen Lenz machen will. "Wenn einer wie du, Bärlapper Hans, so werkelt", erklärte er vorwurfsvoll, "dann sind die andern, die nicht so auf den Putz hauen, für die Leute lauter faule Hunde!"

"Recht hast du, Naz!", stimmte der Socher zu. "Du machst unsern Ruf total kaputt, Bärlapper, mit deiner wahnsinnigen Schufterei!", schloss sich der Sacklbauer an.

Für wen er sich denn eigentlich so abrackere. Sie hier alle am Tisch gingen nur noch in die Arbeit auf den Bau oder in die Fabrik in der Stadt oder sonst wohin, "weil es eh egal ist, wo du arbeitest. Hauptsache ist, dass die Kohle stimmt und dass du deine Ruhe hast, wenn du dann heimkommst nach der Arbeit ..."

"Außer, dass die Frau immer jammert und keift", kicherte der Socher. "Aber da machst du dich halt aus dem Staub und hier her zum Wirt. Da triffst du dann lauter solche Heimatvertriebene wie uns, die es daheim nicht leidet."  Sie nickten sich grinsend zu und nahmen wieder einen kräftigen Schluck.

Bärlapper zuckte wieder nur die Achsel und verzog das Gesicht zu einem einigermaßen freundlichen Grinsen. Er bestellte ein helles Bier. 

"Und Weib hast du eh noch keins", meinte der Socher. "Jetzt bist du doch mindestens über die Dreißig und gut beieinander mit deinen mindestens Einsachtzig und vielleicht noch ein bissl dazu und alle Haare hast du auch noch auf dem Kopf und keine Platte und bist immer noch einschichtig!" 

Bärlapper hörte es sich geduldig an, was ihm ja nicht neu war.

"Nur, in die Stadt fährt er immer, der Bursche, mit seinem Moped", fiel dem Görer ein. "Wirst doch dort eine haben. Eine ganz eine Schöne, von der Stadt eine. Das sage ich dir, so eine geht dir nicht auf den Bauernhof. Auf so ein kleines Sachel, wie das deine ist, schon gleich gar nicht. Da kriegt heute nicht einmal ein Großbauer eine so ohne weiteres her. Die Madames heute, die mögen nimmer so arbeiten wie die Frauenzimmer früher. Die Mädl heute, die wollen lange Fingernägel haben. Und rot müssen sie sein, die Fingernägl, und die Lippen auch. Aber scharf schaut das dann ja aus mit den Fingern und alles umeinander."

Wie auf Befehl schauten sie ihre schrundigen Hände an. Sogar Bärlapper machte da mit.

"Nimm doch dem Schneidermann seine Maria", grinste der Zenz, der mit dem Bärlapper die Schulbank gedrückt hatte. "Die Maria ist zwar fast überständig. Auch keine Schönheit ist sie nicht, und keine Sexbombe ist sie erst recht nicht, so mit Holz vor der Hütte, wie die Marilyn Monroe eins gehabt hat. Aber die Schneidermann Maria hat auch so ein kleines Sachel, wie das deine eines ist. Die kann hinlangen mit ihren Pratzen, die sie hat, wo andere Frauen Hände haben. Dann bist du wenigstens ein doppelter Kleinhäusler, wenn du schon nicht aufhören kannst." 

Der Luki rechnete vor: "Ich hab nichts und du hast nichts, dann schmeißen wir's zusammen, unsere Nichts, dann haben wir ein Doppeltnichts."

Mit der Formel vom 'Nichts plus Nichts' hatte es die Männer wieder gepackt. Sie hielten sich an ihrem Glas fest und murmelten vor sich hin. Ohne eigentlich aufeinander einzugehen, trafen sie sich doch immer irgendwo. "Ja, ja ...", lautete meistens die Einleitung zu den Gedankenfetzen. Und bei "Jaja" begannen sie, bedächtig das Haupt zu wiegen: "Ja, ja, da kannst du nichts machen ..., so ist das Leben ..."

"Da kannst du eigentlich fast nicht widersprechen", dachte sich Bärlapper und nahm einen Schluck. 

"Ja, du liebes Mägdelein, lass mich in dein Kämmerlein hinein!" Das musste vom Socher gekommen sein und hob die Runde wieder etwas aus der Trübsal. "Dann leg ich mich in dein Bett hinein und wir werden ganz eng beieinander sein", war dem Naz sogar noch eingefallen. Sie hatten ihr bierseliges Feixen im Gesicht und malten sich wohl das Kammerfensterln mit allem was so dazu gehört richtig üppig aus.

"Ich habe immer gemeint", dachte sich Bärlapper, "dass das Bier zum Trinken ist. Oder was sonst? Oder halt ...  ja, ab und zu macht es eben eine bessere Laune oder holt einen wenigstens aus der Trübsal oder so was in der Richtung." 

"... ja, ja ...", tönte es wieder.

"So eine Lady aus der Stadt", gab sich der Naz Mühe, nach der Schrift zu sprechen. "So eine Miss. – Ha, was ist das? Wenn so eine Miss ein Kind kriegt?" Er glotzte seine Zuhörer der Reihe nach fragend an und machte eine schlaue Grimasse. "Da kommt ihr nie drauf! Wenn eine Miss nämlich eine Geburt hat, dann heißt man das nämlich eine Miss-Geburt." Es wollte aber kein Lachen aufkommen. "Wird schon so sein", brummte der Luki nur. 

Der Naz lachte ihn aus: "Klar, dass du da einen Grant hast, wo du doch der Bockmeier Philomena immer noch deine Vergnügungssteuer zahlen musst, bis dein Ableger seine Achtzehn ist!" 

Der Luki bot ihm etwas kreuzweise an.

"Aber wie die das Bier brauchen", überlegte Bärlapper, "ha ... Ja warum denn so? Wenn einer so oft einen Rausch hat, dass man es gar nicht mehr gleich richtig merkt, dass er besoffen ist ..."

"Ja, ja, heiratest eine Junge oder heiratest besser eine Alte?  Ha?", war der Naz wieder zu hören. "Ich sage dir was und gebe dir den Rat, Bärlapper: heirate besser eine Junge! Denn bis sich die Junge im Spiegl so oft gedreht hat, dass es ihr passt, da hat dir eine Alte bereits einen ganzen Laib Brot verdrückt!" 

"In ihrem Suff bringen sie diese alten Hüte daher", ärgerte sich Bärlapper. "Das sind einmal lauter anständige Leute gewesen", ging ihm durch den Kopf, während er einen Mundwinkel nach oben zog, dass so etwas wie ein halbes Grinsen entstand. "Beim Zenz haben alle sogar gemeint, der wird ein Pfarrer", erinnerte er sich, "weil der so leicht gelernt hat und brav gewesen ist und weil der Pfarrer gesagt hatte, der soll studieren. Und jetzt? Zum Wirt geht man doch eigentlich nur, wenn was ist, zum Feiern oder so, aber die da, die hängen ja jeden Tag beim Wirt herum und saufen." 

"Ja, ja, jetzt musst du es machen, dass es dir guttut. Denn wenn du kalt bist, da juckt es dich nirgendwo mehr", war dem Luki eingefallen. 

"Die sind arg runtergekommen, so unter die Gürtellinie und überhaupt", meinte Bärlapper.

Vor der Stube hörte man jetzt jemand laut mit sich selber reden. Der Wortschwall war immer wieder von Husten unterbrochen. Alle wussten längst, wer da seinen Auftritt vorbereitete. Gleich wurde die Tür aufgestoßen. Ein vertrocknetes Männlein stand im Türrahmen und warf musternd seine Blicke in den Raum. Der alte Oberlehrer war es. Sie hießen ihn etwas gezwungen willkommen. Er schien davon allerdings keine Kenntnis zu nehmen. Er stierte lüstern auf die Theke, wo bereits der Schnaps stand, den die Wirtin gleich zu Beginn seiner Aufführung vor der Tür eingeschenkt hatte. Der Görer zupfte Bärlapper am Ärmel: "Horch", er nahm noch schnell einen Schluck und begann zu erzählen, dass sie neulich den Schulmeister im Abort erwischt hätten. Dass es elf in der Nacht und der alte Tropf sturzbesoffen gewesen sei. Dass sie da den Alten belauscht hätten, wie er am Waschbecken stand und in seinem Suff sein Spiegelbild beschimpfte. Der Görer gab sich Mühe, den Alten nachzumachen: "'Mensch, was willst denn du da wieder, du alter Affe?', hatte der Lehrer zu seiner Visage im Spiegl gesagt! Also ich habe noch nie mit mir im Spiegel drin geredet", versicherte der Görer, "so blau bin ich noch nie gewesen! Dann der Alte weiter: 'Ich weiß gar nicht, du altes Vieh', sagte er zu sich selber da im Spiegel drin, 'ich weiß nicht, warum du mir dauernd auflauerst und dann auch noch so tierisch anglotzt. Und was du von mir eigentlich willst, du Bestie da im Spiegel drinnen, weiß ich auch nicht ...'  Nein, ich glaube der hatte gesagt: 'Ich habe noch gar nie herausfinden können, du alter Affe, was du von mir willst. Solltest du tatsächlich von mir etwas wollen, so wisse: Ich habe noch nie nichts je gehabt!'" 

Der Bericht war möglicherweise zu Ende, jedenfalls hörte der Görer auf, denn der Oberlehrer war nach seinem Umweg zur Theke bei ihnen angelangt. Nun stützte er sich mit beiden Händen auf die Tischplatte. Er beugte sich so weit vornüber, dass bereits ein paar Hände hochfuhren, um ihn aufzufangen und vor allem das eigene Bier zu retten. Es herrschte Ruhe. Sie warteten. 

"Schweiget weiter, ihr Stupidianten!", presste der Schulmeister in alter Gewohnheit, zwar mühsam, aber eindringlich zwischen den paar gelben Zähnen hervor. Dann trat eine Pause ein. Der Alte rang nach Luft und anscheinend auch um Gedanken. Die Männer schauten eine ganze Weile abwartend auf den Graukopf. Der aber stand stumm da und starrte ins Leere und sank dann stöhnend auf seinen Stuhl. Ein Glas Bier mit einem Klaren war ihm von der Wirtin gebracht worden, ohne dass er es hätte bestellen müssen. 

"Brav, Rosa, brav", murmelte er, "kriegst eine Eins."

"Hätte ich das früher gewusst, Lehrer, hätte ich meine schöne Kindheit nie mit deinen unnützen Hausaufgaben vertan, sondern dir immer eine Maß in die Schule mitgebracht", war die Antwort, im Weggehen dahergesagt. 

"Also Männer, prost, trinken wir das Bier, bevor es schal wird!", kam als Anweisung.

Alle folgten.

"Das Wasser bei uns hier, in diesem Ritzling hier, das kannst du ja eh nicht mehr als Grundnahrungsmittel bedenkenlos ...", holte der Oberlehrer aus, ließ jedoch den Gedanken unvollendet. "Und alle sollten sich überlegen sogar, ob sie riskieren sollten, sich damit auch nur zu waschen!", kam, als er sein Glas nach einem weiteren Schluck wieder absetzte. "Das Wasser kommt ja doch ganz rot aus der Leitung. Zum Schluss bist du selber rot und schaust aus wie eine Rothaut, wie so ein Indianer." Diese schlichte Konstruktion musste ihm wohlgetan haben, jedenfalls schien er es zufrieden zu sein.

Die anderen lachten grimmig. 

"Der Bürgermeister, dieser Trottel", raunzte der Oberlehrer, "baut sich ein neues Rathaus mit einem großen Gemeindesaal. Das tut er nämlichen dafür, dass ganz viele Leute mit seinen hohlen Reden, mit seinen Leerworten, abgefüllt werden können. Immer hoch hinaus mit dem Geld der Leute! Immer hoch hinaus!" Der Alte hatte bei seinem zweiten Hochhinaus die Arme in die Höhe geworfen. Das sah so aus, als wollte er abheben. Als er sozusagen wieder gelandet war und seine Kehle befeuchtet hatte, ging es weiter: "Doch unter der Erde ist alles verrottet, verrotet, verrötet, ha, ha, ha, verrotet!", spielte er mit Worten. 

Die Männer nickten nachdenklich. Der Mahner war jedoch noch nicht fertig: "Die Wasserleitungen vergammelt! Alles vergammelt! Diese Zersetzung überall! Diese naget an dieser Gemeinde, an diesem Staatswesen, an der ganzen Menschheit, und zwar eminent tückisch, nämlich von unten her und von innen heraus und da beißt die Maus keinen Faden ab, das ist das Aus und das ist das Grab!"  

Die Männer wussten nicht gleich so recht, was damit anzufangen wäre. "So ganz unrecht hat er nicht!", war zwar zu hören, jedoch auch: "Na, ganz soweit ... und das gleich mit allem .." 

"Der Mensch hingegen", verkündete der Oberlehrer mit gehobener Stimme, während er sich aufrichtete, "der Mensch brauchet das Wasser!" Dann stürzte er richtiggehend ab, nämlich fast auch körperlich, indem er zusammensackte, und haspelte herunter: "Ihr Hornochsen alle umeinander hier in dieser Gemeinde, dieser Insel der Blödigen! Denn wisset ihr denn nicht, dass alles Leben aus dem Wasser kommet?" Er hielt inne, beugte sich vornüber und starrte, schwer schnaufend, in die Runde. Als er wieder genügend Luft hatte, fuhr er ganz leise, fast im Flüsterton fort: "Von wegen hier biblisch! So von wegen Herrgott und die Sache da mit dem Lehm und das Herumgebatzle da von dem lieben Schöpfer da! Der wird sich die Hände dreckig gemacht haben! Und dann das Ergebnis, dieser Adam! Und schließlich Rippe raus! Und draus wird der Sinnlichkeit Schmaus für den Mann. Da schau mal an! Und dieser ganze Kinderkram da, der abergläubische!" Er musste seine Kehle befeuchten und nahm einen Schluck und wurde wieder laut: "Die Schöpfung ist kein verdammtes Sandkastenspiel, sondern sie ist sie selber!", empörte er sich. 

Die Männer schauten sich grinsend an. "Es wird schon wieder, Oberlehrer, ganz ruhig, reg dich nicht auf!", beruhigte ihn der Zenz und klopfte ihm auf die Schulter. Der Naz wiederholte: "Reg dich nicht auf", und dichtete: "Sondern nimm es in Kauf, die Welt nimmt so oder so ihren Lauf!"

Als der Alte sich tatsächlich wieder beruhigt hatte, klärte er sie auf, dass man ja selbst zum Lehmbatzeln das Wasser brauche. "Sonst geht nichts mit dem Batz. Das wissen schon die Kinder und jeder Idiot weiß es. Bloß die, die immer vorgeben, alles zu wissen und sich dafür ein Schweinegeld bezahlen lassen von uns, das sie dem sogenannten kleinen Mann aus der Tasche ziehen, die wollen es nicht wissen, dass das mit dem Wasser nicht so einfach ist – oder wahrhaben – und lauter solche Stupidianzien!", er machte eine wegwerfende Hand­bewegung.

Die Männer stimmten gleichsam in diese Geste ein und fuchtelten eine Weile ebenso herum. "Man kann ja gar nicht anders", erklärte er, "als hierher zum Wirt zu kommen und das Bier zu schlucken, das gute Bier, dieses, wo jeder doch sein gerüttelt Maß Flüssigkeit brauchet. Da das Menschenvieh doch einer Art zugehört, die aus dem Wasser stammt und dauernd am Vertrocknen ist! Es ist eben mit diesem Bier hier und heute zu decken und immerdar, und dieses gleich gescheit und nichts Halbes, sondern in und mit ganzen Maßen auch gleich!" 

Die Männer hatten verstanden und hoben die Gläser. Es wurde ausgetrunken und gleich wieder bestellt. "Wer weiß denn, wozu dieser Dalk von Bürgermeister ein Rathaus braucht", keifte der Alte weiter, "mit vielleicht sogar einem Schreibtisch drin? Wo der doch eh gerade seinen Namen schreiben kann! Das kann er auch auf dem Gemeindediener seinem Buckel erledigen, das bissl, was der schreiben kann. Überhaupt, früher hat ein richtiger Bürgermeister die Gemeinde vom eigenen Wohnzimmer aus regiert. Heute muss anscheinend jedes Kaff sein großkotziges Rathaus haben und eine Allzweckhalle noch dazu. Das sind tolle Aussichten! Gebirgsblick auf Berge von Schulden. Welche die Leute nicht besteigen dürfen zu ihrem Ergötzen, denn das ist Vorrecht der Banker. Abtragen müssen die Leute alles und die Kinder noch. Schon dieser Ausbund von Namen: Allzweckhalle. Ein Wahnsinn, in dem das Geld der Leute zum Fenster hinausgeworfen wird! Haberfeldtreiben müsste man ihm, dem Bürgermeister!"

Die Männer verzogen nur ein wenig das Gesicht. "Recht hast du mit den Schulden!", beeilte sich der Luki einzugrenzen. Damit kein Schweigen blieb, das ihnen irgendwer als eine Zustimmung zum ganzen Rügenkatalog gegen den Bürgermeister hätte ausgelegen können. Der Luki hatte es sogar irgendwie angesoffen gemacht und gelallt. Denn sie wussten über das Haberfeldtreiben zwar eigentlich nur, dass das im Oberland eine Tradition hatte. Eine allerdings sehr schlecht beleumdete und ehemals staatlich bei Strafandrohung untersagte. 

Eine Pause war eingetreten, weil der Alte nach dem frischen Glas gegriffen hatte. Ob er, wenn er sich die Kehle wieder befeuchtet hatte, vielleicht noch ein paar andere drannehmen würde? "Solche, die es auch brauchen könnten und denen eigentlich auch Haberfeld getrieben werden müsste. Was sie aber dem Oberlehrer hier überlassen wollten, weil es draußen ja keiner mehr wie früher macht ", dachten sie sich vermutlich. "Vielleicht ist dann auch einer darunter, den man selber nicht leiden kann. So einer, der schon lang einmal durchgelassen werden müsste, dass nichts mehr bleibt von seinem guten Ruf, den er sowieso gar nicht hat und der ihm auch gar nicht zusteht."

"Der Lehrer hat immer gesoffen", erinnerte sich dagegen Bärlapper in dieser kurzen Pause. "Wie hat das oft schnapselig gerochen, wenn der sich mal zu einem runtergebeugt hat in der Schule. Damals, als er noch der Alleinherrscher im Schulhaus und das Schulhaus noch im Dorf war. Jetzt fahren sie die Kinder mit dem Bus ins Nachbardorf. Sein Herrschaftsbereich war vorn um das Lehrerpult. Von dort aus hat es mit rauchiger Stimme in den Raum geschallt. Ein jeder hat es gewusst, wenn es wieder mal besonders nebelig war in dem seinem Kopf. Dann hat man den eigenen Kopf eingezogen. Das mit dem Suff ist bei diesen Leuten vielleicht was anderes als bei unsereinem", überlegte Bärlapper, als er die anderen so anschaute. "Unsereiner hat gleich gar nicht so viel Grips, vielleicht. Solche wie der Oberlehrer haben ja einen Verstand auf Vorrat, den sie versaufen können. Den Oberlehrer hat niemand anders gekannt als immer ein bissl besoffen. Man meinte immer, der tanzt, wenn der geht. Und wenn er mehr erwischt hatte, dann ist er saumäßig übel aufgelegt gewesen – und wenn er zu wenig hatte, dann eigentlich auch. Wenn der so drauf war, hat ihm keiner in die Quere kommen dürfen, Schüler schon gleich gar nicht. Der hat immer laut abgerechnet. Gegeben hat es immer was, dass er rumstänkert. Die Leute haben immer Schiss gehabt vor dem Dorfschreck, weil er alles gewusst hat von den Leuten. Woher, das war nie klar. Fast so viel hat der über die Leute gewusst wie der Pfarrer. Da war allerdings klar, dass der das aus dem Beichtstuhl hatte. Der alte Pfarrer, Gott habe ihn selig. Bloß, dass der Pfarrer nichts rauslassen hat dürfen, was er aus dem Beichtstuhl gewusst hat, sonst wäre keiner mehr hingegangen. Aber der Lehrer hat dürfen. Man hat sich immer gegenseitig verdächtigt, dass es ihm zugetragen worden ist."

Jetzt saß dieser Giftzwerg hier am Tisch – und fuhr plötzlich auf: "Herrgott, Burschen, das wäre doch was für euch!"  Sie waren richtig erschrocken. "Was ist denn das jetzt wieder?", nörgelten sie. "Schaut her!", nahm der Alte seinen Faden wieder auf, "nicht dass ihr eine schwanger gewordene Jungfrau durchs Haferfeld treiben müsstet, wie angeblich die keuschen Burschen so um Miesbach herum, früher ..."

"Ja, was redest denn du da für einen Blödsinn, Lehrer?", empörte sich der Luki, und die anderen schüttelten den Kopf.

"Ihr hockt hier doch rum und habt im Dorf gar keine richtige Einbringung mehr für eure ganze Kraft", sagte er und schaute rundum in die fragenden Blicke – setzte aber gleich drauf: ... die ihr sogar im Kopf drinnen habt, die Kraft!"

"Ja, da schau her!", tönte es. "Das wird doch nicht gar ein Lob sein – vielleicht auch eine fiese Hinterkünftigkeit nur ..."

 "Der Bärlapper Hansl hat wenigstens seine jungen Leute mit der Plattlergruppe", machte der Lehrer weiter. "Und jetzt sage ich euch was ganz ohne Umschweife: Macht doch hier im Dorf die Haberer!"

"Ha?", kam von den anderen nur und ganz langgezogen: "Waaas?"

"Vermummung, ganz urtümlich und gruselig, Masken vor dem Gesicht zur Tarnung, Bewaffnung, allerlei Lärmzeug ...", zählte der mögliche Anstifter schnell in das Staunen der anderen hinein auf. Bevor noch einer einen Mucks von sich geben konnte, wurde die Aufzählung fortgesetzt, dass er den Haberermeister machen und die Lumpereien im Nest zusammen- und in Reimform vortragen würde. Dass sie nur die Drohkulisse abgeben müssten mit viel Lärm und das alles gar nicht so zur Erzeugung von dem immer fragwürdigen Geschwisterpaar Ordnung und Anstand. Sondern vor allem wegen der Gaudi und auch dass die Moralisten ihre Scheinheiligkeit vors scheele Auge und eselslange Ohr gehalten bekämen ...

Diese herbe Brauchtumsstiftung hatte die ohnehin bereits im Bier schwimmenden Gedanken der Zuhörer ordentlich durcheinandergebracht. Zum Glück rührte sich draußen endlich etwas, so dass keine Anmerkung dazu fällig wurde. Gleich traten ein paar Männer ein, von weiteren gefolgt. Die Köpfe fuhren herum, ein Grüßen, Sich-zunicken. Der Alte schien noch in Gedanken bei seiner Anregung zu sein. Die Tischgenossen waren es zufrieden, dass er Ruhe gab. Sie hatten zu schauen, wer da alles kam. Bewegung, ein Durcheinander von Stimmen, Stühle rücken, Zurufe, Gläserklirren ... Bald war jeder Tisch besetzt und bedient, da die Wirtin von jedem der Männer wusste, was einzuschenken war. Schließlich erschien auch der Gutsverwalter. Es wurde ruhig im Raum, als ihm die Wirtin das Bier auf den Tisch stellte.

Der Schulmeister hatte seinen Platz zu Bärlapper gewechselt und nuschelte jetzt ganz vernehmlich vor sich hin, wen er alles ganz haberisch durchlassen wollte, mit dem Bürgermeister als Mittelpunkt seiner Abneigung. "Ich werde aber einen Teufel tun und alles verraten. Es langt, wenn sie wissen, dass der Bürgermeister ein Beutel ist. Dass der aber ein unerhört schlauer Einfaltspinsel ist, müssen sie am eigenen Leibe erfahren. Das ist am wirkungsvollsten, wenn man ein Lehrgeld zahlen muss."

Alle Anwesenden warteten darauf, dass der Inspektor das Wort an sie richten würde.

"Dass der Lehrer was gegen den Bürgermeister hat, ist bekannt", wusste Bärlapper, "aber was geht es mich an?" Er rutschte etwas weg. Der Alte rückte ihm jedoch nach und setzte unverdrossen sein sonderbares Selbstgespräch fort: "Ein ganz verdammtes Schlitzohr ist der. So hat er sich über Jahrzehnte durchgemogelt. Dass sich jeder in Acht nimmt vor seiner großen Liebe zur Wahrheit! Mein lieber Freund, jede Art von Wahrheit liebt dieser Schurke: die Halbwahrheit, die Unwahrheit, die verdrehte Wahr­heit!"

"Ein ganz lästiger Schwätzer!" Bärlapper versuchte wegzuhören und mitzubekommen, was vorne lief. Denn die Sitzung war endlich eröffnet. Alle Männer durften erfahren, dass es heuer mehrere Jagd­partien geben werde. Jedem wurde dargetan, welcher Gruppe er zugeteilt war. Der Rest der Information war im Wesentlichen so etwas wie eine Manöverkritik der letztjährigen Treibjagd. Der Ober­lehrer war wieder nähergekommen und saß ganz dicht, nun etwas seitlich hinter Bärlapper und redete so nur zum Schein vor sich hin – und Bärlapper fast ins Ohr: "Die ganze Horde, die hier versammelt ist, haben wir alle, ja wir, du lieber Gott, zu anständigen, folgsamen ..."  Dann stockte seine Rede doch einmal. In seinem Suff war ihm anscheinend der Faden gerissen. Der Alte nahm einen Schluck und schaute dann traurig auf den Schaumrand, der den geschwundenen Inhalt markierte. Darauf versuchte er es wieder: "Die haben wir ... Wir von der schlauen Schule und der heiligen Kirche und dem großmächtigen Staat und all solche Erzmonster. Wir grobhändigen Seelenkneter und verkrüppelten Vorbildsfiguren und ganz verfluchten Söldner der ..." Der Mensch hatte sich in eine Verzweiflung und damit in zunehmende Lautstärke hineingesteigert. "All jene!", schrie er jetzt, dass alle herumfuhren und ihn unwillig anstarrten, "all jene, die uns je bezahlt haben", dröhnte es in den Saal, "all jene konnten sich unserer überaus treuen Dienste gewiss sein! Wir mit unserer Afterdienerei: Ob es nun die aberwitzigen Nazis waren ..."

"Nein!", tönte es wie aus einem Mund "Nein! Nicht schon wieder das mit dem Nazischmarrn!" Alle schauten ihn zornig an. "Man kann es nicht mehr hören!", schrie der Ginglmeier Sepp. Die Leute stimmten ihm zu und maulten und gifteten den Störenfried mit bösen Blicken an. 

Der Oberlehrer erwiderte die Blicke überaus zufrieden und sogar ein wenig freundlich. "Wo ist denn überhaupt der andere Seelenmasseur, ha?", fragte er ganz aufgeräumt in die Runde. "Wo ist der Schwarzkittel? Seit sie uns einen Inder ins Pfarrhaus gesetzt haben, siehst du keinen Pfarrer mehr im Wirtshaus! Da wäre mir allemal ein Pole lieber", lachte er trocken, "denn dieses Volk gilt als ein sehr trinkfreudiges!" 

Die anderen wandten sich verärgert von ihm ab und wieder ihrer Unterhaltung zu. 

Dann rumpelte der Lehrer plötzlich auf. Bärlapper rückte schnell zur Seite. Der Stuhl war laut polternd umgefallen. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. "Was ist denn jetzt wieder?", stand in den Mienen. Es war ruhig im Raum. Der Alte hielt sich noch an der Tischkante fest, weil er nicht sofort mit dem Gleichgewicht zurechtkam. Alle warteten kopf­schüttelnd. 

"Ihr ..., ihr ..."  Es wollte nicht heraus. Der eine oder andere nickte ihm sogar zu, so als wollte er sagen: "So mach doch und bring es hinter dich und lasse uns dann gefälligst in Ruhe!"

"Ihr ...", kam es wieder. Dann winkte der Alte mürrisch ab und setzte sich. Bärlapper hatte ihm den Stuhl hingeschoben und dabei verlegen im Raum herumgegrinst – und mitleidige Blicke geerntet. Die Männer drehten sich verärgert weg und schimpften dann doch noch ein wenig über diese Störung, bevor sie sich weiter unterhielten. 

Der Schulmeister schien sich gefasst zu haben und nahm sich wieder Bärlapper vor: "Gell, bist ein fleißiger, ein redlicher, ein bescheidener Mensch. Und die brauchen dich, die anderen. Wo du auch immer auftauchst, da brauchen sie dich, da sie dich auch gebrauchen können. Sieh nur zu, Bursche, dass sie dich nicht verbrauchen! Denn wenn einer zu gebrauchen ist, erliegen die andern leicht der Versuchung, ihn auch zu verbrauchen! Das ist in dieser elenden Egoistengesellschaft so. Das ist der moderne Kannibalismus, dass sie dich auffressen. Diese Kannibalen beginnen mit ihrer Auffresserei mit deiner Seele."

Bärlapper fand das lästig, auch begriff er erst gar nicht so recht, von welchen Anderen da die Rede war. Er wendete sich ab, um doch noch ein wenig von den anderen Gesprächen aufzuschnappen. Die Worte von vorhin gingen ihm aber nicht aus dem Kopf. Es dauerte allerdings eine Weile, bis Bärlapper aufging, dass es ihn betraf, was der Schulmeister da gebracht hatte. Das mit fleißig und so.

Dass ihm also der Lehrer, von dem er ja einiges – reichlich garniert mit Kopfnüssen, Stockschlägen und harschen Worten – beigebracht bekommen hatte, jetzt noch eine späte charakterliche Würdigung zuteilwerden hat lassen. "Dieser komische Ausdruck da", erinnerte er, "charakterliche Würdigung, der auf dem Schulzeugnis oben, gleich unter dem Namen stand und hinter den der Lehrer geschrieben hatte: 'Hans ist ein guter, ruhiger Bub.' Vielleicht war es auch hinterhältig: 'Hans bemüht sich im Allgemeinen mit Erfolg, Zusammenhänge zu erkennen und ...' Man merkt sich ja so was nicht so genau."

"Ein Bier!", donnerte der Alte in Richtung Theke und ergänzte seine Rede von vorhin, nachdem er Bärlapper energisch am Ärmel gezupft und ihn dazu gebracht hatte, sich wieder herzuwenden: "Ich begreife nur deine behämmerte Hingabe nicht, diese Sucht, sich zu verausgaben. Du siehst darin wohl die wahre Erfüllung oder so einen Kitsch." 

"Hingabe", meinte Bärlapper nur kurz und schaute den Alten etwas ratlos an. "Wer redet denn so geschwollen daher?", fragte er sich und ergänzte: "Außer einem besoffenen Studierten vielleicht?"

Der Lehrer widmete sich seinem frischen Bier, schlürfte genüsslich und hörbar die Schaumkrone ab. "Wie sie das nur immer so hinbekommt", lobte er, "unsere Rosa. Da sieht man es wieder, auch die einfache Tätigkeit will gekonnt sein. Das muss jedenfalls er- und vor allem anerkannt werden."

Der Gutsverwalter hatte seinen Wurstsalat gegessen und machte sich nun mit der Gabel am Glas wieder bemerkbar, so dass es im Saal ruhig wurde. Bärlapper folgte den Anweisungen zur Treibjagd: "Man hat sich vorzusehen! Man muss sich geräuschvoll bemerkbar machen, weil das für den Treiberfolg und letztendlich auch für die eigene Gesundheit von Vorteil ist. Und man muss immer in Bewegung bleiben und sehen, wo die Damen und Herren mit der Flinte anstehen und hinzielen. Und die Mütze abnehmen beim Grüßen, das gehört sich einfach so, so aus Tradition und vor allem in einer Zeit, in der die Leute kein Benehmen mehr haben und immer ungehobelter werden. Die Herrschaften sollen doch sehen, dass man hier auf dem Lande noch einen Anstand hat und nicht etwa so gemein ist wie ein Urwaldneger in Afrika drunten oder so ein Bazi aus der Vorstadt. Und überhaupt, dass man nicht für was anderes gehalten wird als eben für einen Menschen, der man ja nun einmal auch wirklich ist, und eine Ladung Schrot draufgebrannt kriegt. Dann das ganze lästige Geschiss mit der Polizei womöglich auch noch. Wenn da so ein blöder Kerl, der nicht aufpassen kann, abgeknallt wird. Was dann den Herrschaften das ganze Vergnügen versaut!" Er nahm einen Schluck, erhob den Zeigefinger und schloss seine Rede: "Das verdirbt doch das ganze Jagdvergnügen letztendlich und gehörig, wenn da nämlich außer der Wildsau auch einer von den Treibern auf der Strecke bleibt!"

Die Männer lachten aus vollem Hals. Gleich wurden wieder die Geschichten vom Großvater erzählt, in denen immer einer vorkam, der etwas von einer Ladung Schrot abgekriegt habe. Wie dann der Dorf­bader aus den Löchern im Balg mit der Pinzette das Blei rausgepfriemelt habe. Und sie fabulierten, wie die Mannsbilder alle dabei waren und mit literweise Schnaps alle gegenwärtigen und zukünftigen Keime getötet hätten, wie sie am Ende restlos alle, samt Bader und Verwundetem, stockbesoffen gewesen seien. "Das waren aber noch Zeiten!", schwärm­te dann schon mal einer.

"Gell, du meinst, du bist ein Mannsbild mit einem Ansehen", raunte es wieder dicht neben Bärlappers Ohr. "Und du bist der Mann im letzten Glied an deiner Arbeitsstelle. Eine Kette ist so gut wie ihr letztes Glied, heißt es – oder auch ihr schwächstes." Der Oberlehrer nahm wieder einen gehörigen Schluck. "Du bist ja so etwas wie eine lebendige Garantie für die Echtheit dieses Gebräus da. Das muss man der Bande da oben in ihren Schlössern ja lassen, für die sich auch heute noch immer alle zum Narren machen, sie haben für Qualität ein angeborenes Gespür. Die wissen, wen sie wo hinstellen müssen, damit alles klappt und sie sich weiter pflegen können. Das ist es überhaupt: Man muss, je weiter man nach oben kommt, im Grunde immer weniger wissen, jedenfalls im Verhältnis zur zunehmenden Menge der Dinge, die einem anvertraut sind. Nur eines wäre tödlich in dieser Höhenluft: Nämlich, wenn man nicht das sichere Gespür dafür hätte, wem man was anvertrauen muss!" 

Damit schien er sich verausgabt zu haben, denn er hatte seine Rede schwer schnaufend eingestellt. Bärlapper stellte mit einem Blick zur Seite fest, dass der Alte jetzt in sich zusammengesunken dasaß und nur noch auf sein Glas stierte. Er wandte sich erleichtert ab und wollte den anderen zuhören. Er hatte sich aber getäuscht, denn es ging hinter ihm gleich wieder los, und zwar gehörig: "Des Brot ich sing', des Lied ich ess'!", brüllte der Alte in den Raum, dass alle erschraken. Er war aufgesprungen und hatte dabei wieder seinen Stuhl umgeschmissen, dass es krachte. Wieder waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Als er sich der Aufmerksamkeit sicher war, wiederholte er seine Behauptung: "Des Brot ich sing', des Lied ich ess'!" 

Es dauerte einen Augenblick, bis die Leute reagierten, so überrascht waren sie: "Ja, was ist denn das?" – "Reicht es nicht, dass der dauernd dazwischen schreit?" – "Muss der jetzt auch noch so einen Irrsinn verzapfen?" – "Das Lied fressen und das Brot singen!" – "Ja wie's nur sein darf!" – "So einer will Lehrer sein!" – "Und überhaupt! Das heißt ja überhaupt andersrum!" – "Das ist ja Bockmist!" –  "Der den zum Lehrer gemacht hat, der gehörte ja heute noch abgestochen!"

Bärlapper war es peinlich, neben so einem zu sitzen, den alle anfeindeten. Als er dann auf den Lehrer schielte, sah er, dass sich der wieder gesetzt hatte und vor sich hin murmelte: "Die wollen nicht wahrhaben, dass so vieles, was der Mensch von sich gibt nichts sagen, sondern eben nur tönen muss." Alle konnten sehen, dass er ganz fett in sein Glas grinste.

 "Dem scheint es ja auch noch Freude zu machen!", empörte sich Bärlapper. "Ja, so ein Sauhund!" 

"Siehst du, lauter solche haben wir gemacht in unseren Schulstuben", teilte sich der Alte Bärlapper mit. "Lauter Leute, die außer Stande sind, auch einmal etwas umzudrehen und nachzusehen, ob da nicht auch etwas ist. Nämlich hinten, auf der anderen, nämlich der Rückseite." Dann schwang er sich noch mal auf: "Ihr kennt ja nur das Vorne, ihr Armleuchter, ihr armseligen!", schmetterte er in den Saal. Aber die Leute begriffen nicht ganz, was er damit meinte. Nur einer schrie zurück: "Was hat der uns genannt, ha?" Der Zogler Martin war es – und zum Beweis seiner Entschlossenheit, keine Beleidigung zu dulden, war er aufgesprungen und hatte die Fäuste geballt. Sein Platz war allerdings etwas entfernt vom Lehrer, und alle wussten, dass dieser Akt eher nur symbolische Bedeutung hatte. Seine Nachbarn beruhigten ihn: "Rege dich nicht auf, Zogler! Recht hast du ja, aber der da ist doch total voll und ein frecher Kerl ist er dazu, das weiß man doch. Und irgendwann werden wir ihn eh los!"

Die ganze Sache war sowieso zu Ende gekommen, man trank sein Bier aus und zahlte, was über die Maß Freibier war. Zwar blieben noch einige sitzen. Bärlapper erzählte aber etwas von einer Kuh, bei der das Kalb jeden Augenblick kommen könnte. Er beeilte sich wegzukommen.

 

"Keinen Schluck Wasser kannst du mehr trinken", hörte Hans von der Mutter, kaum dass er in der Kü­che war. "Das Wasser kommt ganz rot aus der Leitung, und so was hat es ja noch nie gegeben. Das ist ja bald schlimmer als damals, wo man einen Brunnen auf dem Hof und sein eigenes Wasser gehabt hat", jammerte sie. "Obwohl der Brunnen nur ein paar Meter von der Mistgrube weg gewesen ist." 

"Gell, da hat das Wasser nur ein bissl gestunken", lachte Hans, "aber rot war es nie, denn eine solche Sauerei hat es bei uns nicht gegeben." 

"Mach dich nur lustig", grantelte die Mutter.

Er ging zum Herrgottswinkel. Dort war unter dem Kruzifix mit dem geweihten Kräuterbündel der Platz des Fernsehers. Er schaltete ein, drehte den Ton weg und setzte sich dann zur Mutter an den Tisch. Das Fernsehprogramm überließ er sich selber. Er berichtete, dass auch der Lehrer das mit dem Wasser gebracht hatte. 

"Was, der?", wunderte sich die Mutter. "Der wird nicht viel Wasser brauchen . Die Menge Wasser, die der braucht, kriegt der auch vom Tau, wenn er ein Haferl über Nacht ins Gras stellt." 

"Da hast du dir aber was ausgedacht", lachte Hans und erzählte weiter: "Der Lehrer hat dem Bürgermeister die Schuld an dem roten Wasser gegeben und ihn einen Beutel geheißen, weil er das Geld für das neue Rathaus zum Fenster hinauswirft, trotzdem man doch eine neue Wasserleitung viel notwendiger hätte. Aber schlau ist er, der Bürgermeister, hat der Lehrer behauptet, und dass man ihm haberfeldtreiben müsste."

Vom Fernseher flimmerte es ohne Ton herüber. Ab und zu, wenn es ganz grell war, schauten sie hin.

"Mein Gott, verstehst du nicht?", begann die Mutter wieder, "das Rathaus ist eben wie ein Denkmal, das alle sehen. Die Leute sehen es immer noch, wenn der Bürgermeister nimmer ist. Dagegen wird eine neue Leitung in der Erde vergraben, wo sie ja keiner sieht." 

"Und der Gemeinderat hat nicht dagegengeredet. Der macht den Mund eh nur auf, um was reinzuschütten", schimpfte Hans.

"Das war früher anders", erinnerte sich die Mutter, "da hat der Pfarrer was gesagt, und da hat das der Bürgermeister gemacht, und das hat dann auch seine Richtigkeit gehabt und den Segen gleich dazu."

"Einen Idioten hat der Lehrer den Bürgermeister genannt!", sagte Hans nachdenklich. "Der ist dumm, aber lügen kann der prima. Da kommt so schnell keiner mit, da steckt der alle in die Tasche. Bloß wie ist denn das? Wenn einer schlau ist, dann ist der doch nicht blöd, oder?"

"Ja", sagte die Mutter nur, "das wird schon so richtig sein, wie's ist. Dem sein Verstand hat ihm immer gereicht und er ist sogar der Bürgermeister."

"Wenn der Lehrer einen für blöd hält", sinnierte Hans, "dann ist das vielleicht eine andere Blödheit als bei den Leuten, wenn die einen so bezeichnen!"

Hans ging zum Apparat und suchte ein Programm mit einem amerikanischen Film. Die schönen Leute in diesen Streifen gefielen ihm immer so gut. Nur, wie sie daherredeten, das mochte er gar nicht. "Auf den Ton kann man eh verzichten", meinte er, "bei dem bissl Handlung kann ich mir selber ausdenken, was die reden. Wenn ich mir selber was zusammendichte, dann hab ich meinen eigenen Quatsch." So blieb der Ton weiter fast unvernehmbar. "Wie die immer daherredn", nörgelte er. Hans dreh­te den Ton noch weiter zurück. 

"Na ja, der alte Oberlehrer ist so eine Marke", fing die Mutter wieder an, "aber er ist eben ein Studierter." 

Nach einer Weile sagte sie: "Das weißt du ja noch, was im Dorf erzählt wurde. Dass der Oberlehrer vor dem Bürgermeister seiner Wahl die alten Schülerhefte, wo sie die Aufsätze geschrieben haben seinerzeit, ausgemistet hatte. Und auf den Müll geworfen hat, wo man immer alles hingeschmissen hat damals in die Grube hinein. Jahrzehnte war das Zeug auf dem Schulspeicher gelegen und es hat keinen gestört. Aber gerade vor dieser Wahl hat das angeblich runter müssen. Obenauf in der Müllgrube. Gell, das weißt du noch! Da hat es irgendwer gefunden, scheinbar ganz zufällig. Vielleicht beim Müllabladen und beim Rumschnüffeln. Weil man gern ein bissl rumgestochert in dem, was die anderen wegschmeißn und in den andern ihrem Dreck."

"Wie's genau gewesen ist, das weiß ja niemand", erwiderte Hans, "und man hat es nie erfahren. Aber da sind etliche Leute vom Dorf auch gerannt voll Schiss. Die sich wegen ihren alten Schulsachen ha­ben genieren müssen." 

"Irgendwie ist es ins Dorf gekommen", erinnerte sich die Mutter. "Ausgerechnet das alte Aufsatzheft vom Bürgermeister war dabei. Du lieber Himmel, haben die Leut gesagt, ja so was, kommt denn der Kerl mit seiner Schreibe aus einem Hintersonstwoher? Vielleicht ist der so schlau geworden zum Ausgleich für seine Einfalt? Denn der Herrgott, der richtet es einem, und wenn einer Bürgermeister wird, dann gleich erst besonders." 

"Die Leute haben ihn darauf zum Trotz gewählt", vermutete Hans und ging dann wie immer um diese Zeit noch einmal in den Stall, um nachzusehen. Als er wieder in der Küche war, fragte die Mutter, ob es denn am Jahrtag etwas Besonderes geben wird. Hans sagte nur, während er bereits wieder am Fernseher herummachte, dass sich anscheinend viele hohe Herrschaften angesagt haben. "Könnte leicht sein, dass die da oben heuer irgendwas Besonders vorhaben."

Der Fernsehapparat blieb mit der Seifenoper tonlos in Aktion. Hans holte sich die Kirchenzeitung von der Anrichte und blätterte eine Weile darin.

Die Mutter stopfte Strümpfe.  

"Am Jahrtag immer die vielen Herrschaften", begann die alte Bäuerin zu erzählen. "Ganz früher sind sie in den Kutschen gekommen! Schöne Rosse! Das hat die Mutter erzählt. Dann nach der Inflation – ein kleines Dirndl war ich noch –, wo das Geld kaputt geworden ist, die großen Autos. Allen Leuten ist das Geld verreckt, aber die feinen Leute haben ihre Autos gehabt. Niemand weiß es. Wo sie das Geld hergehabt haben, heut noch. Gerade wie so ein schwarzer Omnibus, mit den Männern vorn mit einer Uniform. Die Leute aus dem Dorf haben sich immer Mühe geben, dass sie alles mitgekriegt haben. Sie sind auf die Straße hinaus, wenn die großen Autos durchs Dorf gekommen sind: Damit sie die Herrschaften haben grüßen können, weil sich das immer schon so gehört hat und die einem die Arbeit gegeben haben im Schloss und der Brauerei und dem Gut. Eigentlich ist es wie heute, aber heute doch nimmer ganz so wie früher, wegen dem Fernsehen, wo einen Haufen solche Herrschaften hergezeigt werden. Bis ins Schlafzimmer rein zeigt man sich ja heute her und mit ganz wenig was an sogar, heutzutage, mein Gott. Dreckferkl hätte man sie früher genannt und gleich weggeschaut wegen der Sündhaftigkeit!"

"Ja, vielleicht seid ihr besser gewesen in der Moral, früher", brummelte der Sohn vor sich hin. Er war jetzt in seine Zeitung vertieft, in der er einen Artikel gefunden hatte, den er lesen wollte.

"Es wurde viel geredet, wenn alles vorbei und der hohe Besuch weg war", erinnerte sich die Mutter weiter. "Am Ende des Jahres hat man viel gewusst von dem, was man sich so zusammengehört hatte."

"Eine Sauerei ist das!", schimpfte Hans jetzt vor sich hin. "Ich glaube gleich, dass man früher besser war in der Moral." Er hatte in der Kirchenzeitung das Wort von Bischof Josef zur Abtreibung gelesen. Da Hans die Erzählung der Mutter ohnehin aus dem jährlich wiederkehrenden Vortrag bekannt war, hatte er sich vorhin den packenden Zeilen und jetzt seinem Zorn ganz hingeben können. Durch den Vergleich der Abtreibung mit dem biblischen Kindermord zu Bethlehem war es Bischof Josef nämlich gelungen, Hans in so etwas wie einen heiligen Zorn zu versetzen. "Eine riesen Sauerei ist das!", betonte Hans noch mal und jetzt noch energischer. "Wenn sich so eine erst ein Kind hat machen lassen und das dann gleich wegmachen lässt, als wie wenn es ein Abfall wäre."

Die Mutter war zwar erschrocken, wusste aber gleich, was ihren Hans so aufregte, weil sie das Kirchenblatt immer gründlich las. Sie war es zufrieden, dass der Sohn so dachte, wie es der Hochwürdige Herr Bischof als Seelenhirte erwartete. So spann die Mutter weiter an ihrem Faden: Einmal sei­en die noblen jungen Herren vom Schloss droben auf der Jagd gewesen. Sie waren wohl seit dem Abend zuvor unterwegs gewesen. Am Mittag jedenfalls seien die jungen Herren dann zu Bärlappers Feld gekommen. Sie habe gerade mit dem Vater, selig, Getreide geerntet. Er habe mit der Sense gemäht, sie die Garben gebunden, "wie es damals so war und mühselig dazu, und da ist der Schweiß geronnen". Der Vater sei einer gewesen, bei dem es nichts zu warten gegeben hat – "immer fleißig, nie eine Ruhe, immer in Bewegung, das Leben lang. Sie seien dann bei der  Brotzeit gesessen. Schlechte Zeiten waren es eh damals, sie hätten immer gerade das Essen gehabt." Doch die jungen Herren hätten ja so übernächtigt und hungrig, richtig hohlwangig ausgesehen. Da habe man ihnen selbstverständlich das Zugreifen angetragen. "Und die haben eingehauen, alles weggeputzt, im Nu, im Handumdrehen. 'Köstlich!', hätten sie gesagt, aber immer erst runtergegessen, bevor sie weiter was gesagt hätten! 'Das karge, doch kräftige, würzige Mahl des einfachen Mannes, das diesen so munter und gesund und lange am Leben erhält!', hätten die feinen jungen Herren richtig geschwärmt", wollte sich die Mutter, indem sie sonderbar nach der Schrift redete, erinnern können. Sie und der Mann seien zwar hungrig geblieben, doch mächtig stolz gewesen. Sie hätten sich dann immer wieder versichert, dass sie doch zufrieden sein müssten. Dass sie es denn doch gar nicht so schlecht haben könnten. Weil das, was eben immer so da war, sogar diesen doch sicher an so etwas Bescheidenes nicht gerade gewöhnten jungen Leuten gemundet habe.

"Ja, ja, Mutter", gähnte Hans. "Die sind ja älter als ich." Er gähnte noch mal und schaute auf den Fernseher, wo sich die Frau, "die ausschaut wie eine Schaufensterpuppe, und der geschniegelte Stenz" immer noch heftig attackierten. "Dass sie gar keine Ruhe geben können", empörte er sich, "die streiten sicher, weil sie einen Haufen Geld und nichts zu tun haben. Arbeiten müssten sie, dann täten sie die Schnauze halten, weil sie sich selber wieder spürten und ihre Knochen und nicht nur ihren wirren Kopf."

Die Mutter hatte das Nähkästchen auf die Anrichte gestellt. "Einer von den jungen Herren, der nicht so alt ist wie du", berichtete sie dabei, "und der jetzt der jetzige Herr ist, gell. Der, stell dir nur vor ..." Aber auch das, was jetzt kommen würde, kannte der Sohn längst, nickte jedoch brav. "... so stell dir vor, der ist doch, als er ungefähr drei Jahre war, einmal weggestöpselt von da droben, und zwar mit einer vollen Hose. Und was denkst du? Ich habe ihm eine frische von dir angezogen! Die seine habe ich schnell gewaschen und bin mit dem Kleinen und seiner jetzt sauberen, aber noch nassen Hose zum Schloss hinauf", war sie stolz. "Deine Hose habe ich heute noch nicht zurück", fügte sie trocken an.

"Die ist vielleicht wieder auf so einem hochherrschaftlichen Arsch", giftete er und machte sich ins Bett davon.

2

 

Alle hatten dann den Jahrtag unbeschädigt überstanden. Die Räusche vom Freibier waren längst verflogen. Aber die Geschichten um das Ereignis hielten sich noch eine ganze Weile: Von einer Frau Elvira, die einen dicken Bauch hatte und in guter Hoffnung war, ging immer wieder die Rede. Die soll besser geschossen haben als so mancher aus der Schar der männlichen "Semmelgesichter". Aber Bedenken hatten die Leute doch, "nämlich, dass so etwas dem Kind geschadet haben kann. In dem Zustand!" – "Tut eine das, wenn sie in der guten Hoffnung ist?" –  "Das wird dann ein richtiger Satansbraten werden. Doch da passt er eh zu denen!" Selbstverständlich hatte man es wichtig, es den anderen hinzureiben, wenn man irgendeine Belobigung hatte kassieren können. Auch wurde die Strecke immer wieder erinnert: Hasen waren es vor allem. Ein paar Rehe. Sogar eine Wildsau war dabei, "... von diesen Mistviechern, die immer den Acker aufgewühlt haben. Endlich ist eins hin von denen, aber es hätten ruhig viel mehr sein können." Den Herrschaften wurde das Wildbret gegönnt. Die Treiber hatten ja ihren Schweinsbraten zum Freibier gehabt. Der Weber Hiaß meinte: "Dass die das Wildzeug weggeputzt habn, das gibt weniger Wild­fraß auf den Feldern. Dem Jungholz tut es vor allem gut. Kriegst ja nichts mehr hoch sonst. Allerdings mehr Rehe hätten sie erwischen sollen, die alles verbeißen." Dem Hiaß sein Wort galt, da wurde zugehört. Die Waldbauern hatten ihn ja zum Vorstand von ihrer Genossenschaft gewählt.

 

Bärlapper befand sich heute auf dem Weg zur Arbeit. Er war so zeitig dran, dass er an seiner Wiese stehen bleiben konnte. "Ziemlich viel Scheißblätter", stellte er besorgt fest. "Die Mutter fragen, warum man den Ampfer so nennt, weil das doch komisch ist. Auch wenn dich wer fragt, der Kleine von der Schwester oder irgendwer, dann sollst du es wissen. Oder sonst stehst du als simpler Bauernschädel da." 

Er fuhr weiter. Bergauf schob er das Rad und pfiff einen Ländler vor sich hin. Als er einmal zur Seite schaute, sah er eine fast ganz verhüllte Gestalt aus dem Unterholz und über die Wiese kommen. Der Mensch hatte eine Plastiktüte in der Hand. Bärlapper war zunächst etwas erschrocken und hatte zu pfeifen aufgehört. "Vielleicht ein Landstreicher oder so ein Gratler, der im Holz geschlafen hat?" Als er genauer hinsah, erkannte er aber den Oberlehrer, der anscheinend gerade von einem Morgenspaziergang kam. Er wusste, dass der, einer alten Gewohnheit aus seiner aktiven Zeit folgend, immer Ausschau nach irgendeiner Besonderheit hielt, die er den Kindern hatte zeigen können. Der Alte war herangekommen und hielt Bärlapper stolz ein Stückchen Rinde mit einem muschelförmigen Auswuchs hin. "Da schau her, Hans", war er stolz, "kennst du das?" 

"Gesehen habe ich das oft", sinnierte Bärlapper, "an Laubbäumen, an Buchen. An toten Bäumen wächst das aus. Das macht die Bäume überhaupt erst kaputt. Oder so was wird es sein."

"Ein Zunderpilz!", triumphierte der Lehrer. "Man kann Blut damit stillen, haben die Leute früher gewusst. Aber ich brauche das nicht", lachte er. "Ich weiß gar nicht, ob ich noch Blut in den Adern habe, ich bin ja schier gar ausgetrocknet", klagte er und machte Geräusche, als ob ihm die Zunge dauernd am Gaumen kleben bliebe. "Ich werde ihn im Zimmer zum Anschauen hinstellen, so ..." Er drehte und wendete sein Fundstück so, als ob er es bereits irgendwo hingarnierte. 

Bärlapper war es egal. "Sieht dem gleich, dass er sich Schwammerl in die Stube tut", dachte er sich. Er schaute dem Alten bei den Verrenkungen zu.

"Alsdann", kam von Bärlapper dann nur nach einer Weile und er schob sein Rad weiter. Er machte große Schritte. Der Alte trabte ihm hinterher. Bärlapper holte noch weiter aus. Als der Alte endlich begriff, dass Bärlapper zu keiner Unterhaltung aufgelegt war, blieb er stehen: "Ja, geh nur wieder brav deine Flaschen zumachen!", rief er Bärlapper gallig hinterher. "Sieh aber zu, dass du nicht selber ganz zu wirst mit der Zeit!"  

"Vergelt's Gott, und ebenso, Herr Schulmeister, windiger!", murmelte Bärlapper sauer vor sich hin.

Ein Arbeitstag wie immer wurde es – beinahe. Gegen zehn kam jedoch eine Gruppe feiner Herren unter Leitung des Braumeisters und sogar der Anwesenheit des Seniorchefs. Es wurde nichts erklärt, sie blickten zunächst nur umher, in jede Ecke beinahe. "Ein Geschau haben die drauf", bildete sich Bärlapper ein, "Augen, ganz hungrig und gierig. Fast so wie, was kostet das hier alles", kam ihm ganz unwillkürlich.

Sie redeten auch  überhaupt nicht viel. Sie warfen sich nur dauernd Zahlen zu. 

"Auch eine Art von Unterhaltung", wunderte sich Bärlapper. "Das sind aber lauter Leute vom Fach, denn einen simplen Touristen würdest du gleich an seiner Schwafelei erkennen. Und die ganz die Gescheiten, die das wenigstens von sich selber glauben, dass sie's sind, die stellen ganz schlaue Fragen."

Als er sich kurz umwendete, glaubte er die Blicke auf sich gerichtet und Kopfschütteln bemerken zu können. Er konnte mit dieser Beobachtung jedoch nichts anfangen und arbeitete in gewohnter Weise weiter: Mit einer Handbewegung am Flaschenhals entlang den Metallbügel nebst Porzellanstück nach oben bringen, so dass der Verschluss auf der Öffnung zu sitzen kommt, dann mit einem Griff in entgegengesetzter Richtung den Federmechanismus spannen, um die Flasche zu verschließen ... 

"Aber das ist, wenn ich es genau nehme, heute was anderes! Das Kopfschütteln von denen ist ein anderes als von den Leuten sonst", ging es ihm durch den Kopf. 

"Die braunen Flaschen ...", wollte er sich jetzt, wo diese Zahlenmenschen hinter ihm standen, ablenken. "Ja, freilich, die braunen Flaschen: so richtig geschaffen – ha, geschaffen! – für den Inhalt, wie heißt es gleich? Ton in Ton? Überhaupt haben sie was, was ruhig macht. Anders die grünen Flaschen, die machen einen kalten Eindruck. Eindruck?  – Sauber! –  Keiner mit Gespür mag sie eigentlich, wenn wer einen Geschmack hat für das Bier. Und diese Zahlentypen da hinter mir, die sind wie grüne Flaschen!"

Er spürte eine Abneigung, wenn er an einer grünen Flasche entlangfuhr. Er dachte sich: "Das ist so eine Kälte so für das Gemüt. Richtig gegen das Gemüt. Etwas Abweisendes. Wenn das nicht gleich zu geschwollen dahergeredet ist. Oder gedacht ist, denn das ist ja doch komisch, dass man auch geschwollen denken kann. Bloß gut, dass keiner weiß, was ich denke. Nein, diese grüne Kälte ist keine Kälte, die als solche fürs Bier ja eigentlich gut ist, dass es frisch bleibt. Freilich: Kühl muss es sein, dass das Glas außen schwitzt. Und eine schöne Schaumkrone muss es haben, die auch hält und nicht gleich zusammenfällt. Freilich, wenn da einer mit einem Fettrüssel drangeht, dann fällt der schönste Schaum zusammen. Man muss später jeden Schluck deutlich wegen dem Schaumrand am Glas sehen, so gut muss der Schaum halten, dann ist es richtig. Aber die grünen! Keiner mag die grünen Flaschen so richtig, alle mögen die braunen lieber. Keiner kann sagen, warum. Aber es ist so. Die grünen Flaschen, nein ... Eigentlich wie diese Leute da mit den Zahlen hinter mir und ihrem abstän­digen Kopfschütteln ..."

Dass es grüne Flaschen gab, ärgerte ihn nach diesem merkwürdigen Besuch noch mehr. Sie passten ihm einfach nicht. 

Daheim ließ er gelegentlich eine grüne Flasche von höher in die Steige plumpsen, fast in der Erwartung, dass sie in Brüche gehe. Das war allerdings auch alles, was er sich, dann über sich selber den Kopf schüttelnd, in dieser Richtung leistete. Immer vom Vorsatz gefolgt, nie mehr so kindisch zu sein. Er war bisher nie auf den Gedanken gekommen, etwas zu zerstören, um etwas zu ändern. "Du kannst eh nichts ändern", war er überzeugt. "Was soll ich auch anders machen? Alles hat seine Richtigkeit – oder wenigstens das meiste. Wenn es nicht richtig wäre, dann wär es ja bereits anders. Wenn sich was ändert, dann kommt das ziemlich von alleine, und am besten ist es, wenn es ganz leise und unauffällig kommt." Einmal gab er sich sogar zu: "Dass es die grünen Flaschen gibt, wird ja vielleicht richtig sein. Auch wenn es nicht gleich zu verstehen ist. Irgendwer wird mal irgendwann einsehen, dass nur die braunen Flaschen zum Bier passen. Dann schmeißen sie die grünen sowieso weg, weil sie heute alles gleich wegschmeißen. Überhaupt, ein wenig was ändert sich sowieso dauernd. Manchmal ist das allerdings eigentlich auch wieder viel zu schnell." 

Bald darauf kamen diese wortkargen Menschen wieder daher. Gleich war da bei ihm auch das mit den grünen Flaschen im Kopf. Als Bärlapper die stumme Prozession anrücken sah, wäre er beinahe aus seinem Rhythmus gekommen. Das unangeneh­me Gefühl, das er sich immer noch nicht erklären konnte, überkam ihn aufs Neue. "So was hat es ja noch nie gegeben, dass Besucher gleich öfter zu mir her gekommen sind. Solche gleich gar. Der eine oder andere Schwätzer freilich doch mal. Aber solche wie jetzt nicht. Kommen sie wieder, weil sie doch was daherreden wollen?", fragte er sich. "Doch nicht nur wegen mir, nein! – Irgendwas läuft da", argwöhnte er, als die sonderbaren Besucher dann wie vorhin so beinahe wortkarg herumstanden. "Die kommen ja nicht nur zu mir, nein, sondern die schnüffeln im ganzen Betrieb herum!" 

 

 


 

 

3

 

"Der Unterlassner liegt jetzt auf den Tod", klagte die Mutter, als Hans von der Arbeit kam.

"War ja bereits lange schlecht drauf und ist nimmer aus dem Bett gekommen. Der Doktor war so oft da", ging Hans wenig gerührt darauf ein. "Es geht dem Ende zu mit ihm, und ich gönne es ihm." 

Er holte sich Brot, Speck und ein Bier und setzte sich, um Brotzeit zu machen.

"Ganze Fünfundachtzig ist er geworden", betonte die Mutter.

"Eine schön lange Zeit", meinte der Sohn. 

"Und immer Arbeit, solang er sich hat bewegen können. Du weißt ja, du hast ihn ja rumwerkeln sehn, den Nachbar. Ein richtiger Bauernmensch eben: Arbeit und nichts als Arbeit, bis zur Grube."

"Nicht nur Arbeit. Da muss es ja auch sonst noch etwas gegeben haben", merkte Hans an. "Ausgelassen hat auch früher keiner was vom Leben!", setzte er drauf. Als ihn darauf die Mutter fragend ansah, holte er aus: "Ich bin überzeugt, die haben früher nichts ausgelassen. Was hergegangen ist, das haben sie mitgenommen. So wie die Leute heute eben auch. Bloß, dass sie heute nimmer so genierlich und verdruckt sein müssen und sich herzeigen."

Die Mutter wunderte sich nur, sie wusste nicht gleich, was er andeuten wollte.

"Und wenn was anderes hergegangen ist, dann haben sie es eben gepackt ..."

"Ich hoffe ja nicht, dass du es so meinst, wie ich einen Verdacht habe. Doch am besten gibst du Ruhe damit!", forderte die Mutter.

Hans flog ein leichtes Grinsen übers Gesicht. Er erhob sich, um in den Stall zu gehen. "Ja, anders ist es heutzutage auch nicht – bei den meisten wenigstens", meinte er noch. 

Heute ist alles lauter und alles geht schneller", holte die Mutter aus. "Deswegen scheint es mehr zu sein. Aber wenn der Ranzen voll ist, dann geht nichts mehr rein. Es wiederholt sich ja alles, was da daherkommt, auch wenn es sich anders verkleidet. Langweilig wird es euch auch schneller als uns früher." 

"Bei uns ist es langweilig", gab ihr der Sohn Recht, "obwohl die meisten mehr haben als ihr früher, nehme ich an. Viel mehr Möglichkeiten ..."

"Mag sein, dass das richtig ist", flüsterte die Mutter fast nur. Sie war jedoch nicht mehr so richtig bei der Sache, denn sie hatte bereits den Rosenkranz in der Hand. Ihre Lippen bewegten sich fast unmerklich.

"Was hat mir der Unterlassner den Hosenboden ausgehauen, wenn er mich erwischt hat, wie ich ihm Äpfel geklaut habe", erinnerte sich Hans, als er dem Vieh das Futter eingab. "Die schönen Jakobsäpfel, die frühen, auf die jeder Lausbub scharf war – und wegen der Gaudi und der Spannung, die man als kleiner Stehlratz mit den andern gehabt hat." Er ließ das Bild von dem Ochsenfuhrwerk wieder aufleben, neben dem der Unterlassner immer hergelatscht war. Immer die Pfeife im Mund, den blauen Schaber, wie sie früher die Schürze genannt haben, mit einem Zipfel in den Gürtel gesteckt. Hans überlegte, ob er sich mit dem Nachbar jemals richtig unterhalten hatte, einfach so, über den Zaun weg oder auf dem Feld, wenn sie sich begegnet waren. Man war sich nahe, aber hatte nicht viel miteinander zu tun gehabt. Nicht etwa, dass sie sich feind gewesen wären. "Das wäre ja recht", hat jemand nur sagen müssen, "wenn man die Brennnesseln am Rain abmähen täte", wenn es einen gestört hatte. Meistens hat so was gereicht, mehr musste nicht gesagt werden. Auch bei nachbarschaftlicher Hilfe lief es ja eher ohne viele Worte ab. Doch über das Wetter hat man sich häufiger ein paar Brocken zugeworfen, erinnerte er sich. "Den siehst du nimmer", wurde Hans plötzlich klar. Da überkam es ihn, dass ihm der Alte irgendwie doch fehlen würde.

Nach der Stallarbeit richtete sich Hans her, um zum Wirt zu gehen, wo er bei seinem Trachtenverein zu tun hatte. Den Jungen wollte er heute den Watschentanz beibringen. 

Bevor er sich auf den Weg machte, schnitt er sich noch einen Ranken Brot herunter, bestrich ihn mit der Leberwurst aus der letzten Schlachtung und aß im Gehen.

 

Beim Wirtshausdiskurs war es am Stammtisch um ein politisches Ereignis gegangen, das sich im Ort ankündigte. Wobei sich am Ende der Vertreter der Minderheitenmeinung durch Rückzug in eine Ecke des Raumes selber ausschloss. In seinem Grantlerwinkel verweilte der glücklose Streiter allerdings auf angenehme Art hinter einer schütteren, jedoch unverwüstlich immergrünen Weinrebe aus Kunststoff. Eine Weinlaube sollte das ganze Gebilde darstellen, und stilgerecht schlürfte man dort sein Viertel Weißen oder Roten.

Bärlapper erschien zu seiner Plattlerprobe. Doch auch heute war er wieder zu zeitig dran. Er merkte es nur, weil der Probenraum verschlossen und von seinen jungen Leuten noch niemand da war. "Es muss am alten Regulator in der Küche liegen. Der geht doch immer falsch. Weggeschmissen gehört er!", ärgerte er sich. "Oder einem Antiquitätenhändler müsste man ihn andrehen. Die sind doch auf alte Sachen vom Land ganz scharf. Dass sich wieder einer in der Stadt eine Bauernstube einrichten kann, wie er meint, dass so eine Bauernstube ist. Wie behämmert die Leute sind, wenn sie das teuer kaufen, was unsereiner zum Wegschmeißen übrighat." 

Dann schaute er den anderen beim Kartenspielen zu. 

"Zum Heiligen Kastulus geht man heuer auch wieder", ging es nebenbei um die Wallfahrt. – "Du gibst jetzt!" – "Was war dann das für einer, der Kas­tu­lus, ist das heute noch bekannt?" – "Also ..., na ja ..." – "Ansagen musst du!" – "Der Kastlbauer heißt so, weil einer Kastulus oder Kastl geheißen hat, der früher auf dem Hof gesessen ist." – "Kreuz ist Trumpf!" – "Einen Unsinn redest du daher. Beim Kastlbauer hat höchstens ganz früher einer Kästen gebaut, wie sie früher die Schränke genannt haben!" – "Schreibt eigentlich keiner eine Dorfchronik?" – "Du musst Schell zugeben!"– "Das wäre doch was für den Lehrer, dann muss er nicht dauernd streiten, wenn er was zu tun hat und nicht nur auf unsere Kosten lebt in seinem Nichtstun, seinem fett bezahlten!" – "Hau doch deinen Zehner rein, der Stich gehört uns!" – "Mei, der Kastlbauer ist ein armer Hund mit seinem großen Hof. Wird der größere Hof sein im Dorf, aber ein ganz armer Tropf ist er doch!" – "Für was hast du denn deinen Zehner aufgespart? Der Luki hat doch die Sau, hast du das nicht gemerkt? Der zieht dir deinen Zehner raus!" – "Kastulus, das muss ganz früher gewesen sein, ganz früher hat der gelebt, vielleicht sogar noch bei den alten Römern!" 

Sie zählten ihre Stiche, nörgelten herum – und kramten dann noch eine Weile in ihren Geschichts- und sonstigen Unkenntnissen. Sie gaben sich zwar Mühe, die Sache um den Traditionsheiligen zu klären. Sie waren jedoch wenig erfolgreich darin – wenn auch nicht unbedingt traurig darüber. 

In der Weinlaube rührte es sich, als sie am Stammtisch ihr Pulver verschossen hatten und eine Pause eingetreten war. Ein Räuspern war zu hören, ein energischeres Nachsetzen. Es wollte anscheinend nicht gelingen, so folgte eine Wiederholung in meh­reren Wellen mit noch mehr Aufwand an Energie und immer tiefer aus der Brust kommenden Geräuschen. 

Dann verstummte die Attacke. Der Frosch schien gelöst zu sein und wurde, dem Geräusch nach zu schließen, ausgespuckt, vermutlich zur Begutachtung ins Taschentuch.

Sie hatten die Szene mit einigem Ekel verfolgt. Die meisten kannten den Vorgang allerdings von ihrer Schulzeit her. Sie zogen noch Grimassen, um ihren Abscheu kundzutun, als der Oberlehrer hinter dem immergrünen Rebwerk hervorkam. 

"Ich habe ja gar nicht gewusst, dass der da ist", sagte Bärlapper zu den anderen, "erst wo er die Aule raufgeholt hat." 

"Da hast du auch nichts versäumt", war der Socher kurz angebunden. Bärlapper schloss daraus, dass es da zuvor etwas gegeben hatte – und wurde auch gleich vom Sacklbauer Zenz in Kenntnis gesetzt: "Weißt du, da wollen doch die Sozis im Dorf einen Verein aufmachen. Die Roten. Gewerkschaft oder so was oder Partei gleich gar. Der Müller Seppl und die Hungerleider und Zugereisten vom Unterdorf. Kein Gestandener aus dem Dorf ist eh nicht dabei. Das sind lauter solche, die zu kurz gekommen sind, wie der Streibl Max von der Regierung gesagt hat seinerzeit! Glaube ich. Aber, was man ja gar nicht richtig versteht, dass einer von den Zweitwohnungsbonzen aus der Stadt auch dabei sein soll. Der hat doch alles – und etliches mehr. Ich denke, der will uns nur ärgern damit, dass er auf Sozi macht."

"Ist keiner von den Halbrussen aus der Müllgrube dabei?", mischte sich der Görer ein.

"Das sind ja Vollrussen", war der Sacklbauer überzeugt, "so wie die hausen. Das passt ja gut zusammen: Die Sozis und die Russen. Und das bei uns da heraußen, ja, da verreckst!"

"Weißrussen sind das höchstens", stieg Bärlapper ein, noch dazu heftig, ganz entgegen seiner Gewohnheit. Er steigerte sich sogar noch: "Weißrussen sagt man da, aber keine Halbrussen, du Zipfel. Das hast du jetzt mit den Halbnegern verwechselt. Aber keiner weiß es richtig, was für welche das sind, die dort draußen in dem ganzen Dreck hausen und seit den fuffziger Jahren bereits vielleicht." Bärlapper wunderte sich über sich selber – und versuchte abzulenken: "Ich möchte wissen, warum der Bürgermeister zulässt, dass die Stadt auch noch den Stadtdreck in unsre Müllgrube kippt."

"Das mit den Politischen, das braucht es gar nicht bei uns da", schimpfte der Sacklbauer. "Da sind wir uns alle einig gewesen vorhin. Das bringt einen Streit ins Dorf, so wie bei denen droben in ihrem Bonn und mit der frechen Goschen, die die Politischen haben und nicht halten können. Dem Müller Seppl und der ganzen Bande zeigt man's schon, wenn sie die Frechheit haben und bei uns da ihre Partei oder so was aufmachen! Aber der Schulmeister hat ja wieder dagegengeredet. Weißt ja, wie der ist. Wir sind keine Demokraten nicht, hat der Schulmeister gesagt. Keine ... – ist ja wurscht was. Ja da legst dich nieder! Am Ende ist er selber so ein Roter. Gleichsehen tät's ihm, so wie der sich immer aufführt." 

Für einen Augenblick war es ruhig, sie schienen nachzudenken.

"Aber", kam der Sacklbauer heraus und grinste dabei bis hinter die Ohren, "wer will denn schon so was sein bei uns hier in Ritzling? Ein Demokrat! Wie sich das schon anhört. Demokrat, das können sie von mir aus in der Stadt sein mit ihrem Durcheinander von den vielen Leuten!", lachte er.

Der Oberlehrer war durch den Saal geschlurft und stand nun bei den Männern am Tisch. "Ihr Rindviecher!", fing er an und scherte sich nicht darum, dass sie fast aufgesprungen wären – sich allerdings damit begnügten, ihn giftig anzuschauen. "Ihr habt in meiner Schule überhaupt nichts gelernt, sondern nur die Luft verfurzt!", formte seine schwere Zunge. "Auch dieses Nichts habt ihr noch zur Hälfte vergessen, ihr Wichte!", fügte er hinzu und machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann setzte er sich umständlich und war dabei bemüht, mit seinem Hinterteil den Stuhl nicht zu verfehlen. 

"Kann sein", bekam er vom Socher trotzig zurück, "da ist ausschließlich der Lehrer schuld, dass wir nichts gelernt haben! Wir nämlich hätten saumäßig gerne was gelernt. Wenn nur der Lehrer besser drauf gewesen wäre!"

Sie lachten und zwinkerten sich zu. Der Socher mischte gleich wieder und gab Karten.

Der Alte rückte sich auf seinem Stuhl zurecht. "Euer Kastulus war ...", wollte er zur Belehrung ansetzen, unterbrach sich aber selber und machte wieder diese wegwerfende Handbewegung: "Es hat ja doch keinen Wert", nuschelte er vor sich hin und wurde dann deutlicher: "Keiner muss immer alles wissen. Die Hauptsache ist, Burschen, dass ihr gesund seid – was seid ihr viehisch gesund, ihr verdammten Naturburschen." 

"Darauf kannst du einen lassen!", kam es wie auf Kommando.

Dann erhob der Schulmeister seine Stimme: "Hätten nämlich die Leute gewusst, warum sie jedes Jahr hinterm Pfaffen her und zum heiligen Kastulus gelatscht sind, dann hätten sie's ja irgendwann einstellen müssen. Spätestens als in den Fuffzigern die Pferde und Ochsen, die vierhaxigen wohlgemerkt, gegen diese stinkenden, sündteuren Zugmaschinen eingetauscht waren. Allerdings wäre das falsch ge­wesen! Denn höre: Jetzt gibt es ja wieder genug Gäule. Und es darf ja eigentlich gar nicht wahr sein: Es hat alles seine Richtigkeit, wie es geblieben ist. Auch wenn es heute nur lauter Streichelvieh ist für die vielen kaputten Seelen, die überzeugt sind, dass sie mit Viehzeug statt mit dem Stall voller Kindern wieder normal werden ..." Er hatte sich damit etwas verausgabt und musste zusehen, dass er auch wieder seine Zunge befeuchtete. Darauf ging es weiter und übertönte das Kartendreschen der anderen: "Jetzt sage ich euch was! Jeder könnte an diesem Vorgang ganz deutlich sehen, wel­chen Stellenwert die Unwissenheit, sprich Dumm­heit, bei der Brauchtumspflege einnimmt. Da kann man sagen, was man will, Dummheit zahlt sich aus. Gell, ihr Schafsköpfe?" Es mochte ihm zwar wohlgetan haben, was er da wieder rausgelassen hatte. Die Männer dagegen waren darüber nicht gerade erbaut und hatten sogar ihr Kartenspiel unterbrochen. Der Alte feixte und schaute die Männer jetzt frech der Reihe nach an. Immer wenn er einen auf diese Weise passiert hatte, hinterließ er bei diesem versteinerte Züge, aus denen die Augen zornig blitzten. Sie hielten ihre Karten reglos in der Hand und schienen zu überlegen, wie sie es dem Lästermaul heimzahlen könnten.

Der Alte saß nach erfolgter Aktion mit fast geschlossenen Augen da und harrte offenbar der Dinge, die da eigentlich kommen müssten.

Spannung lag im Raum.

Da drosch der Sacklbauer eine Spielkarte auf den Tisch, dass die Platte bebte und die Gläser schwankten. Alle griffen blitzschnell danach, um ihr Bier zu retten.

Es war sofort klar, dass dieser Schlag dem Oberlehrer gegolten hatte. Das tat ihnen ganz bescheiden wohl. Sicher war, dass das Schandmaul nur sein Alter noch vor einer  saftigen Schelle bewahrt hatte. Aber Verlass war nicht darauf. Es war ja durchaus bereits vorgekommen, dass eine Ladung verspätet explodierte und sich mittels Faustschlägen oder sonstigen Ausbrüchen ein Ziel gesucht hatte. Eine Erscheinungsform im Übrigen, die gerade im Wirtshaus und unter reichlichem Konsum bestimm­ter Kraftquellen zu durchaus ebenso allgemeinen Ab­rechnungsveranstaltungen gedeihen konn­te.

Der Lehrer wusste die Lage einzuschätzen und hielt sich vorerst zurück. 

Die Angelegenheit war allerdings für die Männer noch nicht ganz zu Ende gebracht. Mit ihren derben Fäusten droschen sie abwechselnd die Spielkarten auf den Tisch, peng, peng. Es hörte sich manchmal wie ein Trommelwirbel an, wenn die Schläge dicht aufeinander folgten, peng peng. Sie richteten es in ihrem Zorn auch ganz bewusst so ein und machten kleine aggressive Kompositionen: peng peng peng; pengpeng peng; peng peng peng; pengpengpeng! 

Das war für den Alten ein untrügliches Zeichen dafür, sich noch für eine Weile ruhig zu verhalten. Sie sollten sich erst ein wenig abreagieren. Er konnte ja einstweilen genießen, sie so in Fahrt gebracht zu haben. 

"Lauter Fremdkörper hier bei uns", zischte der Socher und deutete mit dem Kopf auf den Lehrer, oh­ne diesen anzuschauen. 

"Habt ihr schon gehört, die allerschönsten Fremden da in der Müllgrube bei uns sollen Ratten fressen!", wollte der Görer ein wenig ablenken. Die Männer verzogen vor Ekel das Gesicht. "Froh müssen wir sein, dass noch keine Chinesen im Dorf sind, denn dann wären wir nach und nach unsere Hunde los!", versuchte es der Görer noch einmal auf bissig.  "Wenn du jetzt die Goschen nicht hältst mit so was, dann kann es passieren, dass du eins draufkriegst!", drohte der Socher.

Aha! Das war ein Signal. Sie wussten, dass da nur noch ein Funke fehlte – den jeder von ihnen schlagen konnte, vielleicht auch nur aus Unachtsamkeit.

Görers Mannesstolz gebot diesem, noch einmal auf­zumucken – allerdings so verhalten, dass es gerade noch zu bemerken war. Er beschränkt sich auf einen kühnen Blick. Mehr war nicht ratsam, wenn er den Bullenkerl von einem Socher anschaute.

Der Sacklbauer und der Socher dachten weiter über eine Vergeltung für die Angriffe von vorhin nach. Ihre Ehre verlangte das. Es wurmte sie gehörig, dass sie es nicht auf ihre einfache, unter ihresgleichen übliche Art bereinigen konnten. Da hätte man einfach hinübergelangt. Nicht etwa, dass man damit nur eine einzige Möglichkeit gehabt hätte. Je nach Lage der Dinge und der eigenen Laune wäre es denkbar gewesen, entweder nur auszuholen, um die flache Hand im Gesicht des Gegners zu landen, Watschen genannt. Oder man hätte eine Mischung aus Schieben und einfachem Aufklatschen wählen können.

Wobei die Hand nicht zur Faust zu ballen gewesen wäre. Man hätte mit dem Handballen an der Kinnlade auftreffen müssen. "Ich schiebe dir eine", hätte da die Vorwarnung gelautet, "ich schieb dir eine Bockfotzen!"

Aber hier war das Problem mit dem Oberlehrer. Da konnte man ja doch nicht so ohne weiteres ... Wer würde einen alten Mann schlagen? "Eher lässt man daheim mal seine Alte durch. Aber an einem alten Mann vergreift man sich nicht. Und an dem Schulmeister schon gleich gar nicht, der gehört zur Obrigkeit, das steckt immer noch irgendwie in einem drin." Lauter solche Gedanken gingen ihnen im Kopf herum.

"Den Lehrer muss man anders packen!" Sie redeten nichts, außer die paar Kartenbefehle: "Ausgeben!" – "Zugeben!" ..., barscher als sonst, ja, voll Zorn, Hass bereits. Sie dachten dabei weiter nach und droschen weiter ihre Karten auf den Tisch.

Ganz unvermittelt und fast unverständlich zwischen den Zähnen hervor, fragte dann der Socher den Alten, warum der denn keine Frau habe und warum er nicht verheiratet sei, "wie es sich für ein richtiges Mannsbild doch gehört." Dabei hatte der Socher nicht aufgeschaut, sondern getan, als müsse er sein Blatt studieren. Und dass es ihm eigentlich auch wieder wurscht sei, hat er dann nachgesetzt. 

Der Alte nahm einen Schluck, stellte das Glas ganz gelassen wieder auf den Bierfilz und musterte den Angreifer von der Seite. Der musste das gespürt haben, hob den Kopf, blickte dem Lehrer in die Augen und sagte herausfordernd: "Da gibt es doch was, ha? Was ganz Bestimmtes, wo man nicht drüber redet, und strafbar ist es auch – jetzt leider nicht mehr. Aber grauen tut es einem davor. Und das mit Recht, weil man es halt nicht tut, wenn man richtig herum ist! Und dass ein womöglich linksrum Gestrickter dann auch noch Lehrer ist!" 

Die Männer grinsten vielsagend. "Mensch, das hat gesessen und war mindestens so gut wie eine Bockfotze", dachten sie wohl alle, "der Socher traut sich was, und das war ja fast schon die fällige Abreibung."

Der Alte beugte sich ganz nahe zu seinem Widersacher hin und entgegnete ruhig: "Schau, Socher, Bub, warum soll ich auf dein Geschwätz eingehen? Wo du damit doch nur etwas Saublödes in den Raum stellen willst mit deinem Geschwafel vom Richtigsein. Aber eines sage ich dir immerhin doch ..."  

Alle waren gespannt, ob er jetzt den Funken schlagen würde, nämlich besagten, der das Feuer entfacht, eine Explosion vielleicht sogar, wo man zuhauen könnte und wo es endlich was Handfestes gibt, "aber Spaß würde es ja nicht so richtig machen: Der alte Mann, das dürre Zwetschgenmännlein, da langst du einmal hin und vielleicht zerquetscht du ihn gleich ganz oder brichst ihm was ab. Notwendig wäre es schon lang einmal. Man könnte ja auch untereinander aufeinander losgehen, stinken tut einem immer auch an den anderen einiges. Was schließlich alles dann in ein Großreinemachen gepackt werden könnte. Dabei könntest du ja aus ganz aus Versehen dem Alten auch ein paar Saftige drüberziehen. Du könntest ja nachher sagen, dass er dir in den Schlag hineingelaufen ist, der einen anderen treffen hätte sollen. Dann bist du nicht gar so viel schuld ...", mochte der eine oder andere überlegt haben.

"Aber eines sage ich dir doch, Socher", setzte der Alte wieder an, "mein Kompliment!"

Mehr kam zunächst nicht. Allen stand die Enttäuschung im Gesicht. "Der alte Schuft ist doch zu feige", dachten sie. "Von wegen Kompliment! Das ist doch gleich wieder so hinterfotzig wie immer bei dem!"

Die Angelegenheit war jedoch noch immer nicht abgetan: "Socher, es ist ja doch eine Kunst", erklärte der Oberlehrer gekünstelt freundlich, "nämlich mit dem Fliegenschiss nach deinem Geistesfurz einen ganzen Misthaufen zu produzieren. Richtig ökonomisch ist das ja", spielte er weiter. "Ich glaube, du solltest mit dieser hervorragenden Fähigkeit, von der in der Schule überhaupt nichts zu bemerken war, etwas für deinen beruflichen Aufstieg tun! Damit du von deinem schlichten Mörtelrühren wegkommst. Welchselbiges ja, nach dieser deiner intelligenten Kostprobe zu urteilen, deiner wirklich unwürdig ist!"

Der Socher saß wie versteinert da. Er wurde von links und von rechts geschubst und untertischs sogar getreten, doch sofort etwas zu unternehmen. Er aber war ratlos und verlegte sich deshalb darauf, so dreinzuschauen, als ob er die Stichelei gar nicht zur Kenntnis genommen hätte. Da war der sprichwörtliche Zug auch bereits abgefahren. "Reagieren hätte er sofort müssen, wie in Notwehr, klar!" Das sagte ihnen das Gespür für solche Situationen. Irgendwie enttäuscht wandten sie sich darauf wieder ihren Karten zu.

Der Lehrer griff nach seinem Glas. Seine Hand zitterte. Doch das sah keiner.

Bärlapper war das ja alles unangenehm. Er hatte dauernd angespannt überlegt, wie er sich davonmachen könnte. "Da hältst du dich raus!", hatte er sich immer gesagt, "das geht dich doch einen Dreck an, was die da miteinander auskampeln. Das sind eh sowieso schon fast lauter Gratler, die da: der Görer, der Socher, der Sacklbauer. Mit so was lässt man sich nicht ein."

Da fing aber der Sacklbauer wieder an: "Mei", nuschelte er vor sich hin, drosch einen Trumpf auf den Tisch und strich den Stich mit einer fetten Grimasse ein: "Mei, es ist eben so, dass wenn einer nicht mit zirka vierzig Jahren endlich doch verheiratet ist, dass der einfach nicht kann und noch nie können hat!"

"... oder dass er ..." Der Sacklbauer legte eine Pause ein. Die anderen wussten, was da zu ergänzen war. Sie nickten sich mit scheinheilig besorgten Mienen wissend zu. "... oder dass der andersrum ist", schob der Sacklbauer schier beiläufig nach. Die anderen nickten wieder so.

Bärlapper beugte sich unter den Tisch und fingerte an seinen Schuhbändeln herum. Als er mit rotem Kopf wieder auftauchte, fuhr ihn der Socher an: "Schau nur zu, Hans, dass du die Kurve noch rechtzeitig kriegst, sonst stehst du auch im Verdacht!" Die anderen lachten laut heraus. "Das weißt du ja", machte der Socher weiter, "die Natur fordert ihr Recht! Und wir schauen da drauf und das ganze Dorf, dass alles seine Richtigkeit hat, wie sich's gehört in der Natur, die sich nicht ins Handwerk pfuschen lässt! Uns kommt keiner aus, der nicht richtig ist – und die Richtigen alle, die kommen uns auch nicht aus! Weißt schon, die mit dem Rock an, normalerweise!"  Sie lachten. 

"Gehört hat man von dir noch gleich gar nichts mit den Weibern", bohrte der Socher weiter. "Aber das sa­ge ich euch! Das sind die Schlimmeren, von denen man nichts weiß!"

Jetzt war Feixen angesagt, Augenzwinkern, eine Kopfbewegung zum Oberlehrer hin – der so tat, als interessiere ihn das alles nicht.

"Auf wen wir einen Verdacht haben, Bursche, dem schauen wir genau auf die Finger!", versicherte der Görer dem Bärlapper.

"Hätt ich's nicht, dann tät ich's nicht!", reimte der Socher lachend und drosch einen Ober auf den Tisch.

Als dann wieder Ruhe war, meinte der Oberlehrer: "Eine schöne Sauhatz habt ihr da abgezogen, Burschen, Respekt!"

Die anderen freuten sich und spielten weiter. "Gell, da zittern die morschen Knochen!", fiel dem Görer ein.

Nachdem der Alte sie kurze Zeit in ihrer guten Laune gelassen hatte, sagte er: "Nur, um da einiges ins rechte Licht zu rücken, eine kleine Rückblende ..." Er legte wieder so eine Pause ein, als er bemerkte, dass die anderen sofort reagierten und von ihrem Spiel immer wieder zu ihm schauten. Es schien so, als genieße er, dass sie wohl eine Ahnung hatten, was jetzt kommen würde. Nach einer Weile machte er weiter: "Kennt ihr die kleinen Jungen noch und ihre Spielchen auf dem Schulhof oder wo auch immer? So etwa: hasch mich! Gequietsche und Gepiepse. Gerade so im Stimmbruch, da fangen die Lümmel wieder richtig zu albern an, dass man sie manchmal an die Wand klatschen möchte!"

"Habt ihr's gehört?", fuhr der Görer dazwischen, "der Huber hat für seinen Stier viertausend gekriegt auf der Versteigerung!" Die anderen nickten eifrig mit dem Kopf, obwohl es ihnen eigentlich egal war. "Ein schönes Geld!" Mehr fiel ihnen dazu jedoch nicht ein.

Der Lehrer machte weiter: "Und laust mich der Affe, was sehe ich denn da immer wieder einmal? Man kann es fast nicht glauben: Immer mal schnell einem zwischen die Beine gegriffen! Und der jault auf! Und der rächt sich dann und greift zurück oder bei einem andern hin! Und dann alle bei allen! So eine richtige Grabsch-Orgie mit Kreischen, Wiehern, Verfolgung, Ergreifen und Hingreifen! Lust-und-Weh-Geschrei. So richtig kleine Schweinchen, meine Buben!" 

"Eichel ist Trumpf", knurrte der Socher den Görer an.

"Auch mal einen zu zweit festgehalten", nervte der Lehrer weiter. "Lauter solche Sachen. Diese geilen Späßchen der Lausbuben. In der Knabentoilette dann gelegentlich herzeigen!" 

"Jetzt gib schon endlich", fauchte der Sacklbauer, weil der Socher gar nicht aufhören wollte zu mischen. 

"Wenn der nicht bald das Maul hält, dann vergesse ich mich doch noch!", zwitscherte der Görer, "denn so eine Sauerei höre ich mir nicht länger an!"

Der Alte nervte weiter: "Ein Lineal! Eine tolles Vielzweckgerät ist so ein Lineal: zum Stricheziehen, zum Zuhauen, den Buckel kratzen kann man sich auch damit. Aber was machen meine Knaben mit einem Lineal auf dem Abort?"

Der Lehrer wartete eine Weile ab und schaute vor sich hin.

"Von was hat denn der eigentlich geredet?", fragte der Socher gereizt. Die anderen gingen nicht darauf ein und versuchten sich auf ihr Spiel zu konzentrieren. 

Nach einer Weile war der Alte wieder zu hören: "Oder überhaupt, wie soll man es denn nennen, wenn sich da Kerle dreckige Witze erzählen und sauigeln?" Er war wieder leiser geworden, aber umso angespannter hörten die Männer hinter ihren Karten zu. "Wie war das vorhin da mit dem Schatzilein und dem Kämmerlein hinein, hinein und das andere Gerede da immer? Meiner Einschätzung nach ist das gemeinschaftlich genossene gleichgeschlechtliche Befriedigung. Und wie nennt man denn das, ha?" 

"Pfui!", schrie der Görer, "die Pornografie höre ich mir nimmer länger an!"

"Das, meine Herren", sagte der Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, "das ist schieres verbales Homo, schlicht Schwulität genannt!"

Sie waren baff, der Mund ging ihnen auf und sie legten die Karten aus der Hand. 

"Das hätte es jetzt nicht gebraucht, Lehrer!", klagte der Görer. Es hatte sich eigenartig ergriffen angehört. "Nein, wirklich, soweit hättest du jetzt doch nicht gehen dürfen."

Nach einer Weile platzte es doch heraus: "Was?", schrie der Socher und wiederholte nur: "Was?" Der Görer versuchte wiederzugeben, was er gehört hatte: "... werdale ..., was Homo ..., du bist ein ...!" In seiner Erregung gelangen ihm aber nur diese Fragmente. Sie schubsten sich immer wieder mit beiden Händen voneinander weg, als ekelten sie sich voreinander; sie schlugen sich mit der flachen Hand auf den Schenkel, dass es klatschte, dann wieder mit der Faust auf die Tischplatte, dass die Gläser tanzten ...

"Jeder Kerl ist auch ein bissl warm!", riskierte der Oberlehrer noch in ihr Toben hinein. "... vielleicht", setzte er jedoch schnell noch hinzu, um es auch wieder etwas zu entschärfen.

Es war vermutlich sein Glück, dass es die anderen nicht gehört hatten, während sie noch lautstark mit ihrer Entrüstung befasst waren. In ihrer Aufregung schlugen sie mit den Händen immer noch irgendwohin und schrien durcheinander: "Das kann ja gar nicht wahr sein!" – "Da würgt es mich ja, wenn ich bloß an so was denke!" – "Ja, darf man denn so was ungestraft daherreden?" – "Da ist einer früher weggesperrt worden!"

Es ging laut zu und sie steigerten sich immer mehr hinein. Sie tobten schließlich so sehr, dass die Wirtin in Angst um ihr Mobiliar aus der Küche gelaufen kam. "Eine Ruhe ist, Saubande!", schrie sie dauernd und griff sich den Bierschlägel und schlug damit zu ihrer "Saubande" auf die Theke. Aber in dem Krach und Durcheinander da drüben gingen ihre Geräusche unter – oder passten eher ganz gut dazu. So stellte sie ihre Aktion ein, blieb jedoch, bereit zum Eingreifen, den Schlägel noch in der Faust, hinter der Theke. "Aber das sage ich euch, ihr Falotten", zeterte sie in den Lärm hinein, "ich passe genau auf! Ich merke mir, wer von euch was zertrümmert! Das zahlt er mir auf Heller und Pfennig! Ungeschoren davonkommen tut mir keiner!"

Am Rand dieser Szene saßen Bärlapper und der Oberlehrer. Während Bärlapper besorgt dreinblickte, saß der Oberlehrer lässig zurückgelehnt, interessiert beobachtend da und schien sich zu amüsieren, wie er sie aufgemischt hatte. Als sie sich ausgetobt hatten und wieder Ruhe war, nuschelte der Alte: "Wie heißt es doch gleich? Wer im Glashause sitzet, nämlicher sollte nicht mit Steinen schmeißen!"

Die Männer schauten ihn ratlos an, der Socher tippte mit dem Finger an die Stirn, und die anderen machten es ihm nach.

Der Oberlehrer lachte und bestellte eine Runde Schnaps bei der immer noch besorgt dreinschauenden Wirtin. Der Blick der Frau hellte sich auf, sie legte den Schlägel weg, griff nach der Flasche und beeilte sich, den Auftrag auszuführen.

"Wenn ich euch nicht hätte", versicherte der Alte der Runde: "Meine lieben Schafsköpfe! Dann wäre mein Dasein, mein Leben, mein ganzes windiges restliche Leben – versteht ihr, Buben? – dann wäre mein Leben eigentlich ohne Sinn, ohne Inhalt! Ohne euch hier!"

Das hatte echt geklungen und war deswegen beinahe unter die Haut gegangen –"wenn es auch wieder so geschwollen dahergeredet war", mochten sie sich denken. Man war irgendwie gerührt, durfte das jedoch als Mannsbild nicht zeigen. Sie hatten das Gefühl, dass er sie allesamt am liebsten gestreichelt hätte – wie damals, ganz, ganz selten ... "Ach ja, der, ja der Grantler, der hat einen ja auch mal gestreichelt ... Mensch, ganz selten, aber das hatte immer seine Wirkung gehabt ..." 

Der Klare wurde serviert. "Bringe gleich die ganze Flasche her", orderte der Lehrer noch, "und hock dich dazu, Rosa. Du hast ja deinen Kummer mit uns!" Dann stießen sie an – bevor doch noch etwas überlaufen konnte.  

"Ja, so ein Sauhund, so ein verreckter", rief der Görer, der glänzende Augen hatte, und setzte sein Glas an die Lippen. "Wohlsein, Prost! Ja, so ein Bazi!" 

"So was erlebst du nur beim Wirt und nur beim Wirt!", ergänzte der Sacklbauer lachend. Der Socher meinte, dass er den Oberlehrer ja verstehen könne, warum der nie geheiratet habe, "denn so eine Gaudi, die gibt es daheim bei der Frau nicht oder nimmer – oder hat es die überhaupt mal geben?"   

Sie machten wie auf Befehl ein langes Gesicht.

Bärlapper hatte während der ganzen Szene immer wieder darüber nachdenken müssen, warum der al­te Oberlehrer immer so ein Theater macht. "Der denkt sich dabei nichts, wo unsereiner aufpassen muss wie ein Haftelmacher, nämlich auf Bekannte, Verwandte, wo man mit dem halben Dorf verwandt ist, auf Nachbarn, dass einem nichts nachgesagt wird, auf die vom Verein und alle andern Spezl. Dass du nicht ausgerichtet wirst. Aber der Alte ist ein Einzelkämpfer. Für einen losen Vogel haben sie ihn gehalten. Weg haben sie ihn immer wieder mal haben wollen, die Moralapostel vom Dorf, die ganze Zeit. Aber nichts ist gegangen, trotz ihrer Beziehungen. Es könnte allerdings leicht sein, dass ihm viele auch neidisch waren, weil der sich alles getraut hat."

Bärlapper kippte seinen Schnaps hinunter und stand auf: "Muss jetzt zu meinen Jungen vom Trachtenverein zur Plattlerprobe, Servus." 

"Ach, drum bist du so aufgemacht mit deiner Lederhose", stellte der Görer fest. 

"Ja, da geht es sauber zu bei den Trachtlern", meinte der Sacklbauer, als Bärlapper weg war. "Wisst ihr es noch, wie wir mit der Lederhose rumgerannt sind als Buben und bei der Prozession zu Fronleichnam, beim Trachtenumzug, beim Musikfest?" Er schaute die anderen an, die nachdenklich mit dem Kopf nickten. 

Von nebenan klang jetzt ein Zwiefacher aus dem Recorder herüber, dazu das rhythmische Stampfen und Klatschen der Tanzgruppe, begleitet von einer sonoren Kommandostimme, dem Bärlapper seiner. 

"Eigentlich wird alles immer weniger", meinte der Socher. Das hatte ziemlich wehmütig geklungen.

Der Sacklbauer wollte das nicht so stehen lassen. Er behauptete, dass sich der Socher das nur einbilde: "Denn im Dorf gibt es jetzt noch viel mehr als früher. Zu der Blasmusik, den Trachtlerverein sowieso, den Frauenbund von der Kirche, den Fußballverein, auch noch den Faschingsklub, genau wie in der Stadt – und daherbringen sie es immer, wie sie es im Fernsehen von Köln gesehen haben. Den Fußballklub hat es ja schon lang gegeben. Den hat immerhin mein Großvater gegründet, so in den zwanziger Jahren", war er stolz.

Dann tranken sie aus und machten sich auf den Heimweg.

 

 

4

Die zehn jungen Leute hatten sich bei den Übungen redlich geplagt. "Also dann, Burschen und Madln", war Bärlapper zufrieden, "ich glaube jetzt ist es geschafft, und es stimmt mit der Musik überein." 

Sie wischten sich den Schweiß von der Stirn. 

"Klar, jetzt passt es!", kam die Antwort. 

"Okay, haun wir ab", sagte die Ramona vom Lang­meier aus dem Unterdorf. Sie zogen plaudernd davon: "Prima, dass es mit der Musik zusammenstimmt und klappt", freute sich der Tommy vom Habermann gleich neben der Kirche, der auf das Y hinten am Namen großen Wert legte. Er wurde auch gelegentlich auf den Arm genommen, wenn er es beim Schreiben forderte, dass es ja wohl bedauerlich sei, dass man es beim Sprechen nicht merkt. 

"Habe ja gemeint, da steige ich nimmer durch mit diesem Tanz! Schwerstarbeit", urteilte der Kesselbauer Andi vom Aussiedlerhof auf der Leite. "Jetzt ziehen wir uns eine Halbe rein, dass es zischt. He, bleibt ihr noch da?" 

"Eigentlich muss ich heim", antwortete die Sindy vom Gemeindediener, bei denen sie alle Trachtler waren, "aber etwas kann ich noch bleiben."  Sie gingen in die Wirtsstube.


"Unsere Tanzerei ist ja überhaupt an etlichen Stellen bereits akrobatisch", stellte der Maier Martin vom Fiedlerhof fest, während die Wirtin mit den Getränken beschäftigt war. 

"Aber das ist gar nichts gegen den Rock 'n Roll", hielt der Kneißl Benedikt dagegen. Ben hießen sie ihn nur, und sein Vater war der Postbote. "Vielleicht fange ich mit Rock 'n Roll auch noch an, der kommt jetzt wieder. Die tollen Überschmisse da, wie sie die Mädchen durch die Luft schmeißen!"

"Geh zu, schmeißen! Du Knirps und Mädel schmeißen, da fliegst eher du!", lachte der Tommy.

Ben lachte mit – und klärte die anderen auf: "Da gibt es eine Technik, mit der es scheinbar leicht geht, so was Akrobatisches. Ein Akrobat bist du auch beim Platteln, wenn du da mit der flachen Hand auf die Schenkel schlagen musst und dann beim Springen die Schuhsohlen treffen musst, dass es auch wieder richtig patscht."

"Ein Juhu-Akrobat", rief  Walli, Sindy's Schwes­ter. 

"He, da kannst du ja bereits im Zirkus auftreten mit unserer Nummer – oder besser im Fernsehen. Da könnte man auch noch Kohle machen damit, die zahlen ein schönes Geld, wird immer gesagt!", fiel dem Andi ein. Das hatte gut geklungen, und sie schienen eine Weile darüber nachzudenken, während sie ihren Durst löschten. "Okay, jetzt hauen wir ab", sagte Tommy, "zahlen tut der Bärlapper Hans", rief er zur Wirtin, die gerade die Glä­ser von den Zechbrüdern vom Stammtisch räumte.

"Passt schon, das macht der ganz bestimmt gern", quittierte die, "grüß euch – und brav bleibn!", setzte sie hinzu.

Bärlapper kam aus dem Nebenraum, wo er noch aufgeräumt hatte, als sie weg waren.

"He, tun wir die Lederhosen runter?", hörte man von draußen den Andi fragen. Die anderen lachten: "Willst du was herzeigen?" Andi fuhr sie an: "Armleuchter seid ihr! Lasst mich ausreden: Fahren wir in die Stadt rein zur Disko?"

"Sollen sie ihren Spaß haben", dachte sich Bärlapper, als er auf dem Weg war, sein Wasser abzuschlagen. Er überlegte noch, ob er das Geschäft nicht an der frischen Luft draußen vor der Wirtschaft erledigen sollte. Das war zu so später Stunde eigentlich ganz üblich. Er entschied sich jedoch für die häusliche Art. 

Bald stand er an der Rinne hinter dem Mauervorsprung, der neben der Kabine war. "Wir werden", überlegte er sich, während er sein Geschäft erledigte, "beim nächstn Gauplatteln bereits antreten können. Einen Preis rausplatteln, das wäre ja prima. Wir kommen ins Heimatblatt, dass es alle wissen ..."

Da ging die Tür auf, und irgendwer schlurfte herein. Bärlapper sah zu, dass er fertig wurde, denn er hatte es nicht gern, wenn jemand beim Wasserlassen neben ihm stand und, wie es üblich war, zu ratschen anfing. Allerdings kam da niemand um die Ecke. Es war auch nichts mehr zu hören. 

"Vielleicht steht der Kerl irgendwo am Eingang", rätselte Bärlapper, "vielleicht steht der am Spiegel beim Waschbeckn. Wenn es überhaupt ein Mannsbild ist und nicht die Wirtin zum Putzen anfängt. Doch die Hände waschen tut eh keiner, denn man hat ja nichts Unrechtes angefasst bei seinem Geschäft, heißt es. Der war ja eh noch nicht beim Was­serlassen oder der hat es doch draußn gemacht und geht jetzt wegen was anderem rein. Vielleicht weil er sich einen Gummi ziehen will."

Bärlapper machte die Hosenklappe zu, verhielt sich ganz still und wartete ab.

In der Kabine neben Bärlapper rührte sich etwas. Er zuckte zusammen. "Was ist denn das? Das ist ja irgendwie komisch! Oder vielleicht geistert es hier von unseligen Stuhlgängern aus der Vergangenheit, blödelte er sich. – Du hättest es doch besser draußen gemacht." Er überlegte, was das für Geräusche gewesen sein konnten und meinte schließlich, dass der eine, den er vorhin hat reinkommen hören, vermutlich in die Kabine gegangen sei. 


Da hörte er wieder für diese Örtlichkeit untypische Geräusche aus der Kabine. Es war ihm jetzt, als hielten sich dort mehrere auf. Bärlapper verstand jetzt gar nichts mehr. "Vielleicht treiben es da welche. Sakra. Was hat der alte Pfarrer immer wieder mal in der Religion gesagt? 'Der Abort, das ist so ein Ort!', hat er so gesagt, dass es sich reimte, und dann hat er den Zeigefinger erhoben und mit dem sechsten Gebot angefangen: 'Früher, wo man bloß ein Bretterhäusel gehabt hat, wo bloß einer reingepasst hat und wo es gezogen hat durch alle Ritzen, durch die man auch schauen hat können, wenn es sein hat müssen, da ist das ungefährlicher gewesen und mit der Moral besser, weil sich keiner getraut hat, weil man ihn erwischt hätte bei der Unmoral. Aber heute, da ist der Abort ja gleich beheizt, und wo es warm ist', hatte er gepredigt, 'da lauert auch gleich der Satan schon mit der Sünde und der Verführung der Gotteskinder, die wir ja alle sind. Der Teufel stiehlt nämlich immer dem Herrgott seine Kinder!'" Hatten sie diese Predigt früher gelegentlich mit einem Schuss Humor versehen zitiert, so stand sie Bärlapper im Augenblick recht beunruhigend in der Erinnerung.

Bärlapper stand immer noch an der Rinne. Er drehte sich jetzt ganz vorsichtig um und blieb dann wie angewurzelt stehen. In dieser Haltung wollte er den Augenblick abwarten, wo er sich schnell und vor allem unerkannt verdrücken konnte. 

Es war jetzt zu hören, wie Wasser in das Becken plät scherte und im Ausguss gurgelnd verschwand. Ein verhaltenes Kichern aus der Kabine! Bärlapper zuckte zusammen. Er wagte aber dann doch einen kleinen, ganz vorsichtig gemachten Schritt nach vor­ne. Er wagte auch, ganz behutsam zwar, um die Ecke zu lugen – und fuhr sofort wieder zurück, schloss die Augen und dachte nach, ob das wahr sein konnte, was er da gesehen hatte: "Da steht doch der alte Oberlehrer!" Bärlapper holte tief Luft. "Ja, was macht denn der jetzt da – und überhaupt?", fragte er sich und wollte seinen Augen noch nicht getraut haben und lugte noch einmal hinter seiner Deckung hervor. "Was macht denn der da – und überhaupt jetzt um diese Zeit? Die Kerle sind doch vorhin alle weggegangen und der mit denen." Bärlapper sortierte noch einmal, was er eben erspäht hatte. "Das ist darf doch gar nicht möglich sein!", sagte er sich: "Der alte Gauner steht auf den Zehenspitzen am Waschbecken und schifft rein und glotzt bei der Sauerei in den Spiegel. Mit blöden großen Augen wie ein Ochs!"

"Das gibt es doch nicht!", durchfuhr es Bärlapper. "Doch gesehen hast du es mit eigenen Augen und gleichsehen tut es ihm auch! Der lässt doch nichts aus, keine Sauerei auch!" Bärlapper blieb allerdings keine Zeit mehr, sich weiter darüber aufzuregen. 

"Mei gud fäiß", hörte er den Alten wohl sein Konterfei im Spiegel anreden. 

Bärlapper griff sich ungläubig an den Kopf und riskierte noch einen Blick hinter der Ecke hervor. Er sah, wie der Alte sich jetzt mit beiden Händen auf das Waschbecken stützte. Er redete tatsächlich auf sein Spiegelbild ein: "My good face ..." 

"Der hat das jetzt irgendwie anders gesagt, aber es muss so was sein wie vorher", dachte sich Bärlapper – dass es auch eine Bedeutung haben musste, obwohl er es nicht verstand. 

Der Alte glotzte immer noch in den Spiegel und setzte nach: "Meine saubere Fresse, du!" Das schien ihm zu gefallen, denn er wiederholte es noch einige Male "meine saubere Fresse, du ..." 

Bärlapper hörte jetzt wieder etwas aus der Kabine, es war so ein Geräusch fast wie Kichern.

Gleich tönte es erneut vom Waschbecken her: "Weißt du noch, du alter Lump, wie du mit dem Bür­germeister immer in die Stadt bist? Du und der! Der eine wie der andere ein ganz feiner Herr, Schlipsträger. Herr, nach außen hin, zugegeben nur nach außen hin!" 

"Den Bürgermeister hat er doch nie leiden mögen", erinnerte sich Bärlapper. "Das hat die Mutter gesagt und die Leut auch, denn er hat es immer wieder alle wissen lassen. Mit dem will er in die Stadt gefahren sein? Wo er ihm – und der andere ihm auch – aus dem Weg gegangen ist, wenn es nur immer möglich war!"


"Diese Fahrt von ganz besonderer Art!", klang es. "Diese Fahrten. Wie wir immer zu der kleinen levantinischen Hure gegangen sind – uns geschlichen haben – zu einer, so einer, wie sonst keiner. Hinten hinein, und tausendmal umgeschaut, und feiger Hund zu später Stund, bei der Nacht so eine Sauerei gemacht. Die Sau rauslassen, das Tier in dir befreien! Und in der Brust, da gärte die Lust. Aus der tiefsten katholischen Provinz kommend und einmal – immer wieder – so richtig Mensch sein wollen, so einer, sollen, müssen. Wenn man überhaupt eine richtige Vorstellung haben kann vom richtigen Menschen und seinem Sein. Wir sind doch alle verfallen dem Schein in uns. Die Vorstellung vom Menschen, die ja nur die Spießer haben können in ihrer Aufgespießtheit auf dem Pfahl, auf den sie sich selber stecken zur lustvollen Qual auf den Pfahl. Ha, das ist der Mensch, auch das ist er: Der sapperlot fromme Bürgermeister und der sapperlot vorbildhafte Schulmeister – zwei getaufte Halunken – schnell sozusagen zwischen zwei Andachten in ein unheiliges Bordell, einen Puff, ein verdammtes Hurenhaus ..." 

"Ja, da schau her! Zwei solche Gauner, und jetzt hat der doch völlig durchgedreht!", war Bärlapper völlig baff und stand immer noch da wie angewurzelt.

"Geduftet hat diese kleine feine dralle Schnalle immer", ging die Vorstellung am Waschbecken weiter, "diese Rose von Schiras: schweres französisches Parfüm, unsäglicher Herkunft, und immer auch ein Hauch von Knoblauch, so eine Kombination, die Komposition war, parbleu ..."

Bärlapper schielte wieder hinter der Ecke vor – und fuhr gleich wieder zurück. "Ja, verreck, wann steckt der denn sein Ding endlich wieder in die Hose? Ja pfui Teufel, an das Waschbecken gehe ich nimmer hin zum Waschen, wo du eh nicht hingehst, aber jetzt schon gleich gar nimmer, wo der sein Gemächt reinhängt!" 

"Diese unerhört sinnliche Mischung. Ei, ei, ei! Mit  diesem Vollmond von Po gewackelt hat die Liebesdienerin in ihrer Duft-Erotik-Wolke. Wir Tölpel vom Lande! Sie: von Welt – und was für einer Welt: nicht gerade von dieser, aber auch gar nicht überirdisch, sondern verdammt irdisch, wo es sumpfig ist und morastig und zum Absaufen. Dieser unsägliche Duft auch, und diese unnachahmlich rollende Bewegung: die Sünde, kein Zweifel, das Laster kommt so daher – ach, was sage ich güllevernebelter Trottel vom Lande! – kommt daher, kommt ...! ... sie weht, haucht, säuselt ... ja, ja und so weiter ... sie macht dich an, sie macht sich an dich heran, die Freveltat, sie erfasst dich, nimmt dich ein und nimmt dich mit in die Hölle, die du in deiner Ver- und Entrücktheit sogar für den prallen Himmel hältst ..." 

Der Alte hatte sich wohl verausgabt, er legte eine Pause ein und schnaufte tief und hörbar. Bärlapper stand wie versteinert mit offenem Mund hinter der Ecke –  er war so baff, dass er gar nicht richtig zur Kenntnis nahm, wie es in der Kabine zuging.

"... dieser barock überbordende Arsch! ... und vorne seine riesige, die Verpackung zu sprengen drohende Tittenwucht ...", ging es mit dieser Orgie weiter, und die Stimme des Alten schwoll wieder an: "Immer schwipp, schwipp, schwipp, wenn sie einhertripp, -tippp, -tippelte. Ich empfinde, alles Sünde, ich empfinde, alles Sünde! Eine solche supermaximale Sinfonie in Harmonie der Leidenschaften, diese Auftritte mit jedem Schritt dieser aufreizenden Metze, eine einzige Hetze ..." 

"Das hat ...", Bärlapper stockten selbst die Gedanken, "... ja, das hat ja schier gar so geklungen, – ja, wie denn?" Bärlapper riskierte noch einen Blick um die Ecke und erblickte, den Alten, beide Hände in die Hüften gestützt, seinen Vortrag nachtänzeln. Bär­lapper sah es zwar nicht, da er den Alte nur von hinten – und auch nur für Sekunden – beobachtete, aber er nahm fest an, dass es ihm noch aus der Hose hing bei diesen Verrenkungen. "Der ist verrückt, und zwar total!", war Bärlapper überzeugt – und es flog ihn an, ob er da nicht helfen müsse. "Vielleicht muss man die mit den weißen Turnschuhen rufen, denn der gehört vielleicht weggesperrt in eine Gummizelle!" Als Bärlapper wieder hinter seiner Deckung hervor zum Spiegel hinüberschaute, zuckte er zusammen. Er riskierte aber den Blick gleich noch einmal. Tatsächlich! Da waren im Spiegel die Abbilder von drei Köpfen. Er wischte sich über die Augen und schaute erneut hin. "Ja spinne jetzt ich auch schon?", fragte er sich entsetzt. Noch mal den Blick riskiert: Es war tatsächlich so! Da waren drei Visagen in Kleinformat. Es sah aus wie im Kasperltheater. Über die Aborttür als Rampe warfen sie ihr Grinsen in den Raum – und der Spiegel fing es auf. "Das ist ja der Socher und die andern", war Bärlapper schockiert. "Die Kerle feixen und machen auch noch Faxen." 

Der Alte spülte sein Wasser im Becken weg. Er nahm schließlich einen kräftigen Schluck Wasser, ohne Rücksicht darauf, dass es ja rot aus der Leitung kam. Da war er auch bereits wieder bei seiner schlüpfrigen Erinnerungsarbeit: "Im dicken Auto vom dicken Bürgermeister in die Stadt zu dieser unvergleichlichen Person. Sich an ihr verschwägert, nota bene. Heidiwitzka! Aus der tiefsten Provinz kommend, wir sonderbaren Heiligen. Aus einem vom Himmel fest zugedeckten Landstrich hervorgeschlüpft und in die Unmoral hineingeschlüpft, versackt, versumpft im Sündenpfuhl!" Er nahm wieder einen Schluck. "Ich gehe jede Wette ein: Diese verfluchte Metze war innerlich kalt, eiskalt wie ein Stück Eis vom Nordpol", hat der Alte wieder angefangen. "Genau deswegen hat es dich so heiß gemacht ... Es sind eben die Unerreichbarkeiten, die uns so bewegen ..." Er fuchtelte mit den Armen herum. "Aus einem gottgesegneten Landstrich, wo sich die größten Halunken sogar noch aufs Überirdische berufen dürfen ... Das Antlitz rein und so weiter – all are good faces – ganz viele habn eine saubre Fresse hier! All are good faces!" Dann legte er wieder eine Pause ein und atmete schwer.

"Wie ein Ami", hörte Bärlapper ganz deutlich aus der Kabine. Er war zusammengezuckt: "Mensch, das muss doch auch der Alte hören! Wenn das auffliegt hier, der Blödsinn mit denen im Abort, Wahnsinn! Dann bin ich womöglich mit dran!"

"Good face", klang es vom Waschbecken her: "Was kann das wohl heißen? – Die Kleine hatte dich beim ersten Mal erkannt und richtig eingeschätzt. In meiner Umgebung hier ... diesem Hier, da lachen ja alle nur, wenn es sich richtig lohnt. Weil sich hier alles lohnen muss! Wenn es nur einen Wert hat, dann ist es auch recht und gleich rechtens und am Ende heilig obendrein ... Das Lachen ist selten genug, dieses Lachen hier. Es ist alles so gewachsen hier um dich herum. So geerbt alles, so immer schon da. Unser aller Lachen hier ist so echt wie dieser verdammte Goldzahn da, der zum Vorschein kommt, wenn du lachst – und der mit seiner furchtbaren Echtheit das ganze angefressene Dreckzeug darunter verdeckt, bis alles verreckt, dieses Kadaverige hier unter der feinen Oberfläche, der frommherzigen und was sonst noch alles. Dieses Klo, wo man immer nur den Deckel zu­macht und das Spülen vergisst. Ja, so echt ist das alles ..." 

"Abhauen und einfach durch und an dem vorbei!", überlegte Bärlapper. "Der ist ja so durchgeknallt, dass er es wohl gar nicht merkt!" Er wollte bereits starten – da ging es allerdings am Waschbecken wie­der weiter ...

"My English ... ", kam gepresst. "Mit dieser Kleinen hast du nur Englisch sprechen können – und der Bürgermeister, überhaupt nichts. Woher auch? Der hat nur Sekt gesoffen, zu Champagner umetikettiert – was haben wir immer Schädelweh gehabt am andern Tag! Hundertfuffzig Mark die Flasche! Der Bür­germeister hat immer nur ganz be­deu­tungs­voll zu allem gegrunzt. Der hat gesoffen, hingelangt, ge­grunzt. –  But my English – you know? – my English is very poor language ... Hörst du, Bürgermeister, mein Englisch ist eine sehr arme Sprache ... Ich habe mir jeden Satz, von den we­nigen, die ich von mir gegeben habe, auch zuerst zurechtlegen müssen. Mit meinem irre absolut win­di­gen Gefangenschafts-Zigarettenschnorr-Eng­lisch nach des Teufels tausendjährigem Reich. Mensch, wa­ren das auch geistig anstrengende Nächte im Puff. Allerdings war es die große Freiheit, das da, unsere Sauerei da in der Stadt ... Mit dem Vorwand, dort im Staatsarchiv alles für die Ortschronik zusammenkratzen zu müssen. Jahre lang, ohne dass wer von dieser neugierigen Bande hier dahintergekommen wäre. – Wo ist diese kleine lesbische levantinische Metze wohl abgeblieben? – Sei's drum! Wir immer zurück in unseren teuflischen Himmel, diesen da, dieses ganz ausgekochte Himmelchen da ..."

Der Alte seufzte tief und hielt sich wieder am Waschbecken fest. "Wo ist diese unzüchtige, bestimmt auf beiden Schultern tragende Fee? – Wo ist denn eigentlich diese heißersehnte Chronik des sauberen Ortes hier abgeblieben? Du hast doch den Auftrag vom Gemeinderat, und zwar immer noch, ha, ha, ha. Und du hast dir vorgenommen – gehabt ... Ach du meine Fresse, was hast du dir nicht alles vorgenommen ... – Zum Lachen, sie wollen doch nur, dass du dich zwischen Ritter Kunibert und ihrem bisschen Kirchenbarock hindurchzwängelst, um auf kürzestem Weg auf sie, diese einbetonierten Ortsansässigen, zu sprechen zu kommen. Habe die Ehre, Euer Wenigkeit, und ein Denkmal für al­le­zeit, euer Dürftigkeit! Diese Alteingesessenen im Ort müssten sich wiederfinden können in dem Geschreibsel. Voran dieser Bürgermeister – was hat mich der bekniet ... und lauter Bilder, wo er drauf ist, immer er: er in der Kirchenbank ganz vorne, er im Festzug voran ... – Aber wo ist meine unzüchtige Fee ..."

Er fing plötzlich an, ganz jämmerlich zu heulen. Übers Waschbecken gebeugt flennte er, mal laut, mal leise, wimmerte, plärrte er, und er schien am Ende sogar das Echo im Raum in sein Gejaule mit einzubeziehen – es schien sogar so, als wollte er auch das alles noch genießen, denn er lachte hinterher aus vollem Hals, dass er schließlich nach Luft jappen musste und man meinen konnte, er würde ersticken. 

Bärlapper war ratlos. "Wenn der jetzt verreckt, dann kommt der direkt in die Hölle mit seinem lasterhaften Geschwätz da. Der Teufel holt ihn gleich hier im Scheißhaus ab. Das ist ja total irr", war Bärlapper außer sich, "da könntest du ja gleich mitschreien, und der würde es gar nicht merken, so steckt der in seiner Schweinerei!" Wieder dachte er darüber nach, ob er sich nicht doch eilig an diesem Gauner vorbei davonmachen sollte. "Raus musst du hier so schnell wie nur möglich aus diesem Tollhaus und weg von dem Irren da!" Er hielt sich startbereit und wartete nur noch den geeigneten Augenblick ab. 

Der Alte schien tatsächlich zu Ende gekommen zu sein. Er spuckte ins Waschbecken, spülte ein wenig nach und wankte hinaus. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Bärlapper, der gerade wieder hinter der Ecke hervorspähte, war überzeugt, ein ganz gemeines Grinsen in den verwitterten Gesichtszügen des Alten ausgemacht zu haben. "Ja, so ein Mistkerl!", empörte er sich. "Da kriegst du dich ja nimmer. Wenn der einmal abkratzt, dann tut er es an der eigenen Bosheit."

Damit er jetzt weder draußen dem Alten, noch hier vor Ort den drei anderen zu begegnen brauchte, verschwand Bärlapper leise in der zweiten Kabine. "Vielleicht wissen die gar nicht, dass ich hier gewesen bin", hoffte er. Abwartend auf der zugedeckelten Schüssel hockend, hatte er das Geschäft in seinem Kopf zu erledigten, indem er die harten Zweifel nicht gleich loswerden konnte: "War das alles Wirklichkeit oder bin ich total durchgedreht oder der Alte oder die Kerle oder war da überhaupt was?" Er sprang nach kurzer Zeit auf, riss die Tür auf und ab ging es ins Freie. Er floh, ohne sich umzusehen. In einiger Entfernung fühlte er sich befreit. "Alles Theater!", beruhigte er sich bald. "Der alte Gauner zieht nur eine Schau ab – gegen die Langeweile. Und die anderen spielen da mit, weil es ihnen am Ende auch Zeitvertreib ist", entschuldigte er diese ganze Truppe. "So wahnsinnig kann ein normaler Mensch gar nicht sein, und die beiden alten Rindviecher sind doch nie zu solchen Horizontalen gegangen!", war sich Bärlapper beinahe sicher. "Ach, jetzt geht mir ein Licht auf! Der Alte hat seiner Bande diese Besuche bei dieser sonderbaren Madam vorgespielt, um den Verdacht zu übertünchen, dass er andersrum ist!" Er glaubte jetzt wieder an das Gute im Menschen und ging beschwingt heim.


 

 

5

 

Bärlapper kam von der Arbeit und setzte sich an den Tisch, um wie immer vor der Stallarbeit Brotzeit zu machen.

"Jetzt ist er hinüber, der Unterlassner", klagte die Mutter kaum vernehmbar und stellte Hans ein Haferl Suppe hin.

"Dann hat er's hinter sich", kam von Hans erst nur, während er Brot einbrockte. Dann begann er zu löffeln, den schweren Oberkörper auf beide Ellenbogen gestützt. "Eigentlich hat man ihn mögen", sagte er zwischendurch, "aber er ist etliche Jahre nur noch im Bett gelegen."

Als er fertig war, winkelte er den Arm an und stützte das Kinn auf die Faust, in der er den Löffel hielt. Er überlegte. "Wenn man das sieht, das mit den alten Leuten, die immer älter werden, heutzutage mit der Menge Medizin, die sie reinpumpen in die Halbleichen! Das möchte man sich selber nicht wünschen. Keiner hat es gesagt, aber einem jeden von seiner Familie ist der alte Unterlassner lästig gewesen. Der ist den ganzen Tag bloß dagelegen in seiner stinkenden Bettstatt und hat sich nicht rühren können. Ich möcht es nicht, wenn ich so fertig bin. Alles faulig. Am lebendigen Leib verfaulst du, Herrgott, ein Kreuz ist es. Ein jeder macht einen großen Bogen drum. Keiner will auch nur ein paar Worte mit einem sprechen. So was von überständig, wie einer wird auf die alten Tage." Hans schüttelte den Kopf. "Aber was erben wollen sie alle!", setzte er bissig nach. "Ein paar schöne Baugründe hat der Unterlassner freilich zurückgelassen neben dem Bauernsach."

"Man hört immer wieder, dass die Leut meinen, früher ist das besser gewesen mit den alten Leuten", sagte die Mutter. "Aber da waren nur mehr Leute im Haus. Aber dann sind halt mehr Leute an dem alten Menschen vorbeigegangen. Auf die Weise war sie ihm sogar lebendig, seine Umgebung. Doch liegen lassen und schnell vorbei mit einem bissel Geschwätz vielleicht. Außer, man hat dem alten Menschen noch eine Arbeit schaffen können, dass er einen Wert gehabt hat. Allerdings ist man eben schneller gestorben, da hat es nicht so viel Medizin gegeben und das sündteure Rumdoktern an den Leuten."

Als Hans den Rest der Brühe ausgeschlürft hatte, ging er zur steinernen Spüle und stellte seinen Scherben hinein. "Eigentlich musst du ja Angst haben", murmelte er vor sich hin, "wenn du an so einen denkst wie den Unterlassner, wie er so dahingesiecht ist."

"Hans, du gehst morgen doch mit zum Rosenkranz für ihn in die Kirche!", brachte die Mutter noch schnell an.

"Weiß nicht, ob ich morgen Zeit habe", wich Hans aus, "ist doch eh was für die Weiberleut. Aber den Sarg tragen und eingraben tu ich ihn gewiss. Weil es der Brauch ist von den Nachbarn. Da nehme ich mir sogar einen Urlaub. Da bin ich freilich dabei", redete er sich heraus und setzte noch drauf, "das ist ja dann auch eine von den sieben oder acht Werken der Barmherzigkeit, wie es in der Religion heißt."

"Wenigstens auf einen Rosenkranz musst du gehen", beharrte die Mutter, "das gehört sich! Wenigstens einen für den Nachbarn."

Hans machte sich in den Stall davon. Er erledigte die Arbeit heute etwas eiliger.

Nach einer Stunde erschien er dann wieder, zum Ausgehen hergerichtet, in der Küche.

"Soso, wird heute gar nicht Fernsehen geschaut?", fragte die Mutter. Sie hatte einen kurzen Blick auf ihn geworfen, als er hereingekommen war. Dann schnupperte sie ein wenig, als er, um sich das Brot aus dem Küchenkasten zu holen, an ihr vorbeiging. 

"Anders angezogen als sonst am Abend", bemerkte die Mutter, "ein wenig anders auch als sonst, wenn er im Dorf was zu tun hat. Und die neue Hose, Blautschienz heißt er sie, die er gekauft hat, ganz allein und in der Stadt. Ganz allein wird er es ja nicht gekauft haben, denn das hat er noch nie gemacht. Na ja."

Sogar rasiert war Hans, und er strömte tatsächlich einen eigenartigen Geruch aus.

"Das ist das aus der kleinen Flasche neben dem Rasierer", wusste die Mutter, "das fast so wie der Waldmeister hinterm Haus riecht."

"Nein, kein Fernsehen, keine Zeit heute", antwortete er nach einer Weile, während er noch das Hemd zuknöpfte. 

"In die Stadt?", wollte die Mutter wissen – oder sie stellte es fragend fest, denn sie kannte das ja. Hans fuhr am Donnerstag immer nach dem Abendessen in die nahe Kreisstadt. Bereits ein Jahr ging das so. 

Hans stand am Tisch, würgte die Bissen hinunter und blätterte dabei in der Zeitung. Die Mutter schaute ihm von ihrem Platz am Ofen aus zu, wie sie es immer tat. Auch jetzt überkam sie dabei die Sorge, er könne sich verschlucken. Sie wusste zwar, dass es dumm sei, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Aber es gelang ihr auch heute nicht ganz, dieses Gefühl zu unterdrücken. "Wenn du Mutter bist, dann bist es deiner Lebtag lang!", war sie überzeugt.

"Eigentlich muss er ja mal was sagen, wo er immer hinfährt", versuchte sie sich abzulenken. "Wie viel", überlegte sie, "muss einem denn ein Kind – mein Gott, der Hansl ist doch ein ausgewachsenes Mannsbild! Was muss einem alles gesagt werden von den Jungen? Da müsste man den Pfarrer Bahtiar fragen, irgendwann. – Ja so, der ist ja gar nicht von hier und ein junger Inder, ein ganz netter, immer freundlich, und hört immer zu, aber ..., mei! Und in der Messe bei der Wandlung macht der Hans auch kein Kreuzzeichen nimmer – da muss ich den Pfarrer auch fragen, ob das seine Richtigkeit haben kann. Auf so was wird der junge Inder doch antworten können. Heutzutage, nach dem dicken Johannes-Papst machen sie ja in der Kirche eh so viel anders als früher. Auch wenn es die heiligen Herren in Rom drunten danach wieder etwas gerichtet haben. Wie es immer war und auch lateinisch, was niemand versteht, was einen allerdings auch nicht stört. Oder gerade darum!"

Sie dachte zurück, wie es in jungen Jahren bei ihr war. "Da hat es nicht viel zu reden gegeben. Was getan werden hat müssen, das ist immer von den Eltern bestimmt worden – und das andere hat man halt heimlich gemacht ...

Wer hat sich getraut, dem Vater zu widersprechen und der Mutter. Da hat es eh nie viel zu reden gegeben – oder wie sie heute sagen, diskutieren, wie sie sagen, wenn sie so durcheinanderreden? – Sagen könnte er ja doch mal etwas, der Hans, trotzdem wir zu unserer Zeit auch nie was gesagt haben. Heute reden sie mehr, behaupten sie – aber sagen tun sie eigentlich nicht viel. Die Liesl-Tochter ist auch einfach eines Tags dahergekommen mit ihrem Soldaten – und in der Hoffnung dazu. Was kannst du da machen? – Hauptsache ist immer noch, es geht dem Hansl gut und dass er gesund ist. Dafür ist zu sorgen, dafür  bin ich da und für das Sachl und die Kühe. Aber irgendwann eben eine andere, wie es sich gehört, wie es halt so ist, wenn alles seine Richtigkeit hat." 

Er stand noch da und wechselte von einem Bein auf das andere. "Warum setzt du dich denn nicht?", wollte die Mutter wissen. Sie erhielt jedoch keine Antwort.

"Es ist ja so", war sie wieder bei ihren Gedanken, während der Sohn sich stehend noch ein Brot bestrich und hastig einen Bissen nach dem anderen hinunterwürgte. "Als ein Weiberleut wird man halt eher überständig. Immer weniger versucht es mal einer noch. – Was haben die Lackel einem immer keine Ruhe gelassen! Irgendwann ist auch bei einem Kerl die Zeit rum. Jetzt ist der Hans ja lang über die Dreißig. Da schaut einer dann zu genau hin. Da ist dann die Narretei weg, die alles übersieht. Mangel hat er keinen, der Hans. Ein richtiges Mannsbild ist er, wie sein Vater eines gewesen ist, Gott hab ihn selig. Gerade gewachsen ist der Hans, arbeitsam und ehrlich, ein wenig fromm sogar, auch wenn er das Kreuzzeichen nicht macht. Und er säuft und raucht nicht. Was will eine da noch mehr? Warum der keine Richtige findet?" 

Hans hatte sein Brot aufgegessen, nahm noch einen Schluck Milch und wollte gerade gehen.

"Da ist wieder ein Haufen altes Zeug hinterm Schuppen", versuchte ihn die Mutter noch ein wenig zu halten, als sie sah, dass er abziehen wollte: "Altes Eisen, die Ölkanister und so was. Du musst morgen den Krempel in den oberen Weiher schmeißen."

"Nein, das machen wir nimmer, Mutter", ging er darauf ein. "Den Weiher lasse ich wieder ausbaggern und setze Fisch rein. Weißt du, Forellen. Karpfen vielleicht auch, wenn für die Forellen das Wasser zu warm ist."

"Um Gotts willen", fuhr die Mutter auf, "da haben wir doch immer alles reingeschmissen, der Vater bereits!" Sie überlegte: "Mein altes Fahrrad muss drin liegen, jede Menge Blechkanister, Flaschen und was nicht noch alles. Ja, der Vater hat den alten Stacheldraht von den Zäunen im Weiher versenkt! Denn das nasse Loch hat zuwerden sollen und einplaniert. Wenn man dann eingesät hätte, hätten wir auch ein paar Schüppel Gras zum Mähen gehabt." Sie schüttelte den Kopf: "Ja was, das ganze Zeug willst du rausholen, wo der Weiher beinahe zu ist?"

"Also, das lasse ich alles rauskoffern oder mach es selber. Mit einem Bagger ist das nicht schwer, den leihe ich mir irgendwann am Samstag vom Bau­michl, wenn ihn der gerade nicht braucht. Dann fahre ich es in die alte Kiesgrube zu den Russen. Denn weißt du, jetzt geht es noch. Denn bereits reden sie darüber, die von der Politik, dass man nichts mehr reinwerfen darf in die Grube und zahlen muss, wenn man seinen Abfall weghaben will."

"So, so, das auch noch. Aber dass die Russen von da unten da drinnen rumwühlen in unserem Zeug. Das ist mir gar nicht recht, denn das braucht keiner wissen, was wir alles wegtun! Zum Schluss meinen die noch, wir haben einen Haufen Geld."

Hans musste lachen. "Wird doch nichts Unrechtes drin sein, was niemand sehen dürfte, in unserem alten Zeug. Die Russen sammeln doch eh bloß Alteisen oder was eben noch zum Verkaufen geht."

"Man glaubt es ja gar nicht", wunderte sich die Mutter, "unsereiner muss sich abrackern, und die leben von dem, was die Leute alles wegschmeißen. Man möcht es nicht glauben. Die Leute schmeißen immer mehr in die Müllgrube. Und das ist ja gar nicht immer was, was nichts mehr taugt, was die Leute wegschmeißen, heutzutage. Ein Haufen gute Sachen, die vielleicht nur nicht mehr so gut aussehen oder in der Mode sind."

"Also, ich verzieh jetzt", beendete Hans das Gespräch. "Zur Resi", ergänzte die Mutter – als er bereits draußen war. Dann hörte sie, dass er den Traktor angelassen hatte.

"Die Müllgrubenrussen, das sind so Leute. Ein richtiges Gesindel ist das", dachte die alte Bäuerin. "Ein Pack, ein versoffenes und was die noch alles treiben da in ihrem Dreck und bei dem Ungeziefer. Grausen möchte es einen. Im Sommer immer die Schmeißfliegen, ganze Schwärme von Schmeißfliegen auf den Müllbergen. Der größte Dreck kommt aus der Stadt – immer schon – und die Leute ..." 

Sie holte sich den Rosenkranz und wickelte ihn um ihre linke Hand. Dann arbeitete sie weiter an ihrem Flickzeug.

"Warum gerade ein Stadtmensch für den Hans?", fragte sie sich, nachdem sie ein Ave gebetet hatte. "Gibt es hier nicht genug Mädel in unserem Dorf. Auch solche, die nicht gerade von einem Hof kommen, wenn es schon eine solche sein muss. Auch wenn man es nicht verstehen kann. Auch wenn die Liesl mit dem Soldaten in die Stadt geheiratet hat. Da sind doch ums alte Dorf immer mehr Häusl gewachsen mit Mädel drin. Auch wenn es nicht Bauernmädel sind. Immerhin vom Dorf, von denen man halt mehr weiß, ob sie sauber sind – noch – und am Sonntag in die Kirche gehen. Weil sie nun mal von hier sind und man weiß, was sie so treiben. Wenn sie in die Kirche gehen, dann sind sie ja keine ganz so schlechten Menschen, das hat heute noch seine Richtigkeit. Auch wenn die Bau­ernmädel heute auch lieber irgendwas in der Stadt machen und nimmer arbeiten mögen. 

Auch die Leute, die da herzgeogen sind mit der Zeit?"  Sie ließ die Frage offen und betete wieder.

"Eigentlich sind die Nachbarn alle miteinander schuld. Die Bauern, die einen Baugrund hergegeben haben. Die Nachbarn haben ihre sündteuren Maschinen mit dem Baugrund bezahlt. Allerdings durch uns hat keiner einen Baugrund! Keine Handbreit Boden! Von uns nicht! So viel Geld trägt der Hans immer noch heim, dass es für die Maschinen und alles reicht. – Da ist sowieso nichts Gescheites hergezogen. Etliche Leute, die hier nur schlafen und rumhocken, wenn sie frei haben ... Viel frei haben sie, nichts zu tun und einen Haufen Geld. Freilich, ob eine von denen grad richtig wäre für den Hans – und das Vieh?  Eine, die Frisörfinger hat oder Bürohände."

 

Bärlapper hatte währenddessen seine Fahrt beim Wirt kurz unterbrochen und war vom Traktor gestiegen. Er war unten stehen geblieben und hatte mit dem Schuh gegen den Reifen geklopft, so als ob er ihn prüfen wollte. Dabei hatte er aufmerksam umhergeschaut, um festzustellen, ob ihn jemand beobachtete. 

 

Die alte Bäuerin genoss eine Zeit lang das von ihr gefällte Urteil und die bereits vollzogene Hinrichtung der Unmoral und der sonstigen Unartigkeiten. Sie führte die blitzende Nadel mit ihren rauen Fingern behände durch den verschlissenen Stoff. Sie nähte einen großen Flicken in den Ärmel der blauen Arbeitsjacke von Hans und betete ein Ave nach dem anderen. 

 

"So, gehst du zum Bier?", wollte der Nachbar im Vorbeigehen wissen.

Bärlapper zuckte zusammen. "Das ist das schlechte Gewissen", kam ihm. – "Nein, das gerade nicht!", rief Bärlapper angestrengt lachend. "Ich muss dem Wirt was sagen wegen den Trachtlern, da brauche ich nämlich den Saal." 

"So, so, macht ihr wieder was", bemerkte der Nach­bar nur und ging weiter.

Bärlapper drückte sich beim Hintereingang in die Wirtschaft. Auch dort schaute er sich ein paar Mal aufmerksam um, weil er gerade hier sicher sein wollte, dass er bestimmt alleine war. "Das muss keiner wissen. Im Dorf wissen sie eh immer zu viel von dem, was sie nichts angeht." Er holte die Silbermünzen aus der Hosentasche, fingerte sie aufgeregt in den Schlitz am Automaten, schaute noch mal herum und lauschte – und zog sich ein Päckchen Gummis. 

Den Rückweg trat er eilig, aber mit Besitzerstolz und wiederhergestellter innerer Ruhe an. Jetzt schaute er lässig umher, hatte das Päckchen in der Hosentasche und grabschte danach, tastete es von allen Seiten ab, fuhr die Kanten entlang. Er bebte schier vor Freude, während er zum Führerhaus emporkletterte, steckte den Schlüssel in den Schlitz, brachte sein Gefährt auf Touren ... Als er seine Tastübungen während der Fahrt noch einmal aufnahm, fiel ihm wieder diese Geschichte über den Pfarrer ein: "Wie der Hochwürden sich aufgeführt hatte. Wie der vor etlichen Jahren aus heiligem Zorn, wie er es nannte, gegen die Unmoral und den Blechkasten im Abort gekämpft hatte. Der Kasten, der immer die Sündengummi auswirft, wenn man seine Silberlinge, wie es bei ihm hieß, reingeworfen hat – die eigentlich ins Sammelsäckel in der Kirche gehörten. Mit seinem Gehstock, dem Hackl­stecken, hat der Pfarrer auf das in seinen Augen Teufelswerk eingeschlagen. Er wollte ein Zeichen gegen den sittlichen Verfall setzen, verkündete er. Hat es auch von der Kanzel runter gedonnert, dass man den Kopf eingezogen hat – bis auf die alten Weiber, die rumgeschaut haben, wer da den Kopf am ärgsten eingezogen hat. Der Pfarrer hasste ja den blechernen Kasten, dem sein Inhalt zur ungehemmten Fleischeslust anregte, wie er behauptet hat, obwohl er das ja eigentlich gar nicht hat wissen können! Den Blechkasten hat er runterschlagen wollen und möglichst samt Inhalt vernichten. In den Staub mit der Verderbnis!" – die Bärlapper jetzt in der Hose fühlte. Aber mehr als ein paar Beulen, die heute noch zu sehen waren, hatte der Pfarrer dieser Lustbox nicht zufügen können, geschweige denn, dass er es geschafft hätte, das Ding aus seiner soliden Verdübelung zu bringen. 

Bärlapper musste jedes Mal, wenn er sich ein Päck­chen zog, daran denken. Dabei merkte er, dass es ihm doch irgendwie am Gewissen packte. Da ging es ihm im Kopf herum, gelegentlich wieder zur Beichte zu müssen – was allerdings beim neuen Pfarrer aus Indien nicht mehr ganz so unangenehm wäre. "Der alte hatte einen im Beichtstuhl auch den Marsch geblasen, wenn das sechste Gebot dran war und das mit den Gummis rausmusste. Wo es doch ohne Gummi schon für einen Rüffel gelangt hätte, ohne verheiratet zu sein", erinnerte sich Bärlapper. "Wenn es damals laut geworden ist im Beichtstuhl, dann hat die Schlange der wartenden Sünder drau­ßen immer genau gewusst, um was es da gegangen ist. Gerade da, beim sechsten Gebot nämlich, ist er immer so eingestiegen, der harsche Gottesmann. Warum eben da? Das war für etliche dann gleich ein wenig Fegfeuer. Nämlich wenn sie als zwar los­ge­sprochener Sünder, aber mit knallrotem Kopf und dem Auftrag, zur Buße einen Rosenkranz zu beten, wieder rausgekommen sind und an den anderen vorbei haben müssen und die sich die Häme verkneifen mussten. Um dann selber diese Abreibung zu kriegen."

 

Zu später Stunde erschreckte die alte Bäuerin eine Erinnerung: "Du lieber Himmel, diese Resi ist ja auch ein Stadtmensch – Bedienung sei sie, und her­gezeigt hat er sie auch noch nie! Was wird denn das für eine sein. Vielleicht ist sie ein wenig nicht so gesund, hat einen Buckel oder einen zu kurzen Fuß? Dass er sie nicht herzeigt. So eine will dann eine Bäuerin werden. Da muss eine doch gut beieinander sein, dass sie die schwere Arbeit packt und das Kinderkriegen und das alles! Hatte der Pfarrer seinerzeit eh immer wieder mal gefragt in der Beichte, warum wir bloß zwei Kinder haben. Ob da nicht mehr hätten kommen müssen. Oder ob wir die Ehe missbrauchten – zur Lust – oh mei ..." Und sie stürzte sich damit wieder auf ein Gesetz vom Ro­senkranz, "... vergib uns unsere Schuld ..."

Sie saß dann noch für den Rest dieses Abends Schicksal ergeben, von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd und in der Erinnerung, die sie manchmal sogar rich­tig heimsuchte, tief seufzend, bei ihrer Flickarbeit. Es mochte auf elf Uhr zugehen, als sie das Arbeitsgewand vom Sohn in Ordnung gebracht hat­te: Ein Flicken am linken Arm, etwa handtellergroß, war einzusetzen gewesen, ein ebensolcher am Gesäß, und je ein Knopf an Bund und Hosenschlitz hatte befestigt werden müssen. Sie schaute ihr Werk am Ende noch kritisch, jedoch nicht unzufrieden an, plante noch, demnächst am Hinterteil einen Zwickel einzusetzen. Weil ihr Hans offenbar, allerdings zu ihrer Freude einen Jahresring um den Bauch zugelegt haben mochte, was ihm deshalb immer den Knopf aufsprengte. Mit der, jedenfalls im Augenblick unbeantwortbaren Frage, ob eine Jun­ge das alles überhaupt noch schaffen wollte, erhob sie sich. Sie legte ein Kissen auf den Boden und verrichtete kniend ihr Nachtgebet unter dem Herr­gottswinkel. Eine geweihte Kerze, die ihren Platz auf dem Fernsehgerät hatte, flackerte dazu und ließ den Korpus am Kreuz für Sekunden direkt lebendig erscheinen. In ihre frommen Gedanken schloss sie neben dem verstorbenen Mann auch den toten Nachbar, den gerade verreisten Sohn, die mit ihrer Familie in einer norddeutschen Stadt lebende Tochter und alle lebenden und toten Lieben ein. Am Ende vergab sie ihren – vermutlich gar nicht vor­handenen – Feinden, um sich die Vergebung für ihre – vermutlich auch nicht vorhandenen – Sünden einzuhandeln. Darauf ging sie über die schmale Stiege, die unter jedem Tritt knarrte, zu ihrer Kam­mer.

 

Resi, mit Berufsnamen, eigentlich Michaela, Michi, wie sie Hans nannte, wartete bereits auf ihren Hans mit Tee und Gebäck bei Kerzenschein, dem auch ein geheimnisvoller Duft entströmte. Dieses Arrangement war fester Bestandteil einer Übung, die sie das ganze Jahr und nicht nur zurzeit der, wie eben jetzt, kürzer werdenden Tage pflegte. Bei ihrem Hans machte es auch noch viel mehr Spaß als bei ihren verflossenen Herzbuben, die sich, sonderbarerweise der eine wie der andere, durch Unpünktlichkeit ausgezeichnet hatten. Michaelas Kerzen waren dann meist heruntergebrannt und der Tee hatte Blumen bekommen, wenn der Kerl endlich aufgetaucht war. Sie vertrat die Auffassung bereits mit Prinzipientreue, dass man auch und vielleicht gerade in Herzensdingen immer unter dem Einsatz von gewissen, wenn auch schlichten Ritualen, wie den ihren zum Beispiel, vorzugehen habe. Das sei zu wichtig und dürfe nicht schnöder Alltag werden, was da um die Liebe herum alles abläuft, bildete sie sich ein. Aber jetzt, mit ihrem Hans, gab es da keine Schwierigkeiten, denn der war pünktlich, und sie könnte sogar die Uhr nach ihm stellen, sagte sich Michaela gern und auch mit Stolz. Wenn sie ihn hin und wieder deswegen lobte, erhielt sie nur zur Antwort, dass er ja bei seinen Kühen auch pünktlich sein müsse, weil er sich da beim Melken leichter tue, "denn weißt du, die haben auch so was wie eine innere Uhr, da geben sie dann die Milch leichter her." Das fand Michaela toll, wenn er so etwas aus der Natur der Natur daherbrachte.

Da stand er heute auch bereits vor der Tür. 

Sie schlürften nach dem Begrüßungshallo zunächst schweigend  Tee und genossen die Atmosphäre, die schiere Freude des Beisammenseins. Sein Wohl­ge­fühl steigerte sich zunehmend. Er vermutete, dass die vorhin hastig trocken hinuntergewürgten Brotbrocken in seinem Magen jetzt dank des Tees aufquollen, weil es ihm so satt zu Mute wurde. Da wagte er sich aus dieser Sicherheit seiner Existenz heraus auch an eine etwas heikle Angelegenheit, und zwar um eine so überaus ungewisse Sache wie die Zukunft. Er hatte ja die Mutter immer ziemlich gut verstanden, wenn sie am Donnerstag stets etwas sorgenvoll hinter ihm her schwieg. "Magst du nicht ...?", begann er und holte noch mal Luft, "... magst du nicht meine Bäuerin werden?", stieß er seinen Antrag geradezu aus.

"Bäuerin!", war von Michaela nur – und obendrein fast wie ein Klagelaut zu vernehmen. Damit diese völlig offene, nämlich viel und auch wieder nichts sagende Äußerung nicht etwa von ihm als gegen sich oder gar den ganzen Berufsstand der Bauern gerichtet von ihm gedeutet würde, rückte sie näher zu ihm hin und begann, ihn zu streicheln und zu herzen. Das blieb nicht ohne Antwort, ja, es schien sogar auf ein heftiges Verlangen gestoßen zu sein ...

 

Oben angekommen, nahm die alte Bäuerin ihr abgegriffenes Gebetbuch aus dem Nachttisch. Sie blätterte darin, während sie sich auf den Bettrand setzte, und sie war durchaus bereit, eine weitere Gebetsübung zu vollführen. Eine Menge Heiligenbilder kamen zum Vorschein, Madonnen zumeist und in allen Posen der Seligkeit. Auch eine Anzahl Sterbebilder waren da: "Selig, die haben es hinter sich!", murmelte sie, und es liefen mit jedem Gedenkbild, das sie zur Hand nahm, so etwas wie kleine Filme der Lebensläufe der Verblichenen vor ihrem inneren Auge ab. Dann stieß sie auf ein vergilbtes Papier, das handbeschrieben war. "Mein Gott, die Schrift vom Mann." Ja, deswegen hatte sie es aufgehoben, aber eigentlich nur deswegen, denn gelesen hatte sie es noch nie so richtig, sondern nur mal überflogen. Sie wusste nur, dass es damals – "... du lieber Himmel, wann war das denn?" Sie kam nicht drauf. Der Mann hatte nur gesagt, als er vom Trachtenverein heimgekommen war, damals eben, dass man es ihnen angesagt hatte, so wie in der Schule der Lehrer beim Diktat, und sie hatten es schreiben müssen. "Das ist vom Kiem Pauli verfasst worden, und vielleicht so in den fünf­ziger Jahren. Der Mann hatte es über den Schellkönig gelobt, was der Kiem Pauli da geschrieben hatte: Das soll unser Hans auch wissen – irgendwann einmal, wenn er so was wissen muss ..." Jetzt ging sie doch daran, sich das Werk dieses Kiem Pauli vorzunehmen. Den hatte sie noch gut in Erinnerung als so etwas wie einen Apostel der echten Volksmusik und als einen nimmermüden Kämpfer für die Tradition in einer Zeit des immer schnelleren Verfalls der Bräuche. Vor allem der guten Sitten. Sie begann, die Schrift ihres Mannes zu entziffern:

"'Durch verschiedene Umstände wird die Bodenständigkeit unserer bäuerlichen Jugend und das Festhalten an alten Überlieferungen immer mehr untergraben ...' 

Anstrengen musst du dich richtig, merkte die alte Bäuerin. Denn so schön hat der Mann auch wieder nicht geschrieben. Mannsbilder halt!" Sie nahm die Brille ab und putzte sie mit der Schürze. "Er hat auch noch mit dem Tintenstift geschrieben, den man dauernd abschlecken hat müssen, damit es wie Tinte aussieht ... 'Da und dort gibt es auch schon auf den Bauerndörfern Lokale, die in ihre bäuerliche Umgebung gar nicht passen, weder in der Aufmachung noch in ihren Besuchern. Bei Jazzmusik und modernem Tanz feiern dann der Wein und der Schnaps seine Triumphe. So lange man in solchen Lokalen nur Allerweltsmenschen sieht, wäre unsere Besorgnis nicht so groß. Aber man muss leider feststellen, dass auch ein Teil unserer Landjugend solche Lokale aufsucht. Dort tanzt dann der Bauernbursch mit einer frisch gestrichenen Fee oder das Bauernmädel mit einem halbeleganten Schnigerl, der seiner Lebtag sich noch keinen Pfennig mit harter Arbeit verdient hat.

Unsere Jugend glaubt, fortschrittlich zu sein, wenn sie so ein Leben mitmacht, merkt aber nicht, dass das der Anfang vom Ende ist. Was kann schon aus so einem Burschen für ein Bauer werden? Und aus so einem entwurzelten Bauernmädel für eine Bäuerin? Ein gesunder Bauernstand erlaubt so eine Entartung nicht ...'

Recht hat er, der Kiem Pauli", redete die alte Bäuerin laut vor sich hin. Sie beschloss, weil ihrer Meinung nach alles, was dieser gute Mensch von sich gegeben hatte, durch und durch echt war und also stimmte, sich einen Teil zu schenken und den Text nur noch zu überfliegen – soweit das eben die Handschrift vom Seligen zuließ:

"'... Fast alle Tänze der Naturvölker sind schön, ganz gleich, ob russisch oder spanisch, ungarisch oder ein Negertanz ...'"

"In Afrika drunten", ergänzte sie und las weiter: 

"'Aber Jazz ist ein entarteter Negertanz! ...'"

"Den hat der Ami nach dem Krieg mitgebracht", wusste sie noch, "Jatz, sprechen es heute noch die Alten aus, fast, wie es halt geschrieben wird. Der Hans spricht es aber ganz komisch Tschäß oder so – wenn er es denn überhaupt mal daherbringt". Dann las sie doch wieder genauer: 

"'Ein Volk, das seine Kultur aufgibt, gibt sich selbst auf! ...

Aber unser Bauernstand muss zu seinen Überlieferungen stehen! Er ist das Mark des Volkes. Wir haben so viele schöne Tänze ... In der Kleidung ist es genauso: Die Welt huldigt heute der Gleichmacherei, die uns noch das ganze Dasein versauert. Wir wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt, dass unsere bäuerliche Jugend sich schlicht kleidet, dass sie unsere alten, schönen Volkslieder singt und auf Brauch und Sitte achtet. Sonst kann es noch so weit kommen, dass der Bauer seiner Bäuerin im Stall draußen den Jazz einstudiert und der Knecht mit der Baumsäge die Musik dazu macht! ...'"

Die alte Bäuerin lachte: "Ja mir gehst! Das wäre ja lustig!  '... Ist es nicht zum Weinen, wenn ein Bauernmädel mit seidenen Strümpfen und Russenstieferl einherläuft ... 

... heimatliche Tracht ... Ehrenkleid unserer Landbevölkerung ...

Und kein gesund denkender Bauernbursch wird ei­ne heiraten, die von der Bauernarbeit nichts versteht und womöglich jeden Abend ins Kino läuft ...'

Ja mei! Das muss der Hans lesen! Genau das! Ja, das ist ja gleich ein Vermächtnis vom Vater, selig!

Der hat das kommen sehen! Schlau ist er halt gewesen."

Mit diesem guten Gefühl einerseits und dem Vorsatz von vorhin, das Vermächtnis dem Hans zu zeigen, legte sich die alte Bäuerin schlafen. ((Der Text der Volkstums-Ikone Kiem Pauli befand sich in einem Lesebuch für landwirtschaftliche Schüler noch in den 60er Jahren))

 

Nach geraumer und recht vergnüglicher Zeit erhob sich Michaela und sammelte die Klamotten zusam­men. Sie warf Hans die Bluejeans zu und mach­te auch sonst wieder Ordnung. Sie fragte so nebenbei, während sie sich bückte, warum er denn gerade auf eine wie sie abgefahren sei, wenn er denn so unbedingt seine Bauernklitsche erhalten und sich schinden und plagen wolle. 

Da verklärte sich sein Blick geradezu, und er begann zu schwärmen, dass er eigentlich immer – sie solle das nicht falsch verstehen – auf Mädel aus der Stadt gesponnen habe. Da sei er stets in seinen Tagträumen mit dem Motorrad durch die Stadt gerauscht, nein, gedonnert und geknallt, "dass es von den hohen Wänden der Häuser zurückgekommen ist wie im Gebirge das Echo ... So ganz schwere Maschinen, nicht unter tausend Kubik, heiße Öfen", die er da in seinem Kopf geführt habe – und das hat gekracht da, – "klar, ganz echt, in meinem Schädel, dass die Leute sich umgedreht haben und die Mädel natürlich – ganz besonders die ... und dass es die Zündkerzen hinten hinausgehauen hat schier, vor lauter Fehlzündung – lauter so irres Zeug, wie es die Buben nun mal in der Birne haben ... Aber Stadtmädel habe ich schon immer ..."

"Du immer mit deinem 'das habe ich schon immer'", klang es etwas heftig vom Badezimmer her. "Und überhaupt mit deinen komischen Flaschen auch in der Brauerei, die du auch schon immer ...", sie zögerte einen Augenblick, "... geliebt hast – oder diese stumpfsinnige Arbeit. Warum machst du denn eigentlich nichts anderes?" Sie schien es sofort bereut zu haben, denn sie lenkte ab: "Bist du heute wieder mit deinem Bulldog, ach Verzeihung, mit deiner Agrarlimousine da?"

"Ein Fendt, Michi, vier Zylinder, Kabine und mit ei­ner Hydraulik", klang es stolz zurück. "Den habe ich weiter draußen abgestellt", fuhr er fort. "Die Polizei mag das nicht so, wenn wir mit so was privat in die Stadt fahren. Nicht so wegen dem Lärm, denn die Maschinen sind heutzutage ganz leise, wassergekühlt, verstehst du? Sondern wegen der Steuervergünstigung, die wir Bauern kriegen."

"Ich glaube, ihr Bauern seid alle Bulldog-Narren", schimpfte sie. "Ich würde ja ganz genau rechnen, ob sich das Maschinenzeug rechnet, das sage ich dir, wenn ich mal ..." 

"Ja?", versuchte er, sie bei ihrem ausgebremsten Versprecher zu packen. 

Sie ließ sich allerdings nicht darauf ein, sondern suchte in der Kommode herum. 

"Ja?", versuchte er es noch mal. "Dann komme doch mit mir nach Hause. Da kannst du das ja alles ausrechnen und wir hausen miteinander, wenn du meine Hauserin wirst, wie es früher geheißen hat!"

"Was tust du denn da auf deinem Dorf?", fragte sie in einem beinahe herausfordernden Ton und setzte hinzu: "Geh doch in die Stadt – und überhaupt: ma­che doch was aus dir, dumm bist du doch nicht!"

"Ach weißt du", kam von Hans nachdenklich, "in meinem Dorf bin ich halt daheim. Also, verstehst du, das ist Heimat ... Heimat", wiederholte er – kam aber damit nicht gleich weiter. "Heimat", prüfte er den Klang und war fast überrascht, dass ihm aus dem schlichten Daheim so etwas Großes wie Heimat geworden ist. Er wartete kurz, dann versuchte er es so: "Also, in der Stadt hier, nicht noch weiter weg, da ist ja auch Heimat, irgendwie. Also, das ja, aber so richtig ist das nur bei mir daheim, also in Ritzling. Jedenfalls für mich."

"Gewohnheitssache!", warf Michi trocken ein.

"Ich weiß nicht", zweifelte Hans und setzte wieder an: "Weißt du, hier ist ja auch Heimat, da spricht sie meine Sprache, du weißt ja, wie ich das meine. Aber so richtig Heimat ist für mich nur in Ritzling, denn da braucht man mich." Er war jetzt überrascht: "Ja, gerade das ist es! Da brauchen sie mich und ich brauche die anderen dort." Er redete jetzt richtig auf Michi ein: "Weißt du, da bist du wie ein Rad in einem Uhrwerk. – Sakra, Uhrwerk!" Der Vergleich gefiel ihm. "Doch auch wenn du einmal nicht rundläufst als so ein kleines Rad, da steht aber daheim nicht gleich alles still ... Das ist ja das Wunder! Heimat! Anders als in einem Uhrwerk, das eine Maschine ist und wo alles gleich stillsteht, wenn auch nur das kleinste Rad spinnt. In der Heimat, da geht alles seinen Gang, auch wenn da mal was nicht ganz rundläuft. Und überhaupt: In Ritzling, da verstehe ich alles, das ist wichtig. Ja, und das reicht, glaub ich, denn wenn wer an was glaubt, der fragt ja nicht ..."

"Aha", bemerkte sie etwas ratlos, "Heimat ist, wo man daheim ist, weiter nichts."

"Muss alles immer so kompliziert sein? Dass man es gar nicht sagen kann, was man spürt?", war er fast etwas ärgerlich. 

Michi meinte, dass sie, wenn sie es so wie er sehen wollte, eigentlich gar keine richtige Heimat habe. 

"Ja, dann gehe eben mit mir zu mir heim", versuchte er es wieder. Doch sie reagierte wieder nicht. Hans gab sich Mühe: "Gehe halt mit. In die Heimat muss man reingehen, dann nimmt sie einen auf! Bloß das hat sie dick, die Heimat, wenn man nämlich durch die offene Tür nicht geht!" Er schnaufte tief durch und ging seinem Gedanken, von dem er selber einigermaßen überrascht war, noch einmal nach. Dann holte er aus: "Weißt du, da komme ich jetzt drauf, weil mir das Lied eingefallen ist, das die Loisachtaler singen. Diese Heimat wird da in den höchsten Tönen gelobt. 'Du kannst die ganze Welt ausgeh'n, da findst es nirgends mehr so schön', heißt es. Dann kommt die Einladung: 'aber wenn du gern da bist, schlagst halt ein, sollst auch ein Loisachtaler sein ...'" Hans summte die Melodie.

Michi hörte eine Weile zu. Jetzt sprang sie fast auf: "Du, ich habe da was!" Hans stellte seinen Gesang ein, hatte sie allerdings mit seiner Gesangeskunst auf eine Idee gebracht. Sie eilte zum Plattenspieler und legte eine Scheibe auf: Chormusik erklang ...

"Das ist meine neueste Errungenschaft!", rief sie begeistert nach den ersten Takten in die Musik hinein und drehte lauter. 

"Kennst du das, Hans?" 

Es dauerte etliche Takte: "Gehört habe ich es irgendwann, meine ich!"

Die Musik war laut, so kam Michi näher zu ihm, damit er sie noch verstehen konnte: "Klar, das musst du kennen!", behauptete sie, "du bist doch ein Kirchgänger, im Gegensatz zu mir!"

"Das habe ich sogar oft gesungen", kam es ihm jetzt. "Früher hat man das gesungen, heutzutage nicht mehr so oft. Denn die da in Rom auf ihrem Konzil damals haben die Pfarrer richtig rumgedreht. Das nicht nur zu den Leuten hin. Sondern überhaupt mit der Sprache und dem Gesang. Wir müssen nur noch lauter so neue Lieder singen, die keiner mehr kennt. Da brummeln sie nur noch, wenn der Pfarrer nicht ins Mikrofon rein- und vorsingt."

"Also, Hans, hör mal, das ist Schubert! Eine Messe von Franz Schubert! Toll, was? Darauf bin ich voll abgefahren!"

Er nickte ihr zu und begann zu summen, zuerst nur leise und fast schüchtern und schaute sie immer wieder fragend an. Dann erinnerte er sich an ein paar Zeilen des Textes. Das genügte bereits. Er stieg stärker ein und begann mit seinem dunklen Organ kräftig zu singen – worein sie dann mit ihrem rauchigen Alt stimmte ...

Es ging in diesem eigenartigen, aber beiden sehr wohltuenden Duett geraume Zeit in der Deutschen Messe von Franz Schubert. Sie kamen mit wenigen Worten aus und dichteten eben frei hinzu, wenn es ihnen erforderlich schien. Auch in die Melodien schlichen sich mal kleinere, mal größere Abweichungen ein. Aber ihre Ergriffenheit überbrückte diese Mängel ganz locker, überflog alles, sozusagen, und ließ sie darüber hinwegschweben.

Sie umschlangen sich immer wieder während ihres Gesanges, küssten sich in den Pausen wie Besessene und liefen bei wieder einsetzender Musik zu gesanglichen Höchstleistungen auf. Ihren Höhepunkt erreichten sie bei der Stelle, wo es heißt: "Noch lag die Erde wüst und kahl ..." – oder so ähnlich – "Da sprach der Herr: Es werde Licht. Er sprach's, und es ward Licht ..."

Sie hatten ihr ganzes Gemüt in die Melodie gelegt, als die Folgen dieses Schöpfungswortes singend darzustellen waren: Der Ursprung schlechthin, moch­ten sie, zumindest während sie sich in den Armen lagen, fühlen. Und sie taten es beide voll Wonne und mit einer nicht mehr zu steigernden Ausdruckskraft. Es war ihnen so zu Mute, als reiche ein Exemplar dieses Kosmos nicht aus, und sie taten so, als gelte es, das ganze All noch einmal hervorzubringen, und zwar in einer kleinen Stadtwohnung im dritten Stock.

Außer Atem, hing Hans im Sessel und genoss das Glück. Michi lag mit dem Kopf auf seinen Schenkeln. Es störte sie nicht, dass der Tonarm am Ende der Platte knackte und der Apparat nicht aufhören wollte. Später erhob sie sich doch, um abzustellen. Nach einer Weile rief sie ihm aus dem Schlafzimmer zu, dass es jetzt doch Zeit sei, ins Bett zu gehen. 

Er lag bald neben ihr. Sie redete ihn in den Schlaf, dass das bei den "Katholen" toll sei in der Kirche mit diesen Rauschegewändern aus dem Altertum und von ganz weit weg aus dem Orient und sozusagen aus Tausendundeiner Nacht, ein richtiges Kostümfest, das die Leute ebenso nötig hätten, denn das sei ja auch Heimat oder so was, meinte sie, denn man benötige etwas fürs Auge, fürs Ohr und vor allem fürs Herz und so, und er solle doch so häufig, wie es ihm nur immer möglich sei, mit seiner Lederhose, der ganz schönen nämlich, der mit der Stickerei drauf, zu ihr kommen, da sei sie ganz erpicht drauf, und sein lustiger Hut, der mit der Adlerfeder drauf – so was habe ja kein richtiger Mensch auf der Welt mehr an, höchstens die Naturvölker in der Dritten Welt, aber das fände sie so was von originell, wo sie doch eine evangelische Preußin sei, eigentlich, und in der Welt alles immer platter werde und schnöder und eiliger obendrein, wenn er verstehe, was sie damit meine ... 

Hans verstand hingegen gar nichts mehr, denn er schlief längst tief und fest.

 

 

6

 

Hans hatte noch jede Weckuhr überhört. Zu Hause waren sie allerdings immer ohne ein solches Instrument ausgekommen. Man richtete sich im Wesentlichen nach den Kirchenglocken, die sich um  sechs mit ihrer verkünderischen Eindringlichkeit mitteilten und von der Mutter noch immer wahrgenommen und auch als Aufforderung zu einem ersten Gebet verstanden wurden. "Gelobt sei Jesus Christ!", war bald darauf die Mutter zu hören, nicht eben laut, gefolgt von einem deutlicheren: "Zeit ist es, Hans!" Das hatte er noch nie überhört, selbst dann nicht, wenn er doch einmal ein paar Maß mehr getrunken hatte und erst spät ins Bett gekommen war. 

Heute war Michaela in der Pflicht, ihn zeitig am Morgen aus dem Bett zu bekommen. So gegen fünf Uhr. Sie kannte jedoch die Formel der Bärlapperin nicht. So musste sie ihn, selber noch verschlafen, mit anderen Mitteln wachbringen. Ihre sanften Schubse mit dem Fuß führten bei ihm zunächst nur zu ein paar Grunzlauten. So raffte sie sich auf und walkte ihn mit beiden Händen und schrie: "Aufstehen, raus aus dem Bett!" Eine harte Arbeit bei seiner Masse Körper.

Er erhob sich nach einigen Anstrengungen ihrerseits und verließ wortlos die Schlafstatt. Sie ließ sich ermattet aufs Bett fallen: "Menschenskind, wie hast du das denn bei der Bundeswehr gemacht?", stöhnte sie. "Oder was haben die mit dir gemacht, dass sie dich wachgekriegt haben? Du musst ja ein ganz toller Soldat gewesen sein. Du hättest doch glatt den dritten Weltkrieg verpennt, wenn der zu nachtschlafender Zeit gelaufen wäre."

"Bin noch immer aufgestanden", brummte er und machte sich ins Bad davon, splitternackt.

Bis er seine wenigen Morgenverrichtungen erledigt hatte und angezogen war, stand eine Tasse Nescafé auf dem Tisch, daneben ein Teller mit einem dicken Leberwurstbrot. Er murmelte etwas von einem Dankeschön und setzte sich. Wie es seine Gewohnheit war, hatte er den Oberkörper auf die Arme gestützt, die angewinkelt auf der Tischplatte lagen. Michaela saß ihm zunächst gegenüber, gähnte und schaute ihm mit müden Augen zu, wie er aus seiner schwerfälligen Haltung heraus abwechselnd nach dem Brot und nach der Tasse griff. Beide schwiegen, sie schienen noch in ihrer eigenen Schlafwelt zu sein. Michaela zog sich dann zu ihrem Bett zurück, legte sich auf die Decke und schaute ihm weiter zu. Kaum lag sie, da erhob sie sich wieder etwas und machte eine Verrenkung, um das Radio vom Bett aus anzuschalten.

Sie hörten das leise Dudeln der Musik und starrten müde ins Leere.

Er versuchte dann doch einmal, ihren Blick einzufangen. Dazu brauchte er sich nicht einmal mit einer Bewegung zu bemühen, das Bett befand sich direkt gegenüber. Er suchte mit den Augen. Sie hatte aber die Lider geschlossen und döste vor sich hin. Ihm war etwas aufgefallen. Er fuhr staunend ihre schlanke Gestalt entlang: Sie lag, den Kopf auf den linken Ellbogen gestützt, auf dem Plumeau und sah in ihrer Reglosigkeit, in ihrem langen, die Figur umfließenden weißen Nachtgewand aus wie aus Marmor, wie so eine liegende Statue. "Herrgott, wo habe ich denn das mal gesehen?“, ging es ihm durch den müden Kopf. "Die Michi schaut ja aus, wie so eine Figur ..." Er wurde abgelenkt, Bayern Drei gab bekannt, dass in der Umgebung von Hof Nebel mit Sichtbehinderung, bei München ein Unfall war, dann sang einer 'ein Tag wie ein Freund' und dass er sich sein rot-weiß kariertes Hemd anziehe ...

Als Michaela die Augen ein wenig öffnete und zu Hans schaute, trafen sich ihre Blicke. Sein Lächeln brachte er nur bis zu einem freundlichen Zucken der Mundpartie. Sie fand das lustig und lachte leise, Schloss aber gleich wieder die Augen. 

"Ich habe mir einen Moment lang eingebildet", flüsterte sie, "dass du auch so ein komisches rot-weißes Hemd anhast. Die muss es mal bei C&A oder Kaufhof oder sonst wo in Augsburg ganz billig gegeben haben, jedenfalls hatte jeder Zweite, der aus der Gegend am Sonnabend in Richtung Berge fuhr, so ein Hemd an. Lauter Bergwanderclowns."

Er biss in sein Brot und fuhr mit den Blicken wieder über ihren Körper. "So was! Das hast du doch irgendwo gesehen!" Er nahm einen Schluck Kaffee. "Ganz starr fast und wunderschön ..." Er kaute und konnte die Augen nicht von ihr lassen. Wieder einen Schluck Kaffee. Sie lächelte mit geschlossen Lidern, so als fühlte sie, dass er ihr mit den Augen über den Körper fuhr. Er hielt noch die Tasse am Mund. "Ja so viel Schönheit", ging es ihm durch den Kopf, und es wurde ihm ganz wohl dabei, und er fuhr wieder über die Linien der Gestalt dort drüben auf dem Bett. "Meine schöne Michi auf dem Bett", dachte er stolz. 

"Bett?", fragte er sich nach einer Weile, "Bett, das reicht nicht, so redet man immer, aber so was sehe ich nicht immer! Wann siehst du so was schon wie das da?" Er biss wieder ins Brot. 

"Bett ... – Ruhestatt", fiel ihm ein. Er freute sich. "Das ist es!" 

"Mensch, woher kenne ich das? So wie eine Statue aus einem weißen Marmor auf einer Ruhestatt – Liegestatt ist noch besser! Aber wo war das?" 

Er kam nicht drauf, wo er das gesehen hatte, sosehr er sich auch bemühte. 

Irgendwelche musikalischen Liebesschwüre ertönten jetzt aus dem Radio ...

Er schob den letzten Brocken hinein und begann mit vollem Mund zu erzählen, dass sie ihn bei der Bundeswehr meistens gemeinsam geweckt hätten, je nachdem wie sie aufgelegt waren: "Diese Sauhunde haben sich oft einen Spaß daraus gemacht. Wenn da einer von den anderen gut drauf war, da habe ich es zu spüren gekriegt, dass es ihn juckt. Oder ich habe eben den Ärger abgekriegt, wenn es anders war. So mit einem nassen Lappen aufs Gesicht, haben sie es mir gemacht. Das hat auch mal ein dreckiger Putzhadern sein können. Oder Zahnpasta in die Nase drücken. So was wie einen Blitzableiter haben sie gebraucht. Aber ich hab es denen bei der Übung dann gezeigt. Denn von wegen Kondition. Bei den Pionieren in Ingolstadt ist es gewesen und da hat es oft was zu schleppen gegeben. Schwere Teile und solches Zeug. Die schlappen Säcke, denen habe ich es dann gezeigt, was ein richtiger Kerl alles schafft. Der Spieß hat immer gesagt: Was der Bärlapper kann, das kann ich von der anderen Mannschaft auch verlangen. Da haben sie oft eine Sauwut gehabt. Ich habe lachen müssen über die windigen Hanswursten. Verhauen hast du ja keinen dürfen, sonst wärst du in den Bau gewandert."

"Einfach toll!", kam von Michi, sie schien aber einem Song zu lauschen. 

"Verstehst du das Englische, das die singen, – das ist doch Englisch?", wollte Hans wissen. Sie nickte fast unmerklich.

Dann stand Hans auf und ging zu ihr hinüber. Er beugte sich hinunter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange: "Respekt, bist eine ganz Gescheite!" 

Sie bewegte sich fast unmerklich und schnellte dann die Arme in die Höhe, umschlang ihn und zog ihn mit aller Kraft zu sich herunter: "Komm her, mein toller Pionier aus Ingolstadt!“, rief sie, "du Konditionsbrocken, du muskeliger!" 

Sein massiger Körper fiel schwer aufs Bett. Sie hatte sich behände zur Seite gedreht. Mit einer schon akrobatischen Drehung war es ihr in diesem Augenblick auch gelungen, unter die Decke zu schlüpfen. Sie lagen dann eine Weile ruhig nebeneinander und verschnauften ein wenig. Er fuhr aber mit dem rechten Arm ganz behutsam unter ihrem Körper hindurch und bekam die Decke so zu fassen, dass ihre Arme gefesselt waren. Mit der Linken schlüpfte er unter die Decke und weiter unter ihr Hemd und begann schließlich mit seiner großen, rauen Hand ihre nackte Haut zu streicheln und die vorhin so begeistert betrachteten Konturen nachzufahren. Dazu erzeugte er urige Brummlaute. Das ging einige Minuten so. Mit einem Ruck bekam Michi die Arme frei und schlang sie um ihn. Als ihr sein Herumhantieren allmählich zu viel wurde, fing sie an zu quietschen und presste ihn mit aller Kraft an sich. Damit unterband sie sein Streicheln an den kitzeligen Stellen. Sie rangen miteinander, balgten sich herum – rissen sich voneinander los und bewarfen sich lachend mit den Kissen, immer wieder um Luft ringend. Sie umklammerten sich wieder, schubsten sich dann voneinander weg, um sich gleich wieder zu umfangen. Sie erwischten sich mal an Stellen, wo es etwas schmerzte, mal, wo es wieder angenehm war ... 

Am Ende hatte sie ihn mit Armen und Beinen umklammert, und sie lagen schwer atmend nebeneinander, rasteten und hörten Musik.

So verstrichen etliche Minuten, dann befreite er sich aber aus ihrer wohltuenden Umklammerung. Er drückte ihr noch einen Kuss auf die Wange, sprang aus dem zerwühlten Bett und verließ Michis Wohnung.

So geräuscharm, wie es nur möglich war, ließ er den Traktor an und fuhr aus der noch schlafenden Stadt. 

Es war ziemlich frisch an diesem Morgen. "Das Jahr lässt es dich spüren, dass es fast rum ist", redete er vor sich hin. Er rieb sich fröstelnd die Oberarme, mal rechts, mal links. Da kam ihm wieder das Bild von seiner Michi da auf dem Bett mit ihrer Haltung da wie aus Marmor in den Sinn. "So schön gleich! Das ist irgendwie nicht von jetzt, die Figur, die die Michi da gemacht hat. So 'lebende Bilder', die wir früher immer mit der Schule beim Dorffest machen haben müssen: Eine Heilige Familie an Weihnachten. Du hast es mit der Zeit vom kleinen Engel ... Die Mutter hat das Gewand genäht. Und du hast es zum Hirten gebracht. Die Mutter hat immer alles genäht und gewaschen, später auch die Fußballdresse von der ganzen Mannschaft. Bloß zum Josef in der Heiligen Familie hat es für dich nicht gereicht. Zum Hirten schon. Saublöd! Ja, das sind immer andere gewesen. Du wärst auf das Josefmachen scharf gewesen. So ein Mist, die 'lebenden Bilder'. Dem Pfarrer seine Köchin, die alte Bissgurgl, hat es den Kindern beigebracht. Da täten sie doch alle das Lachen kriegen, heutzutage, wenn man so einen Schmarren machte. Aber damals, da haben sie gestaunt, wenn der Mesner den Vorhang mit einem neuen Bild aufgemacht hat: Ah und Oh! Das mit dem Fernsehen war halt schwarz-weiß und nicht so viel wie heut. Oder möglich ist es ja, dass das gleich wieder so ausgefallen ist, dass man es wieder herzeigen kann. Dann ist das doch gar nicht so schlecht, ha? So im Trachtenverein. Das werde ich im Vorstand sagen, irgendwann. Oder bei den Veteranen, die könnten doch am Heldengedenk so eine Soldatengruppe, so dreie, viere machen: 'Leben­de Bilder'! Ausgewachsene Mannsbilder, das ist so irr, dass es auch gleich wieder gut ist. Soldaten, vielleicht, wie sie einen toten Kameraden tragen. Und dazu spielt dann die Blasmusik mit was Rührendem. Vielleicht könnte da sogar auch die Bundeswehr eine Kompanie abstellen, so in Kontaktpflege, wie das immer geheißen hat. Weil sie immer jammern, dass sie zu wenig Ansehen hätten. Das wäre eine Schau!" Der Motor hatte jetzt seine Betriebswärme, und Bärlapper bekam in der Fahrerkabine ein wenig davon ab. "Einen Kitsch hast du dir da ausgedacht", ärgerte er sich. Kopfschüttelnd gab er Gas und holte die Vierzig, die in seinem Traktor an Geschwindigkeit steckten, voll raus. Er hatte vor, so gegen sechs beim Dorf zu sein. Dort wollte er an seinem Feldstadel eine kleine Fuhre Heu mit nach Hause nehmen, da er sowieso mit der Winterfütterung begonnen hatte. Der Wagen stand bereits seit gestern an der Scheune. Bärlapper brauchte nur noch aufzuladen und alles hätte seine Richtigkeit. Keiner sollte ihm draufkommen, dass er aus einer ganz anderen Richtung angefahren war. 

Im Sommer hatte er diesen Freitagmorgentrick immer mit Grasmähen durchgezogen. Auch das hatte immer geklappt. Allerdings konnte man nie genau wissen, was die anderen im Dorf alles wussten oder einem angedichtet hatten. Gerüchte über jemand liefen immer mit einiger Geschwindigkeit von Mund zu Mund, wusste er, und in der Regel lange an einem vorbei, wenn man gemeint war. Woher das Geschwätz kam, das da neulich im Gasthaus, dass er mit dem Moped in die Stadt fahren würde, um da irgendwas zu machen? Es wollte allerdings jetzt beim Heuladen nicht weiter darüber nachdenken. Da war ja auch noch immer das Rätsel im Kopf um das Bild von der Michi auf der Liegestatt. "Da nimmst du dir mal einen richtig vor", ärgerte er sich, "wenn das Mopedgeschwätz wieder kommt. Ein Auto kaufst du dir eh irgendwann ... Einen Golf, einen Diesel." 

Immer wieder mischte sich auch das Bild in seine Gedanken, das die Michi da auf dem Bett abgegeben hatte. 

"Ein Diesel und das raue Fahrvergnügen wie beim Traktor. Da hätte ich ja den Sprit bereits daheim, weil ... 

Michi und der Golf und ... 

... weil für den Traktor immer ein Fass voll Dieselsprit gelagert ist und billiger ist als an der Zapfsäule. Nur erwischen lassen darfst du dich nicht mit Subventionsdiesel, privat ...

... und wenn dir endlich das Bild einfallen würde, das dich nimmer auslässt ..."

Dann aber ins Dorf und heim, umgezogen und in die dicke Luft im Stall, Fenster auf, Mist raus und Heu rein. Melken, eine Kuh nach der anderen, eigentlich fünf an der Zahl, aber zweie standen derzeit mit einem dicken Kälberbauch trocken. In der kurzen Zeit, die zum Verschnaufen blieb, dem Geräusch des Saugtakts der Melkmaschine gelauscht, daran gedacht, wie teuer die war, – und gleich wieder die Michi und der Golf – und dass man es leicht auch weiter von Hand hätte machen können, das Melken. Aber die anderen Bauern hatten ja auch eine ... Und so notig war man ja noch lange nicht, dass man mit denen nicht mithalten könnte ...

Dann war auch die Mutter da. Ein kaum merkliches Zunicken. Sie ging gleich an ihre Arbeit, tat, was sie immer erledigt hatte, bereits zu Lebzeiten des Mannes: Sie fütterte nach, schob den frischen Mist mit dem Karren hinaus, wartete, bis wieder eine Kuh hinten wieder was rausließ, ging hin, lud es auf ... 

Bärlapper sagte schon lange nicht mehr, dass sie doch in der Kammer bleiben soll oder sonst wo im Haus drüben. Er hatte sie früher manchmal dazu aufgefordert, als er wieder von den Soldaten zurück war. Er hatte es jedoch bald aufgegeben, dachte nur hie und da daran, wenn die Mutter wieder einmal kränkelte und trotzdem in den Stall kam. 

Die Mutter richtete am Ende den Trank für die beiden Kälber her. Bärlapper war dann so weit, mit dem einen Milchkübel zur Käsküche – eine der letz­ten im Umkreis –, wie sie die Sammelstelle der Molkereigenossenschaft immer noch nannten, zu fahren. 

"Verdammt wenig, irgendwie komme ich mir doch armselig vor ..." 

Dort etwas warten, bis die zwei vor ihm abgefertigt waren, solche mit viel Milch, solche, die gerne auch einmal auf seinen kleinen Kübel einen mitleidigen Blick warfen. Sich die Beine vertreten, an der Anschlagtafel lesen, was die Schlauköpfe von der Gemeindeverwaltung wieder Wichtiges hervorgebracht hatten ... 

"So, Hans, was war denn gestern beim Wirt?", wollte der Bertl-Nachbar wissen.  

"War nicht dort!" 

"Habe doch deinen Bulldog gesehen!" 

"Bin weitergefahren."

Jetzt war er an der Reihe, seine Milch zu schütten. 

"Weißt du ...", sagte der Käser, während er die dreißig Komma vier Liter vom Bärlapper notierte, "... beim Mühlberger Beni kriegen sie wieder ein Kind."  Bärlapper beschränkte sich auf "So, so".

"Die Mühlbergerin ist doch mindestens bald fuffzig", mischte sich der Bertl-Nachbar ein, "und vier haben sie doch bereits!" 

"Weißt du, was der Mühlberger vorhin gesagt hat? Gerade vorhin. Da kommst du nie drauf, Hans!"

"Was wird der gesagt haben?", nuschelte Bärlapper nur.

"Stell dir vor", machte es der Käser spannend, "der hat gesagt: 'Kann ich doch nichts dafür, wenn meine Alte ein Kind kriegt', hat der Mühlberger dahergebracht. 'Wenn die nicht ihre Pille nimmt, dann kann ich doch nichts dafür'. Herrgott, haben wir gelacht! Gell Bertl? So was hörst du nicht jeden Tag! Recht hat er ja eigentlich doch schier gar ein bissl! Aber davon verstehst du ja nichts, Bärlapper, wo du doch so ein Problem mit den Kindern nicht hast. Mensch, geht es dir gut, so gut möchte ich es auch haben!"

"Dem Mühlberger seine Blödheit fruchtbar ", stellte der Bertl fest.

Die beiden lachten und hatten ihr Vergnügen. Bärlapper war jedoch plötzlich eingefallen, woran ihn Michis Haltung auf dem Bett heute Früh erinnern sollte. "Ja freilich: Von Rom her kennst du das", war er sich gewiss. "Ja, damals, wie der Trachtenverein mit dem Pfarrer und dem Frauenbund nach Rom hinunter ist und zum Heiligen Vater! Mensch, klar!"

Nachbars dritter Kübel wurde scheppernd abgestellt. Bärlapper stand immer noch da, in Gedanken: Die Italienreise ging ihm im Kopf herum, jede Menge Wein und die langen Nudeln und jede Menge Kunst. "Mensch, haben die viel so alte Sachen, alte Häuser und Kirchen und Bilder, und so viel ist kaputt, überall umeinander und nicht so anständig und aufgeräumt wie bei uns ..."

"Was glaubst du denn", schwappte Bärlapper von außen in die Erinnerung, "was glaubst du denn, Kerl, ob du noch ein freier Mensch bist, wenn du eine Familie hast? Ha? Und Kinder, ja du lieber Herrgott! Da schluckt die die Pille nicht! Auch wenn es der Papst verboten hat ..."

"Figuren haben die da in Rom drunten ... ", kam es Bärlapper, während er dem Käser zunickte, "dass der endlich den Mund hält ... – Mensch klar, da war der steinerne Sarg, die Platte oben drauf mit der Toten aus Stein oder der Lebendigen aus Stein, die so dagelegen ist wie die Michi heute in der Früh, als ob sie lebendig wäre – oder doch nicht lebendig ..." 

"Da bist du nimmer der, der allein anschafft daheim", machte der Käser unverdrossen weiter, "da regiert die dir Angetraute und durch die regiert bei dir daheim der Frauenbund mit, der Pfarrer sowieso mit seinem Heiligen Vater im Ohr, der Landfrauenverein ..."

"Da könntest du ja durchdrehen", überkam es Bärlapper, während er den Deckel auf seine Milchkanne drückte: "Kinderkriegen in Ritzling und Sargdeckel in Rom und die Michi im Kopf und überhaupt der Käser mit seinem Geschwätz. Bald kommt bei uns auch der Zuzelwagen von der Molkerei, dann brauchst du nimmer her und dir diese Schwafeleien anhören." 

Bärlapper stellte seinen Milchkübel so geräuschvoll wie möglich auf die kleine Ladepritsche und machte, dass er wegkam.

"Gerauft haben sie, zugehauen", rief ihm der Bertl nach, als Bärlapper bereits auf dem Traktor saß. "Ums Karteln ist es gegangen, wie in Wildwest bei den Cowboys. Und zwar richtig. Der alte Schulmeister ist untern Tisch geschlüpft vor lauter Feigheit ..." Der Bertl wollte mit seiner Berichterstattung richtig ausholen, doch Bärlapper ließ den Motor an. "... ein paar Stühle sollen sie zerlegt haben", schrie der Nachbar gegen den Motorenlärm an, "und mit den Trümmern haben sie zugeschlagen. Zugehauen, dass die Fetzen geflogen sind. Gerade, dass die Polizei nicht gekommen ist!"

"Dann ist es ja gut, dass du nicht dort gewesen bist", erklärte Bärlapper, nickte dem Bertl zu und gab Gas.

 

Als er dann zur Arbeit in die Brauerei fuhr, blieb er an seiner Wiese stehen. Er schaute über die kleine Fläche und ärgerte sich. "Verdammte Scheißerblätter, wie das schlampig ausschaut", war er unzufrieden, "die hat es doch früher nicht so viel gegeben. Die Mutter sagt, dass die Wurzel zu einem Sud zu gebrauchen ist. Den sie getrunken haben, wenn sie nimmer aufs Häusl können haben. Die Samen von den Scheißerblättern machen es genau anders rum, dann soll es wieder fester werden. Wenn die Kühe den Dünnpfiff gehabt haben, dann wurde ihnen der Samen ins Maul gedrückt. Deswegen haben sie es Scheißerblätter genannt, klar. Aber wegen dem kann ich die nicht stehen lassen", war er überzeugt, "und die Kühe fressen sie nicht. Was denn da die Leute sagen, nämlich dass der nichts versteht von der Bauernarbeit, der Bärlapper, und sein Sachl verkommen lässt. Dann muss ich doch auch das Gift spritzen, was sie alle auf die Felder hauen, ums Unkraut wegzuspritzen. Sogar in den Gärten spritzen die Häuslleute literweise Gift. Also machst du es auch, es wird kein Schaden sein."

Mit diesem Vorsatz zog er weiter.  

"Kostet dir der Liter von dem Zeug so an die zwanzig Mark. Wird dann noch drin sein. Man braucht bloß etwas aufpassen, haben sie beim Wirt gesagt. Denn sonst wird auch das Gras kaputt. Das ist nicht schwer. Das kann ein jeder machen und kriegt auch ein jeder zu kaufen. Da musst du kein so Studierter von der Winterschule sein. So dumm kann gar keiner sein, dass da was passiert ..." 

In der Brauerei ergab es sich wieder, dass er vor der Arbeit mit dem Braumeister ins Gespräch kam. Der war die letzten Tage häufiger bei Bärlapper gewesen und hatte immer etwas zu reden gehabt. Nichts Wichtiges. So gesprächig kannte ihn Bärlapper jedoch nicht, machte sich deswegen allerdings keine weiteren Gedanken. Der wird eben alt und fängt das Schwätzen an.

Heute wollte Bärlapper aber etwas vorbringen, was ihn seit einiger Zeit nicht mehr losließ. Er sagte dem Meister, dass die Maschinen, auf die er bei der Arbeit dauernd schauen müsse, doch bereits ziemlich schäbig aussähen. "Der Lack ist an etlichen Stellen ab, das nackte Metall fängt zu rosten an." 

Als das raus war, wollte Bärlapper einen schier wehmütigen Ausdruck im Gesicht des Chefs bemerkt haben. "Das ist dem auch bereits lang aufgestoßen", überlegte er. "Ein wenig Farbe", schlug Bärlapper eifrig vor, "und die Sache stimmt wieder. Jetzt, wo doch so viel Leute hier zum Besichtigen herkommen, da darf nichts schlampig ausschauen! Oder?" Und weil der Braumeister nicht gleich reagierte, fuhr Bärlapper fort: "Viel mehr kommen ja als früher, oft sind es die gleichen gleich öfter. So feine Pinkel. Das Streichen rentiert sich bestimmt! Denn innen sind die Maschinen ja doch noch gut und arbeiten tun sie wie neu und ohne dass man sie richten muss ..." Bärlapper stoppte seine Lobrede und schaute den Braumeister erwartungsvoll an. Der brachte den Mund nicht auf. So machte Bärlapper weiter: "Also, die tun doch ihre Pflicht und Schuldigkeit noch locker! So was stellen sie doch gar nicht mehr her, das ist doch gute alte deutsche Wertarbeit. Oder Vorkriegsware, wie die Mutter manchmal noch sagt", lachte er. "Die arbeiten so prima wie am ersten Tag, die sind doch noch ..." Bärlapper ging zu einem der guten alten Apparate und tätschelte ihn freundlich, strich mit seinen Fingern fast behutsam über eine der Wunden.

"Ja, ja, die stehen hier seit ... ja, seit wie vielen Jahren? Jahrzehnten!", klang es jetzt doch, aber ausgesprochen traurig. "Ja, die Firmen haben früher so gut gearbeitet, mit ihrer deutschen Wertarbeit, dass das ein Menschenleben lang gehalten hat, was sie da verkauft haben. Und weil sie deswegen zu wenig verkaufen konnten, sind viele wegen ihrer guten Arbeit zu Grunde gegangen, Bärlapper. Ist un­sere Welt nicht ganz und gar verrückt und ist sie noch zu retten?", klagte am Ende der Braumeister und ging.

Bärlapper kam im Moment über ein kurzes Staunen nicht hinaus, denn da klimperte bereits die gläserne Kolonne auf dem Rollenband heran. Er machte sich mit Schwung an die Arbeit. Er wollte vielleicht auch einen auf deutsche Wertarbeit machen – er wusste es nicht so genau, immerhin hatte ihm der Ausdruck gut gefallen. 

 

Irgendwann war der Braumeister wieder da. "Ja, früher!", sagte er und musste schlucken. "Die Apparate standen längst da, als ich hier angetreten bin. Das ist ja eine Weile her. Und ich geh irgendwann bald in Pension." 

Sie nickten beide bedächtig in Richtung der guten Arbeitsgefährten mit dem schäbigen Äußeren und dem gesunden Innenleben. Dann meinte Bärlapper, während er seine Flaschen zumachte: "Früher ist alles stabiler gewesen, und viel länger hast du alles gehabt, einfach weil es kein Murks gewesen ist. Es ist ja gar nicht zu glauben, was heute alles für ein Pfusch gemacht wird und wie die Leute angeschmiert werden. Doch die wollen das vielleicht auch gar nicht anders, damit sie sich immer wieder was Neues und in der Mode kaufen können."

Bärlapper arbeitete ohne Unterbrechung, erinnerte jedoch nach dieser Einlassung über den Zeitgeist, dass ja sein Anstreichproblem noch nicht gelöst war und machte einen Vorschlag: "Also, wenn es sein muss, Braumeister, dann besorgst du mir eine Farbe. Nach der Arbeit, am Samstag, da pinsle ich sie eben an. Dann kost es euch fast nichts."

Der Braumeister schaute Bärlapper nur mitleidig an.

"Also am Samstag", holte der aus, "weil es da über den Sonntag trocknen kann und auch ausstinken kann."

"Mein Gott, ist ja prima, Bärlapper, du bist ein Pfundskerl", stotterte der Braumeister fast heraus und verschwand eilig. 

Bärlapper fühlte sich gut, und die Arbeit ging ihm noch leichter von der Hand.

In der Pause, später, als die Kameraden um ihn herum ein Fußballproblem diskutierten, saß er still dabei und freute sich immer noch, dass er vorhin dieses Angebot zum Erhalt der Maschinen anbringen konnte. Er war so lange zufrieden, bis ihn der Müller, der gar nicht zu ihrer Gruppe gehörte und sich heute bei ihnen sozusagen eingeschlichen hatte, anging: Was er denn machen würde, wenn er hier nicht mehr arbeiten könne. Bärlapper war über­rascht, denn die anderen hatten eben noch von Fußball geredet. "Sie haben das Thema gewechselt, ohne dass du es mitgekriegt hast", warf er sich vor, "weil du mit die Gedanken beim Pinseln gewesen bist, abschleifen, von unten nach oben ..." Er antwortete dem Müller jetzt nur, dass er so was gar nicht für möglich hielte und dass er es sich nicht vorstellen könne. 

"Ist ja auch gar nicht nötig, dass du dir das vorstellst", giftete Müller, "es langt ja, wenn es die da oben tun. Dann ist es nämlich gelaufen. Es reicht, wenn du am Ende das Ergebnis erfährst per Rausschmiss." "Wenn du meinst", antwortete Bärlapper.

"Und wie ich das meine!", trotzte Müller. 

Bärlapper war gleich wieder bei der Farbgebung seiner Apparate, ob er den alten weißen Ton mit dem gelblichen Stich wieder bringen solle. Er hörte zwischendurch, dass Müller den anderen einzureden versuchte, dass alle sich wegen der Arbeit zusammentun müssten. Da waren allerdings bei Bärlapper gleich wieder die Probleme mit der Farbgebung und er konnte nicht weiter zuhören. Ausdrücke wie Arbeitsrecht, landeten dennoch in Bärlappers Gedanken und Gewerkschaft und so etwas. Das klang ihm aber ganz fremd, fast wie aus einer anderen Sprache oder gleich aus einer anderen Welt. 

"Vielleicht könnte ich sie grau streichen?", überlegte Bärlapper.

Die anderen hatten sich Müllers Vortrag beinahe geduldig angehört, waren danach jedoch sofort wie­der beim Fußball mit ihrer Unterhaltung.

Die Pause war zu Ende gegangen, Müller sauer abgezogen – und der Tag verging in gewohnter Weise. 

Zu seiner Überraschung wurde Bärlapper trotz seiner Abneigung wieder von Müllers Frage heimgesucht. Sie kam jetzt mit einem Gedanken daher, den er nicht sofort loswerden konnte: "Das hier ohne dich! – Von wegen hier keine Arbeit mehr oder diese Arbeit nicht mehr oder ..." Er kam nicht klar damit. "Wie hat das denn der Müller, der lästige Kerl, überhaupt gesagt? Hättest vielleicht doch zuhören sollen. – Was hast du neulich gesagt?", wollte er den Müller gelegentlich fragen. Doch es kamen ihm Zweifel: "Den Stänkerer wirst du auch noch fragen, der sogar einen Verein oder die Partei machen will, wie sie beim Wirt gesagt hatten. Dann hast du keine Ruhe mehr von dem, weil der immer wieder daherkommt, wenn du ihn einmal was gefragt hast. Freilich, die sind so wie die Vertreter, wenn du denen einmal die Tür aufgemacht hast. Oder wie die von den Bibelforschern, wenn du mit denen einmal zu diskutieren angefangen hast."

Es trieb Bärlapper noch eine Weile um. Er wusste allerdings nicht, was ihn daran so aufregte, weil er sich ja seiner Sache sicher fühlte. "Gebraucht wirst du, und das ist gewiss. Vielleicht war das vom Müller auch nur so ärgerlich", wollte ihm schließlich einleuchten, "weil der Kerl den Brotzeitfrieden gestört hatte." 

 

 


 

 

7

Heute hatten sie den Unterlassner einzugraben. Vier Mannsbilder aus der Nachbarschaft mussten den Sarg tragen. Sie waren dem Brauch nach in Tracht, aber ohne Feder am Hut gekommen. In der Leichenhalle war zu beiden Seiten des Sarges Aufstellung zu nehmen. So blieben sie stehen, bis alle Leute, die dem Unterlassner noch einen paar Spritzer Weihbrunnen geben wollten, vorübergezogen waren. 

Dann war Totenmesse, die der Dorfchor auf Lateinisch begleitete. Die dünnen, manchmal etwas brüchigen Stimmen passten heute direkt zum traurigen Anlass. 

Schließlich schritt man zur eigentlichen Beisetzung, zu der sich die ganze Gesellschaft wieder vor der Aussegnungshalle versammelte.

Hochwürden Bahtiar, trat mit seinen Ministranten auf, unter denen sich sogar ein Mädchen befand, und verrichtete seine Handlungen. Als er zu Ende gekommen war, trat die Beisetzungsmannschaft des Veteranenvereins an. Eine gichtige Truppe von sechs Greisen formierte sich in Reih und Glied. Der Meinl Hans, der es im Krieg bis zum Spieß gebracht hatte, befehligte den kläglichen Haufen. Als sein Stillgestanden ertönte, ging immerhin ein beachtlicher Ruck durch diese hinfällige Schar. Sogleich stimmte die Blasmusik ein ergreifendes Stück an, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voran schritt der Pfarrer mit seinen Messdienern, gefolgt vom Sarg, der von Bärlapper und drei weiteren Mannsbildern getragen wurde. Dahinter kam die Trauergemeinde. Die Reihenfolge am Sarg hatte sich nach Verwandtschaftsgrad gebildet.

Zuerst ging es um die Kirche herum, man war bald am Grab angelangt, und die Träger stellten den Sarg ab. Sofort musste der Messner-Damerl dem Dorfbäck ein Zeichen geben. Der hatte den Schießschein und außerhalb des Friedhofs auf der Wiese Posten bezogen: Die dumpfen Böllerschüsse, die ein Vorrecht der Veteranen waren, krachten in die Melodie vom guten Kameraden, die gleichfalls auf das Zeichen vom Messner-Damerl hin angestimmt worden war. Diese ergreifende Melodie, und wie es da hineinkrachte! Das ging ziemlich ans Gemüt. Die Leute würgte es im Hals. Sogar die Mannsbilder hatten zu kämpfen, dass das Wasser in den Augen blieb. Als diese wohlige Seelenqual vorüber war, folgten die Reden der Vereine, denen der Unterlassner angehört hatte. Nach diesen weltlichen Einlagen trat der Gottesmann erneut in Aktion und segnete noch einmal die Totentruhe samt inneliegendem Verblichenen. Dann ging es an die Versenkung, nach der der Geistliche die drei Schippen Erdsymbol unterbrachte. Am Ende war noch der Vorbeizug am offenen Grab. Jeder spritzte dreimal Weihwasser in die Grube und brachte bei den Verwandten des Gewesnen noch seine Beileidsbekundungen an. 

Dann zog die Trauergesellschaft ins Wirtshaus. 

Bärlapper und die anderen Träger mussten das Grab zuschaufeln. Sie banden sich Schürzen vor, um die schönen Lederhosen zu schonen. Der Behringer Martl war der Kapo. Versenkungswart sagten sie auch zu ihm. Er befahl: "Auf geht's, Männer, und hinter den Unterlassnerischen ihrem Grabstein liegt ein Flaschel Schnaps, wenn ein Gschmackerl raufkommt aus dem Grab. Oder für sonst was, wenn wer Durst kriegt." Der Kies prasselte hinunter und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf den Sargdeckel. 

"Wenn du denkst, wenn sie einen verbrennen, da braucht es kein so großes Loch", sagte der Mertl Sepp dazwischen. Sonst war außer den Arbeitsgeräuschen lange nichts zu hören. 

Auf einmal hatte der junge Zittler Michl, der das erste Mal bei so etwas war, einen Totenschädel auf der Schaufel. Er stand plötzlich starr und wie angewurzelt da und schaute die anderen ganz abgestanden an: "Mensch", stammelte er, "da sind ja noch Haar dran!" Er wurde käsbleich.                                                   

"Das täuscht, der ist sauber nach der Zeit und der schiere Schädel bloß. Auch wenn es auf der Nordseite von der Kirche mit dem Moder nicht so schnell geht. Nur hinunter damit", befahl der Behringer, "es hat alles seine Richtigkeit! Geweihte Erde! Da drunten kommt alles zusammen, und ein Segen liegt auf der geweihten Erde." 

Der Michl gehorchte sofort. Er zuckte zusammen, als der Schädel unten aufschlug, dann atmete er tief durch. Aber er war jetzt noch blasser um die Nase. 

"Geh, Michl, nimm dir einen Schluck von dem Schnaps da hinten", riet Bärlapper, "dann wirst du schon wieder!"   

Die anderen Männer verschnauften ein wenig und schauten mit ernsten Mienen in die Grube. Die Flasche machte die Runde.

"Das muss dem Unterlassner seinem Bruder sein Schädel sein", meinte der Behringer, "nämlich der, der sich Ende der Fünfzigerjahre mit seiner Horex verunfallt hat. An einen Amitrack ist er hin, frontal, dass es ihn geschmissen hat, dass alles hin war und er selber auch. Habe ihn gut gekannt. Ein prima Kerl, ganz prima ..." Er zog sein kariertes Sacktuch heraus und schnäuzte sich.

Dann brachten sie ihr, laut Katechismus, Werk der Barmherzigkeit schweigend zu Ende. Auf den kleinen Hügel wurden zum Schluss die Kränze gelegt. Danach standen sie alle noch davor und machten das Kreuzzeichen. "Kein einziges Fleckerl Moos ist auf den Unterlassners ihrem Grabstein", lobte der Behringer, als sie abzogen. "Die Bäuerin schrubbt den Stein jede zwei Wochen mit der Wurzelbürste ab. Da könnte sich ein mancher da umeinander sein Beispiel nehmen!"

Im Nebenraum zum Leichenhaus wuschen sie sich die Hände und banden die Schürzen ab. Schließlich ging die Flasche herum, bis sie leer war. Sie sollten mit dem Schnaps den fauligen Geschmack im Hals wegkriegen, wie der Behringer meinte, "aber es ist auch der Brauch, dass die Totengräber einen kräftig zur Brust nehmen, denn sonst packst du das manchmal nicht." 

Sie waren die ganze Zeit über ziemlich niedergeschlagen und kleinlaut gewesen, auf dem Weg ins Wirtshaus kam ihnen dann jedoch die gute Laune wieder. 

"Behringer, wie lang bist du jetzt schon der Versenkungswart?", wollte der Michl wissen.

"Seit ich im Austrag bin", antwortete der stolz, "so vor zehn Jahren." 

Beim Wirt angekommen, hatten sie das Tischgebet versäumt und waren mit Essen und Trinken im Rückstand. Bärlapper kam neben dem Totengräber zu sitzen. Er war es zufrieden, denn da war er weiter entfernt von den Verwandten und näheren Bekannten des Verblichenen und musste sich nicht die Geschichten und Betrachtungen anhören, die meistens mit "ja mei" angingen und die Qualitäten des Toten beschrieben, nämlich, was der Unterlassner für ein guter Mensch gewesen sei und dass es solche nimmer viele gebe auf der Welt und dass es kein Wunder sei, wenn die Welt immer schlechter und lotterhafter werde, und was sich die Leute heute alles trauten, was man früher nur heimlich gemacht habe, denn wenn die Guten wegstürben – doch der Unterlassner habe ja ein gottgesegnet langes Leben gehabt und das sei ihm schließlich vergönnt ... 

Sie sahen zu, dass sie mit dem Essen nachkamen, auslassen wollten sie natürlich nichts, das waren sie sich und dem Verblichenen schuldig. "Denn", kom­mentierte der Behringer, "bei den Heiden haben sie einem das Essen mit ins Grab gelegt. Doch davon ist der Christenmensch auch erlöst wie von dem anderen Blödsinn umeinander. Denn der Christ darf das selber verdrücken, so lang er das Leben noch hat. Und was übrigbleibt, wenn er abgekratzt ist, das kriegen dann die, die noch leben. Richtig zulangen musst du, das bist du dem Unterlassner freilich schuldig, dass es ihm gut geht im Jenseits drüben. Das ist dann doch noch geblieben vom Heidnischen, und richtig ist das so, denn wenn was gut ist, dann ist es auch eine Tradition!"

Trotz dieser Verpflichtung zum Verzehr, der er mit seinen drei Zähnen eifrig nachkam, fand der Behringer Zeit zum Erzählen. "Da hat es einmal eine Leiche angeschwemmt im Bach", setzte er an, als er ein ordentliches Stück vom Schweinsbraten eingefahren hatte, musste sich diesem aber zunächst widmen.

"Ja, das ist bekannt", bestätigte Bärlapper und rückte sein Bier ein wenig vom Behringer weg, "wenn es ein Hochwasser hat, da treibt es einen Haufen Zeug an im Bach. Und alles von den Bayerdorfern, diesen Schlampern. Kaputte Hennen und voriges Jahr sogar eine krepierte Sau ... Wo soll das noch hinführen?" Bärlapper nahm mit besorgter Miene einen tiefen Schluck Bier, stellte sein Glas noch e­t­was entfernter vom Behringer ab und aß weiter. 

"Aber der Kerl, den es da hergeschwemmt hat", fuhr der Behringer kauend fort, "der hat dann der Gemeinde gehört. Da bist du noch ein Schulbub gewesen, Bärlapper. Weil die Polizei auch nicht rausfinden hat können, wohin der gehört hat. Man hat ja alles, was es da immer wieder mal hergetrieben hat, schon auch mal mit der Mistgabel weggeschubst, dass es ins Nachbardorf hinunter ist im Bach. Auch wenn es ein Toter gewesen ist, der eh nichts mehr spürt. Doch der nämliche hat sich irgendwie verfangen gehabt, und dann ist er der Gemeinde geblieben. Bissl schlecht ausgesehen hat der schon, voll Dreck und Schlamm und aufgegangen, dass du gemeint hast, den zerreißt es." 

Bärlapper hatte kurz zum Behringer hingeschaut, musste sich aber gleich wieder abwenden, um sich den Appetit auf den vierten Knödel zu retten. Auch seinen Teller schob er jetzt aus Behringers Niederschlagszone heraus.

"Bereits aufgetrieben ist er gewesen, wie es halt mal so ist. Aber mit einem Kübel Wasser und dem Schrubber drüber, und da hat er gleich wieder menschlicher ausgeschaut."

Bärlapper spülte es mit einem kräftigeren Schluck hinunter. Sie haben nachgefasst und waren da­nach weiter nur mit dem Essen beschäftigt. 

Der Behringer schaute immer wieder einmal zum alten Schulmeister hinüber, während er seine zweite Portion verschlang. Der Lehrer saß zwischen zwei älteren Frauen und hielt Vortrag. "Richtig grantig schaut der Behringer auf den Oberlehrer", fiel Bärlapper auf. "Und überhaupt, wie schafft der Behringer das Einfuttern mit fast keinen Zähnen", fragte er sich, "der muss doch ganze Brocken hinunterwürgen." Er aß weiter. "Wunder ist es ja nicht, wenn der Behringer was gegen den Lehrer hat", dachte sich Bärlapper dann, als er ein frisches Bier bestellte, "denn da ist er ja nicht der einzige im Dorf."

Der alte Schulmeister redete immer noch händefuchtelnd auf die Frauen ein. "Da kann er daherreden, was er will", grinste sich Bärlapper", die beiden hören wohl kaum noch etwas." 

Dem Behringer war, als er so immer wieder zum Lehrer hinüberschaute, etwas eingefallen: Früher habe man die Särge im Leichenhaus tagsüber nicht zugedeckelt, damit alle den Toten noch von Angesicht zu sehen bekamen. Da hatte der Totengräber im Sommer mit der Fliegenpatsche daneben zu sitzen. "Und immer drauf, wenn sich da eine Schmeißfliege gesetzt hat. Patsch und noch mal patsch. Wenn da einer lag, still für immer zwar und steif vor lauter Totsein, aber den man im Leben gar nicht leiden hat können, weil es ein rechter Schuft war, da hat man auch einmal stärker hingehauen, vielleicht auch zweimal." 

Der Behringer deutete zum Schulmeister hinüber und bedauerte, dass der gute Brauch aufgegeben worden war. "Der mit dem Fliegenpatscher, denn da möchte ich bei dem ja noch öfter draufhauen, bei dem Bazi, dem windigen!"

Bärlapper beförderte ein gedämpftes Lachen an Knödel und Schweinsbraten vorbei.

"Ja, da hatten sie mal einen von weiter her holen müssen", wusste der Behringer noch, "mit dem Pferdefuhrwerk." Da sei er, Behringer, aber noch nicht dabei gewesen. "Das war nämlich da im Bachtal unten, und der einschichtige Mosler ist es gewesen. Seine Leiche hatte auch bereits länger gelegen, da ist normalerweise kam jemand hingegangen, und gemerkt hat man es erst, als der am Sonntag nicht in die Kirche gekommen ist, denn die hat er nie ausgelassen. Dann sind sie mit dem Sarg und dem alten Mosler drin auf der holprigen Straße gefahren. Da ist noch lang nichts geteert gewesen und lauter Schlaglöcher und Steine hat es gegeben. Da hat es gerumpelt und den Deckel hat es auch mal ein bissl gehoben von dem Rumpeln. Den haben sie nämlich noch nicht richtig zugemacht gehabt mit den Nägeln. Denn die Leiche hat ja noch gerichtet werden müssen. Und wie es den Deckel immer wieder einmal angehoben hat, da ist der Wind so gestanden, dass der Gaul was von dem Gschmackerl aus dem Sarg in die Nase gekriegt hat, das schon ein bissl arg war. Und, sakra, auf ist es gegangen, auf und davon, und niemand hat den Gaul, den Hundsheiter den windigen, mehr halten können, und runter sind sie vom Fuhrwerk aus Angst, dass es umschmeißt. Und der Gaul und der Karren und der Sarg ohne den Deckel, ist in das Dorf hinein galoppiert wie vom Teufel getrieben. Die Leute, die haben zuerst geschaut und dann sind sie abgehauen, als der Gaul dahergekommen ist mit dem Sarg und dem Toten, den es so rumgebeutelt hat, dass er immer wieder mal über den Rand rausgeschaut hat, als ob er wiedergängerisch wäre. Die Totengräber mit dem Sargdeckel hinterher! Und schreien: 'Bleibst du ste­hen, du Hundsheiter, du ganz verreckter!' Die Leute sind wieder aus dem Haus und haben geschaut, und die haben dann nicht gleich gewusst, ob sie jetzt lachen sollen oder sich richtig fürchten und ob es da mit rechten Dingen zugegangen ist! Denn so ein Vieh, und das schönere Ross ist es eh nicht gewesen, und so ein Vieh ist ja kein Christenmensch, und da hat der böse Geist dann schon mal sein Quartier in so einem Vieh, dass man es ausbenifizieren muss mit einem Weihbrunnen im Stall drinnen oder gleich vom Pfarrer am Leonhards-Tag, wo man einen Umgang hat, oder zum Kastulus!" 

Es war lauter geworden im Saal. Es war jetzt hie und da auch bereits ein Lachen zu hören. "Es ist freilich recht", sagte Bärlapper zum Behringer, "dass in der Trauer auch gelacht werden kann. Oft ist es auch so, als wie wenn es so eingerichtet wäre, dass der buckligen Trauer der Papagei auf ihrem Buckel hockt und immer einen Schmarren redet, dass du lachen musst."

"Es mag so sein, wie du das siehst", antwortete der Behringer etwas ratlos und dachte nach. "... bucklige Trauer ..., ja, was ist denn das?", wunderte er sich. "Das hast du dir wieder ausgedacht, Bärlap­per. Wenn du lachst", setzte er schnell drauf, "das ist dann auch so eine Auferstehung, du weißt schon, wie bei einem Christenmenschen, wie der Pfarrer behauptet, dass es ist ... Die Auferstehung ist, wenn du lachen kannst. Aber das sage ich bloß so, und wer weiß, ob es richtig ist."

Sie kamen nebenzu ihrer Pflicht dem verblichenen Unterlassner gegenüber nach und fütterten gehörig nass ein, dass es ihnen immer leichter wurde.

Sie traten dann zur Stallzeit, nachdem die Frauen noch am Grab waren, satt und mit einem gehörigen Rausch den Heimweg an.

 

Tags darauf, am Samstag, hatte sich Bärlapper vorgenommen, etliche Fuhren Mist auszufahren. Die Mutter war allerdings nicht so sehr dafür. Dass es zu schön sei heute fürs Mistfahren, hatte sie behauptet. "Fahr doch lieber das alte Zeug in die Grube. Die Sonne, die ist nie gut für den Mist. Für den Odel auch nicht. Aber den fährst du wenigstens nicht, Gott sei Dank!" 

"Das hört sich ja unbändig neumodisch an", dachte sich Hans und fasste sich an den Brummschädel. "Ja gleich so modern wie bei denen, die auf der Winterschule gewesen sind, nämlich, wenn sie in der Wirtschaft wieder mal so gescheit daherreden."

Als er sich wieder mit einer Leidensmiene über den Kopf fuhr, forschte die Mutter spitz, ob sie den Unterlassner gestern denn eingegraben oder eingegossen haben und ob das sein muss, "dass man die Trauerleute gar so gotteslästerlich hersäuft." Er gab keine Antwort. Er ging zum Wasserhahn am Ausguss und löschte mit tiefen Schlucken seinen Brand.

"Woher es die Mutter nur hat, das mit dem Mistfahren und dem Wetter? Vielleicht aus dem Bauernblättl? Aber da hat sie doch nur immer den Roman gelesen. Jedenfalls halten sich ja diese ganz Gescheiten auch nie dran, was sie da mit dem Wetter und dem Mist daherreden. Die fahren ihre Gülle bei jedem Wetter und auch im Winter auf den Schnee – bis es einmal verboten wird. Die Modernen haben alle Gülle, wegen dem neuen Stall, bei dem sie keinen Mist mehr schieben müssen. Bei mir rentiert sich das nicht. Das bissl Arbeit mit dem Mistschieben. Meine eigene Arbeitszeit kostet mich ja nichts. Wenn ich einen Umbau zahlen müsste, dann wär es anders. Dann arbeitest du nur noch für die Bank, die dir das Geld rauszieht aus der Tasche."

Bärlapper kam dann darauf, dass es eher der Mond war als die Sonne, der die Mutter abraten ließ. Diese Mondregeln. Diese geheimnisvollen Wachstums­regeln. "Aus der Heidenzeit sind sie und immer noch in den Köpfen. Ein Aberglauben ist das und ein Unsinn dazu, wie der Lehrer immer gewettert hat. Etwas von den wenigen Sachen, wo er mit dem alten Pfarrer eins war. Die Leut lassen sich von ihrem Mondglauben nicht wegbringen. Klar, sie schreiben dem Mond etliches zu", dachte Bärlapper, "wo sie was kriegen, ohne dass sie was zahlen dafür, wenn sie es mit dem Mond richtig können. Da ist der Wettersegen, den der Pfarrer gibt, auch noch eine Dreingabe – und nach dem Lehrer schon gleich genauso was Abergläubisches. Gewiss das halbe Dorf ist dem Mond verfallen. Doch du hörst kaum was über das, was es da alles zu machen gibt. Denn wenn man drüber redet, ist die Wirkung im Eimer, heißt es. Man muss es irgendwie selber rausfinden. Einen Glauben daran musst du haben, den du ja auch erspüren musst", war Bärlapper überzeugt, "ohne Glauben geht so was rein gar nicht. Irgendwann schreibt es einmal einer auf. Doch wenn es geschrieben ist, dann hat es keine Wirkung mehr, denn das ist ja, wie wenn man darüber redet." Er suchte sich sein Arbeitszeug zusammen. "Und überhaupt, da gibt es eine Masse ziemlich zauberische Sachen", ging es Bärlapper im Brummschädel herum. Er wusste auf dem Hof vom verblichenen Unterlassner so etwas. Einen alten Ziegenbock. Ein gespenstisches Vieh, das sie in Unterlassners dunkler Tropfsteinhöhle von Kuhstall frei herumlaufen ließen. Kohlrabenschwarz mit blitzenden Augen kam der Bock daher – und ein Hinterlauf war ihm obendrein zu kurz geraten. Der sollte – unausgesprochen, versteht sich – die Krankheiten, wohl besser die bösen Geister, bannen. "Möglich ist es ja, dass der Geißbock jetzt abgestochen wird, wo der Altbauer auch hin ist", dachte Bärlapper, während er die Streuwalzen von seinem Mistbreiter schmierte. "Der Geißbock schaut schier gar wie so ein Bild von so einem Teufel aus. So wie sie es ganz früher gemalt haben, wo sie auch noch die Hexen verbrannt haben, dem Herrgott zuliebe", erinnerte sich Bärlapper. "Möglich wär es ja, dass da die andern Teufel glauben, wenn sie Unterlassners Kühe heimsuchen wollen und den Bock sehn: Abhauen, Burschen, rufen sie, die Teufel, abhauen, da ist schon einer drin von uns im Unterlassner seinem Stall!" Er musste über seinen Einfall lachen – und da stach es auch gleich wieder im Schädel. "Klar, wenn der Bock so aus einer dunkeln Ecke vom Stall rauslugt mit seinen blitzenden Augen und seinen Hörnern!"

Bärlapper grinste vor sich hin. Als er die Mistgabel aus dem Stall holte, erinnerte er sich, dass die Mutter dort einen kleinen Weihwasserkessel hängen hatte. "Bestimmt hat sie das", war er überzeugt, "um das Böse vom Vieh wegzukriegen. – Scheiß Kopfweh", jammerte er still vor sich hin, "vielleicht vergeht es, wenn du es dann beim Mistladen rausschwitzt. Einen Rossmist müsste man haben, da zieht einem der Ammoniak den Rausch aus dem Kopf, haben sie früher gesagt. – Auf geht's!", spornte sich Bärlapper an. Er ging noch einmal in die Küche, um sich eine Flasche Bier zu der schweiß­treibenden Schwerarbeit zu holen. 

"So", giftete die Mutter, "jetzt machst du es ja doch mit dem Mist!"

"Es könnte wie im vorigen Jahr werden", versuchte er, sie zu beschwichtigen. "Es könnte ja sein, dass der erste Schnee ganz früh kommt und ich dann nimmer aufs Feld kann. Da haben viele ja nimmer gewusst, wohin mit dem Dreck, und es wurde auf dem Hof in der Not ein zweiter Misthaufen angelegt. Da war dann die braune Soße dauernd quer über die Straße gelaufen und ist ins Dorf hinein geronnen. Da bist du gleich ein Saubär, über den sie maulen, ganz hinterfotzig freilich nur ..." 

Die Mutter schimpfte, während sie am Herd werkte: "Das sage ich dir: 'Wo Mistus, da Christus!' Wurde uns noch gelehrt. Der Mist ist kein Dreck! Das musst du wissen, was da für eine Kraft drinnen steckt! Aber fahre nur zu. Ihr Jungen wisst alles besser. Bis ihr die Erfahrung zahlen müsst und euer Lehrgeld ..."

Er machte sich davon. "Möchte ja sein, dass sie so unrecht doch nicht hat mit ihrem Mond", dachte er. "Wo sie zwar von der Sonne gesprochen hat. Doch ich weiß, was sie meint, wenn sie was sagt ..."

Er fuhr mit seinem Mistbreiter vor, stieg ab und kletterte über die Ladepritsche des Hängers auf die höchste Stelle seines Misthaufens. Auf dem Gipfel angelangt, genoss er zuerst die Aussicht und warf einen Blick auf den Hof. Er zählte die Enten und Hühner, die im Hof schnatterten und gackerten,  an denen die Mutter hing, obwohl alle sagten, dass es sich gar nicht mehr lohne, das ganze Viehzeug zu halten, das sowieso nur die schönen neuen Maschinen verscheißt. "Ich lasse es ihr eben, auch wenn es die andern nimmer haben." Er schaute zur Straße hinüber. Da sah er, dass die Schneidermann Maria mit ihrem Schlepper dahertuckerte. "Diese überständige Jungfrau", urteilte Bärlapper, "die sie dir neulich in der Wirtschaft als eine gute Partie haben verbandeln wollen. Wie die auch wieder ausschaut, wie ein Kerl, da oben auf dem Bulldog. Eine Kluft hat sie an wie eine Vogelscheuche." Er vermutete noch, dass die einer Kuh in bloß fünf Minuten ihre satten zwanzig Liter rausmelkt – "mit solchen Händen." Er wollte gleich zur Seite schauen. Zu spät! Die Marie hatte ihn entdeckt und sofort ganz freundlich herübergegrüßt, indem sie eine Hand vom Lenkrad nahm und ihm zuwinkte. In seiner Überraschung salutierte er ihr mit der Mistgabel – und hieß sich selber einen Blödmann.  

Dann stach er auf seinen Haufen ein.

"Eigentlich ist es schade", meinte er. "Die braune Brüh von dem Mist dürfte nicht wegrinnen. Die müsste ich eigentlich in die Odelgrube kriegen. Al­lerdings bin ich da nicht der Einzige gewesen, dem der Odel weggeronnen ist im letzten Winter."

Er fragte sich, ob das seine Michi verstehen würde, und wuchtete einen Batzen nach dem anderen auf den Anhänger.  

"An dem Gespann von der Schneidermann Maria ist eh nur der Traktor gut", ging es ihm durch den Kopf, während er kurz verschnaufte. "Ein blöder Einfall", verwarf er den Gedanken gleich wieder. Dann gabelte er wieder. 

"In der Stadt würden sie dir gleich vorm Gericht was anhängen mit der braunen Brühe und dem Gestank. Deswegen gibt es in der Stadt keine Bauern mehr und wegen den Bauplätzen ... Denn da wäre ja einer dumm, wenn er keinen Bauplatz hergäbe. Da lebt es sich gut, wenn man Bauplätze hat. Da hast du deine Moneten. Die Alten haben früher gewerkelt und sich geplagt, bis sie in die Grube gesunken sind. Sie haben sich ihrer Lebtag lang auch gerade am Fressen gehalten mit dem bissl Boden, den die meisten nur gehabt haben. Die Jungen verkaufen das Sachl und haben ein gutes Leben, dass sie nimmer wissen, wohin mit dem Geld, denn das haben sie dann doch nicht im Kopf und haben es nicht gelernt. Von wem auch hätten sie es lernen sollen wie die Kaufleute. Denn mit dem Haufen Geld richtig umzugehen, da reicht das Schlausein allein nicht aus ..." 

Er hebelte den Gabelstiel übers Knie und drückte, dass es knackte. Bärlapper ärgerte sich über sich und prüfte, ob das Holz gebrochen war. Es hätte ihm leidgetan, weil er den Stiel vor Jahren selber aus einem Ast von der Esche im Hof gemacht hatte und das Holz doch bereits so schön blank poliert war durch die Hände. Doch es war alles in Ordnung, so machte er weiter.

"Mei, die Marie schaut ja in ihrem Dirndl, wenn sie es mal anhat, doch auch wieder richtig fesch aus, aber ..." Jetzt hatte er das vorhin festsitzende Stück Mist auf der Gabel und warf es hinunter. "... eigentlich ist es ja egal. Denn man ist, wie man ist, und man hat das Recht dazu! Oder etwa nicht? Man muss ausschauen dürfen, wie man ist."

Er begann jetzt, eine Ecke des Haufens wegzugabeln. Er schaute einmal genauer hinunter, um festzustellen, wie es um die Ladung stand. 

Er stach auf den Mist ein und gabelte, dass ihm der Schweiß triefte. Dann verschnaufte er und holte sich die Flasche Bier vom Schlepper.

Weiter ging es nach ein paar kräftigen Schlucken. Der Mist wurde allmählich feuchter und schwerer. Es ging in die Knochen. "Das bist du vielleicht nicht mehr gewohnt", sagte er sich. "Wenn du dich plagst bei der Arbeit. Ob es immer gut ist?" Er verschnaufte. "Wie der Müller das da erst gesagt hatte bei der Brotzeit, dass die Arbeit vielleicht kaputt macht. Durch die Arbeit einen Wehdam, ein Leiden. Was sollst du da sagen?" Er machte weiter.

"'Wo Mistus, da Christus", überfiel ihn plötzlich wieder. "Ja, da schau an!", wunderte er sich. "Ja so was! Was ist denn das alles. So ein Durcheinander im Kopf: der Mist und die Marie mit Bulldog und Dirndl und jetzt auch noch dieser Spruch ..."

Aus den tiefer liegenden Schichten des Haufens dampfte es, eindringlich riechend, ätzend fast. "Wie im richtigen Leben!", blitzte ihm durch den Kopf. Er hatte Mühe zu atmen. "Du verschnaufst es nimmer", gab er sich zu und legte Rast ein.

"Stinken tut es ja, jedoch nicht so sehr wie die Gülle. Wo die von den Siedlungshäusern immer maulen, wenn einer Gülle fährt und sie das riechen müssen. Allerdings wo käme man da hin, wenn man sich da dreinreden ließe ", dachte er sich, während er weitermachte. Ein Mistbatzen nach dem anderen klatschte unten auf. Dann war die Fuhre fertig. Bärlapper sprang vom Haufen hinunter auf seinen beladenen Streuer. Er stieg über die Anhängedeichsel zum Schlepper und fuhr an.

Hinaus ging es, durch das Dorf, einen leichten, stechend riechenden Dunstschleier hinter sich herziehend. Nachdem er die letzten Häuser hinter sich gelassen hatte, lehnte er sich auf seinem Schleppersitz entspannt zurück und schaute umher. Sonne, blauer Himmel, ein paar Wölkchen, und von Süden her wehte der Föhn, dass die Berge scharf umrissen waren. 

"Alles viel zu warm für die Jahreszeit! Das ist ja wieder typisch für uns hier", stellte er fest, "es ist November – und sonst überall sicher nebelig, doch hier vor den Bergen, da putzt der Föhn alles weg. Dann scheint die Sonne ab und zu bis in den Dezember."

Draußen auf seiner Wiese stellte er den Streuer an. Bald verfolgte ihn ein Schwarm Krähen, der vom nahen Buchenwald am Schlossberg herbeigeflogen war. Die großen Vögel pickten emsig ihre Leckerbissen aus dem Mist am Boden. Die dreisteren machten sich auf der Fuhre zu schaffen. 

Bärlapper fühlte sich gut. Er schaute in der Gegend umher, während seine Maschine die Arbeit erledigte. Er freute sich über die herbstlichen Farben. Die Kronen der Bäume waren lichter geworden und gaben nun den Blick auf die Gebäude frei.  

"Der Herbst kann auch befreien", überkam ihn plötzlich. Er fühlte, dass das eigentlich tiefer ging, wollte jedoch an dem Gedanken nicht hängenbleiben. "Jetzt spinnst du", schimpfte er mit sich. Es ließ ihn trotzdem nicht los: "... wenn etwas weniger wird, dann ..., ja was dann? – ... dann ist man es los, wenigstens zum Teil. Wenn etwas zur Neige geht ... – Mein lieber Schwan: Neige ... – Ja so was! Was ist denn das? – Wenn du bloß noch ein Neigerl im Glas hast", versuchte er, sich herauszublödeln, "dann kannst du dir ein frisches Bier kommen lassen und noch eines." Eine Querrinne war zu passieren. Es rumpelte und schüttelte ihn durch.

"Manchmal fällt einem so ein Zeug ein", entschuldigte er sich. "Gar kein Wunder, dass manchmal einer zu spinnen anfängt, wenn ihm zu viel davon einfällt."

Als der Wagen leer war, stellte er den Motor ab. Er ging zu einer nahen Kuppe, die noch zu seiner Wiese gehörte. Dort stand am höchsten Punkt eine mächtige Eiche. Er setzte sich am Fuß des Baumes ins Gras und freute sich über den schönen Ausblick. Die Berge schienen in der klaren Luft ganz nah zu sein, ja, man konnte an solchen Föhntagen meinen, sie würden gleich hinterm Dorf aus dem Boden wachsen. "Das Karwendelmassiv, haben wir in der Schule gelernt", erinnerte er sich. "Vielleicht solltest du mal auf einen hinauf, mit der Michi, jetzt wo sie alle auf den Berg gehen, die Augsburger und die Münchner – und die Japaner", witzelte er sich hinterher. Er nahm den Hut ab und setzte sich auf den Filz, weil es ihm von unten her kalt wurde.

"Ob die Michi das überhaupt will? Wir wissen doch gar nicht viel voneinander, eigentlich so gut wie gar nichts, bei der kurzen Zeit am Donnerstag immer und mit ihrer Kirchenmusik." Er wunderte sich und schüttelte den Kopf so heftig, dass es ihm ein wenig schwindlig wurde.

"Aber alle, auf den Berg hinauf", dachte er. "Ganze Kolonnen auf der Straße in der Frühe, dass du mit deinem Bauernfuhrwerk höllisch aufpassen musst und besonders mit dem Viehzeug. Den Berg hinauf, und am Abend wieder alle zurück! Lauter Irre!" Auch wenn es ihm merkwürdig erschien, nahm er sich vor, Michi demnächst darauf anzusprechen und ihr sogar einen Vorschlag für eine Tour zu machen.

Er warf einen Blick in die Krone des Baums. "Herrgott, wie hat die Mutter für die alte Eiche hier gekämpft, früher, als die von der Flurbereinigung die ganze Landschaft ausgeräumt haben. Die spinnt doch, haben die Leut gesagt, damals. Aber heute sagen sie, dass sie recht gehabt hat. Man muss nicht alles raushauen aus den Feldern oder aus dem Wald auch nicht. Aber damals haben sie eine maschinengerechte Flur wollen, wie es geheißen hat. Den Bach haben sie schnurgerade gemacht. Alle Straßen, denn die sind ja, wie der erste Ochs gepieselt hat, haben sie gesagt. Weil sie noch gewusst haben, dass der Ochs beim Gehen brunzt und dass das deswegen ein Zickzack wird. Der Baum hätte wegmüssen. Die Hammel von der Flurbereinigung. Mit ihren Bulldozern haben sie rumgewerkt. Wie mit Panzern sind sie durch. Und die Mutter hat sich vor den Baum gestellt: 'Du haust ab, mit deiner Säge!', hat sie den Arbeiter angeschrien, 'sonst musst du mich gleich mit wegschneiden!' 

Wenn man es bedenkt, hat sie recht gehabt. Gerade der Baum hier oben. 'Den macht keiner von euch um!', hat sie getrotzt, 'der bleibt stehen!'  

Das ist doch so schön hier. Wie oft haben wir bei der Heuernte wegen der Hitze unterm Baum gehockt, bei der Brotzeit. Grad schön war es! Doch deswegen allein hat die Mutter nicht um den Baum gekämpft ... Ob es wieder so ein Glauben war, wie das mit dem Mond? Der alte Pfarrer hat ja seinerzeit gesagt: 'Die Eichen, das sind heidnische Bäume!' – Und die Nazis mit ihrem Geschwätz von der deutschen Eiche, wie man uns gesagt hat. Aber die Mutter hat doch nichts im Sinn gehabt mit so was! Denn mit den Braunen hat man daheim nichts zu tun haben wollen, wo die groß drauf waren. Da muss ich sie einmal fragen. Freilich, mit den Nazis hat der Vater nichts am Hut gehabt und die Mutter gleich zweimal nichts, weil das verrückte Heiden waren."

Bärlapper stand wieder auf und ging zu seinem Fuhr­werk.

"Ich sollte nur Bauer sein können, sonst nichts", fand er, als er später wieder auf seinen Misthaufen stieg. "Das wäre gut. Nicht dauernd das und das und alles ein wenig und nichts ganz. Plagen muss ich mich doch mit allem. Nichts ganz, alles halb, aber am Ende kostet es mich doch alles. Überall ist mir das Hemd zu kurz und es reicht nicht."

Er stach heftig auf den braunen, zähen Grund ein, auf dem er stand. Er sank immer wieder bis zu den Knöcheln ein. Er zerrte eine Gabel voll nach der anderen heraus. Dann überkam ihn auch wieder das Gefühl, dass das alles hier nie weniger würde – nie, das ganze Leben lang nicht – und dass es ihn festhielt. Auch war da wieder der Einfall von vorhin, das mit dem Herbst "... der Dinge – o Mensch!" Auch die Sache da mit dem Baum, und weil die Mutter so darum gekämpft hatte, damals. "Musst halt fragen", bestimmte er sich, "aber nach so was fragt man eben nicht.  Warum eigentlich nicht?" 

Er merkte jetzt, dass er auf solche Einfälle, die alles nur noch schwieriger machten, gar nicht eingestellt war. Er schüttelte den Kopf über sich. "Arbeiten musst du", befahl er sich, "dann vergehen dir die Flausen. Und wenn es sein muss – und es muss ja eh immer sein –, dann musst du dir eine neue Arbeit suchen. Es gibt hier überall genug zu tun. Und wenn ich selber nichts mehr zu machen habe, dann gibt‘s die andern. Die sind froh, wenn ich ih­­­nen was abnehme, möglichst umsonst. Für ein Vergelt's-Gott vielleicht nur ..." 

 

Immer wenn er sich von der Stelle bewegen wollte, musste er seinen Fuß mit einiger Anstrengung aus der klebrigen Masse ziehen. Es entstand ein schmatzendes Geräusch. Er musste aufpassen, dass der Gummistiefel nicht steckenblieb. 

Es war halb zehn geworden. 

"Geh doch dann rein zum Brot", rief ihm die Mutter nach, als er wieder auf den Schlepper kletterte. 

"Aha", dachte er, "jetzt hat sie endlich was gefunden." Er hatte die ganze Zeit über gemerkt, dass sie dauernd irgendwo in seiner Nähe war, da und dort herumgewerkte. Auf diese Weise waren die Hühner zweimal in den Genuss einer Fütterung gekommen, und der Holzstoß sah gegen zehn noch ordentlicher gestapelt aus als sonst und bei den Nachbarn überall. Die Mutter trieb etwas um. 

Nachdem er von dieser Fahrt zurück war, ging er in die Küche. Er trank ein Glas kalte Milch und wollte sich über die heißen Kartoffeln hermachen, die in einem kleinen Häufchen bereits geschält auf der blanken Tischplatte lagen. 

"Hände waschen!", hörte er vom Herd her, als er gerade nach so einer Kartoffel greifen wollte. Er folgte, murrte vor sich hin und verließ für kurze Zeit die Küche.

Als er wieder hereinkam, saß die Mutter am Tisch. "Also hör zu, Hans!", fing sie an, nachdem er sich hingesetzt hatte. "Du musst in die Stadt hinein und mir einen Franzbranntwein holen!" 

Er schaute sie groß an, und sie schob sofort, ohne dass er hätte etwas sagen oder fragen können, die Begründung nach: "Ich muss nämlich wieder einen Franzbranntwein haben wegen dem Rheuma, nämlich zum Einreiben ..."

"Ach Mutter", seufzte Hans, "jetzt hast du halt endlich einen Grund wegen deinem Vollmond und dem Mist!" Er nahm eine Kartoffel, tippte sie in das Salzhäufchen und begann zu essen.

Die Mutter hatte nichts darauf erwidert, sie sah ihm zunächst schweigend zu, wie er aß. Dann begann sie zu erzählen, dass ihr das Rezept wieder eingefallen sei, bei dem Kiefernsprosse mit Franzbranntwein angesetzt wurden. Er solle ihr zum nächsten Frühjahr welche bringen, wenn die Kiefern wieder angetrieben haben, "jetzt ist es zu spät, die Triebe sind ja bereits verholzt. Im jungen Trieb steckt die ganze Kraft."

Hans musste lachen. "Also, dann brauchst du ja deinen Sprit auch erst im Frühjahr", ärgerte er die Mutter.

Sie murmelte, dass man sich ja auch so einreiben könne mit dem Franzbranntwein und dass das vielleicht auch was nütze ...

Hans kaute genüsslich und trank die Milch dazu. Dabei ging ihm auf, welche Möglichkeiten noch in dem Auftrag steckten. Er hatte sofort einen Plan. 

"Freilich, Mutter, das mache ich", sagte er, "du kriegst freilich deinen Sprit." 

In der Stadt wollte er seine Michi mit einem Besuch überraschen. "Vielleicht lässt es sich richten, dass wir miteinander etwas unternehmen", dachte er und kaute eifrig. "Sie kann doch auch mal frei kriegen in ihrer Bierwirtschaft dort. Dann fahren wir wohin mit Michis Golf: An den Ammersee bei dem schönen Wetter oder nach Augsburg oder auch nicht, denn dort hat es immer Nebel um die Jahreszeit, vom Donauried her. Oder nach München vielleicht sogar, da greift der Föhn ja oft als Wolkenschieber."

So bald würde er dann nicht heimkommen wollen. Sogar in der bestickten schwarzen Lederhose wollte auftreten und einem weißen Hemd ..." Da wird sie Augen machen, wenn ich so daherkomme, so wie sie neulich gesagt hat, dass es ihr gefällt." 

Er stand mit einem Ruck auf und verließ die Küche, auffallend beschwingt.

Die Mutter meinte noch, dass er doch den Abfall in die Müllgrube fahren solle, wenn er dann wieder daheim ist. 

Er hatte bereits die Hand an der Türklinke, blieb jedoch kurz stehen und drehte sich noch einmal um: "Was sind das eigentlich für Leute dort in der Müllgrube? Die sind da doch immer, wenigstens soweit ich mich erinnern kann. Dort in der Baracke. Aber keiner kennt sie richtig, nicht mal wie sie eigentlich heißen! Russen nennen sie alle."

Die Mutter wunderte sich ein wenig. "Die sind nicht wie die richtigen Flüchtlinge gleich nach dem Krieg gekommen. Da vom Osten her irgendwo", überlegte sie. "Etliche Zeit nach der Währungsreform waren sie plötzlich da. In die Baracken vom Krieg wurden sie gewiesen. Vielleicht dort reingesetzt vom Staat. Mit denen hat niemand was zu schaffen haben wollen. Keiner weiß richtig, warum. Fremde eben, denen alle immer und überall misstrauen. Doch warum willst du das jetzt wissen?", fragte sie.

"Einfach bloß so", sagte Hans. 

"Die sind auch nicht unter die Leute gegangen und in die Kirche auch nie!", fuhr die Mutter fort. "Doch das ist bekannt: Gestritten und gerauft haben sie da in ihren Baracken wie die Hunde. Saufen tun sie auch! Ich glaube, die haben auch selber einen Schnaps gebrannt, jedenfalls haben das die Leute behauptet. Wird was dran sein. Na ja, jeder wie er mag, wenn er nicht gleich ein arger Hallodri ist. Zwei Frauenspersonen sind es und zwei Mannsbilder?" 

"Jeder wie er mag", bestätigte Hans. "Aber unter die Leute muss man schon gehen!" 

Dann machte er sich davon, um sich stadtfein zu machen.

Sein schönes Gewand sollte es heute tatsächlich sein.

Wieder unten, machte er die Tür nur einen Spalt auf und steckte den Kopf herein: "Essen gehe ich in der Stadt", rief er. Er schien in bester Laune zu sein, es hatte jedenfalls ziemlich munter und zuversichtlich geklungen. Die Mutter wusste natürlich auch gleich Bescheid. 

 

 

Dann, nämlich am frühen Nachmittag bereits, tauchte Hans wieder auf. Er stellte seinen Einkauf, der nur aus der Flasche Franzbranntwein bestand, mit einem unverständlichen Murmeln auf den Tisch und verschwand sofort wieder. In seiner Kammer rang er mit sich, ob er seine Mistarbeit fortsetzen oder zum Wirt gehen solle. Er hatte die Schuhe schon ausgezogen, die Hosenträger heruntergestreift. Jetzt setzte er sich aber auf die Bettkante und sortierte noch einmal seinen Kummer: "Die hat mich doch verdammt abblitzen lassen. Wie ein Trottel bin ich dagesessen. Und sie ist immer gleich gesprungen, wenn einer nach der Resi geschrien hat. So was Saublödes! Resi! Welche Bedienung lässt sich heute noch so nennen? Als sie dann Zeit gehabt hätte, ist sie doch endlich mit mir hinauf in ihre Kammer gegangen. Hinsetzen soll ich mich und still sein – und sie zieht eine dicke Schwarte raus, und wie ich hinsehe ..." 

Er schüttelte immer wieder den Kopf.

"Das darf doch nicht wahr sein!", jammerte er. "Sie hat eine Bibel – und zu lesen angefangen." Er schüttelte wieder den Kopf. "Die Bibel haben wir auch – im Küchenkasten drin. Aber da schaut auch die Mutter so gut wie nie hinein. Die hat man eben, denn die ist geweiht. Was drin steht, das sagt der Pfarrer. Was muss ich da selber lesen? Doch die Michi tut es. Wird womöglich richtig fromm. So gottesfürchtig, dass sie dann alles, was sie tun will, erst darauf untersucht, ob es nicht vielleicht sündhaft ist. So abgestanden. Gerade deswegen, weil sie jetzt fromm wird, würde sie allerdings zur Mutter passen. Aber wie es aussieht, ist da nichts drin damit!" Diese Gedanken kreisten in seinem Kopf. Das schmerzte ihn alles. Es tat weh und würgte ihn am Ende richtig, gerade so, als ob da Tränen kommen wollten.

"Das ist ja das Letzte! Ich glaube, ich krieg mich nimmer: Diese Frau und die Bibel und am helllichten Werktag ... Ja da verreckst!", raffte er sich markig wieder auf. "In einem Bibelkreis wäre sie seit einiger Zeit und ein Kapitel lesen müsste sie nun, sonst könnte sie heute Abend nicht mitreden. Und ich hocke da wie ein Idiot und habe das Maul offen wie irr! Meine Donnerstagbraut und der Bibelkreis! Ich wie der Ochs vorm Berg!"

Er wechselte sein Festgewand gegen etwas Alltägliches.

Beim Weghängen der Prachtstücke nannte er sich einen Hornochsen. Nachdem er sich den Anschiss selber verpasst und auch weggesteckt hatte, fühlte er sich nicht mehr ganz so elend.

"Überspannte Geiß!", schimpfte er laut vor sich hin. Dann ging er hinunter und machte sich aus dem Haus. 

Als er auf dem Hof war, fiel ihm ein, dass seine beste Kuh, die Liesl, bald so weit sein dürfte. Das lenkte ihn noch weiter von seinem Elend ab. Er kehrte um, prüfte den Zustand des Tiers. Dann knüpfte er einen Strick zum Halfter, nachdem er gesehen hatte, dass Liesel richtig rindrig war. Er trat mit seinem Vieh den Weg durchs Dorf und zum Stier an.

Dort angekommen, musste nicht viel geredet werden. Der Kastlbauer brachte gleich den Koloss von Bullen. Es war das vertraute Bild, wie der bucklige, für seine fünfzig Jahre arg geschrumpfte Mann das Monstrum am Nasenring aus dem Stall führte. Er ging mit dem Bullen erst ein paar Mal im Kreis herum. Der Stier zerrte und drängte zur Kuh. Der Kastlbauer mühte sich an der Führungsstange ab. "Lasse dir Zeit, Simmerl", redete er dem Bullen gut zu, "wenn du dir Zeit lässt, macht es dann mehr Spaß!" Bärlapper, der mit der Kuh dastand, rief er zu: "Da nimmt die Kuh mit Sicherheit auf. Und wenn du ein Glück hast, dann gibt es gleich Stücker zwo Kälber! Aber ich weiß nicht, ob du ein Glück hast", schränkte er ein. "Das weißt du ja sowieso, man darf nicht gleich, wenn man will, das ist halt so im Leben und in der Liebe erst recht!"

Bärlapper ließ ihn reden. Das zitierte Leben mit dem Blick auf die Liebe ... Er kannte zwar das Gerede vom Kastlbauer. Leben und Liebe aber! Jetzt beschwor es dem guten Hans wieder seine ganze Betrübnis herauf. Um dem wenigsten ein wenig zu entgehen, ließ er sich durch den Kopf gehen, wann das Geschwätz ihm gegenüber begonnen hatte und wer und wie in dieser Weise tätig geworden war, der Schmied, der Müller ... Das war wie eine Flucht nach vorne – mit dem Vorsatz, auf jeden Fall Michi aus den Gedanken heraus zu bekommen. So hielt er sich an der Altmännerbotschaft an die Jungen fest, die er kannte, seit er aus der Schule war. Er wusste auch, dass das alle Burschen abbekamen, wenn sich nur immer die Gelegenheit dazu bot. Es ging immer so, wenn allerdings sonst niemand zuhörte, bis einer der auf diese Weise Aufgeklärten dann geheiratet hatte. Mal war es lästig, dann auch wieder ganz anregend. Bilder ließ er sich durch den Kopf ziehen, solche von angepriesenen Bräuten und vom Hochzeitslader, der immer auch ein wenig auf den Kupplerpelz aus war ...

"Für die Schecken gäbe es für das Kalb sowieso fast einen Hunderter mehr als für ein braunes", hörte er den Kastlbauer wieder und sah, wie er sich immer noch mit dem Fleischberg plagte. "Es ist ja richtig, wenn du meinen Stier auf deine braune Kuh setzt", ging es außer Atem weiter, "dann kriegst du halt vielleicht einen halben Hunderter mehr fürs Kalb." 

"Will ich hoffen", antwortete Bärlapper nur.

"Und mit der künstlichen Besamung", keuchte der Kastlbauer herüber, "mit dem Rucksackstier ..." Jetzt war er mit seinem Simmerl in der Nähe, "du weißt schon, so hat man es genannt, weil der Besamer immer mit dem Rucksack gekommen ist am Anfang von dem Blödsinn mit dem verdünnten Zeug drin. Also mit dem Stier von der Station, ich weiß nicht. Da nehmen die Kühe schlecht auf. Dann ist das Jahr rum und dir fehlen so an die paar hundert Mark, wenn die Kuh umrindert. Aber ihr geht ja in die Arbeit und tragt Moneten heim, ihr braucht ja das Geld vom Hof nicht, ihr Hobbybauern. Und dabei macht ihr uns den Milchpreis kaputt, weil ihr auch noch schütten müsst, obwohl ihr es eigentlich nicht braucht, sondern nur aus eurer faden Gewohnheit. Aber nichts für ungut, Hans! Du weißt ja, wie schwer man sich tut heutzutage als Vollerwerbsbauer, wie sie einen nennen heute ..."

"Lasse ihn reden", dachte sich Bärlapper, "vor zwei Jahren ist ihm die Frau gestorben, und der Sohn ist nach einem Streit vom Hof weg und in die Arbeit auf dem Bau."

"Wie kommst du denn zurecht?", fragte Bärlapper.

"Geht schon – wenn du weißt, wie es geht, wenn du nicht weißt, für wen dass es gehen soll!", war die Antwort, und er ließ jetzt den Bullen steigen. 

"Wenn wir zwei schon nichts haben, gell, Bärlap­per, nachher soll unser Vieh wenigstens sein Vergnü­gen haben!", murmelte der Kastlbauer, während sie warteten, bis der Stier die Rute bei der Kuh untergebracht hatte. Ein Ruck – und die Männer gingen etwas zur Seite. Die Kuh war durch die Wucht des Sprunges einen Schritt nach vorne gedrängt worden. 

"So, jetzt hast wieder für ein Jahr eine Ruhe, Marie, oder wie dich der Bärlapper nennt", redete der Kastlbauer zur Kuh gewandt daher – und nuschelte dann vor sich hin, während er mit seinem Stier abzog, dass das ja auch nicht gerade die wahre Erfüllung sei, alle Jahre wieder und dann in zwei Sekunden ...

"Servus", rief Bärlapper und machte sich auf den Heimweg. Während er so im Tempo seiner Begleiterin dahintrottete, überlegte er, woher der alte Bauer dieses "die wahre Erfüllung" haben konnte, "ja so was, und wie sich das anhört bei dem, vielleicht liest der in einem Roman, wo das vorkommt. Die wahre Erfüllung! Respekt!" – und war sofort wieder bei seiner Michi. Von der hatte er das auch einmal gehört, fiel ihm ein. Bei der passte so ein Ausdruck doch eher in die Sprache. Jetzt schon gleich gar, meinte er, jetzt wo sie anscheinend ... Doch mit diesem Gedanken an die Michi hatte er sich wieder wehgetan. Er schlug der Kuh eine mit der flachen Hand aufs Hinterteil, um schneller heimzukommen.

Mit der Besorgung am anderen Ende des Ortes war doch fast eine Stunde vergangen. Nun machte sich Bärlapper auf den Weg zum Wirt, um daheim nicht seiner Grübelei ausgeliefert zu sein.

 

"Na, der Flaschenhansl", begrüßte ihn der Oberlehrer dort. Der hockte als einziger Gast da. Bärlapper passte diese Anrede nicht, doch er wollte sich nichts anmerken lassen. Der Alte schien leutselig und noch gar nicht so voll zu sein. "Na gut", meinte Bärlapper bei sich, "sieh es ihm nach, da kriegst du vielleicht eine Unterhaltung, ohne dass du dich selber anstrengen musst mit deinem Gram. Auch wenn es vielleicht auch wieder zu irrwitzig gescheit wird, bei dem. Jedenfalls lenkt der dich ab von deiner Kümmernis."

Der Alte schaute Bärlapper listig grinsend von oben bis unten an. Als Bärlapper sein Bier hatte, fragte er ihn: "Weißt du, lieber Hans, warum ein Narr der Heiligkeit sehr nahe ist?" 

"Ja, das geht ja gut los! Was ist denn das für eine saudumme Frage?", fand Bärlapper bei sich, versuchte allerdings, wissbegierig dreinzuschauen.

"Also, niemand anderer als ein Narr kann ein Heiliger werden. Die Welt, die arge, gibt das nur auf diese Weise her! – Prost", unterbrach der Lehrer seinen Vortrag und stieß mit Bärlapper an.

"Was spinnt der denn, auch wenn er noch gar nicht richtig voll ist?", staunte Bärlapper. 

Der Alte fuhr gleich fort: "Also, das ist mir heute eingefallen. Und das ist so: Der einfache Narr ist der Heiligkeit immer sehr nahe, weil er richtig, ehrlich, ungehemmt fühlt. Er fühlt tief – verstehst du? –, was andere zu wissen glauben. Und das ist auch bereits bald der ganze Witz! Weißt du, so richtig von Herzen fühlen, das ist ja etwas anderes, als das Fühlen so etwa in der Magengegend. Obwohl die zwar ganz in der Nähe vom Herzen ist. Hingegen kann dieses Fühlen in der Magengegend nämlich leicht nur bloß ein Furz sein. Einer, der da um die Kurve saust und ein angenehmes Gefühl auslöst in der Hoffnung auf Befreiung und Verschwisterung mit der freien Atmosphäre. Und wenn er – der einfache Narr jetzt wieder! – was nicht fühlt, fragt er auch erst gar nicht danach. Wenn ich es aber richtig besehe, dann muss ich feststellen und es dir verraten, dass ich natürlich jene, die alles zu wissen glauben und nur dieses gelten lassen, für die uneinfachen und damit gefährlichen Narren hal­ten muss. Und das ist so, weil sie um ihre Dummheit nicht wissen, was ja im Leben wichtig wäre: Ich weiß, dass ich nichts weiß." Er legte eine kurze Pause ein und fuhr dann damit fort, dass er Bärlapper mit so etwas nicht habe erschrecken wollen. Eigentlich sei es sonst so, dass er das wegspüle, wenn ihn so ein Wust ankomme. Denn das Leben sei allemal, soll es einigermaßen gelingen, ein zu Handhabendes und nicht zu Bedenkendes. Dann klopfte er Bärlapper auf die Schulter und meinte leutselig: "Das habe ich immer an euch denkbaren Heiligen in der Schule so bewundert und war bemüht, euch eure Fühligkeit möglichst unangetastet zu lassen und nicht etwa durch schädliche Hirnfüllung zu vertreiben. Das, mein lieber Junge, ist die wahre Bildung!" 

"Was?", brachte Bärlapper nur heraus – meinte jedoch: "Der Schwätzer ist sogar nüchtern ganz besoffen." Den Alten blickte er stirnrunzelnd an. Der hatte sein Glas erhoben und lachend "Prost" gerufen.

"Da möchte ja jeder glatt so ein einfacher Narr sein!", gab sich Bärlapper Mühe. "Ein Narr möchte man sein, wenn das so einfach ist und man obendrein noch heilig wird!" 

"Wenn es so leicht wäre, ein richtiger Narr zu sein! – Doch das Schönste kommt noch", ging es beim Alten weiter: "Durch diese seine eben dargestellte Zurückhaltung ist ihm, dem einfachen Narren, sicher, dass er sich nie von sich selber wegbegibt, sich nie von sich selber entfernt."

Der Alte hatte dazu bedeutungsvoll genickt. Jetzt erhob er den Zeigefinger: "Was hinwiederum die allererste Voraussetzung ist, sich selber zu bejahen, ja, sich selber zu lieben. Ja, ja, andere zu lieben – den lieben Gott vielleicht sogar zu lieben! Stelle dir das nur vor!"

Er hatte allerdings Bärlapper mit dieser Wendung zur Liebe hin sozusagen Salz in die frische Wunde gestreut. Bärlapper trank, ohne weiter zuzuhören, in tiefen Schlucken sein Glas leer und bestellte in die Rede des Alten hinein ein neues, das er ebenso schnell leerte.

Der Alte zog mit Bärlapper immer gleich und dozierte ansonsten vor sich hin, dass sich in diesem geschlossenen Kreis des Fühlens durchaus auch ein­mal Vollkommenheit entwickle. 

"Noch ein Bier", schrie Bärlapper zur Wirtin, die am Tresen herumwienerte. "Scheiß Weiber", brummelte er vor sich hin – und hoffte auch gleich, dass es die Wirtin nicht gehört hatte. Weil dann auch von dieser Seite her ein Wortschwall auf ihn eingeprasselt wäre. Vermutlich zur Verteidigung der gesamten Frauenwelt – was er jetzt gleich gar nicht ertragen hätte. Er schüttete sein Glas in einem Zug in sich hinein. "Und ich", irrlichterte es bereits in seinem Kopf, "der ich über die Narren, die über die Frauen – oder ..." Es war ihm jetzt eigentlich alles egal. 

Bärlapper saß da, während es neben ihm noch tönte, und glotzte in sein Glas, nahm tiefe Schlucke, bestellte neu ...

So hatte der Oberlehrer den Bärlapper noch nicht gesehen. "Der scheint zu planen", vermutete er, "sich einfach volllaufen zu lassen. So, so. Da stößt womöglich wieder einer", nahm er an, "zur feuchten Gemeinde der Alkoholgläubigen." 

Dann kam der Görer Naz. Die anderen von der Stammtischrunde waren auch bald da. Sie begriffen sofort und redeten verständnisvoll an Bärlapper vorbei, dass jeder mal einen Moralischen bekomme oder sonst etwas wegspülen müsse. Dass da das Bier eben am bekömmlichsten sei. Dass man bei so einer Arbeit, wo man was runterspülen muss, mit seiner angestammten Marke auch am besten dran sei. "Dass die Leber das am besten kennt und nicht gleich kaputt wird", meinte der Naz. Der Sacklbauer setzte drauf: "Was man gewohnt ist, das schadet einem nicht so leicht. Da sagt die Leber bei jedem Schluck, der im Kanal an ihr vorbei rinnt: Aha, grüß Gott, du süffiges Ritzlinger Schlossbräu!" Sie freuten sich, hatten ihr Glas und prosteten sich zu.

Bärlapper hörte dann den Görer neben sich und dass der wieder wegen seinem Bauernsachel auf ihn einredete. Etwas von Dummheit und Plagerei und wenig Geld bekam Bärlapper doch noch mit. Dass ihm etwas vorgerechnet wurde, hörte er: "Schau, wie viel Milch schüttest du denn jetzt? So dreißig Liter? Das nimm mal sechzig Pfennig, aber das ist ja gut gerechnet! Was kriegst du dann am Tag, Mensch Kerl? Ha? Ich sage es dir: So zwanzig Mark – und die gehören dir nicht einmal ganz, denn davon geht auch noch was weg. Für die paar Pfennige arbeitest du!" 

"Du Rindvieh! In der Mahlzeit dreißig!", lallte Bärlapper. "Ich muss jetzt heim ...", damit sank sein Kopf mit einem dumpfen Schlag auf den Tisch. Die anderen nickten verständnisvoll. "Deine Mutter, die gute Frau, die arme, die kriegt ihrer Lebtag keine Ruhe mit dem kleinen Hof und dem Haufen Arbeit. Jeden Tag bist du mit deinen paar Kühen angehängt. Dann mache doch lieber nur deine Flaschen zu!", versuchte es der Görer noch. 

"Wir machen sie ja wieder auf!", rief der Socher dazwischen, "Prost!"

"Wenn du eine Ahnung hättest!", brachte Bärlapper noch raus. Doch das hörte keiner mehr. Sie unterhielten sich, berichteten, wie sie es gemacht hatten mit ihrem Minibauernhof und der Plackerei und heute noch wieder machen würden – vielleicht nur noch ein bissl schlauer – und lachten.

Bärlapper dämmerte es noch, dass jetzt eigentlich Stallzeit sei. Er versuchte aufzustehen, stützte sich auf den Tisch, stemmte sich hoch. Doch er kam nicht weit und sank auf den Stuhl zurück.

Die anderen kümmerten sich nicht weiter um Bärlapper und ließen ihn in Ruhe. Sie spielten Karten. Der Görer merkte dann doch irgendwann, dass Bärlapper weg war. Sie wunderten sich, dass ihnen das nicht gleich aufgefallen war. "He, Bärlapper Hans!" Sie schauten umher, bis der Socher mit dem Fuß an etwas Weiches stieß. "Herrgott!", rief er und schaute unter den Tisch, "da liegt der ja und tut keinen Muckser!" 

"Ja, da schau her!" Sie holten Bärlapper unterm Tisch hervor und legten ihn auf eine Bank an der anderen Ecke der Stube. Von dort war bald ein lautes Schnarchen zu hören und untermalte als Begleitung ihren Kartenlärm.

Als sie spät am Abend aufbrachen, erinnerten sie sich an Bärlapper. Sie packten ihn – selber nicht mehr ganz im Lot –, packten ihn, einer hinten, zwei vorn. Der Lehrer befehligte den Trupp: "Hauruck, zugleich!" Damit wuchteten sie ihn auf ihre Schultern.

"Sakrisch schwer ist er, der Bärlapper", stöhnten sie, "seine zwei Zentner hat er, und jetzt ist der Kerl auch noch voll wie ein Schwamm!" Sie hatten weiter mit dem eigenen Gleichgewicht zu ringen. Dann ging es hinaus. Kaum draußen, fühlten sie so ziemlich zur gleichen Zeit, dass sie etwas bedrängte. Sie legten Bärlapper noch einmal – und nicht gerade sanft – auf der Straße ab, um sich gleich daneben zu entleeren. Es plätscherte, begleitet von wohligem Stöhnen. Bald rannen ein paar kleine Bäche die Straße hinunter. Unter Kommando des Oberlehrers: "Links zwo, drei, vier!" und mit Lachen und lauter Manöverkritik ihres Kartenspiels: "Hättest du deine Schellsau gleich ausgespielt ...", ging es dann durchs Dorf. Schließlich erzählten sie sich auch Geschichten vom Wasserlassen, dass das früher eben immer so war, weil alle nur ein Bretterhäusl an der Mistgrube gehabt hatten daheim, wo die Frauen hinein sind und kein richtiges Mannsbild, was immer schon das Wasser im freien Fall abgelassen hatte ... Aber im Sommer, da habe es doch manchmal ein wenig scharf gerochen um das Wirtshaus herum, wenn am Montag die Sonne den ganzen feuchten Segen vom Sonntag angegrinst habe und der Dampf aufgestiegen sei ... Bärlapper rutschte ihnen etliche Male von den Schultern, aber sie hatten ihren Spaß und brachten ihn doch ziemlich unbeschädigt heim. Beim Bärlapperhof verebbte das laute Palaver, fast schlichen sie und legten Bärlapper, diesmal sogar behutsam vor der Haustür ab. Dann machten sie sich schnell aus dem Staub, denn von der alten Bärlapperin wollte sich keiner den Kopf waschen lassen.

"Wo man noch Rosse gehabt hat", ging es in einiger Entfernung weiter, "da wurden die Besoffenen im Misthaufen eingegraben, dass nur noch der Kopf ausgeschaut hat", wusste der Socher vom Großvater. "Dann haben sie am anderen Tag, wenn sie wieder aufgewacht sind und wenn sie es überlebt hatten, kein Schädelweh gehabt", wollte er gehört haben.

"Das Ammoniak hat das rausgezogen", behauptete der Lehrer. "Vielleicht haben sie danach ein wenig streng gerochen. Allerdings davor auch bereits. Denn so feine Nasen haben sie früher eh nicht haben dürfen, weil da jeder seine Ausschwitzung hinter sich und um sich rum gehabt und nachgezogen hat ..."   

Sie blieben in einiger Entfernung vom Bärlapperhof stehen und berichteten sich noch, laut durcheinander, von großen Festen, schweren Räuschen und was sonst noch so alles an feuchtfröhlichen Ereignissen. Dem Görer fiel noch ein, dass sie den Simbacher vom Oberdorf an Kirchweih auch so heim transportiert, aber im Stall in den Barren gelegt hatten, "dass ihn seine Kühe abgeschleckt haben die ganze Nacht über oder was noch davon übrig war!" 

"Das Gewand habt ihr ihm vom Leib gezogen", wollte sich der Oberlehrer erinnern können. 

Das jedoch stritt der Görer entschieden ab und betonte, dass das – wenn der Simbacher schon nackt war, was er auch gehört habe, – ein anderer gemacht haben musste, "denn solche Sauigel sind wir nicht und haben doch noch eine Moral!" Weil aber der Alte auf seinen Worten beharrte, nahm der Streit noch an Lautstärke zu, freilich, ohne zu einem Ergebnis zu führen. 

Da wurde ganz in der Nähe ein Fenster aufgerissen. Gleich kreischte eine Frauenstimme aus der finsteren Nacht: "Ruhe muss endlich sein, versoffenes Gesindel, ganz versoffenes!" Ein Husten bellte dem hinterher, und gleich ging es weiter: "Das Maul halten, ihr Halunken, ihr ganz lumpigen!" 

Da stellten sie ihr Gezänk ein und zogen ab.

 

 

 

 

 


 

8

Der Braumeister stand in der Abfüllerei, als Bärlapper zur Arbeit kam. Bärlapper wunderte sich über diesen frühen Besuch.

Mit einem kurzen Grüß-dich ging er in den Aufenthaltsraum, um seine Tasche mit der Brotzeit drin ab­zustellen. Er wunderte sich und meinte: "Der muss doch heute was haben, der schaut ja aus, wie wenn er saumäßig schlecht drauf wäre. Vielleicht hat er gestern auch einen Fetzen gehabt, so wie ... – verdammt, die Mutter heute in der Früh, und der Schädel dazu!" 

Als Bärlapper dann bei seinen Apparaten war, sprach ihn der Braumeister gleich an: "Es ist eine Ladung von neuen Fässern eingetroffen. So etwas Neues, wie es die Andern bereits lange haben und besonders die großen Brauereien und weil wir in der Zeit weit hinten sind und wo wir doch aufpassen müssen, dass wir nicht auf der Strecke bleiben, weil das heute ganz brutal ist. Die Fässer müssen schnell und so bald wie möglich runter vom Laster ..." Er fingerte an einem Hebel herum und schien vergessen zu haben, was er noch sagen wollte. "... nämlich der Laster kostet ein Schweine Geld pro Stunde", fuhr er doch fort und schaute an Bärlapper vorbei. "Das ist ein riesiges Fahrzeug, so ein Dreiachser. Auf alle Fälle kostet er eine schöne Summe die Stunde. Da müssen wir zusehen, dass er wieder vom Hof kommt. Du verstehst, Bärlapper?" Er schaute ihm jetzt in die Augen und fuhr dann wie zur Entschuldigung fort: "Es kostet ja alles immer mehr, heutzutage, und da kannst du gar nichts machen, verstehst?" 

Bärlapper verstand noch nicht ganz, worauf der Brau­meister eigentlich hinauswollte, nickte aber zustimmend. 

"Das Moderne frisst alles auf – jedenfalls das Alte, auch das gute Alte", ging es weiter. "Und du hilfst beim Abladen, Bärlapper, gell?" 

Dann ging der Braumeister weg, ohne Bärlapper noch einmal anzusehen. "Wenn es nicht gleich gar die ganze Zeit frisst, das Neumodische ... ", hörte Bärlapper noch.

"Ja, das ist so", stimmte Bärlapper zu.  

Die Abfüllanlage ruhte also, und das Band blieb außer Betrieb. 

Bärlapper machte sich gleich auf den Weg. Am Brunnen, der sich in der Mitte des Gevierts befand, stolperte er über die untere Treppe, so dass er beinahe hingefallen wäre. Er blieb einen Augenblick stehen, als er sich wieder gefangen hatte. Da ging ihm anscheinend ein Licht auf: "Das ist ja tatsächlich was Neues", wunderte er sich. "Das ist ja ganz was Sonderbares, dass ich was anders machen muss! Dass ich an meinem Platz nicht mehr unabkömmlich bin?" 

Er ging nachdenklich weiter. 

"Wird schon nichts sein ... ", beruhigte er sich. 

Weiter wollte er es auch nicht treiben mit Betrachtungen. Denn hier an der frischen Luft setzte ihm sein Brummkopf vom gestrigen Versuch, den Liebeskummer zu ersäufen, wieder zu. Er wollte diesen Körperteil also nicht unnötig traktieren.

Am Laster traf er neben den Ladern auch noch etliche, die anscheinend ebenfalls hinbeordert waren. Man grüßte sich nur kurz mit einem kaum merklichen Kopfnicken.

Die Stimmung war nicht gut. Da lag so eine Ahnung in der Luft. Er war sofort an der Reihe, ein Fass aufzunehmen. Bevor er zupackte, warf er einen Blick in den Laderaum. "Richtig silbrig und glänzend", stellte Bärlapper fest, " nobel, nobel! Und gleich so eine Menge von dem Zeug!" Dann ging er mit seiner Last hinter den anderen her ins Lager.  

"Mei, die Herrschaft und die ganze Verwandtschaft von denen, die sind ja auch so nobel", hörte er hinten, "so nobel-glänzend. Da tun es freilich die windigen Holzfässer nimmer, da müssen sie eben was Silbriges haben, weil es die andern schon lange haben!"

"Heu, du bist ja auch da", wunderte sich Bärlapper, als er wieder am Laster war.

"Geht es dich was an?", knurrte der Müller. 

"Da schau her, der Müller Seppl, so, so!", machte Bärlapper weiter, "gibt es in der Mälzerei nicht viel zu tun, dass sie dich weggeschickt haben?"

"Packs an und hau ab mit dem blechernen Zeug, Bärlapper", giftete der Müller. "Pack zu, dass der Schrott hier ins Lager kommt!" 

Hinter ihm warteten bereits ein paar Männer. Er nahm wieder so ein Blechding auf und ging weg.

"Alu ist es", erklärte der Luis im Lager, "jetzt steigen sie um auf Alu, gerade so wie eine Bierfabrik! Nichts mehr Holz, das ist altmodisch! Nichts mehr ist, wie es war. Keiner weiß es, wo es hinführen soll und wofür es gut ist außer fürs Praktische zum Saubermachen. Und wie das Bier dann schmeckt aus so einem toten Blech, wo das Bier doch ein Leben hat und was schier Lebendiges ist!"

Die Kolonne zog eine ganze Weile missmutig dahin. Man hörte nichts mehr – außer dem Scheppern des Blechs, das bisweilen auch etwas unsanft abgestellt wurde, und ein paar Flüchen.

"Was ist denn das für eine Welt?", schimpfte der Huber Xari dann doch einmal. "Das Bier saufen sie bald gar nimmer aus Flaschen und Krügen, sondern bloß noch aus Blechbüchsen und Plastikhaferl! Ja, pfui Teufel!"

Gleich darauf plumpste eine von diesen silbern glänzenden Neuheiten von der Rampe und schlug mit einem dumpfen Dröhnen am Boden auf. Als sie es hörten, blieben die Männer wie auf Befehl stehen, wendeten sich mit einem Ruck der Bescherung zu und warteten gespannt ab. Das leere Blech bewegte sich vom Laster erst langsam weg und nahm allmählich richtig Fahrt den abschüssigen Hof hinunter auf. Keiner der Zuschauer rührte sich von der Stelle, um das Ding vielleicht zu stoppen. Der silberglänzende Zylinder rollte, wurde allmählich schneller und schneller. Mit der Geschwindigkeit steigerte sich auch das hohle Scheppern. Sie schauten der Blechwalze interessiert nach, wie sie dröhnend hinunterwalzte und durch zunächst kleinere Unebenheiten immer wieder ein wenig emporgeschleudert wurde. Die Talfahrt erzeugte bereits richtig Lärm. Die Spannung stieg, und die Männer hatten ein saures Grinsen im Gesicht. Bald wurde das laute Stück von größeren Steinen alle paar Meter zu einem Luftsprung hochgeschleudert, wieder am Boden aufknallend und seinen Weg fortsetzend, mit jedem Schlag in eine andere Richtung getrieben, da hin und dort hin und wieder geradeaus weiter. Dieser Zickzack ging eine ganze Weile. Die Männer schauten immer noch gebannt hinterher, fragten sich, wo es denn enden würde: Knallt es dort unten gegen die Mälzerei? Geht es noch eine Zeit so weiter und auch weiter hinunter – ab ins Dorf vielleicht? "Ja, eine Gaudi wäre es dann, und was habt ihr uns denn da runtergelassen, von euch da droben, aber leer war es, ihr Geizkrägen ihr neidischen!", würde es dann wohl heißen. Aber eine Gaudi wäre es ja. – Noch ein paar Haken, noch ein paar Sprünge, und das Blechgeschoß prallte nun doch auf. Fast wie ein Donnerschlag hallte es von der Mauer herüber. Da nickten die Männer zufrieden und machten jetzt irgendwie beschwingt weiter.

"Und wenn die Blechigen da einmal hin sind", meinte der Marxer später, "die werden ja auch irgendwann mal hin, dann kann man sie den Russen da in der Müllgrube andrehen. Die verscherbeln es. Die machen ein Geld daraus. Und die haben vielleicht überhaupt ein Geld und niemand von uns weiß was davon. Die lachen uns aus mit unserer Schufterei hier! So arme Teufel, wie wir sind. Die stinken da in dem grausigen Loch da herum und machen aus dem Dreck ein Geld, wo unsereiner hier schuftet zum Kaputtwerden für die paar Mark!"

Niemand bemerkte zwar dazu etwas, doch alle waren einen Moment stehen geblieben, als müssten sie darüber nachdenken.

"Angefangen mit dem Hinwerden von dem verdammten Blech hat es ja bereits", kam wieder vom Marxer, der auf das Fass an der Mauer unten deutete. Sie waren es zufrieden.

"Ah, habt ihr es gehört", setzte der Marxer nach, "habt ihr es gehört, wie die Russen wieder umgehauen haben gestern in der Nacht? Der Jäger hat es erzählt, der ist da vorbeikommen, wie die wieder gerauft haben. Rumgeschrien haben sie, einander nachgerannt durch die Müllgrube mit Prügeln in den Händen!"

Sie hatten jetzt wieder Worte. Jeder, der etwas dazu beitragen wollte, musste richtig schreien, damit es alle hören konnten: "Richtige Gratler sind es", rief der Huber Willi und fuhr fort, als er merkte, dass alle seiner Meinung waren: "Eigentlich müsste man sie rausschmeißen aus der Gemeinde. Wegen diesen Russen heißt man uns noch das Russendorf bei den ganzen Nachbarorten umeinander und der ganze Ruf ist hin von uns!"

"Einen Russen lasse ich mich nicht heißen!", war vom Lager her zu hören.

Sie trugen ihre Last und schimpften vor sich hin: "Sauerei", war immer wieder mal zu vernehmen. Das befreite offenbar, und die Schritte wurden ihnen leichter.

"Die Baracken einfach einmal aufbrennen. In der Nacht!", rutschte einem raus, doch so, dass niemand richtig ausmachen hätte können, von wem es gekommen war. Sie nickten jedoch zustimmend vor sich hin. 

"Ist saumäßig feig. Aber egal, wer das gesagt hat", meinte Bärlapper bei sich. "Denn wenn es doch einmal passiert und es aufbrennt, dann musst du es nicht sagen, wenn du es nicht gewusst hast, von wem es gekommen war. Du brauchst dann keinen hinhängen bei der Polizei."

Sie dachten nach, während sie hin und her gingen. Ein Feixen hie und da.

"Einfach mit einer Schubraupe in die Grube hinunter die Baracken, mit samt dem Russenpack und ihren Hunden!" Klang es wieder so mit ungewisser Herkunft aus dem Lager.

Die Stimmung hellte weiter auf. Bald marschierte die ganze Kolonne beschwingt.

"Recht wäre es ja, aufräumen muss der anständige Mensch – und in der Gemeinde auch ",  dachte dann der Luckner, der in der Kirche immer den Vorbeter machte, laut. "Bloß machen darf man es nicht auch mit den Leuten. Wegen der Polizei und weil man schließlich doch auch ein Christenmensch ist. Einer, der das heutzutage nicht mehr macht. So wie früher oder irgendwo auf der Welt, wo sie sich heute noch abschlachten, schlimmer als das Vieh."

Der Laster war dann bald entladen. Sie standen noch ein wenig beieinander, zündeten sich eine Zigarette an, tranken eine Flasche Bier. Da kam der Marxer plötzlich drauf, dass sich mit den neuen Fässern ja etwas auf jeden Fall ändern würde: "Dass jetzt der Fassmacher, der Schäffler, nämlich der Summerer Xari, einpacken kann. Irgendwann jedenfalls, weil ja niemand von ihnen eigentlich weiß, wie radikal die Umstellung auf das Blechzeug geht." 

"Ja, das ist eh ein Beruf, den du vergessen kannst, denn in München drin gibt es zwar noch den Schäfflertanz, wo sie alle hinrennen, um ihn anzuschauen. Schön ist der ja, und nicht nur Amis und Japanern gefällt der. Aber den ziehen sie ziemlich sicher immer ohne Schäffler ab, weil du bestimmt nirgends mehr einen findest."

Da waren sie sich einig und nickten bedächtig. 

"Na ja, da kann ja der Xari hingehen nach München und sich als Berufstänzer anstellen lassen", schlug der Luckner vor und lachte seinem Einfall hinterher. 

"Das gäbe ja eine Gaudi, wenn der steife Kerl da auf dem Marienplatz in München umeinander hupfen würde", sagte der Müller bissig. "Wie ein Tanzbär. Die Stadtleute, die täten sich freuen, dass sie wieder ein echt bayrisches Original irgendwo rausgezogen haben aus der Provinz, von uns da aus Ritzling. Einer, der ihnen wieder den Affen macht so wie die Hans Wurste in ihren Bauerntheatern. Und die Touristen, die werden eigentlich beschissen. Die kriegen doch nie mit, wie es eigentlich wirklich ist. Doch die wollen das eh nicht anders. Denn wie es wirklich ist, das ist gar nicht immer so schön und lustig." 

Sie nickten und schauten grätig vor sich hin.

"Bloß, wie ich den Xari einschätze", meinte der Marxer dann und trat seinen Zigarettenstummel aus, "da geht der auf Rente. Alt genug ist er wahrscheinlich eh, und dann raucht der seinen Stumpen und sauft seine Maß und lässt sich kreuzweise lecken!"  

"Herrgott, den Rentner machen", murmelte der Müller vor sich hin, "das wäre eine Sache! Nichts mehr tun müssen und den andern zuschauen, wie sie sich abrackern für das lumpige Geld!"

"Und den anderen schlaue Ratschläge geben", wollte Bärlapper eigentlich beisteuern, er ließ es jedoch, weil eh genug rumgeredet war.

Sie gingen zu ihrer Arbeit zurück.

Dann stand Bärlapper wieder an seinem Band, und die Flaschen zogen wie immer an ihm vorbei.

Als später der Braumeister einmal vorbeischaute, merkte Bärlapper, dass sein Gesicht immer noch so fad war wie am Morgen. Um ihm eine Freude zu machen, fragte Bärlapper, ob er denn nun die Kästen von den Apparaten anstreichen soll. Weil er nicht sofort Antwort erhielt, fing er wieder damit an, dass die Maschinen noch so tadellos in Schuss seien und nur so schäbig aussähen, was aber täusche. Der Braumeister wandte sich beinahe ruckartig von Bärlapper ab und redete im Weggehen etwas von Farbgeruch und dass zu befürchten sei, dass der aufs Bier übergeht und dass man deswegen das Zeug nur scheinbar hat vergammeln lassen, aber eben nicht in Wirklichkeit. Dann war er verschwunden. 

"Der hat halt einen Grant", entschuldigte ihn Bärlapper bei sich. "Oder der hat gerade einen Spinnerten. Warum soll so einer, der die ganze Verantwortung trägt, nicht auch mal durchhängen dürfen. Denn von denen da ganz oben lässt sich ja doch keiner sehen. Die kommen doch nur zum Abkassieren für ihr teures Leben, weil sie so nobel sind. Und wenn das Bier mal nicht schmeckt und die Leute mäkeln, dann muss der Braumeister den Kopf hinhalten. Die arme Sau."

Darauf war alles wieder gut für Bärlapper. 

Die Tage vergingen dann im gewöhnlichen Einerlei. In einer Pause hatte lediglich mal einer berichtet, dass man einen Betriebsrat gründen wollte, ja, dass man bereits daran bastelte. Die Männer wussten mit Betriebsrat nichts anzufangen. Es klang auch so fremd oder geschraubt oder ungemütlich oder sonst irgendwie so, dass man nichts darüber wissen wollte. Aber es war allen gleich klar, wer das nur wieder sein konnte, der so was anzettelte, nämlich der Müller Seppl und seine Politischen, "die windigen Hunde", von denen alle längst wussten, dass sie was aufmachen wollten im Ort. Dass das nichts Rechtes war, wo man hingehen könnte, um seine Unterhaltung zu haben oder essen und trinken und ein bissl ratschen und so was.

"Aha, Betriebsrat heißt das", hat sich Bärlapper gedacht, "neulich in der Wirtschaft haben sie es nicht gewusst, nur dass was kommt im Dorf zu den vielen Vereinen dazu. Als ob es nicht eh reicht, was man hat und mit dem die Leute ja zufrieden sind." 

Niemand hat dann weiter nach dem Betriebsrat gefragt. So war auch Bärlapper still. Vielleicht wussten die anderen doch bereits mehr darüber, gab er sich zufrieden. Bärlapper glaubte jedoch, dass es da auch welche gab, die so etwa dachten wie er: "Betrieb haben wir genug. Und Rat brauchen doch nur die vom Büro, die nur die Kissen furzen und ge­scheit tun und sich die Hände nicht dreckig machen wollen, aber eigentlich gar nichts wissen – wenigstens von der richtigen Arbeit. Die da droben bräuchten einen Rat. Denn als Arbeiter macht man anständig seine Arbeit und die ist schwer genug, da muss man nicht auch noch rumraten und daherreden. Es ist komisch, dass die ganz Schlauen immer noch einen Rat brauchen zu ihrer ganzen Gescheitheit dazu und obendrauf und sogar ein Buch lesen. Man möchte ja glauben, die sind gar nicht so schlau, wie sie immer tun, sondern tun bloß so." Das Thema war für ihn jedenfalls vom Tisch.  

Es rührte sich die ganzen Tage nichts, und es war fast ein bisschen langweilig. Deswegen auch, weil Bärlapper seine Donnerstagreise seit seinem missglückten Ausflug in die Stadt immer wieder in Frage stellte. "So lässt man mit sich nicht umspringen von den Weibern", bestimmte er sich dauernd in seinem Stolz, den er über sein Herzeleid geschichtet hatte, dass es ihm nicht dauernd hochkam. "Mit mir nicht, wo käme ich da hin, wenn ich dann verheiratet bin und die mich zum Lappgirgl machte?"

 

Als dann der Donnerstag kam, sah die Welt für ihn doch wieder anders aus. Er hatte sich durchgerungen, die Kratzer an seinem Mannesstolz dadurch zu überdecken, dass er seiner Michi großherzig verzieh. "Wenn man verheiratet ist, dann zieht man sich das Ehegespons schon." 

So beeilte er sich, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und dort so schnell wie möglich die Stallarbeit zu erledigen. 

Allerdings ganz so ohne einen Denkzettel sollte die Michi nicht davonkommen, plante er beim Ausmisten. "Denn ein wenig muss schon sein. Wenn du nämlich jetzt bereits so gleich nachgibst", meinte er, "wo du ja noch gar nicht verheiratet bist, wie soll das dann erst werden. Die tanzt dir ja auf der Nase rum. Und im Dorf schauen sie dich für einen Lali an."

Deshalb sollte sie etwas schmoren. Er hatte vor, heute nicht so pünktlich zu sein wie sonst. Er wollte erst den Müll in die Grube fahren. "Warten soll sie, ohne dass sie weiß, ob ich überhaupt komme."

Mit Traktor und Anhänger tuckerte er dann zur Müllgrube. Die lag am Ortsrand gegen Süden hin, an der Straße zur Stadt. Am liebsten wäre er geradeaus zu seiner Michi gefahren, aber es durfte nun mal laut Vorsatz nicht sein "und mit dem Müll hinten drauf, mein Gott, da täten sie dich ja verhaften, wenn du in die Stadt hinein fährst damit." Um sich abzulenken, dachte Bärlapper während der Fahrt nach, was man ihnen in der Schule über die Kiesgrube, in die jetzt noch Müll gekippt wurde, erzählt hatte und was die Leute so ab und zu rausließen. Aber die redeten eigentlich gar nicht oft – und gern schon gleich gar nicht darüber. "Es wurde da über Jahrzehnte jede Menge Kies rausgeholt, früher für die Straßen", erinnerte er sich. Zweimal im Jahr war Schararbeit, erzählten die Alten, da mussten alle antreten. Sie haben die Löcher auf der Straße mit dem Kies zugemacht. Aber dann in der Nazizeit ... "Ja, ab da reden ja die Leute nicht so gern oder gleich gar nicht. Die Braunen, die haben dann viel mehr Kies rausgeholt, sagen die Alten. Weil die überall was mit Beton gemacht haben, die Betondeppen. Das Loch ist in kurzer Zeit ganz tief und groß geworden. Dann haben sie sogar Sträflinge hergelegt, gleich ganze Massen. Und immer neue. Mit dem gelben Stern auf der Jacke, solche, zuerst und dann waren sie gestreift wie im Schlafanzug, dass man gelacht hat und gesagt hat: Wie die nur ausschauen, was sind denn das nur für Menschen, abgemagert und runtergekommen. Die haben sie in den Baracken untergebracht und reingepfercht. Da waren noch mehr Baracken, aber die hat man nach und nach weg. Die Bretter waren gut zu gebrauchen. Als der Ami gekommen ist, war der ganze Spuk vorbei. Die ausgemergelten Figuren wurden allerdings erst noch weggetrieben, wie Vieh, hat es geheißen. Übrig geblieben sind das tiefe Loch und die Baracken – und etliche Kreuze am Rand von dem Loch, so wie Grabkreuze, aber die haben irgendwelche Leute von irgendwoher hin und sind dann wieder weg, und niemand weiß es so genau ... Oder, Blödsinn, keine Kreuze, nein. Den kleinen Friedhof da hinten, den sie damals danach gemacht haben, wo keiner vom Dorf liegt und hingeht. Ja, da kommen auch ab und zu welche, heut noch, Fremde. Klar, komisch, die legen dann Kieselsteine auf die Steine mit der Schrift drauf, die keiner lesen kann. Als Buben haben wir die Kiesel immer wieder runter, wir haben nicht gewusst, warum, aber haben es halt gemacht. Ich muss vielleicht wieder mal hin. Den Kies aus der Grube hat die Gemeinde jedenfalls wieder nur für die eigenen Straßen geholt. – Ach ja, da sind ja an der Straße die Schilder aufgestellt, wo KZ-Friedhof draufsteht. – Aber jetzt, wo der Bürgermeister alle Feldwege hat teeren lassen und wo sie zum Bauen Fertigbeton kommen lassen, da wird nicht mehr so viel Kies gebraucht. Der Bürgermeister hat wieder einen schlauen Einfall gehabt: In das große Loch wird Abfall gekippt, der ganze Dreck. Weil die Stadt kein so großes Loch hat, jedoch viel mehr Dreck, wird auch gleich der ganze Abfall noch von der Stadt dazu gekippt. Das bringt der Gemeinde Geld. Und das Loch wird langsam zu. Auch gut. Ein schlauer Hund ist er halt, der Bürgermeister, das muss man ihm lassen. Allerdings reden sie jetzt darüber, dass das auch sein Ende haben wird. Dass der Müll anders weggetan werden muss, als ihn ein­fach nur zu vergraben."

Bärlapper fiel plötzlich das mit den neuen Fässern ein. Er erinnerte sich, dass die Leute da in der Grube ja Alteisen sammelten. Er nahm sich vor, denen den alten Bulldog, der nutzlos in der Scheune stand, anzudrehen. "Dem Vater sein alter Schwung­schei­benrenner", lachte er, "ein 'Fendt Dieselross' – immer schon ein Fendt ... Freilich, die kriegen den alten Bock, das versuchst du, ein paar Mark sind es dann auch!" 

Bei der Grube angekommen, beeilte er sich, das Zeug abzuladen. Trotzdem schaute er jedem Stück nach, das da den Abhang hinunterpurzelte: die Trak­torbatterie, zwei Reifen, eine Reihe alter Töpfe, ein paar rostige Rollen Stacheldraht ... "Geld hat es gekostet", fand er – und dann auch wieder: "Ob man es nicht doch noch hätte aufheben sollen?" 

Ganz unten entdeckte er eine Autokarosserie ... "Warum die der Iwan noch nicht rauf hat? – Ach ja, dem willst du ja was andrehen, und vielleicht kann er das Autowrack mit dem alten Bulldog raufziehen!  Jedenfalls mache ich ihn damit scharf darauf!"

Erst jetzt wurde Bärlapper auf das laute Reden, das aus der Baracke kam, aufmerksam. Er stellte den Motor ab und versuchte etwas von dem Wortwechsel aufzuschnappen. Er wollte hören, ob die es wirklich so schlimm trieben, wie die Leute immer behaupteten. Er konnte allerdings nichts richtig ver­­stehen. Es kam ihm so vor, als keiften sich da zwei Frauen in einer fremden Sprache an.  

"Na ja, klar, Russen!", meinte er, ging jedoch auf die Baracke zu: "Iwan!", rief er. "He, Iwan!" Die Frauenstimmen waren plötzlich verstummt, dafür hatten Hunde angeschlagen. Bärlapper war erschrocken zurückgesprungen. Als er zur Seite blickte, war da eine Gestalt wie ein Gespenst. Wieder fuhr Bärlapper erschrocken zusammen. Ein dünner, langer Mann mit struppigem schwarzen Haar und borstigem Schnurrbart war aufgetaucht, stand plötzlich wie hergezaubert neben Bärlapper. Der Mann schrie: "Ha? Was willst?" Er machte einen Schritt auf Bärlapper zu. Bärlapper riss unwillkürlich die geballten Fäuste hoch. 

Der struppige Mensch sprang lachend zur Seite.

Bärlapper fing sich sofort wieder: "He, Iwan – du bist doch der Iwan? – grüß dich!", presste er etwas verlegen hervor. "Magst du was Gutes kaufen?"

"Hab kein Fennich Jeld! Woher, bitte, soll ick Jeld kriejn? Unsereins hier! Ha?" Dabei beugte sich Iwan zur Seite und schnäuzte sich mit den Fingern, die er dann an der Hose abwischte. 

Bärlapper ekelte es. Obwohl er selber auch diese Technik beherrschte und bei der Bauernarbeit im Freien zur Schonung des Taschentuchs anwandte: "So ein Saubär", dachte er, "das ist ja doch typisch für die hier heraußen!" Er sagte dann: "Mag sein, aber was fragst du mich, Iwan, woher du ein Geld kriegen sollst?" Er fügte grinsend hinzu: "Ich habe auch keins!"

"Oh, da komm mir jleich die Tränen. Du bist doch ein rejcher Baur!"

Bärlapper lachte trocken: "Das meinst auch bloß du! Bloß fürs Fressen langt's gerade so. Das schon."

"Na, ick kenn dat. Jehst arbejten und hast Kühje Stucker viere?" Iwan schaute sein Gegenüber irgendwie treuherzig an. 

Bärlapper wunderte sich über diesen Ausdruck, hielt es jedoch auch gleich für Theater. Er fand es jedoch ganz lustig – und war da eben noch so etwas wie eine Grenze zwischen ihm und dem anderen, so bildete er sich jetzt ein, dass der Kerl da möglicherweise gar nicht so übel war. Über diesen Wandel wunderte er sich allerdings nicht wenig. "Ja, da schau her", dachte er sich, "zum Schluss kannst die Dreckbären auch noch leiden."

"... oder jar a Stückerer sechse, ha, Baur?", steigerte Iwan und legte diesen sonderbaren Blick noch einmal auf.

"Lasse es gut sein, Iwan!", wehrte Bärlapper geschmeichelt ab und meinte bei sich, "so ein gerissener Hund." Doch der unterwürfige Klang, allein der Titel Bauer, wirkten nach.

"Na, wat jibt's bei dir zu kaufn, Bauer?"

"Also ich habe da einen alten Bulldog, einen Fendt Dieselross ..."

"Oh, kenn ick, ist der Herr Papa ja immer jefahrn!"

"Also, dass ich weitermache, den kannst du haben, hat einen schweren Motorblock! Nicht so billiges Blech mit einem bissl Lack drauf waren die Karren früher, alles solide! Prima schwerer Gussbrocken!"

Mit verkniffenen Zügen wiegte Iwan sorgenvoll den Kopf, während Bärlapper Skelett und Innenleben seines landtechnischen Veteranen hochlobte. 

Da wurde die Tür zur Baracke aufgerissen, heraus sprang ein kugelrunder, kahler Mensch. Hinter ihm her keifte eine weibliche Vogelscheuche und warf ihm eine Flasche nach.

Lachend kam der Flüchtige auf das Handelsduo zu. Da war Iwan offenbar aus seinen Sorgen gerissen, er hielt seinen Kopf ruhig und sagte kurz: "Also, dat olle Fahrzeug musste bringen, dat Dingchen muss ick erst sehn und hörn, ob es noch ordentlich Musik macht!"

"Holla, so'n noblijer Besuch!", rief der Kahlkopf. "Mecht der Herr Baur nich rejnkomm aufn Schlückjen?"

"Trauste dir nimmer allejne in die Kate, wa? Sonst haut dich die Alte die Hucke voll!", grinste Iwan seinen Genossen an und sagte dann zu Bärlapper gewandt: "Aber komm nur, Bauerjchen, lasse uns ein heben, da redt sich's besser!"

Bärlapper konnte sich nicht gleich entscheiden, die Einladung anzunehmen. "Mache es bloß nicht!", warnte er sich. "Wenn es jemand vom Dorf erfährt – und du musst ja auch noch in die Stadt! – Aber sehen möchte ich es doch, wie die da hausen!" 

Bärlapper war sich unschlüssig. "Aber wenn es wer sieht! – Aber der Handel, wenn du den alten Karren losbringen willst ..." Er zögerte noch, klopfte mit der Schuhspitze an den Reifen seines Traktors. "Die Michi soll nur warten! Der geschieht es ganz recht, wenn sie warten muss ..." Das war es dann auch schon fast. Nach einigem Zureden – die Frauen waren jetzt auch heraußen – ging Bärlapper mit: "Denn so übel sind die ja auch vielleicht nicht, wenigstens bis jetzt nicht", dachte er sich – und dass die ihn ja nicht gleich umbringen würden. Warum auch? Jedenfalls wüsste ja die Mutter, wo er hingefahren war. Da könnte ihn die Polizei ja gleich suchen. Irgendwelche juckenden Kleinsttiere würde er sich vielleicht auch nicht gleich holen, weil man so was heutzutag gar nicht mehr hat, auch die nicht. Und die Gläser oder Flaschen, aus denen man trinkt, wenn du mitgehst, auf denen hat ja der Alkohol die Bakterien kaputt gemacht ..."

Als sie im Wohnraum waren, verschwanden die beiden Frauen ins Nebenzimmer. Kurz darauf, Bärlapper hatte sich kaum etwas umgesehen, erschienen sie wieder, proper, wenn auch nicht gerade nach der neuesten Mode gekleidet – und mit Flaschen und Gläsern. Als die eine einschenkte, bemerkte Bärlapper, dass ihre Perücke etwas schief saß. Die anderen mochten es im selben Augenblick bemerkt haben. Sie begannen, die Frau mit spitzen Bemerkungen zu traktieren. Sie verließ laut schimpfend den Raum: "Peronje" – oder so ähnlich hatte es geklungen. 

Als sie wieder erschien, prostete man sich zu, als wäre nichts gewesen. Ein paar Schnäpse, die viel Charakter hatten und Bärlapper beim ersten Schluck gehörig auf der Zunge brannten, wurden gekippt. Sie wussten nicht recht, wie ein Gespräch zustande zu bringen wäre und kippte deshalb immer noch einen oder lächelten sich verlegen zu, wenn sich die Blicke begegneten. Da fiel ihm ein, dass er eigentlich sagen könnte, wie nett sie es hier doch haben und dass das gar nicht zu vermuten sei bei der Umgebung und der Vergangenheit dieser Behausung und und. Er zögerte und goss sich noch einen hinunter. "Eigentlich seid ihr keine unrechten Leute!", rutschte ihm dann doch heraus. Es hatte etwas zögerlich, doch darum vielleicht den anderen umso echter geklungen. Er wunderte sich selber, und es wurde ihm heiß im Gesicht. War bereits sein Erscheinen in der Behausung etwas ganz Besonderes, so hatte er mit diesen Worten seine Gastgeber zu einem Überschwang sondergleichen gebracht. Sie waren alle aufgesprungen und redeten in deutscher und fremder Zunge in den Raum und auf sich ein, breiteten bei ihren sprachlichen Kaskaden immer wieder die Arme auch gegen ihn hin aus. Gerade, dass sie ihn nicht zu herzen und zu drücken begannen. "Ja das fehlte noch!", staunte Bärlapper und war ein wenig in sich zusammengesunken, wie um Deckung zu nehmen. Er schaute gebannt auf das Schauspiel. Anstatt ihn anzufallen, sanken sie sich nun gegenseitig in die Arme, entwanden sich, griffen sich in anderer Kombination. Die Frauen brachen schließlich in Tränen aus, dass die Farbe in ihrem Gesicht verwischte und sie am Ende eine Maske hatten, die das ganze Drama noch mehr ins Verwunderliche rückte. 

Bärlapper hätte sich fast anstecken lassen. Er griff sich an die Stirn und floh nach draußen. "Ja, so was Verrücktes hast du in deinem ganzen Leben noch nicht erlebt", wunderte er sich, stieg auf sein Gefährt und ließ den Motor an. 

Sie winkten ihm hinterher, riefen ihm gute Wünsche nach, so als ob es ein Abschied für immer wäre.

"Ja, Menschenskind, das glaubst du ja nicht, obwohl du es ja erlebt hast!", murmelte Bärlapper auf dem Nachhauseweg immer wieder vor sich hin. "Und wenn das einer mitkriegt vom Dorf. Oder der Jäger und das wieder rumerzählt!", befürchtete er. "Doch vielleicht ist es auch nur der Suff, den du jetzt erst richtig spürst von dem scharfen Zeug da", versuchte er sich zu beruhigen, " dass du sie dir nur zusammengesponnen hast, die ganze irre Show!"

Daheim stellte er den Schlepper ab. 

"Ja, Mensch, das sind ja richtige Leute!", redete er laut vor sich hin.

Er beeilte sich, den Zeitverzug einigermaßen wieder wettzumachen. Denn seiner Michi hatte er jetzt nach diesem Erlebnis und unter der Leichtigkeit seines doch immerhin angesäuselten Zustandes fast ganz vergeben. 

Als Hans dann in der Stadt war und schließlich bei ihr eintrat, schien alles in bester Ordnung. Nichts von einem Vorwurf wegen der Verspätung. Trotzdem brachte er eine Story von einer Kuh vor, die gekalbt hätte. 

"Süß, ein Kälbchen, die habe ich auch gern", strahlte Michi.

Das freute ihn – und machte ihm wieder Hoffnung.

"Wie ist denn das, wenn eine Kuh ein Kalb bekommt", wollte sie wissen. Und er erzählte ihr begeistert davon, dass man die Trächtigkeit mit der Formel: zwölf Monate dazu, drei wieder weg und am Ende zehn Tage dazu, ausrechnen müsse. Er fühlte sich ganz gescheit bei dieser Erklärung. Dann begann er zu berichten, dass zuerst die Eröffnungswehen kämen, dass da noch nichts zu machen sei, sondern es ist erst nach dem Platzen der Wasserblase hineinzugreifen. In ihr Staunen hinein erzählte er von der Hebammentätigkeit in rindviehlichen Tragsäcken: Wie er einmal eine Steißlage korrigiert hatte und das alles während der Presswehen der Kuh. "Mein lieber Schwan, da brauchst du Kraft, sage ich dir, und ein Geschick brauchst du dazu!"

Er legte eine Pause ein, nachdem er etwa einem halben Dutzend Kälber geholfen hatte, das Licht der Welt zu erblicken. Sein Mund war durch das Reden trocken geworden. Während er dann seinen Tee schürfte, genoss er es, so einen einzigartigen Beruf zu haben. "Ja, Bauer", hätte er am liebsten noch gesagt, "das ist ein Beruf für ganze Kerle, und da hat man mit dem Leben zu tun." Allerdings behielt er es für sich.

Sie seufzte noch etwas von süßen Kälbchen, darauf trat wieder eine Gesprächspause ein. "Sie hat vergessen, die Musik anzumachen", dachte sich Hans. Er ging und wollte im Radio etwas hersuchen. 

"Muss das sein?", fragte sie sofort. 

Hans wunderte sich und schaltete den Apparat wieder ab.

Als sie dann mit frischem Tee kam, dachte er: "Wenigstens Tee bei Kerzenschein – das nicht auch noch anders." 

Sie nahmen die erste Tasse wieder im gewohnten Ritual: erst den braunen Zucker in die Schale, dann Tee darauf, umrühren, danach einen Schuss Milch, die Schale mit beiden Handtellern umschließen und in kleinen Schlückchen schlürfen.  

Doch heute wollte das Gespräch nicht so richtig in Gang kommen. Früher – "um Gottes willen, früher!" – hätten sie das ja irgendwie überbrückt, doch heute traute er sich nicht mal, näher zu ihr zu rücken. Da war doch etwas zwischen ihnen, aber er wusste nicht, was es war.

In dieser Verlegenheit langte er sich die Kanne herüber und goss sich noch einmal ein. Da fragte sie ihn, ob er die Geschichte kenne, wo die Jünger auf dem stürmischen See sind? 

"Ha? Jünger?", platzte sein Erstaunen heraus. Hans schaute sie groß an und hätte beinahe den Tee überlaufen lassen. 

Sie forderte ihn auf nachzudenken: "Weißt du, wo sie so Angst haben im Sturm auf dem See, ha? Noch nicht? Also, und der Herr Jesus schläft im Boot, so als wäre überhaupt nichts!"  

"Ja freilich ..., ja, ... kenn ich das", kam von Hans zögernd und er war ganz durcheinander, wusste überhaupt nicht, worauf es hinaussollte. 

Sie fuhr fort und verriet ihm, dass sie von der Geschichte total begeistert sei: "Da werken die Jünger herum, holen die Segel ein, werfen sich in die Ruder, schöpfen Wasser und haben Angst um ihr Leben. Und da schläft Er im Boot. Also das ist ja – wie soll ich es nur nennen? – das ist ja irre stark, so was von stark, glaube ich, anders kann man dazu gar nicht sagen!" Michi glühte vor Eifer. 

"Ja, was ist denn das?", fragte er sich und schaute sie groß an, "die hat es ja scheinbar richtig erwischt, richtig biblisch!" 

"Total cool lag Er da im Boot, hörte Hans wieder, "und das bei Sturm, wo die andern zittern, um ihr Leben bangen und zu ersaufen fürchteten!"

Hans fühlte, dass da wieder etwas von der Stimmung vom letzten Samstag in ihm hochkam, irgendwas Abständliches. "Die mit ihrer Bibel, die sie plötzlich entdeckt hat!", klagte er sich fast. "Das sind mir schon die Richtigen, die Spätbekehrten oder solche durchgedrehten Heiden! Wenn es die erwischt, dann erwischt es sie richtig. Und sie müssen in ihrer Erwecktheit alles nachholen von dem, was sie bis dahin versäumt haben!"

"Doch Du bist bei uns!", schwärmte Michi. "Das sind so simple, jedoch auch so unwahrscheinlich tiefe Worte!"

"Sakra, die Michi, die Michaela! Das darf doch nicht wahr sein! Ob sie mich nicht doch eher auf den Arm nimmt?", ging es ihm durch den Kopf.

"Herr, bleibe bei uns!", hörte er in feierlichem Ton. "So heißt es an einer anderen Stelle. Das finde ich auch unbändig gut, und das klingt auch echt tief!"

Hans zog sich auf die Toilette zurück. Nachdem er zurück war, setzte er sich ganz nahe zu ihr hin. "Ja, Michi", brachte er so liebevoll heraus, wie es ihm nur immer möglich war, "ja, das freut mich ja so, was du dir da so alles ausdenkst. Wer gibt sich denn heute noch so eine Mühe mit der Bibel, wo sie einem ja in der Kirche alles vorsagen, dass du eigentlich gar nicht so viel denken musst oder eigentlich überhaupt nicht – sondern tun, was sie dir sagen in der Kirche, das musst du tun, dann passt es, sagen sie. Oder du musst es wenigstens ein wenig versuchen zu tun. Dann ist es ja auch ziemlich richtig – oder auf dem Weg dorthin, nämlich in die Richtigkeit."

Er fuhr ihr mit der Hand ganz sanft über den Kopf und den Rücken hinunter und hatte bereits die zweite Hand erhoben, und zwar zur Unterstützung der ersten auf Michis Vorderseite. Da rückte sie ein wenig, jedoch merklich energisch zur Seite und verkündete mit fester Stimme, dass sie den Entschluss gefasst habe, katholisch zu werden. 

Hans stockte erst der Atem und dann musste er natürlich tief Luft holen. Er wusste überhaupt nicht, was er dazu sagen sollte, er wusste nicht einmal, ob er überhaupt etwas sagen sollte. Er nickte jedoch zustimmend mit dem Kopf, denn was sie vorhatte, war ja schließlich gar nicht so übel. "Und passen würde es dann ja auch, denn bei uns ist fast jeder eben meistens so – und eine Bäuerin ...", kam ihm schließlich.

Michaela fügte ihrer Erklärung eine weitere hinzu, um Glaubenstiefe ging es da und solche ernsten Sachen und um Rituale, denen sie schließlich einige Aufmerksamkeit widmen wolle. Die ganze schöne Hülle um den Glauben, das packe ja bei den Katholen den Glauben so wunderbar ein, bekannte sie, dass sich der Gläubige in ihm immer so sehr geborgen fühlen könne ...

"Ja, prima, so passt du ja noch besser nach Ritzling", brachte Hans nur heraus. Sie bedeutete ihm, dass sie in der Vorbereitungszeit zu ihrer Konversion ganz keusch bleiben wolle. Denn bei den Katholischen sei ja sowieso alles vor der Ehe verboten. Und wenn man nicht heiratet, dann sei es überhaupt nicht gestattet. Überhaupt sei ja auch bald Fastenzeit, da müsse sich jeder grundsätzlich zurückhalten. Dass das alles seinen guten Sinn habe, zum Beispiel zur Stärkung der Seele gegen die alltägliche Versuchung, die immer eine Heimsuchung sei.

Sie blickte ihm entschlossen in die Augen. 

"Mensch", durchfuhr es ihn, "das ist ein Blick! Wo hat sie denn das Geschaue her? Da wird es mir ja ganz kalt. Die frommen Vorsätze auch! Die steht ja bereits auf so einem Sockel in der Kirche wie die Heiligen. Die Michi, Michaela! Mensch!"

Dann fiel ihm etwas ein: "Vom Heiraten hast geredet! Freilich, jetzt erst ist mir das richtig aufgegangen!" Hans legte richtig los: "Ja, dann heiraten wir eben! Klar, du wirst erst auch schön fromm", lachte er, "da freut sich der Pfarrer – ein Inder im Übrigen. Gerade die freuen sich besonders, weil es dort noch jede Menge Heiden gibt. Und dass nicht bloß immer die Schwarzen bekehrt werden, sondern auch einmal welche von den weißen Unfrommen, die eh immer mehr werden!", versuchte er es in seiner Aufregung auf die heitere Tour. "Wir heiraten! Machst du mit? Die Mutter hat dann auch eine Freude. Ja, die erst recht!"

Wenn Michaela auch nicht zustimmte, so widersprach sie wenigstens nicht. Hans musste sich dann allerdings noch etwas über die Bedeutung und Reihenfolge der heiligen Sakramente anhören. Er ließ es geduldig über sich ergehen, in der Hoffnung, dass sich alles einrenken werde. Als Michis Lektion vorüber war, verabschiedeten sie sich und Hans machte sich einigermaßen guter Dinge, wenn auch ziemlich baff auf den Weg nach Hause. 

"Die wird wieder normal", redete er sich gut zu, "wenn sie erst einmal richtig dazu gehört, dann sieht sie das alles nimmer so eng! Unsereiner kommt ja auch ganz gut damit zurecht, dass man einen Glauben hat. Der halt zu einem richtigen Menschen gehört wie alles andere auch, was ihn vom Vieh unterscheidet im Leben", grübelte er vor sich hin. 

 

 

9

 

"So, Bärlapper, hast dir heute deine Hände gut gewaschen?", fragte der Marxer Seppl am Montag in der Früh. Bärlapper, aber auch die anderen, die im Brotzeitraum waren, wussten nicht gleich, worauf das hinaus sollte. Sie schauten den Marxer fragend an. Der lachte nur gekünstelt und ließ mit beiden Daumen den Flaschenverschluss aufschnellen, dass es richtig blubbte. 

"Hinter der öden Frage steckt mit Sicherheit was Hinterfotziges", dachte sich Bärlapper und schnitt sich ein Stück von der Wurst ab. 

"Hast du dir deine Hände abgewaschen, Bärlapper?", stichelte der Marxer dann noch mal. Er würgte einen Brocken hinunter und koppte dann laut auf.

"Wieso?", fragte Bärlapper und steckte die Scheibe Wurst in den Mund. "Wieso, Marxer?", setzte er mit vollem Mund drauf, "wieso soll ich mir die Hände waschen? Habe ich dich heute schon einmal angelangt und habe ich dir die Hand gegeben, dass ich sie mir waschen muss?" 

Jetzt lachten die anderen und waren gespannt darauf, was da in der dicken Luft alles in Gang kommen könnte.

In dieser Stimmung verdrückten sie ihre Brotzeit eine Zeit lang schweigend. Bis der Marxer mit der Faust auf den Tisch schlug: "So was muss ich mir auch noch gefallen lassen von so einem mit diesem sauberen Umgang!" 

Bärlapper trieb es zwar richtig um, er verzog jedoch keine Miene. Er fing an, seinen Platz aufzuräumen. Bevor er das Messer zusammenklappte, führte er es in seinen Händen ein paarmal hin und her. Er schaute den Marxer verächtlich an und steckte das Messer in die Hosentasche. Der Rest Wurst war auch wegzupacken. Dabei überlegte er jedoch, was der Marxer eigentlich im Schilde führen konnte – wollte es allerdings nicht klären, sondern alles einfach bei seiner Drohgebärde belassen. 

Die anderen waren einstweilen weggegangen, weil sie gemerkt hatten, dass da vorerst nichts weiter zu erwarten war. Der Marxer stand dann wieder am Ende des Bandes, wo er die Flaschen in die Steigen geben musste, der Rohrer Beni war in die Waschanlage gegangen, wo er die Flaschen auf Sauberkeit zu untersuchen und dann aufs Band zu stellen hatte.

 

Mittag saßen sie wieder beieinander und waren neugierig, weil sie ja fest annahmen, dass da noch etwas fällig war. 

"Na, wie ist es jetzt, Bärlapper", bohrte der Marxer auch schon, "hast du dir die Hände gewaschen?" 

Die anderen horchten auf, taten aber so, als wäre es ihnen lästig, jedenfalls tönte es sofort wie aus einem Mund: "Mein Gott, geht das jetzt wieder los." Dabei schauten sie Bärlapper beinahe vorwurfsvoll an, so als wollten sie sagen, er solle den Mund aufmachen und reagieren, damit endlich rauskommt, was es da gibt. 

"Wenn es dich gar so interessiert, Marxer", kam dann von Bärlapper ganz gelassen, während er sein Mittagsbrot auspackte, "dann tue ich dir eben den Gefallen und denke nach." Er machte eine Pause, holte sein Messer aus der Hosentasche, hielt es eine Weile im offenen Handteller und betrachtete es, klappte dann die bald zwei Finger lange Klinge aus, hielt sie hoch, musterte sie eine Weile, prüfte die Schneide mit dem Daumen – und schnitt sich dann einen Bissen von der Wurst ab. Die Anderen hatten die Szene aufmerksam beobachtet. Sie wussten zwar, dass der Bärlapper, der da jetzt noch auffälliger als bei der Brotzeit mit dem Messer hantierte, eigentlich ein friedlicher Mensch war. Doch "nichts Gewisses weiß man halt nie nicht" heißt es ja. Außerdem war ihnen noch ganz unklar, um was es da eigentlich ging. Bereits das machte sie richtig begierig. Es hätte allerdings auch sein können, dass der Bärlapper ganz genau wusste, worauf der Marxer hinauswollte. Dass es was Ungutes sei und er nur wartete, dass es der Marxer rausließ, dass er draufhauen könnte. Sie lauerten richtig. 

"Jetzt, Marxer, jetzt ist es mir eingefallen", brachte Bärlapper mit vollem Mund gerade noch heraus. Es konnte kaum verstanden werden. Er würgte den Bissen hinunter und nahm einen Schluck Bier aus der Flasche. Dann brummelte er eher so vor sich hin: "Wie ich so nachdenke, da ist es mir eingefallen, dass ich glatt vergessen habe, was der Marxer gefragt hat! Macht nichts. Das wird dann ja so blöd gewesen sein, dass es gleich vergessen war."

Der Marxer wusste jetzt nicht, ob er sich ärgern oder nur wundern sollte. Er schaute die anderen an. Die grinsten nur und zuckten die Achsel. 

"Ob du dich abgewaschen hast, habe ich dich gefragt!", platzte der Marxer heraus.

"Aha, so so!", tat Bärlapper überrascht und weiter nichts.

Den anderen wurde es allmählich fad. Aber sie warteten noch, denn es hätte leicht auch eine Gaudi hinter der Fragerei stecken können, und die wollte keiner auslassen.

Bärlapper schaute jetzt den Marxer an. "Ja!", kam von ihm nur. Als der Marxer nicht gleich kapierte und ihn anglotzte, wiederholte Bärlapper: "Ja!"

Die anderen schüttelten eine Weile enttäuscht den Kopf. "Macht euren Blödsinn spannend!", schimpfte der Rohrer Beni.

"Aha! Dann ist es ja in Ordnung, dass du dich richtig ausgewaschen hast", hatte sich der Marxer wieder gefangen. Er hob den Zeigefinger und machte weiter: "Deswegen ist das sogar wichtig, weil du ja jetzt in der Müllgrube verkehrst! Mit dem Abfall und den Abfall-Leuten und dem Ungeziefer!" Jetzt war es heraus. Er lachte überlegen.

"Bei denen in der Grube? Ja, da legst dich nieder!", waren jetzt die anderen mit von der Partie. "Ja, was ist dann das jetzt? Und so was du, Bärlapper, wo du früher so ordentlich gewesen bist?"

Der Marxer fühlte sich obenauf. Er machte weiter: "Wegen dem Bier nämlich! Gut waschen, verstehst du, Bärlapper!" Er nahm einen Schluck, nachdem er die Öffnung auffallend gründlich mit dem Ärmel abgerieben hatte. "Überhaupt, wenn du zu uns her willst, dann musst dich überhaupt gut, oh ja, gut abwaschen! Damit das klar ist!" Er rieb wieder, diesmal noch angestrengter, nahm einen Schluck und setzte drauf: "Wanzen und Bakterien und so ein Zeug will keiner von uns haben, wenn du so was von dort unten raufschleppst!"

Die anderen wollten mehr wissen. Der Marxer sah es ihnen an und redete zu Bärlapper hin: "Dann ist es ja in Ordnung, wenn du dich gewaschen hast! Ich habe nämlich bereits geglaubt, dass du mit deinen Händen, wo du die Dreckigen da von der Abfallgrube angelangt hast, jetzt, wo du dich da drunten rumdrückst bei denen, dass du mit deinen Händen unsere, verstehst du, unsere Bierflaschen anlangst und zumachst und genau da anlangst, wo ein jeder dann seine Goschen hintut und sauft!" Dann erzählte er den anderen, was er vom Jägerbartel gehört hatte, dass der den Bärlapper in der Grube gesehen haben wollte, wie er in die Baracke hinein gegangen ist und erst in der Früh wieder raus und wie es zugegangen sein soll in dem Saustall da unten.

Das hatte die anderen aufgeregt: "Oben anfassen tut der unsere Flaschen mit seinen dreckigen Pratzen", schrie der Rohrer Beni, "oben, wo man das Maul hintut!"

Sie schauten angewidert. Der Rohrer Beni von der Wäscherei hob seine Flasche in Augenhöhe und prüfte sie mit fachmännischem Blick.

Bärlapper biss in sein Brot und tat so, als interessiere ihn das alles gar nicht. "Klar, das haben die vom Dorf freilich gespannt", ging ihm durch den Kopf, "du weißt ja, wie es im Ort halt so ist. Irgendwer sieht irgendwas immer einmal. Dann gibt es die Geschichten, die sie daraus machen." Er biss wieder in sein Brot und nahm einen Schluck. "Sonst wäre es ja noch langweiliger auf dem Dorf, trotzdem es das Fernsehen gibt. Denn das Fernsehen langt keinem, weil es eigentlich gar nichts ist oder höchstens wie der Furz, der verfliegt, mehr ist das Fernsehen nicht. Dem Marxer sein Schmarren und der Furz von Fernsehen passen ja zueinander." 

Der Rohrer Beni hob seine Bierflasche noch einmal in Augenhöhe und starrte auf die Öffnung: "Pfui Teufel, wenn ich denke mit den Bakterien da umeinander und übereinander!" Er hielt die Flasche hoch und stierte auf die Öffnung.

Die anderen schauten auf das 'lebende Bild' und freuten sich: Mann mit Flasche in Ekel. Die anderen fanden das so eindrucksvoll, dass sie es nachstellten.

"Ist richtig komisch, das alles", amüsierte sich Bärlapper jetzt beinahe. "Dass die Blödlinge sich so plagen, um mich anzufegen. Das muss ja ganz was Fürchterliches gewesen sein, was ich da gemacht habe, dass ich mit den Leuten da unten geredet habe. Aber weiter zuhören", kam ihm dann, "denn es ist doch interessant zu erfahren, wie sie im Ort darüber denken."

"Ja, wie kann sich einer mit so einem Gesindel abgeben?", fragte der Marxer in die Runde.  

"Ja, wie es nur sein darf!", tönte es zurück. "Ein Kerl von hier und einer von uns, hier aufgewachsen, einer von uns ... und mit denen, die gar nicht hergehören, sondern sich nur eingeschlichen haben!"

Bärlapper wunderte sich in ihre gespielte Entrüstung hinein: "Wo du dem Iwan gestern bloß noch den alten Bulldog runtergefahren hast. So ein Geschiss machen die Hanswurste da. Schließlich habe ich eh nur noch ein paar Stamperl von ihrem scharfen Zeug da getrunken. Mehr bringt ein normaler Mensch gar nicht runter davon." 

Die anderen kramten eifrig weiter in ihrer Dummheit. 

"Wer hätte es gedacht, ein netter Kerl, der Iwan", lenkte Bärlapper sich ab. "Fünf Blaue, sagt er, und ich sage, noch einen halben Blauen drauf. Da sagt er, also gut – jut –, aber erst, wenn ick dat jute Stück hier los bin! – Werde ihm sagen, er soll den Bulldog nicht hergeben und ihm so ein Räumschild vorn anbauen. Dann kann er im Winter den Schnee wegschieben. Denn jetzt schneit es bald. Das sieht wenigstens ganz so aus, dass das Wetter umschlägt."

"Und die Barackenweiber!", unkte der Rohrer – und schwieg darauf bedeutungsvoll. Die anderen merkten auf und warteten auf die Fortsetzung. Der Rohrer machte gleich weiter: "Schlau muss man sein!" Dabei deutete er mit dem Daumen auf Bärlapper. "Der Bärlapper Hans holt sich kein Weib ins Haus! Nein, nein! Weiber findet man ja überall umeinander. Jetzt wisst ihr es, wo man bei uns hier hingehen kann, wenn ..." Er holte tief Luft. "Man findet es bei uns da in Ritzling sogar auf dem Müll in der nämlichen Grube!" Die Männer lachten angewidert.

Bärlapper hatte aufgehorcht und überlegte, ob er nicht dazwischengehen solle. 

Sie waren jedoch bereits aufgestanden, um sich wieder an die Arbeit zu machen, da schrie der Marxer Bärlapper an, dass sie hier vor Ekel fast kotzten und er nur dahocke und dass ihm das alles wohl ganz egal sei. "Man muss dich ja nur anschauen, wie ein Ölgötze hockst du da!"

"Wo hast du denn den tollen Ölgötzen her? Ist der bei dir im Herrgottswinkel, du Rauchzeichengeber, du ganz tatarischer?", spottete Bärlapper. 

Der Marxer war hochgefahren, hatte aber keine Antwort parat. So stakte er mit auf dem Rücken verschränkten Händen im Raum auf und ab. Nach ein paar Mal hin und her, das die anderen kopfschüttelnd begleitet hatten, fing er wieder an: "Jetzt haben alle bereits gemeint, dass wir die dreckigen Banditen loskriegen irgendwann. Wer weiß denn, was die da alles treiben? Gehört hat niemand was von denen. Eigentlich weiß keiner nichts, und das ist immer gefährlich, wenn man nichts weiß. Denn dann kommt es plötzlich über uns, mein lieber Schwan, was noch keiner weiß. Da geht aber der Bärlapper, dieser ganz kreuzbrave Mensch, wie alle immer gemeint haben, her und hält womöglich das Gesindel hier im Ort! Indem er sich mit denen abgibt, dass sie meinen, sie gehören dazu zu uns." 

"Jetzt reicht es", durchfuhr es Bärlapper, "dem Marxer schmierst du ein paar, dass Ruhe wird!" Er erhob sich langsam von seinem Platz, machte einen Schritt auf den Marxer zu. 

Der war erschrocken zurückgewichen. 

"Sakra, jetzt kracht es endlich!", funkte es bei den andern. 

Bärlapper machte noch einen Schritt auf den Mar­xer zu – und ging verächtlich grinsend an ihm vorbei. Er streifte ihn dabei allerdings und versetzte ihm einen gehörigen Rempler mit dem Ellbogen. Der Marxer musste sich vor Schmerzen den Bauch halten und stützte sich an der Wand. Bärlapper ging zum Tisch. Als er dem Marxer bereits den Rücken zuwendete, machte der Anstalten, Bärlapper von hinten anzufallen. Bärlapper ahnte das. Er blieb am Tisch stehen und griff nach seinem Messer. Die Männer zuckten erschrocken zusammen. Der Rohrer, der ganz nahe bei Bärlapper stand, sprang zur Seite. Der Marxer stellte jedoch augenblicklich seine Aktion ein. Bärlapper tat so, als ließe ihn das alles hier kalt. Er klappte die Klinge ein und packte den Rest seines Brotes in die Tasche. Dann sagte er ruhig: "Du weißt schon, Seppl, wen das überhaupt nicht interessiert. Das saublöde Geschwätz von einem, der seinen Arsch auf dem Hals hat statt einem Kopf!" Bärlapper schaute den Marxer kurz an. "Und die andern, die sich so einen Mist anhören und ihre idiotischen Faxen dazu machen, die sind um nichts besser!", ergänzte er zu diesen hin. Die merkten an seinem starren Gesichtsausdruck um die funkelnden Augen, dass sie jetzt besser den Mund hielten.

Als er den Raum verließ, spürte er direkt, dass da hinter ihm ein paar Flaschen in seiner Richtung wurfbereit gehalten wurden. Er wünschte sich jetzt, dass es wenigstens einer wagte. Dann hätte er sich die ganze Bande vorgeknöpft, war sein Vorsatz, und zwar gleich ergiebig. "Denn die zwei rauche ich ja in der Pfeife, und den anderen schnaufe ich ein", bekräftigte er sich mit einem gehörigen Rest von Zorn. Er blieb noch einen Augenblick stehen, bevor er aus dem Raum ging. Sein Blick war auf den Stuhl am Eingang gerichtet. "Den Stuhl greife ich mir und zerlege ihn auf ihren hohlen Schädeln. Wenn sie noch einen falschen Schnaufer tun." 

Als er draußen war, überkam es ihn, als hätte er mit dieser Bande gleich das ganze Dorf hinter sich gelassen. Das überraschte ihn nicht wenig.

Er grübelte jedoch nicht weiter, denn hinter sich hörte er, wie der Marxer aufgeregt daherredete: "Der Bärlapper ist fei in der Baracke drinnen gewesen. Nicht nur davor! Der hat nicht nur geratscht mit dem Iwan! Jetzt müssen wir aufpassen, weil der vielleicht mit denen ihrer Verwahrlosung mit dem Zuhauen und Raufen und allem angesteckt ist wie mit einer Seuche!"

Bärlapper war stehen geblieben, um alles mitzubekommen, was möglicherweise an seinem Ruf kratzen würde.

"Die ganze Nacht oder etliche Stunden wenigstens hat er mit den Russen rumgesoffen! Hoch her ist es dabei gegangen, dass die Fetzen geflogen sind! Es muss zugegangen sein wie bei den Säuen, bevor das Futter kommt."   "Ausgeschaut hat es bestimmt wie in einem Stall!", war sich der Rohrer sicher. 

"Aber reinschauen kannst du ja nicht, wegen den scharfen Schäferhunden, die da auch in der Nacht rumlaufen und dir die Hosen ausziehen mit einem Fetzen Fleisch gleich mit. Solche Bestien von Hunden sind das!", lachte der Marxer bitter.  

"Aber wenn der Bärlapper da rein kann, ohne dass sie ihm was wegbeißen, dann ist der da bereits öfter gewesen und die Hunde, die kennen ihn und wir haben das gar nicht gewusst, was der Bärlapper da immer getrieben hat!", folgerte der Rohrer. "Ja, so einer ist das, und alle haben ihn für einen guten Menschen gehalten!"

Bärlapper spielte einen Augenblick mit dem Gedanken umzukehren und nun doch richtig hinzugreifen, um sie gehörig aufzumischen. Er spürte allerdings, dass er gar keine Wut mehr hatte, die sich an ihnen hätte entladen können. So ging er weiter und meinte bei sich, "wenn du da noch dreinredest oder gar richtig hinlangst, dann meinen sie, dass du das machst, weil es ja wahr ist, was die Deppen sich da zusammengedichtet haben. So nach dem Spruch: Wer sich verteidigt, klagt sich an." Er ging zu seinem Arbeitsplatz, schaltete das Band an und lenkte sich mit der Frage ab, ob man den alten Bulldog nicht doch wieder aufmöbeln sollte. "Rost weg", meinte er, "und anstreichen, vielleicht richtig scheckig bunt für den Faschingszug."

 

Wenn er dann in den nächsten Tagen in den Pausen bei den anderen war, herrschte immer noch Spannung. Sie überlegten, ob sie es nicht doch wieder versuchen sollten, das Gespräch auf die Müllgrubenleute zu bringen. Jetzt war es die Neugier, die sie umtrieb. Vielleicht könnte man etwas in Erfahrung bringen, irgendwas, weil man eigentlich überhaupt nichts wusste von denen. Es musste ja nicht wieder gestänkert werden, und dem Marxer könnte ja gesagt werden, dass er ruhig sein solle. Der Bärlapper wusste was über die Leute da unten, klar, was sie schließlich auch wissen wollten und das ganze Dorf, und eigentlich hatten alle ja auch ein Recht darauf, wenn die von da unten hier bereits so lange sind. Doch der Bärlapper war vielleicht noch sauer. So wusste niemand, wie es anzupacken wäre, ohne was zu riskieren. "Gerade die Ruhigen, wie der Hans einer ist", war ihnen geläufig, "die haben manchmal eine sakrische Ladung." Und niemand wollte selber das Ziel abgeben, wenn die losging.

So blieb in den Köpfen alles um die Leute da in der Müllgrube, wie es immer war, nämlich nur ein bisschen Beobachtung, die sich jeder selber mit Fantasie ausfüttern musste. Allerdings war der Bärlapper jetzt dazu zu denken.

"Das kommt wieder alles ins Lot", war sich Bärlapper sicher, wenn er doch dann und wann etwas mitbekam, was da gemunkelt wurde. Manchmal allerdings bereute er auch, dass er damals bei dieser Sache im Brotzeitraum nicht hingelangt hatte. "Vielleicht wäre Ruhe geworden und ich hätte aufgeräumt gehabt. Eigentlich habe ich ja früher gerade so gedacht wie die über die Leute da unten", musste er sich zugeben. "Komisch ist es halt, wie sich das alles rumdrehen kann, wenn man miteinander redet. Was Einfacheres gibt es ja nicht, als miteinander reden."

 

Gelegentlich fing aber die Mutter auch noch damit an: Dass jeder sehen muss, wie er unter seinesgleichen zurechtkommt, "hier brauchen wir solche Fremden nicht. Die sollen hingehen, wo sie hergekommen sind. Denn wenn sich jemand anständig aufführt, dann kann er auch bleiben, wo er ist. So einfach ist das!"

Er verstand sie, trotz dieser eigenartigen Denkweise – und doch auch wieder nicht: "Es ist doch egal, was einer tut und wo er herkommt ", war er sich sicher. "Hauptsache ist, wie er ist und eigentlich auch bloß, dass er gut ist und was taugt." 

Dabei sprangen seine Gedanken regelmäßig zu seiner Michaela – zu der Michi von früher. "Sakra, die Russen und die Michi gleichzeitig im Hirn. Wie das zusammengeht?" Er ließ sie allerdings dort beisammen. Michi wusste er jetzt auf einem ganz besonderen Weg, immerhin hatte sie ihm das deutlich genug zu verstehen gegeben. Einen Weg, den er auch gar nicht mehr kreuzen sollte, wenigstens die nächste Zeit nicht, wusste er. "Das mit der Bibel und mit der Keuschheit, du lieber Himmel!" Wenn er es genau besah, tat es eigentlich gar nicht mehr so weh. Das war auch gleich wieder zum Wundern. "Das ist gar nicht so", dachte er, "wie dortmals bei deiner Rita, die dann den Sendner Kurtl geheiratet hatte. Herrgott, das hat mich umgetrieben, und das hat bedrückt, wahnsinnig! Jetzt bei der Michaela eigentlich überhaupt nicht so arg. Ja, aber mögen hast du sie doch freilich, die Michaela, und wie du sie mögen hast, schier gar zum Auffressen. Und eigentlich magst du sie ja immer noch. Doch jetzt irgendwie anders!"

Weil es in der Angelegenheit mit Michaela doch auch um die Frömmigkeit oder gleich überhaupt um die Religion ging, glaubte er ein bisschen, "dass es ja leicht ein wenig ein Wunder sein hat können, um das die Michaela gebetet hat. Nämlich, dass ich bei ihr mit dem Herz jetzt so verschont bin und mit dem inwendigen Wehtun. Oder ein bissl eine Gnade nachher doch schon. Und überhaupt, dem ganzen Durcheinander da in meinem Kopf!"

 

Dann kündigte sich die Zeit der Weihnachtsfeiern an. Es war zwar noch eine Weile hin. Aber bei der Krämerin, die seit ein paar Jahren Edeka hatte, lag bereits der süße Himmel in den Regalen: Es gab den schokoladenen Nikolaus, Engel und Sterne da­zu. Manche Mutter traute sich gar nicht mehr, die Kleinen mitzunehmen, nämlich wegen der Quen­­gelei. Wenn sie dann doch mürbe geworden war, musste sie die Kinder sogar noch auffordern, alles gleich hineinzufuttern. Sonst hätte ihr zu Hause die Oma in den Ohren gelegen: So eine Schleckerei habe es früher bei ihnen vor Weihnachten nicht gegeben. 

Auch in der Stadt drinnen und im Fernsehen war Advent längst mit Hilfe von Santa Claus, diesem liebenswürdigen Trottel aus Übersee, zur Marktgeschrei geworden. Der Manger Matthies schickte zwar seine Trachtler-Kinder zum Klöpfeln von Haus zu Haus: Ein Lied, ein Segenswunsch für die Hausleute – und dafür gab es dann Naturalien, lieber natürlich hörten sie es im Beutel metallen klimpern. Aber diese Aktion war nur ein bunter Tupfen. Gegenüber der Stadt konnte man auf dem Dorf – Pfarrers Mahnungen zwar im Ohr, dass der Advent eine ruhige, ja sogar Fastenzeit sei – nicht zurückstehen. Denn man wollte sich nicht für rückständig und damit für blöd verkaufen lassen. Alle Vereine bemühten sich sodann und legten ihren Termin fest – und sich ins Zeug. Die Tradition gebot den Vorständen, unbedingt auch etwas für die geistige Erbauung zwischen dem Hunger nach Unterhaltung und den schieren Ansprüchen des Leibes zu landen. Das musste gut, ja raffiniert kombiniert werden. Denn es hatte sich auch mal gezeigt, dass gerade in der Weihnachtszeit selbst die beste Darbietung in Kritik ersäuft worden war. Und zwar genau dann, wenn den Leuten die Kultur bei leerem Magen und im wahren Sinn des Wortes, nämlich trocken, zugemutet worden war. So erwärmte man sich beim Krippenspiel gerne mit Glühwein, und die Lesung des Weihnachtsevangeliums konnte durchaus mit Gebäck versüßt werden. Lediglich so etwas wie Stille-Nacht, vom Schlager und der Folklore noch süßer und herzergreifender getrimmt, ging immer so ans Gemüt, dass es ohne Beilagen geboten werden konnte. Dann folgte jedoch die Christ­baum­versteigerung, die die Stimmung aufhellte und Geld in die Vereinskasse brachte. Abgeschlossen wurde dieser Teil sinnigerweise durch das Absingen von Oh-Tannenbaum. Worauf die Ehrung verdienter Mitglieder folgen konnte. Was natürlich unter Ausschank von Freibier geschah, welches die Geehrten zu stiften hatten. Die mussten richtig hergesoffen werden, damit sie nicht hoffärtig wurden, auch damit sie merkten, dass alles seinen Preis hat. Am schwierigsten war es jeweils, irgendwo auch das Gedenken an die Verstorbenen unterzubringen, denn am Anfang stand ja immerhin Die Geburt, und am Ende der Feier gab es zu viele, die ihren Durst schon zu eifrig gelöscht hatten, so dass die Gefahr bestand, dass da wer nicht an sich halten konnte. 

Einladung zu diesen Feiern erfolgte erst, nachdem die Termine im Dorf sorgfältig abgestimmt worden waren. Wobei alle Prominenten, auch der Bürgermeister mit seinem Gemeindeschreiber stets ihre ohnedies aufopfernden Dienste anboten. Denn niemand, der guten Willens war, sollte doch auch nur eine dieser dörflichen Herz- und Seeleausschüttungen – etwa wegen unzureichender Planung – versäumen müssen. Das wäre ein echtes, obendrein unverzeihliches Armutszeugnis für die führenden Köpfe im Dorf gewesen und hätte mit Sicherheit bei Wahlen seinen unerbittlichen Niederschlag gefunden. "Denn da siehst du es ja, was einer kann. Nach was solltest du sonst gehen, wenn du deine Kreuzel machst? Denn politisch und so sind wir eh nicht hier heraußen bei uns. Weil es das nicht braucht."

So aber klappte auch heuer wieder alles. 

Alle hatten dann bereits einige dieser Feiern hinter sich gebracht. Von denen etliche auch mal erst zur Stallzeit, jedenfalls sehr erfüllt und wieder um sein Menschsein wissend, nach Hause gingen.

 

Da wurde in der Schlossbrauerei eines Tages bekannt gegeben – die ganze Belegschaft war nach Ar­beitsschluss in das Fasslager bestellt worden –, dass heuer sogar die Brauereiverwaltung zu einer Weihnachtsfeier laden würde. Das erweckte Freude und gab Gesprächsstoff. Es wurde von den Arbeitern beinahe ausnahmslos als eine echte und längst fällige Neuerung begrüßt. Man übernahm, je nach Merkfähigkeit ganz oder nur bruchstückhaft, die Formel, mit welcher der Entschluss verkündet worden war: "Dass dieses doch die gewachsene, traditionelle und über Jahrhunderte bewährte und gefestigte Verbundenheit der Eigentümer mit der Ortschaft und der Umgebung und selbstverständlich auch den Mitarbeitern in deutlicher und eindrucksvoller Weise dokumentieren soll ... oder zum Ausdruck bringen wird ... oder ..."

Man saß nach der Bekanntgabe dann noch kurze Zeit auf den Bierzeltbänken, die eigens zum Zwecke dieser Zusammenkunft aufgestellt worden waren, und plauderte, trank und rauchte. Es war irgendwie gemütlich, denn es waren so moderne Heizstrahler auf Gasflaschen aufgestellt, wo man nicht zu nah hinkommen durfte, aber sich immerhin seine Zigarette anzünden konnte, wenn man es nur geschickt genug anstellte. Der Sendner von der Mälzerei war gleich gespannt, ob da zu der Feier auch die Herrschaften kommen würden, "eigentlich muss ich es doch heute schon wissen, weil mir sonst die Alte daheim keine Ruhe mehr lässt", sagte er zur Gaudi der anderen. Er hatte damit allerdings nicht nur Gelächter, sondern auch eine Diskussion ausgelöst. "Nein", widersprach nämlich die Bentlerin, die als Reinemachefrau sogar in der Chefetage tätig und auf das Goldene Blatt abonniert war. "Nein, ihr lieben Leute! Solche Herrschaften kommen nicht lediglich. Denn wenn welche nämlich so vornehm sind, dann heißt das, sie erscheinen!" 

"Oder auch nicht!", funkte der Müller Seppl bissig dazwischen, bevor noch jemand Gelegenheit hatte, die von der Bentlerin vorgebrachte Feinheit zu wür­digen. 

"Das ist wieder typisch Müller Seppl. Dieser ungute Mensch, der doch irgendetwas gründen will, einen Verein für die Zu-kurz-Gekommenen im Dorf – oder gleich unter der ganzen Menschheit oder sonst wo. Der allerdings die Sau immer noch nicht rausgelassen hat, der Müller Seppl", schimpf­te der Sendner vor sich hin.

"Nun ja", versuchte es dann der Häuslmann, der Bulldogfahrer im Gut war, versöhnlich. Es war jetzt immerhin bald Weihnachten: "Vielleicht kommen einige von denen von da ganz oben vielleicht nur. Denn alle Herrschaften kommen da doch bestimmt nicht, denn die haben sicher was andres zu tun und ganz wo anders, in Mallorca oder wo, als sich mit unsereinem hier in der Kälte abzugeben." 

"Die wollen ja doch nur verhindern, dass es einen Betriebsrat gibt!", kritisierte der Müller gleich wieder, "und da wanzen sie sich mit so was wie einer Betriebsversammlung an euch ran. Oder dass es so aussieht wie eine!" 

Obwohl die anderen grantig abgewunken hatten und dabei waren wegzugehen, polterte er noch: "Die wollen euch doch lediglich einlullen!" 

"Einlullen? Was ist denn das?", war zu hören. 

"Einlullen, das gibt es doch gar nicht bei uns da. Da siehst du es wieder", urteilte der Sendner, "für dem Müller seinen Firlefanz, da gibt es bei uns gar keine Sprache, die einer versteht." 

Die Leute machten sich jetzt davon, weil sie sich die vorweihnachtliche Stimmung nicht verderben lassen wollten durch so etwas, was vielleicht sogar politisch war.

Bärlapper war auch dagesessen, hatte aber nicht ganz aufgepasst, was alles gesprochen wurde. Er hatte den Leuten eigentlich nur zugesehen, wie sie sich aufführten, wenn sie redeten, was sie für ein Gesicht machten, Grimassen schnitten, wie sie mit den Armen fuchtelten, wie sie sich vorbeugten, wie sie den anderen anglotzten – oder wegschauten. Er hatte sich gerade eingebildet, dass er daraus, wie jemand spricht, manchmal mehr erfährt, als wenn er jemand hört. Er wunderte sich über diesen Gedankenblitz. "Eigentlich ist jede Menge fremd", sinnierte er. "Das packe ich dann nimmer. Und dass eigentlich jede Menge fremd ist, das merke ich eh erst, wenn ich  hier ein wenig außerhalb stehe von den anderen." 

 

Auf dem Nachhauseweg überlegte er, ob er nicht heute oder in den nächsten Tagen ein Bäumchen aus seinem Wald holen und es dem Iwan und seinen Leuten bringen sollte. 

Dieser Gedanke trieb ihn in den folgenden Tagen immer wieder um. Er wusste nicht, ob diese Leute das nicht auch für aufdringlich halten könnten, wenn er mit einem Weihnachtsbaum daherkomme. Auch wusste er gar nicht, ob die vier für solche Bräuche um Weihnachten überhaupt einen Sinn hatten. "Vielleicht sind es ganz Gottlose?" Sie hatten die wenigen Male, die er dort zu Besuch war, zwar immer so viel und vielerlei geredet – und dass da irgendwo ein Kruzifix gehangen wäre, konnte er nicht erinnern. Er kannte sie eben noch gar nicht so richtig, ging ihm plötzlich auf. "Wen kennst du denn überhaupt richtig?", überfiel ihn in dem Augenblick. Auch wie die sich immer fein machten, wenn er kam, richtig wie zu einem Fest, schweifte er ab. Sie redeten immer "echt, über die ganze Welt. Wo müssen die überall auf der Welt rumgekommen sein? Obwohl sie ja die mehrere Zeit oder vielleicht immer sogar nur in Ritzling gewesen sind! Fernseher haben sie auch keinen! Und wenn ihnen der Stoff mal ausgegangen war, dann erzählte einer von denen irgendwas. Die haben immer eine Geschichte – die sie alle miteinander erzählen und durcheinander. So, wenn einer aufhört, weil er vergessen hat, wie es weitergeht. Dann macht der andre weiter – irr! Und irr ist auch, dass wenn du kommst, irgendwer von denen irgendwas hat: ein blaues Auge, die Hand eingebunden. Vielleicht rau­fen sie, wenn du weg bist darum, wie die Geschichten, die sie immer haben, so richtig erzählt worden waren. Weil sie eigentlich anders weitergangen wären, als sie der andere erzählt hatte. Die sind alle ziemlich schnell auf Hochtouren. Dann kann ja alles sein!"

 

"Hast einen Brief gekriegt", empfing ihn die Mutter eines Tages, als er nach der Arbeit nach Hause kam. Er sah nicht gleich danach und meinte, "wieder so ein Fetzen von der Reklame oder was von einem Amt. Wer schreibt mir denn? Auch wenn die Schwester mal schreibt, dann schreibt sie eh der Mutter – mit freundlichen Grüßen auch an mich, und dass ich brav bleiben solle, immer der gleiche Krampf. Mehr ist nie drin." Er konnte sich nicht erinnern, je einen richtigen Brief, so einen handgeschriebenen, also irgendwas von einem richtigen Menschen jedenfalls, nicht nur von einem Amt oder einer Firma erhalten zu haben. 

"Wie der Postbote so den Brief da in den Fingern gehabt hat", fing die Mutter, die es irgendwie nicht in Ruhe ließ, wieder an, "da hat er so ganz gescheit dreingeschaut. Aha, habe ich mir gedacht, gib ihm ein Schnapsl, weil er es immer kriegt, wenn er so schaut und ratschen will." 

Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: "Was zu trinken kriegt der immer, wenn er einen echten Brief bringt – und wenn er so dreinschaut, wie er bei deinem Brief dreingeschaut hat." 

Hans wunderte sich, dass die Mutter so viel redete und die Arbeit liegen ließ, die sie zunächst am Herd verrichtet hatte. Er vermutete, dass da etwas Be­sonderes dahinter steckte. Vielleicht war es der Brief? Doch er ließ ihn liegen, schaute ihn gar nicht an: "Was kann es denn schon sein?"

"Ich glaube", fing sie wieder an und nestelte an der Schürze herum, "der alte Bazi von einem Postboten weiß immer, was in einem Brief drinsteht. Der braucht einen Brief nur anzuschauen und zwischen den Fingern zu reiben vielleicht, dann kann er sich denken, was drinnensteht. Ich glaube, was ein richtiger Postbote ist im Dorf, der braucht das, sonst platzt der und geht drauf vor Neugier!" Sie legte jetzt ein Trockentuch zum zweiten Mal zusammen, schaute den Sohn an und wartete ab. Doch Hans biss von seinem Schmalzbrot ab, kaute ruhig, trank sein Bier nach und war nicht aus der Ruhe zu bringen. 

"So, aha, hat der Postler dann gesagt, wo er das Schnapsl nunter hat", setzte die Mutter drauf, "... soso, von einer Klosterfrau gleich kriegt der Hansl einen Brief!" Sie schaute jetzt gespannt auf den Sohn.

Hans hatte das wie ein Schlag getroffen, der Brocken war fast im Hals stecken geblieben.

"Der Hans kennt eine Klosterfrau, soso!", machte die Mutter ruhig weiter und ließ ihn nicht aus dem Auge. "Bald zerrissen hat es ihn vor Neugier. Dann ist er doch gegangen. Ich glaube, morgen weiß es das ganze Dorf: Der Hans und eine Klosterfrau. O mei!", seufzte sie dann, "O mei!" Und damit wandte sie sich ihrer Arbeit zu. 

Mit der 'Klosterfrau' hatte sie Hans völlig aus der Ruhe und beinahe aus der Fassung gebracht. Er stand eilig auf, war fast aufgesprungen, griff sich den Brief, steckte ihn in die Hosentasche und ver­schwand. 

In seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett und zog mit einem tiefen Seufzer den Brief heraus. "Micha­ela Brokhorst, Dießen am Ammersee", las er laut den Absender. Es dauerte in seiner Aufregung sogar einen Augenblick, bis er dahinter seine Michi erkannte. Dann riss er den Brief auf und begann zu lesen: 

"Lieber Hans, 

sicher wunderst Du Dich, von mir und noch dazu von hier einen Brief zu erhalten. Aber ich habe geglaubt, Dir diese Mitteilung schuldig zu sein. Denn ich darf Dich auf keinen Fall in falschen Vorstellungen lassen.

Ich möchte Dir ohne Umschweife mitteilen, dass ich mich hier bei den Klosterfrauen, es sind das Do­­mi­nikanerinnen, im 'Kloster auf Zeit' befinde. Dies gehört zu meinem Plan, mich auf meinen Über­tritt zum katholischen Glauben, wovon ich Dir ja berichtet hatte, vorzubereiten ..."

Hans legte das Papier weg und holte tief Luft. "Ja, das schmeißt mich glatt um ", redete er laut vor sich hin. "Die Frau geht aufs Ganze! Ja, was ist dann das? Ja, da schau her – oder hin – oder es ist ... ja was dann?"

Er lehnte sich im Bett zurück und ließ seine Don­nerstagsreisen in die Stadt in seiner Erinnerung her­aufziehen.

Nach einer ganzen Weile griff er wieder nach dem Brief, während er noch an die Decke starrte, bekam ihn zu fassen, rieb das Papier zwischen den Fin­gern. "Ich möchte es nicht glauben, doch es ist so. Tatsache, unabänderliche", seine Feststellung. "Ei­nen Brief hast du gekriegt. Und was für einen. Ei­nen richtigen. Und gleich so einen!"

Dann richtete er sich stöhnend auf und las weiter:

"Ich darf auch bereits so ein langes Wollkleid tra­gen, weiß in der Grundfarbe. Es ist ja eine Kutte, womit alle zwar etwas Dürftiges, Kratzendes verbinden, doch es ist sehr angenehm und es ist praktisch obendrein. O ja, es ist ein ganz einfaches Gewand, kein so schönes wie die richtigen Klos­terfrauen, die in weiß-schwarz gehen und Hauben oder besser Schleier tragen, jedoch ein solcher hinwiederum auch nicht, was alle bei Hochzeiten unter Schleier verstehen, sondern etwas Schlichtes und doch auch wieder kunstvoll Gefaltetes. Ich habe mir eine ganz einfache Frisur machen lassen und trage jetzt mein Haar kurz und glatt ..."

 

Hans behielt das Papier dieser Michaela Brokhorst in der Hand. Er sank wieder aufs Bett zurück. Er schloss die Augen und fuhr Michi in Gedanken mit der Hand durch die blonden Locken und den Rücken hinunter – da wurde ihm Michi plötzlich kalt, eiskalt und starr – und zu so einer marmornen Statue ... 

Nach einer Zeit raffte er sich auf, erhob sich und ging zur Kommode. Er legte das Blatt darauf und strich es glatt, las noch den Satz: 

"Ich glaube fest, lieber Hans, endlich die Heimat gefunden zu haben, nach der ich die ganze Zeit so sehr suchte. Heimat, nicht als geographisch zu fassender Ort, es sei denn, es gibt so etwas wie eine Geographie der Seele. Dort hätte ein jeder die wahre Erfüllung zu suchen ..." 

"Aha, da ist sie ja wieder, die 'wahre Erfüllung'!", stellte er fest und musste verbittert lachen: "Und wer diese 'Erfüllung' alles in den Mund nimmt: Der Stierhalter vom Dorf neulich und jetzt die Klosterfrau auf Zeit – oder Nonne auf Ewigkeit meinetwegen!", setzte er böse hinzu. Er holte tief Luft. "So, lieber Hans, jetzt reicht es", trotzte er, "das war es eben! Mehr brauchst du ja eigentlich nicht zu wissen. Vielleicht, dass ich mir den Brief einrahme. Denn diese Nonne hat ja eine so schöne Schrift, diese Michaela Brokhorst vom Kloster", war er bis­sig, um seinen Schmerz etwas wegzuätzen. "Wenigstens das weiß ich gewiss, dass sie schön schreibt. Denn aus den Weibern wirst eh nicht schlau. Michaela, Resi, Michi. Welche bist du denn wirklich und was für eine?" Er ging kopfschüttelnd nach unten. 

Kaum war er in der Küche, fing die Mutter zu jam­mern an, dass sie im Dorf schon redeten. Die Nachbarin habe ihr zugetragen, dass sie, die Nachbarin, aufgefangen habe – was sie, die Nachbarin, ja nicht geglaubt habe, aber sich doch direkt verpflichtet fühle, es ihr, der Mutter Bärlapperin, zu berichten. "Nämlich, dass die Leute reden und sich wundern täten, was für einen Umgang der Bärlapper Hansl denn hat mit den Leuten da von der Grube – du lieber Gott! Und warum er nicht heiratet? So ein ordentliches Mannsbild, wie der Hansl eins ist, sollen die Leute reden, das doch leicht irgendwo einheiraten könnte, in einen schönen großen Bauernhof. Da könnte sich ja eine die Hände abschlecken, hat die Nachbarin gesagt, dass es ihr die Hemigerin gesagt hat. Und da tät es ja Bauernhöfe geben, die bloß Mädeln zum Erben haben! Sogar hier im Dorf tät es welche geben. Eine besonders, bei der das Heiraten wegen ihrem Alter bereits nottäte." Die Mutter holte tief Luft. 

"So, Gott sei Dank, jetzt ist es endlich raus, ha?", knurrte Hans – allerdings war diese Tonlage eher gespielt, denn diese Mitteilung konnte seinen Kummer nicht überdecken. Um sich dennoch wenigstens etwas abzulenken, überlegte er, wann er die Mutter zuletzt hatte so viel reden hören. "Klar damals, als ich den Sendner Kurtl verprügelt hatte", fiel ihm zu seinem Erstaunen ein, da diese Erinnerung sich ja genau zu seinem Problem fügte, "nämlich, weil der mir die Rita ausgespannt hatte. Ins Krankenhaus hat der müssen, und so ziemlich das ganze Dorf hat es richtig gefunden, dass sich ein Kerl wehrt, wenn ihm das Mädel weggenommen wird, das ihm allein gehört", erinnerte sich Hans. "So einundzwanzig bin ich gewesen. Aber die Mutter hatte es anders gesehen als die meisten Leute vom Ort und unbändig geschimpft. Dass das nur Viecher machen, hat sie gewettert, Hirschen, blöde Stiere, Hunde. Bist du ein Hirsch, ein Stier, ein Hund? Dann haust du ab in den Stall! Saugrantig war sie, die Mutter damals. Aber wen soll ich jetzt verhauen wegen der Michi, weil die fort ist? Den Herrgott vielleicht, der mir die Michi weggenommen hat?" 

"Ja, mei, rede halt was!", jammerte die Mutter. 

Hans brachte nichts heraus. Während er so vor sich hinbrütete, stellte er sich vor, wie das Getratsche die Runde machte, wie sie sich im Dorf wieder in dieser ganz verzwickten Art öffentlicher Geheimhaltung Mitteilung machten. Wie sie sich gegenseitig versicherten, dass sie ja eigentlich gar nichts sagen wollten, "aber dass man durch das, weil es halt mal ist, direkt gezwungen ist, hinzuschauen und zu hören. Obwohl man es sowieso nicht ändern kann, trotzdem auch nicht darüber wegschauen kann, ohne was zu sagen. Die anderen Leute im Dunkeln tappen lassen, das darf man ja nicht, was ja auch direkt auch ein wenig gemeinschaftsschädlich wäre, wo man doch alles weiß von den anderen und doch ohne eigenes Dazutun. Schade ist es doch irgendwie, aber man darf ganz einfach nicht für sich behalten, was alle angeht, dass da kein Schaden wird!" 

"Den Buckel sollen sie mir runterrutschen", murmelte Hans zornig vor sich hin, dass sich die Mutter wunderte. "Das ganze Pack da kann mich mal, die besorgten Nachbarn und die Daherreder, die ganz die schönen! Den Brief da von der Klosterfrau da, den kannst du ruhig lesen, Mutter, der liegt auf meiner Kommode! Sagst mir dann, wie er ausgeht! Denn ich habe ihn nicht ganz gelesen, weil es mir saumäßig fad ist, alles umeinander und mit den Mädeln jetzt schon gleich gar!" "Ach, Hansl!", seufzte die Mutter.

Er ging hinaus. "Jetzt gerade mit Fleiß! Der Iwan kriegt jetzt einen Christbaum!" Er griff sich eine Säge und machte sich auf den Weg in Richtung Wald.

 

Er atmete tief durch. Die kalte Luft tat ihm gut. 

Es hatte die vorige Nacht über geschneit. Die Feldwege waren nicht geräumt, so sank Bärlapper bei jedem Schritt an manchen Stellen fast bis zu den Knien ein. Da machte es einige Mühe, sich zuerst durch den Schnee und dann durch das Unterholz bis zur Dickung vorzukämpfen. Allerdings lenkte es ihn von seinem Kummer ab und machte den Kopf frei. Dann hatte er die Stelle in seinem kleinen Wald erreicht, an der so vor zehn Jahren Anflug von Fichten aufgegangen war. Er verschnaufte und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Er schaute umher. "Ist das schön hier!", sagte er laut vor sich hin und holte tief Luft. Es war eine helle Mondnacht, die ihr Licht auf den Schnee warf, dass es glitzerte, und Bärlapper konnte alles gut erkennen. Er suchte eine Weile. Fast tat es ihm leid, sich zu entscheiden und zwei Bäumchen abschneiden zu sollen. Dann rang er sich jedoch durch: "Raus müssen sie eh, denn die stehen zu dicht. Einen für uns, einen für den Iwan – verrückt!" Er kicherte läppisch: "Eins ins Kröpfchen, ein ins Töpfchen! – kindischer Depp!", grinste er vor sich hin.

Dann hatte er seine Wahl getroffen. Er räumte den Schnee mit der Hand zur Seite, bückte sich, setzte die Bügelsäge an und begann mit seiner Arbeit, Stille-Nacht im Arbeitstakt summend. 

Als er nach den ersten Zügen einmal etwas zur Seite blickte, stutzte er. Da war doch was! Er schielte noch einmal hin und zuckte zusammen: ein Schatten! Er wollte sich aber nichts anmerken lassen, tat so, als wäre nichts und sägte weiter – jetzt ohne sein Lied –, war aufs Äußerste gespannt, dachte nach, wie er sich wehren, wie er angreifen oder sich wenigstens verteidigen könnte. Noch mal schielte er zur Seite. Richtig, das von vorhin war da immer noch. Keine Bewegung mehr: "Klar, da ist einer", fuhr es ihm durch den Kopf. Dann schnellte er aus seiner gebeugten Haltung hoch, hatte die Säge mit beiden Händen gepackt, machte eine Wen­dung zu diesem dunklen Fleck, holte schon mit dem Werkzeug aus ... 

"Na, na!", hörte er eine heisere Stimme, "nicht gleich so wild!" Der alte Oberlehrer war da, war in Deckung gegangen, hatte in Erwartung des Hiebes noch den Arm vor dem Kopf und sah jetzt wie ein Häufchen Elend recht kärglich aus. Bärlapper musste lachen. "Ach so, du bist es, Schulmeister!", sagte er erleichtert. Er hielt die Säge noch schlagbereit und schaute jetzt darauf. Lachend ließ er die Arme sinken und stützte sich auf die Säge.

"Habe ich dich erschreckt?", fragte der Lehrer und musste nach Luft schnappen.

Bärlapper zuckte die Achsel und bückte sich wieder, um weiterzusägen.

Der Alte schaute ihm eine Weile zu, dann fragte er erstaunt: "Gleich zwei? Noch dazu in deinem eigenen Wald – hoffe ich wenigstens!"

"Das möchte ich wohl glauben!", war Bärlapper fast entrüstet und richtete sich mit dem Bäumchen in der Hand auf. Er schaute stolz auf den Alten hinunter. "Denn wir sind zwar kleine Leute und haben gewiss nicht viel, doch immerhin ist es unser eigenes Sachl!", erklärte er.

"Na, du musst dich nicht gleich aufregen! Von dir, Hans, hätte ich sowieso nichts anderes erwartet, als dass du nur bei dir einen Weihnachtsbaum umschneidest. Aber du weißt ja, man sagt halt, dass einer seinen Christbaum im Wald von seinem Nach­barn oder noch besser im Wald von seinem Feind holt. Es heißt ja, die geklauten Christbäume, das sollen die Christbäume sein, die am Heiligen

Abend die größte Freude bereiten."

 

Bärlapper packte die Bäumchen und drückte dem Alten die Säge in die Hand: "Da, dass du auch was tust und nicht nur schwätzt!"

"Bärlapper, du reiner Tor", lachte der Alte, "du kennst eben nicht die so viele kleine Freuden spendende Kraft der Niedertracht!"

Bärlapper wusste damit gar nichts anzufangen.

Sie machten sich auf den Weg. Bärlapper stapfte mit seinen großen Füßen voraus. Der Alte bemühte sich, die Spur von Bärlapper zu nutzen. Er hatte sich jedoch sehr anzustrengen, und es musste komisch aussehen, wie der kleine Mann hinter der massigen Gestalt seine Verrenkungen machte.

"Ja, ja", stöhnte der Lehrer und blieb schwer atmend stehen. Bärlapper ging weiter. Er meinte, "wenn ich stehen bleibe, dann darf ich mir wieder so einen Krampf anhören wie vorhin." 

Als der Alte wieder genügend Puste hatte, rief er Bärlapper nach: "Wo ein Weg ist, da ist auch ein Wille, Hans!"

"Geht es trotzdem wieder los? So ein Blödsinn noch dazu", murmelte Bärlapper vor sich hin und legte an Tempo zu. "Dir zeig ich es schon!", dachte er sich. Dann rief er doch zurück: "Das stimmt ja überhaupt nicht, Lehrer! Ich glaube, du bringst wieder alles durcheinander!" Und er redete weiter vor sich hin: "So dem Gespür nach stimmt es nicht: Wo ein Weg ist, da ist auch ... – Quatsch!" Er blieb stehen und überlegte jetzt doch, wie es richtig heißt. Da war sein Begleiter bereits wieder in seiner Nähe und stand keuchend neben ihm.

"Das heißt doch genau andersrum: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!", triumphierte Bärlapper.

"Ja, siehst du, Bärlapper Hans, das kann man so herum und auch anders sehen", behauptete der Oberlehrer und rang wieder nach Luft. "Ja, das ist nämlich so wie mit dem Essen", keuchte er, "da ist manchmal auch erst das Essen da, und der Appetit, der kommt dann später."

"Was soll jetzt das wieder sein?", fragte Bärlapper ärgerlich. "Na ja, das habe ich auch schon gehört, das mit dem Appetit und dem Essen", gab er nach und ging weiter.

"So, siehst du es also ein", freute sich der Oberlehrer und folgte Bärlapper. "Und ich sage dir gleich was, Bärlapper, du gehst jetzt erst einen Weg, und ich wünsche dir, dass dir auch der Wille dazu kräftig gegeben und lange erhalten wird ..."  Der Alte hatte sich damit wieder übernommen, keuchte und hustete und musste stehen bleiben, um Atem zu holen. 

Bärlapper ließ sich nicht aufhalten. "Der wird schon wieder", war er überzeugt, "und wenn nicht ..." Er dachte nicht weiter.

"Hansl", rief ihm der Alte hinterher, "geh nur deinen Weg!" Und er musste gleich wieder husten.

Dieses von tief unten kommende Bellen, gefolgt von einem pfeifenden Japsen, das der Alte da seinen Worten nachsandte, konnte einem Angst machen. Bärlapper blieb jetzt doch stehen und sah sich um. "Wenn der hier abkratzt, muss ich ihn auch noch ins Dorf schleppen", witzelte er bissig und wartete.

Da schnaubte der Alte heran: "Bärlapper, weißt du ..." Er hatte seine Not mit dem Atmen und machte wieder seine Geräusche damit. "Bärlapper, weißt du, das ganze Leben habe ich mich mit der halben Weisheit abgeben müssen ...", da war auch gleich sein Überschuss an Luft verbraucht und in das folgende Schnauben hinein klagte sich Bärlapper, dass ihm diese Begleitung äußerst lästig sei. Da ging es jedoch weiter: "Ich habe sie, nämliche Weisheit, auch noch den Kindern eingießen müssen ..."

Der Alte ließ die Säge fallen und presste die Hände an die Brust und krümmte sich, als ob er Schmerzen hätte. Bärlapper legte die Bäumchen weg und machte schnell ein paar Schritte auf seinen Begleiter zu.

Der fuhr allerdings in seiner gebeugten Stellung fort: "Und das mit diesen Sprichwörtern ist so: Man muss sehen", keuchte er, "ob man sie auch von hinten gebrauchen kann. Umdrehen muss man sie – und überhaupt alles, verstehst du? Denn wenn du alles nur von einer, nämlich seiner ganz gewöhnlichen Seite, nimmst, dann findest du dich ja freiwillig mit der Hälfte ab!"

Er lachte heiser und setzte sein tiefes Husten nach.

"Dann sei halt ruhig!", brummte Bärlapper vor sich hin, als er so daneben stand und doch wartete. "Aber dem geht es ganz gut, dem alten Halunken. Der macht dir bloß was vor, damit du stehen bleibst und sein Geschwätz anhörst", schimpfte Bärlapper in sich hinein, hob die Säge auf und ging wieder zu seinen Christbäumen. "Der mag wieder sein Theater treiben, das er immer abzieht mit allen Leuten. Der weiß ganz genau, dass er einen Blödsinn redet. Allerdings sind sich die Leute da doch nicht gleich so sicher, ob es nicht vielleicht auch eine Gescheitheit ist. Das liegt ja alles manchmal ganz eng beieinander."

Der Alte richtete sich wieder auf und lief Bärlapper hinterher.

Sie waren dann bei der Straße angelangt. Dort war der Schneepflug gefahren, und sie mussten sich beim Gehen nicht mehr so abmühen. Der Alte trippelte nun neben Bärlapper her. Er schien sich wieder erholt zu haben und bot Bärlapper sogar an, eines der beiden Bäumchen zu tragen.

"Weißt du, Hans, es ist mir vollkommen klar, wer das zweite Bäumchen da bekommt", bekannte er, als sie ein Stück Weg zurückgelegt hatten. 

Bärlapper wunderte sich, schwieg jedoch. 

"Weißt du, Hans, ich fahre ja morgen nach Mallorca. Wie jedes Jahr. Renne doch nicht so! Weihnachten ist nämlich für jeden Einschichtigen die absolute Zumutung. Das gilt allerdings nur, wenn er sich, besagter Einsiedler, ein Quäntchen Geschmack bewahrt hat. Wenn er dazu auch noch Gemüt besitzt. Welchselbiges ich mir natürlich andichte. Weihnachten ist hierzulande ganz und gar unerträglich! Da lobe ich mir den Ami. Denn der hat die Kurve zum Kitsch sofort und total erwischt und bekennt sich auch erhobenen Hauptes dazu. Während man hier noch versucht, das Christkind zu reklamieren. Das arme Wesen und die ganze Schose wird mit einer Schlagrahmwolke von Innerlichkeit umgeben und mit Unmengen von Gemütspaste zugeschmiert."

"Leicht möglich", kam von Bärlapper ärgerlich. Er war überzeugt, dass der einmal nicht an seinem Husten, sondern an seinem geballten Geschwafel erstickt.

"Aber eines sage ich dir, Bärlapper Hans: Mein tiefer Respekt ist dir sicher!" Dabei hatte sich seine Stimme ganz sonderbar angehört, irgendwie von ganz unten. Bärlapper vermutete, dass der Alte schon wieder Schwierigkeiten mit dem Luftkriegen hatte. Aber es rührte ihn nicht sonderlich. "Der müsste nur den Mund halten", meinte er, "dann verschnauft er es auch. Allerdings kann halt ein Lehrer seine Klappe nicht halten."

"Respekt!", hörte Bärlapper wieder, konnte damit jedoch immer noch nichts anfangen. 

Der Alte musste das spüren. Er klagte, dass man Bärlapper ja überhaupt nirgendwo mehr treffen könne. Er setzte drauf: "Wenigstens nirgends, wo die anständigen Leute sich herumtreiben!" 

"Treiben sich anständige Leute denn überhaupt herum?", fragte Bärlapper und fuhr gleich fort, um eine möglicherweise lange Antwort zu verhindern, dass er eben keiner sei, der viel unter die Leut gehe.

"Ja, ja, du hast immer gesehen, dass du dich raushältst", erinnerte der Alte, "allerdings warst du doch immer irgendwie überall dabei, wo man so dabei sein muss, als Bub. Dann als Jungmann. Jetzt müsste in dieser Abfolge natürlich der Mann kommen! Aber ich bin mit dem Jungmann noch nicht fertig! Man weiß doch, dass es, vom Jungmann ausgehend, viele Möglichkeiten gibt. Da ist zum Beispiel der bloße Kerl, der sich zum richtigen Kerl wandeln kann, von dem sich jeder wünscht, der diese Entwicklung genommen hat, dass er, der ganze Kerl, ihm das ganze Leben erhalten bleibt." Darauf musste der Redner natürlich wieder nach Luft schnappen – allerdings schien es auch so, als ob er seinen Gedankengang für sich weiterspann. Bärlapper war es egal. Sie gingen eine Zeit schweigend nebeneinander her. Ihr Blick schweifte über die verschneiten Felder. Am Horizont tauchte die Silhouette des Dorfes auf mit den kleinen Lichtpunkten in den Hauswänden. Es sah aus wie auf den Postkarten, die um die Zeit verschickt wurden.

"Das ist jedes Jahr, als ob man es zum ersten Mal sähe!", sinnierte der Lehrer. "Man bleibt in gewissen Dingen immer Kind." Er lachte trocken: "Und man bleibt doch auch immer Lehrer, wenn man sich mal drauf eingelassen hat!"

Bärlapper ließ ihn reden.

Plötzlich fasste ihn der Alte am Ärmel und hielt ihn fest, so dass er stehenblieb und seinen Begleiter erstaunt anschaute. "Bärlapper, noch mal: Respekt!", beteuerte der Alte und blickte ihm in die Au­gen.

"Was soll das?", wunderte sich Bärlapper. "Immer das mit dem Respekt – und jetzt auch noch das Anglotzen!"

"Bärlapper, du gehst deinen Weg, auch wenn der schwer ist und vielleicht sogar noch schwieriger wird, als er jetzt bereits ist. Doch wenn du diesen Weg gehst, dann kommt der Wille bestimmt auch!", erklärte der Schulmeister. "Bärlapper, dass du mit denen da ... – Na, du weißt ja!" 

Er hatte Bärlapper losgelassen. Er ging wieder weiter, jetzt folgte Bärlapper. Der Lehrer tat so, als redete er nur so vor sich hin, allerdings wieder – nun wohl durch seine Erregung – kurzatmig geworden: "Ich habe mir Jahrzehnte immer wieder Gedanken gemacht wegen dieser Leute da an der Dreckgrube. Diese Außenseiter, die – ja was denn? Und dann habe ich mir immer die Normalbürger hier im Dorf, die Alteingesessenen, als Überbürger sozusagen dagegengehalten."

Der Alte ging jetzt schneller, und nun hatte Bärlapper richtig Mühe zu folgen.

"Was habe ich mich die ganzen Jahre gefragt, wie ich denen helfen könnte!" Er blieb stehen. "Mir ist nie etwas Richtiges eingefallen, wie ich oder irgendwer denen da unten helfen könnte", fing er nach einer Weile wieder an. "Wie ist jemandem zu helfen, den man ja gar nich kennt? Noch dazu, wenn man gar nicht darum gebeten wurde? Herrgott, es ist ja andererseits auch so, dass man manchmal jemanden vor sich selber in Schutz nehmen müsste! Was sage ich, manchmal? Nein, das ist ja so, dass das sehr oft der Fall ist. Eigentlich kommt jeder immer wieder in die Lage, dass man ihn vor sich selber schützen müsste!"

Jetzt waren sie bei den ersten Häusern angelangt, und der Alte blieb wieder stehen.

"Ich habe immer überlegt, weißt du, Bärlapper!" Er setzte lachend hinzu, indem er weiterging: "Das ist so in einem drin durch diesen Beruf. Da ist immer so der Zwang zu helfen, das ist auch immer drin. Man tut es im Endeffekt selten, aber der Zwang ist da, verstehst du? Eine dumme Situation!"

Ein Hustenanfall bremste seinen Wortfluss aus. 

Bärlapper dachte sich dabei: "Da redet der Kerl immer um was herum und bringt es nicht auf den Punkt." Er wartete zunächst. Als doch nichts mehr kam, ging er weiter, gefolgt vom Lehrer, und bald waren sie mitten im Dorf und fast beim Bärlapperhof.

"Also, ich dachte immer an die da, und ich denke immer noch darüber nach. Plötzlich kommst du daher, Bärlapper! Einer, der nicht überall mitmacht, der es aber doch auch wieder jedem recht machen will! Man stelle sich das nur vor! Ich denke und denke, Jahrzehnte, und ich tue nichts. Und du denkst nicht lang herum, sondern du gehst auf diese Leute einfach zu. Das ist eben diese verdammte Stärke von euch unkomplizierten Menschen! Ihr habt ein Gespür für die einfachen Dinge und damit habt ihr euer Leben ja auch schon im Griff. Und wir Hirnidioten, was haben wir denn?"  

Sie hatten jetzt den Hof erreicht. Bärlapper war nun froh, zu Hause zu sein. Denn er meinte, dass es ja reicht, was er sonst noch von überall her gesteckt bekam in dieser Sache da mit seinen paar Besuchen in der Baracke, die offenbar alle als etwas ganz Besonderes sahen. "Der Lehrer kommt jetzt auch noch damit daher, aber ganz anders – freilich wie halt immer! Aber warum haut er nicht endlich ab?"

Bärlapper stellte die Bäumchen gleich neben dem Hauseingang ab. Ergriffen nahm der Alte mit beiden Händen Bärlappers Rechte und drückte sie: "Also, Hans Bärlapper, das ist für mich das schönste Weihnachtsgeschenk überhaupt. Dass du so handelst in dieser Sache und auf die Leute da drunten zugegangen bist!", brachte er ergriffen, schier wie unter Tränen hervor. "Du siehst, dass Weihnachten auch bei einem Menschen meines Schlages etwas an- und ausrichten kann. Wenn es nur ohne den ganzen verdammten Kitsch daherkommt. Es beweist sich hierin das Eigentliche, nämlich die Geburtsstunde der Ehrlichkeit und Nächstenliebe!", setzte er kaum vernehmbar hinzu. Er ließ Bärlappers Hand los und hustete sich frei. "Aber nun haue ich ab nach Mallorca", kam fest, als er sich wieder gefangen hatte, "dort warten meine Frauen und meine Kinder auf mich!" 

Bärlapper hielt seine Hand noch so, wie sie der Alte losgelassen hatte, und er wunderte sich über alles und dass er dem Alten ein Geschenk gemacht haben solle. Am meisten staunte er jedoch über des­sen eben bekundete Familienverhältnisse. 

"Doch frage mich nicht, mein Junge, warum ich in dieses elende Nest hier", er lachte, "dieses unsägliche Ritzling, dem ich sogar noch die Chronik schreibe mit immer wieder diesen Halbwahrheiten ... Frage mich nicht, warum ich stets zurückkomme, mein Sohn!" Dann wandte er sich von Bärlapper ab und ging.

"Es kann einer anscheinend nur in Frieden leben ...", hörte ihn Bärlapper im Weggehen noch vor sich hin reden.

Die anderen Worte verloren sich aber im Knirschen seiner Schritte im Schnee.

 

 

 

 

1O

Nach Stall und Abendessen teilte Hans der Mutter mit, dass er noch wegmüsse. Die ahnte, was er vorhatte, denn da waren ja seit gestern die beiden Weihnachtsbäume vor der Tür. 

"Du musst ja wissen, was du tust!", murmelte sie.

"Freilich weiß ich das!", trotzte er und ging. 

Draußen nahm er ein Bäumchen und band es ein wenig zusammen. Dann machte er sich auf den Weg. Nur ein paar Leute begegneten ihm, man nannte grüßend die Namen oder rief sich irgendetwas zu, einen guten Abend, wie es einem gehe – ohne auf die Antwort zu warten. Viele Ställe waren noch erleuchtet. Die Bauern hatten dort noch zu tun. In den Häusern brannte in Küchen und Stuben das Licht, im Vorübergehen war zu sehen, was es herzuzeigen gab. 

Die Straßen waren auch außerhalb des Dorfes wieder geräumt worden. Bärlapper kam gut voran. Als er die Abzweigung zur Müllgrube einschlug, musste er durch den tiefen Schnee. "Mistkerl!", schimpfte Bärlapper auf den Gemeindearbeiter. "Der wird sich gedacht haben, die sollen nur drunten bleiben in ihrem Loch! Oder der Bürgermeister hat es ihm angeschafft, dass er da nicht fährt!

Zuzutrauen wäre es ihm – und möchte für alle der Bürgermeister sein, wie er vor der Wahl immer sagt!" 

Bärlapper stapfte zornig durch den Schnee. Da kam er auch mal vom Weg ab und trat in den verschneiten Graben. Er fiel der Länge nach hin. Er rappelte sich hoch und klopfte den Schnee ab. Wütend fuchtelte er mit dem Christbaum gegen das Dorf hin. "Ich kenne euch doch, wie ihr denkt, ihr Teufel, ihr kirchhausigen!" 

Er kämpfte sich schnaubend voran, dass es ihm heiß wurde. Dann stand er am Tor zur Müllgrube und verschnaufte. Mit der flachen Hand fuhr er über die Stirn und wischte sich den Schweiß ab. 

Erst jetzt merkte er, dass eine Totenstille herrschte. Er spähte durch den Maschendraht. "Diese sternklare Nacht wieder, eine stille Nacht, vielleicht ist so eine Heilige Nacht – oder irgendwas Besonderes", ging ihm so durch den Kopf. Er dachte an die Worte des Lehrers von der verzauberten Landschaft "oder man bleibt immer ein Kind oder so. Wie komme ich jetzt gerade auf diese Sprüche, wie verzauberte ... und so was für Nacht", überlegte er. "Nun ja, das hört man eben so oft, so Dauerbrenner sind es, wenn es schneit."

Er sah wieder zum klaren Himmel hinauf, zu den Sternen – ein paar hauchdünne Wölkchen. Und diese Stille. Kein Laut. 

"Alles ist verschnieben / kein Steigerl is' 'blieben ... hat er uns in der Schule lernen lassen", erinnerte sich Bärlapper. "Lauter solche Sachen gehen mir jetzt durch den Kopf."

Dann ging ihm auf, dass diese Stille hier eigentlich eher sehr ungewöhnlich war. "Klar", lachte er, "die sind hier immer so laut, eben weil es so still ist da heraußen!" Bärlapper ging ein paar Schritte am Zaun entlang und hielt Ausschau.

"Wo sind denn die Hunde", fragte er sich, "die haben mich doch immer von ganz weit schon gewittert und gebellt haben sie dann und in der Nähe haben sie gewinselt zum Gruß und vor Freude. Licht brennt auch keines in der Baracke drinnen!"

Er machte jetzt das Tor auf und ging auf die Behausung zu. Nach etlichen Metern blieb er stehen und sah umher und lauschte wieder angestrengt.

"Irgendwas stimmt doch da nicht!" 

Er ging ganz langsam auf die Baracke zu, trat ganz vorsichtig in den frischen Schnee, so als müsse er schleichen und als ob es zu viel Geräusch machte, wenn er entschieden aufgetreten wäre. Er blieb immer wieder stehen und wartete darauf, dass sich irgendetwas regte, dass etwas zu sehen oder zu hören sei.

Doch da war nichts! 

Als er die Baracke erreicht hatte, warf er einen Blick durchs Fenster, konnte jedoch nichts erkennen. Er schlich weiter und versuchte es beim nächsten Fenster. So machte er es der Reihe nach um die Behausung. Nirgends war etwas auszumachen. Alles war dunkel und still. 

"Nichts rührt sich", stellte er fest, "schon gruselig, schier gar Totenstille. Es ist schon komisch", sagte er sich, "fast gruselig ist das!"

"Vielleicht wollen die mich verarschen!" Er lachte. "Klar, so ein Schlitzohr wie der Iwan!" Er lachte, das befreite. Dann lachte er noch einmal, jetzt noch lauter. "He, wo seid ihr denn, Bande?" 

Keine Antwort. Er wiederholte: "He!"

Bärlapper versuchte es noch einmal: "He, Bande! Raus mit euch! Ich bin es, der Bärlapper vom Dorf!"

Es regte sich nichts. Bärlapper wollte noch nicht aufgeben: "He, rührt euch doch endlich, jetzt reicht es ja. Ich habe was für euch!" Er hob den Christbaum und winkte damit zur Baracke hin, ging zu der Behausung und noch einmal von Fenster zu Fenster und winkte mit dem Baum in die Dunkelheit hinein. Umsonst, keine Antwort. Jetzt wurde es ihm ärgerlich zumute. Er überlegte, ob sie ihm den Buckel runterrutschen sollten – oder ob er einfach hineingehen und Licht machen sollte oder ...

Er konnte sich nicht gleich entscheiden und wartete. 

Dann versuchte er es wieder und schrie: "He, Iwan! Matuschka! Herrgott, rührt euch endlich! Jetzt reicht es mit eurem Blödsinn, hört auf und rührt euch!"

Immer noch keine Antwort, nur so etwas wie ein verstümmeltes Echo von der steilen Abbruchwand am anderen Ende der Kiesgrube. "Mensch", warnte er sich, "mich hören sie ja bis ins Dorf hinunter!"

"Sollen sie mich ruhig hören im Dorf", muckte er, "dann haben sie wieder was zu ratschen und daherzureden." 

Er zählte jetzt so laut er nur konnte auf und hielt die Hände als Trichter an den Mund, dass sein Rufen verstärkt wurde: "Matuschka! Lorenz! Iwan! Anna!"  Wieder nur dieses spärliche Echo.

"Das gibt es doch nicht! Die wollen mich auf den Arm nehmen! Ganz sicher!"

Er versuchte es jetzt mit den Hunden: "Bismarck, na komm! Nazi, komm! Nazi, he, Nazi!"

Das wiederholte er so laut, dass sich seine Stimme überschlug: "Bismarck, Lorenz, Nazi ...", bis ihm die Gurgel kratzte. 

Wieder Warten. Es wurde ihm sonderbar. "Es wird doch nichts sein!" Der Schreck fuhr ihm durch die eigenen Gedanken in die Knochen, und er stand da wie erstarrt.

"Ja, Wahnsinn! Da könnte ich ja richtig Schiss kriegen!" "Schlicht und einfach Angst habe ich jetzt doch", gestand er sich ein. Er überlegte, ob er abhauen sollte. "Einfach den Christbaum hinschmeißen. Wenn sie kommen, dann sehen sie ihn ja." Jetzt erst merkte er, dass er die kleine Fichte mit beiden Händen vor sich hielt. Mit angewinkelten Armen stand er da und hielt das Bäumchen wie eine Waffe und wie zur Abwehr.

Er ließ die Arme sinken. 

Nun hielt er den Atem an, um noch besser hören zu können. 

Aber da war nichts, es bleib still. Nur die Geräusche der winterlichen Nacht, ein Vogel, der aufflog, ein Stück Wild, das im nahen Wald durchs Unterholz brach ...

"Da ist überhaupt nichts!", war er sich sicher. 

"Die sind weg. Abgehauen. Auf und davon. Sieht ihnen eh gleich, würden die Leute sagen. Und da siehst du es wieder, was das für welche sind, kommen und gehen einfach, wie es ihnen gerade passt."

Dann fasste er Mut, ging zur Tür und drückte auf die Klinke. 

Die Tür war nur angelehnt. 

"Abhauen. Gleichsehen würde es ihnen ja. Waren irgendwann plötzlich da und sind halt jetzt plötzlich weg.

Zigeuner, schlampige. Oder vielleicht doch nicht oder sonst was ist mit denen!"

So ein Hämmern im Kopf. Von der Anstrengung. "Oder ist es doch wieder Schiss?" 

Er riss sich zusammen und schlich in den dunklen Flur. Es roch modrig. Die Diele knarrte. Er trat noch vorsichtiger auf, ging an den Rand, wo die Bretter fester auflagen. Ganz vorsichtig tastete er sich die Wand entlang. "Das vergammelte Holz. Aus der Nazizeit." Ganz behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen und trat nur mit den Spitzen auf. "Wie das stinkt hier herinnen. Sonst hat das denen ihr Zigarettengestank überstunken. Und was sie so zusammengekocht haben für einen Fraß, ihren ausländischen."

Da knarrte wieder ein Dielenbrett. Er blieb erschrocken stehen, holte tief Luft, hielt den Atem an, lauschte, ob sich auf das Geräusch hin etwas rührte. Eine ganze Weile. Aber wieder nichts. Er atmete wieder durch. "Heute stinkt es nicht mal nach ihrem Rauch. Also sind sie doch weg!", kam es ihm fast erleichternd. "Wenn niemand da ist, dann hau ich doch ab. Was soll ich dann da noch?" 

Doch weiter. Noch vorsichtiger, "denn nichts ist gewiss! Und jetzt wo ich schon da bin, muss ich es doch genau wissen!" Immer dicht die Wand entlang, "denn da ist der Boden noch nicht so abgelatscht und da sind die Bretter noch fester, dass sie nicht so knarren." 

Dann ertastete er einen Rahmen, hinter dem sich eine Einbuchtung ausmachen ließ. Es musste die Tür zum Wohnraum sein. 

"Reingehen!", befahl er sich. "Dort drinnen die Streichhölzer holen, ich weiß ja, wo sie die immer haben!"

"Der verdammten Dunkelheit den Garaus machen! – Garaus, Mensch, schau zu, dass dir keiner den Garaus macht. Denn bis jetzt sind sie bloß aufeinander losgegangen. Aber wer weiß, ob ich nicht auch mal dran bin. Jetzt ..." Er stockte einen Augenblick und überlegte, wie er reagieren würde. Dann nannte er sich aber einen Idioten und schlich hinein und fingerte sich an den Gegenständen entlang. Die Örtlichkeit war ihm fast vertraut: "Die Kommode ganz links. Dahinter muss die Nähmaschine sein. Klar. Dann die Ecke. Auf der Anrichte die gerahmten Fotografien. Gleich daneben müssten die Zünder liegen, dort hat sie der Iwan immer runtergenommen, wenn er sich eine von seinen stinkenden Selbstgedrehten anstecken wollte."  

"Immer ganz vorsichtig entlangtappen! Zur Sicherheit die Sachen ein wenig abtasten!" 

"Nur nicht noch mehr Krach machen als mit diesem Knarren vorhin!" 

"Nichts umschmeißen!" 

"Herrgott! Mist, Fingerabdrücke!", schockte er sich selber. "Wenn jetzt doch was ist, dann packen sie mich, weil ich alles angefasst habe!" Er fingerte nach dem Taschentuch. Er holte sich aber aus dem Schock, in den er sich versetzt hatte, gleich wieder heraus: "Wie im Krimi. Bin ich ein Spinner? Das kommt von dem Fernsehen! Fingerabdrücke. Kripo."

"Da! Richtig, die Zünder, endlich Licht machen!" 

"Jetzt rüber zum Petroleumleuchter. Wie das hier komisch stinkt! Die Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt, aber mehr als Umrisse kriege ich nicht mit. Und wie das pappt beim Auftreten an etlichen Stellen! Da kann ich noch so in die Nacht stieren. Was die hier herinnen für eine Nacht haben, wo es draußen so hell ist vom Mond! Ein paar Schritte noch. Die haben anscheinend überall Pech, sogar mit der Nacht! Die bei denen pechschwarz ist wie sonst nirgends."

"Mensch, irgendwas stimmt hier nicht! Der Mief! Anders als sonst, Moder, Tabak, Fraß ..."

"Endlich, da ist es!"

Bärlapper strich ein Zündholz an. "Ich Blödmann, das hätte ich doch gleich machen können!" Die kleine Flamme tat den Augen weh. Er musste eine Weile die Lider zukneifen. 

"Es werde Licht!", rutschte ihm heraus, als er die Augen wieder öffnete. Jetzt, da es heller wurde, fühlte er sich wie befreit von der ganzen Ungewissheit. Seine Aufmerksamkeit galt noch der kleinen Flamme. "Ein Licht geht mir auf", beruhigte er sich, "bei so was wie hier, da spüre ich so richtig, wie das ist, wenn einem, wie es heißt, ein Licht aufgeht." Es wurde bereits heiß an den Fingern, er fasste das Zündholz an der abgebrannten Seite und zielte mit der Flamme auf den Docht der Lampe, die vor ihm stand. "Jetzt noch die Flamme so aufdrehen, dass ich alles sehen kann. Die verdammte Dunkelheit. Gut! Jetzt die andre Lampe noch. Und der beißende Rauch vom Zündholz hat sogar den Mief von der Bude überdeckt. Und wenn das Petroleum brennt, dann überstinkt das zusätzlich."

"He, jetzt ist Schluss mit dem Blödsinn, Freunde!", rief er in den Raum. "Jetzt geht her, dann kriegt ihr was von mir. Ich habe was mitgebracht!"

Er atmete auf, als es endlich einigermaßen hell war und er laut hatte sprechen können – und er hielt doch gleich wieder den Atem an, vergaß einfach, Luft zu holen, war starr, stand wie angewurzelt da, riss die Augen auf und fuhr sich ganz mechanisch mit der Hand übers Gesicht, als wollte er einen Spuk wegwischen: "Etwas Rotes an den Wänden, verdammt, gar nicht wenig, jede Menge, der Boden rot, der Tisch ... Überall dieses Rot! Ja was ist denn das? Seid ihr jetzt ganz durchgedreht oder gleich total verrückt und irr und wahnsinnig?" Bärlapper stand wie versteinert vor Schrecken. Er glotzte in den Raum. Er konnte es nicht fassen: "Ja, Mensch, das darf nicht wahr sein!" Er holte ein paar Mal so tief Luft, dass es ihm fast schwindlig wurde. "Ja, Wahnsinn: Blut, das ist doch Blut, helles, frisches Blut überall umeinander, rumgespritzt, umeinander, ganz frisches Blut, da eine rote Lache und dort eine. Und da. Und dort. Der Iwan. Und ... Körper, Leiber ... Keiner rührt sich. Starre Leiber da und dort im Raum. Und die Augen. Diese Glotzaugen. Sie stieren mit aufgerissenen Augen ins Leere ..." Bärlapper klammerte sich an eine Stuhllehne und blickte ratlos umher. Seine Blicke fuhren immer wieder über dieses Chaos. Er konnte es nicht fassen. 

"Ja, was ist das?", stammelte er, trat einen Schritt zurück, stieß an die Kommode, dass es schmerzte, und hielt sich an ihr fest. "Das darf ja gar nicht wahr sein. Denen traue ich es zu, denen trau ich es zu, dass sie mich auch damit verarschen!" Dieser der Verwirrung entsprungene verrückte Einfall befreite ihn sogar etwas und ließ ihn für einen Augenblick wieder freier atmen. "Am Puls fühlen, ganz einfach! Das werde ich gleich haben!" Er hatte die Kommode losgelassen und bewegte sich bereits auf den ganz in seiner Nähe liegenden Iwan zu. Da wurde es ihm wieder ganz klar im Kopf und er blieb stehen: "Unsinn! Das ist verdammt echt! Die brauche ich bloß anzuschauen, die sind hin, abgemurkst, maustot. – Und ich bin hier, Mensch, was mache ich hier noch und überhaupt!" Er bewegte sich ganz mechanisch rückwärts zur Tür, Schritt für Schritt, sein Auge starr auf dieses Schlachtfeld gerichtet. "Abhauen!", durchfuhr es ihn und riss ihn herum. Dann blieb er wieder wie angewurzelt stehen. Zweifel überkamen ihn. "Das alles ist doch eigentlich unmöglich", redete er laut und hatte bereits die Hand ausgestreckt, sich zu einem der Hunde gebeugt, um ihn zu betasten, um die Echtheit seiner Beobachtung zu prüfen. Wenigstens an einem Hund. Doch er zog die Hand zurück und richtete sich wieder auf. "Abgemurkst. Alles. Da brauche ich nichts anzufassen, so wie es da aussieht, ist es ganz verteufelt echt. Alles ausgelöscht! Ein widerliches Schlachtfeld!" Seine Augen gingen wieder über das Schreckensbild, fuhren über die Körper. Jetzt entdeckte er auch diese kleinen wunden Punkte in den Körpern, die aussahen, als ob aus ihnen noch Blut sickerte. 

"Verdammt, ich habe ja doch schon viel Blut gesehen", stammelte er und fasste sich an den Hals. Beinahe wollten sich auch Gedanken an die abgestochenen Schweine der Hausschlachtung einschleichen, das Blutrühren ... Dem floh er mit Blick auf dieses Chaos vor seinen Augen. "Das hier, das packt mich jetzt total. Da kriege ich mich nimmer mit dem allen hier. So muss Krieg sein, wie sie ihn betreiben, wenn sie ihre eigene Todesangst in einen

Blut­rausch gehetzt hat! So was, ja wie es nur sein darf!" Er ging rückwärts zur Tür, ohne seinen Blick von all dem abzuwenden. Es würgte ihn im Hals. Schritt um Schritt ging er rückwärts. Es roch jetzt noch viel stärker, meinte er, so sonderbar und es war ihm bald zum Kotzen. Er achtete gar nicht mehr darauf, wo er hintrat, ob er in eine der vielen Blutlachen tappte. In seinem Kopf hatte es sich zu drehen begonnen. Da waren auf einmal lauter so rote Punkte, die sich auch noch auswuchsen, die sich zu lauter solchen wunden, roten Öffnungen auswuchsen und sich allmählich zu drehen begannen, dass es ihm bald im Kopf tanzte, und er hatte bereits das Gefühl, mit ihnen tanzen zu müssen ... 

Bärlapper versuchte noch, mit seinen Blicken in der Mitte des Raumes Halt zu finden. "Vielleicht sind es die Blutspritzer an der Wand, dass mir so wirr wird!" Aber da lag der Iwan mit einer Pistole in der Hand, und er lag da mit dem Kopf auf der Tischplatte zwischen den vielen Flaschen ... Das kleine, rotgerandete Loch in der Stirn ... Und der Kopf schwamm in seinem Blut ...

Bärlapper musste sich jetzt doch übergeben. Er hielt sich am Türrahmen fest und spuckte in den Raum, zwei, drei Mal.

"Ja so was, das alles – und das jetzt auch noch!", stieß er laut aus, als er sich wieder etwas gefasst hatte. Dann begann es jedoch im Kopf wieder mit dem Kreisen ...

Er drehte sich mit einem Ruck um und rannte hinaus. Draußen schrie er, während er davonrannte, etwas von Irrsinn, Wahnsinn, Wahnsinn. Es tönte laut in die Nacht. Er stieß, als die Stimme nicht mehr mitmachte, einfach Laute aus wie ein Tier. Er rannte den Lichtern des Dorfes entgegen, stolperte immer wieder, fiel in den Schnee, in den Graben, kroch dann ein paar Meter auf allen vieren ...

 

Dem Bürgermeister fiel Bärlapper keuchend und hustend ins Haus.

"Was ist denn Hans? Spinnst du? Hock dich doch erst einmal hin und verschnaufe dich!", war der Bürgermeister verwundert. "Wie du stinkst! Los, wasch dir erst mal dein Gesicht ab, du hast ja gekotzt und bist ganz verschmiert, ja, pfui Teufel!"

Bärlapper ließ sich auf einen Stuhl fallen und saß dann in sich versunken wortlos da, glotzte vor sich hin, die Bilder noch vor Augen. Immer wieder einmal stöhnend, hörte gar nicht auf die Frage, "ist dir eine Kuh krepiert oder gar der Mutter was?"

Die Bürgermeisterin kam mit einem Eimer Wasser und wischte ihm mit einem Lappen das Gesicht ab. "So", sagte sie, "jetzt siehst du wenigstens nimmer gar so arg aus, nur stinken tust du noch!", und ging wieder.

Der Bürgermeister wollte immer noch wissen, was los war. Bärlapper reagierte nicht, hatte das Grauen noch vor Augen. So gab der Bürgermeister vorerst auf und verlegte sich darauf, ernst dreinzublicken und zu warten. "Irgendwann muss der ja aufhören, so verstockt zu sein", meinte er, setzte sich aufs Kanapee und steckte sich eine Zigarre an: "Damit es nimmer so mieft", entschuldigte er sich zur Frau hin. "Irgendwas stimmt mit dem nicht!"

Als allerdings auch nach längerer Zeit von Bärlapper nichts kam, beorderte der Bürgermeister seine Frau zur Aufsicht. Er ging nach draußen, um nachzusehen, "vielleicht weiß jemand im Dorf, was passiert ist, was den Bärlapper so aufgeregt hat – den Bärlapper Hans, den so leicht nichts aufregt, wie ein jeder weiß." 

Zeit verging, während der Bärlapper reglos dasaß. Die Bürgermeisterin redete ihm immer wieder zu, er solle doch endlich sagen, was los war. Es nützte ihr nichts, denn außer einem Schlucken war nichts zu vernehmen. "Magst einen Schnaps?" Sie beschwor ihn, endlich Rede und Antwort zu stehen: "Ich habe doch noch deinen Vater gekannt und im Übrigen ja auch noch was andres zu tun in Haus und Stall, als hier zu hocken mit so einem Kerl, der nichts redet und einem die Zeit stiehlt!", schimpfte sie schließlich.

Dann kam der Bürgermeister wieder herein, hatte die Tür aufgerissen und stand in einer etwas komischen, doch auch wieder bedrohlich wirkenden Positur im Türrahmen. Er warf seinen Blick auf Bärlapper. Er schien eine Nachricht erhalten zu haben und in voller Kenntnis einer gefährlichen und eine Amtshandlung fordernden Sachlage zu sein. Jetzt hob er ganz langsam und bedeutungsvoll die rechte Hand, richtete den Zeigefinger auf Bärlapper und forderte diesen dazu auf, alles einzugestehen, alles, und zwar restlos alles. Während er, nachdem er den Arm wieder hatte sinken lassen, wartete, ruhte sein stechender Blick weiter auf Bärlapper.

Bärlapper jedoch tat den Mund nicht auf. 

Der Bürgermeister ordnete dieses Schweigen, nach kurzem, erfolglosem Harren, als für einen Verbrecher typisch ein. "So sind sie alle, die Halunken, die unrechtmäßigen. Zuerst ein Verbrechen machen und dann das Maul nicht aufmachen und alles für sich behalten wollen!" Er bewegte seine drei Zentner auf Bärlapper zu, packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn mit den Worten: "Gib alles zu, du Haderlump, was du da bei denen da unten getrieben hast und was jeder ja lange hat kommen sehen. Der Jäger hat dich nämlich gesehen, wie du hinein bist in die Bruchbude, die schon lange weggeschoben hätte werden müssen! Wie ihr umeinander geschrien habt, hat der Jäger gehört. Wie ihr gestritten habt. Los, Kerl, sprich und gib es zu, da gibt es sowieso nichts mehr abzuleugnen!"

Bärlapper riss seinen Kopf hoch und starrte den Bürgermeister mit offenem Mund an. Der jedoch wiederholte seine Aufforderung noch lauter und fügte hinzu, dass sogar Einzelheiten wie Schimpfworte zu hören gewesen waren: "Einen Nazi hast du den Russen geheißen und einen Bismarck dazu und lauter so politisches Zeug von ganz früher! Du, einer aus meinem Dorf! Keiner hat  gedacht, dass du so einer bist, der so was radikal macht. Denn auf die Hucke hauen hätte auch gereicht, was dich nicht gleich in den Knast gebracht hätte, sondern nur auf Bewährung!" Er musste sich etwas verschnaufen und auch seine Zigarre auf Glut halten. Nach einigen Zügen an dem braunen Prügel hatte sich der Bürgermeister wieder beruhigt. Jetzt überkam ihn plötzlich ein Anrühren. Er stieß eine Tabakwolke aus, ließ von seiner Amtspose, kam näher an Bärlapper heran und sagte fast weinerlich, dass alles so saumäßig traurig sei, weil erstens bald Weihnachten sei und zweitens er, Bärlapper, sich an dem Gesindel die Hände dreckig gemacht habe und gerade ein so braver Bursche – der er ja gar nicht mehr ganz sei, erstens wegen seinen mittedreißig Jahren und zweitens wegen dem Mord und Totschlag jetzt! "Aber du, Hans, gerade so einer wie du! Wo ihr daheim doch anständige Leute seid. Gleich alle und die Hunde mit!"

Bärlapper schnappte nach Luft und würgte, dass der Bürgermeister Sorge um sein Gewand bekam. Er bewegte seine Massen ruckartig zur Seite und brachte sich in sichere Entfernung. 

"Aber nicht, dass du meinst", war er wieder bei der Sache, kam näher und klopfte Bärlapper auf die Schulter. "Zu dir halten wir allesamt." Er qualmte eine große Wolke ins Zimmer. "Du kommst eben ein wenig ins Loch nach Landsberg oder Stadelheim. Wirst sehen, das ist heutzutage nicht so schlimm. Der Simmerl vom Schmied war auch drin, du weißt ja, weil sie ihn besoffen ohne Führerschein erwischt haben zum zweiten Mal. Der hat immer gesagt, dass er es noch nie so gemütlich gehabt hat wie dort. Da kommt man dich besuchen. Wenn du es dann abgesessen hast, bist du wieder bei uns. Wirst sehen, die Zeit vergeht, allerdings zugeben musst du gleich alles. Denn die vom Gericht, die mögen das nicht so, wenn einer so saumäßig verstockt ist oder gar noch lügt. Einem solchen brummen sie gleich noch mehr drauf, dass er zu sich kommt und ein anständiger Mensch werden kann hinter Gittern. Aber du bist ja schon ein anständiger Mensch, das weiß jeder. Und jetzt machst du das Maul auf und gibst mir alles zu!"

Doch der Bürgermeister hatte kein Glück bei Bärlapper. Der war aufgestanden, stand stumm vor dem Bürgermeister und schaute ihn, jetzt allerdings nicht mehr mit gar so großen Augen an. Der Bürgermeister war einen Schritt zurück getreten. Denn er konnte  ja nicht wissen. Er stolperte dabei beinahe über den Stuhl, der da hinter ihm war, hatte sich jedoch gleich wieder gefangen. So standen sie sich gegenüber, wenn auch nun etwas entfernt voneinander. Allerdings wusste zunächst keiner, wie es weitergehen sollte. 

"Da bleibst du jetzt, Bärlapper Hans. Hinhocken! Verstanden? Jetzt wird auf die Polizei gewartet!"

Bärlapper gehorchte und setzte sich wieder. Der Bürgermeister warf noch einen gestrengen Blick auf diesen Haufen Elend dort, war sich sicher, dass da wenigstens im Augenblick keine Gefahr zu befürchten sei und ging hinaus, um sich den Leuten zu zeigen. 

 

 


 

 

11

Der Bürgermeister pflanzte sich im Rahmen seiner sperrangerweit geöffneten Haustüre auf, griff mit den Daumen in die Westentaschen und stand in dieser Pose da, bis alle ruhig waren. "Alles klar!", begann er. "Leider! Da wird nicht lang rumgetan!" Mehr fiel ihm allerdings zunächst nicht ein. Er mochte diese kargen Worte als diesem doch bedeutenden Ereignis nicht angemessen erachtet haben – auch waren ja seine Zuhörer noch aufnahmebereit. So sah er sich geradezu genötigt, sich mit dem Thema noch ein wenig und nun sogar tiefschürfender zu befassen: "Eigentlich gäbe es ja eine Todesstrafe bei uns wie früher", hub er an ...

"Mein lieber Schwan!", staunte da der Huber Seppl. "Du steigst da ziemlich krass ein – und außerdem spinnst du dir da was zusammen!"

"Bloß dass ihr es wisst, liebe Mitbürger: Das steht so noch in der Verfassung drin, dass der Ministerpräsident ein Begnadigungsrecht hat", schwang sich der Bürgermeister wissend auf, "das kann ein jeder nachlesen."

"Sage nur, du kannst lesen und wendest das auch noch in der Verfassung an!", spottete jemand – freilich unter Deckung der Menge.

"Drauf kannst du einen lassen!", schrie der Bürgermeister zornig in das Gelächter. Gleich fing er sich jedoch wieder und reagierte sogar etwas spitzzüngig auf den Einwurf: "Das tue ich allerdings nur, wenn es unbedingt sein muss bei so was Wichtigem, wenn es ums Leben und die Moral geht, kann ich euch beruhigen!" Er holte aus: "Also müsste es die Todesstrafe eigentlich noch geben, wenn es ganz nach der Verfassung des Freistaates zugehen würde. Was allerdings leider auch sonst und in anderen Angelegenheiten nicht immer ganz gewiss ist. Allerdings Aug um Aug und so weiter, steht ja sogar in der Bibel, wenn auch im Alten Testament. Doch an die Bibel hält sich ja heute auch kaum noch jemand", schloss der Bürgermeister seinen Vortrag und blickte besorgt drein. 

"Den Bärlapper Hans wirst du doch nicht gleich aufhängen wollen wegen dem, was er da gemacht hat, auch wenn er es gemacht hat!", schrie der Metzger Lambert. "Das ist einer von uns!"

Der Bürgermeister hatte das gar nicht mehr richtig mitbekommen, weil er nach seinem Auftritt gleich wieder verschwunden war. Die Leute gingen auch nicht weiter darauf ein, nickten nur, dass sie einverstanden waren mit dem, was der Bürgermeister erklärt und der Metzger Lambert sozusagen eingeschränkt hatte. Sie waren jedoch unzufrieden damit, dass sie weiter herumrätseln mussten.

Dann war da endlich Blaulicht in der Ferne auszumachen, die Köpfe fuhren herum und die Hälse wurden länger. Die Polizei traf ein. Alle waren guter Dinge, dass sich jetzt alles aufklären und einem jeden Information zuteilwerden würde. 

Es verging allerdings eine ganze Weile, und nichts drang zunächst nach draußen. Dann sickerte doch etwas durch, weil die alte Philomena, die eine ledige Schwester der Bürgermeisterin und die Hausmagd war, wieder gelauscht hatte. Die Polizei habe den dorfrichterlichen Schuldspruch nicht gleich übernehmen wollen, obwohl der mehrere Male und sehr laut und deutlich wiederholt worden sei. Ein Beamter soll nur Bärlapper nach dem Namen gefragt haben, wollte wissen, wann er geboren sei und wo er wohne und solche Sachen, die doch eh jeder weiß. Sie sollen noch ein wenig versucht haben, etwas aus ihm herauszukriegen. Doch nicht einmal den Uniformierten gegenüber habe der Mörder so viel Respekt aufgebracht und richtig geredet. Nur dass er gesagt haben soll, wusste sie noch, "Das darf ja nicht wahr sein." Diesen Satz habe Bärlapper dann immer wieder gebracht, dass sicher alle gemeint haben, er sei jetzt nicht nur ein Mörder, sondern auch noch verrückt.

Etliche Ritzlinger standen noch eine Weile herum: "Da siehst du es wieder!", war zu hören. "Wenn du es nicht bereits wüsstest – glauben kannst du es eigentlich nicht!" – "Jetzt ist das Verbrechen auch bei uns da und nicht nur in der Stadt und im Ausland!" – "Es ist ja kein Wunder, dass die Gewalttat immer mehr wird. Weil die Leute immer weniger arbeiten und immer mehr nichts tun und im Fernsehen lernen, wie es geht!" – "Dass es den Bärlapper Hans erwischt hat, das ist doch nicht zu verstehen, den braven Kerl." – "Obwohl es fast einen jeden erwischen kann, dass er was anstellt." – "Heutzutage, wo die Leute nicht mehr immer in die Kirche gehen, und überhaupt."

Einstweilen waren die Polizisten, nachdem sie Bärlapper in der Obhut des Bürgermeisters gelassen hatten, in Richtung Müllgrube und zur Baracke gefahren, "um dort Spuren zu sichern", wussten die Leute sofort aus ihrer Krimi-Erfahrung.

Die informationshungrige Schar vor dem Haus des Bürgermeisters nahm sich immer noch Zeit. Denn das wollten sie genau wissen, wenn so was – gottlob nichts Alltägliches, aber gerade deswegen – im Dorf passiert ist. Sie nutzten diese Zeit, um sich die Sache weiter richtig durch den Kopf gehen zu lassen: "Nicht dass man es jemandem wünscht – und dem Bärlapper Hans schon gleich gar nicht!", wurde beteuert. "Da sieht man es wieder, wie einen ein schlechter Umgang zugrunde richten kann!", wurde erkannt. Viele Bekundungen zum Problem des Verbrechens im Allgemeinen und zu dem – eigentlich für aufgeklärt gehaltenen – tragischen Vorfall hier, enthielten den Satz: "Was sein muss, muss sein!" – "Abführen werden sie ihn, einen von uns hier. Gefesselt und in den Knast zu den richtigen Verbrechern!", hieß es auch. "Der arme Hans. Aber so was tut man halt nicht." – "Zuhauen, das ja. Auch mal einen mit dem Messer stechen, kann passieren. Allerdings nicht gleich so arg, wenn man aufpasst. Denn sogar, wenn einer eine Wut hat, muss er aufpassen. Das haben sie früher auch, als der Großvater noch ein Bursche war und wo es um die Mädel gegangen ist und um die Ehre. Doch nicht gleich abschießen wie tolle Hunde! Machen müssen sie was, die von der Polizei, in unserer Zeit, wo sowieso immer weniger streng durchgegriffen wird und die Zuchthäusler frei rumlaufen dürfen." – "Wenn das Verbrechen einen guten Menschen packt, wie unsern braven Hans, dann ist das noch viel schlimmer als bei einem Lumpen. Weil ja der gute Mensch keine Übung hat mit dem Schlechtsein!"

 

Die Polizisten erschienen nach einiger Zeit wieder im Dorf. Sie gingen ins Haus zu Bärlapper. Draußen spitzten sie die Ohren. Sie waren ganz still, trotzdem konnten sie nur Wortfetzen mitbekommen, die wenig Einblick schafften: Tathergang ..., Dritttäterschaft ..., Spurensicherung ...

Da erschien Bärlapper in der Tür. Ungefesselt und anscheinend gar nicht abgeführt. Er durfte offenbar nach Hause gehen. 

"Ja, was ist denn das?", brachte der Weigler Simerl fast etwas enttäuscht noch raus, dann war alles still. Alle schauten nur kurz hin, wollten jedoch Bärlappers Blicken nicht begegnen. Ließ es sich nicht vermeiden, grüßten sie ihn verlegen. Dann löste sich die Ansammlung auf. Ab und zu ein Kopfschütteln: "Verstehst du das noch?" – "Jetzt lassen sie auch bei uns solche laufen!" – "Kein Wunder, dass es immer gefährlicher wird und du dich bald nimmer auf die Straße traust!"

 

Es vergingen etliche Tage. Immer wieder einmal wurde ein Polizeifahrzeug gesehen. 

"Es ist nicht so, dass man es ihm wünscht", war beinahe zur festen Redewendung geworden, wenn Leute gerade beieinanderstanden. "Vielleicht nehmen sie den Bärlapper Hans doch mal mit. Nein, wünschen tut es ihm  keiner. Und die arme Mutter muss dann den Stall alleine machen und das Feld!" 

Jetzt kam allerdings auch einmal – ganz zaghaft zwar, aber immerhin –, dass  es sowieso niemand ganz hat glauben können und immer noch nicht recht glaubt, dass der Bärlapper Hans so etwas gemacht hat. 

 

Die Fahrt der Polizisten ging jedoch stets durch das Dorf und zur Müllgrube. Die Spurensicherung hatte anscheinend immer noch in der Baracke zu tun.

 

Bärlapper verließ das Haus nicht mehr. Dann war die Polizei ab und zu doch bei ihm. Er musste etliche Verhöre über sich ergehen lassen. Zuerst waren sie in Uniform im grün-weißen Dienstauto vorgefahren. Tags darauf kamen die Ziviler. Doch da waren sich im Dorf bereits alle im Klaren, was es bedeutete, wenn ein Auto beim Bärlapperhof vorfuhr und ein, zwei Männer ausstiegen. Es war bald nicht mehr so interessant, weil das Urteil ja so ziemlich feststand.

 

Wenn Bärlapper nicht gerade seine Bauernarbeit erledigte, saß er stumpfsinnig brütend in der Küche herum. 

Von seiner Arbeit am Flaschenband war er sowieso weggeblieben. 

"Das will ja was heißen bei einem wie dem Bärlapper", war die Meinung. "Ob es nicht doch gleich ein Geständnis ist?", machten sich einige auch wieder Gedanken. "Wenn einer nämlich keinen Dreck am Stecken hat, dann muss er auch nichts befürchten und kann unter die Leute gehen!", war zu hören. "Kannst ihn ja auch gar nichts fragen, wenn er sich nicht sehen lässt."

Die alte Bärlapperin war nur noch mit dem Rosenkranz in der Hand zu sehen. Selbst wenn sie zum Krämer ging, legte sie ihn nicht weg. Die wenigen, die ihr begegneten, hatten nur mitleidige Blicke für sie und ein "Ja, mei!", oder höchstens: "So ist es eben, aber das wird schon wieder!" 

 

Schließlich waren sich die meisten einig, "dass man da eigentlich nicht lang rumtun muss und dem Staat sein Geld verschwenden mit dem Daherfahren von den Polizisten, gleich immer zwei, die scheinbar sonst nichts zu tun haben. Auch wenn es unser Bärlapper Hansl ist." Es gab keinen Zweifel. "Warum die Richter immer so lang rumtun", wusste niemand. Dann mutmaßte der Huber Girgl, dass es ja gar nicht ausgeschlossen sei, "dass diese Bluttat in einen Film kommt in das Fernsehen. Weil es gleich so ganz verzwickt war wie sonst kaum wo, wo sie einen umbringen. Freilich, heutzutage da schreiben ja die Verbrecher ein Buch im Knast und das Fernsehen greift nach so etwas und die Zeitschriften sind ganz scharf drauf. Das viele Geld dafür, das es dann gibt, und die Burschen, die kommen stinkreich wieder raus aus dem Knast und lachen uns aus. Da bist du deiner Lebtage lang anständig und musst dich dafür auch noch auslachen lassen."

Damit hatte der Huber Girgl etwas losgetreten, was dann auch einmal zu der Bemerkung führte, dass ja auch niemand  so großes Mitleid haben müsse bei so was. 

 

Alles Vorweihnachtliche – mit Ausnahme des Geruchs der häuslichen Backbemühungen – war für eine ganze Weile  dahin: Mordtat und Gefängnis – und der Bärlapper Hans.

 

Allmählich hatten dann so ziemlich alle doch genug davon. Nur der Müller Martl probierte es beim Wirt noch mal, weil er meinte, dass ihm was ganz Schlaues eingefallen sei: "Horcht her, es wurde ja bei der Baracke ein Christbaum gefunden. Da meine ich das Nämliche: Der Bärlapper hat einen von den Lumpen da  erwischt, wie sie ihm den Baum aus dem Wald rausgestohlen haben. Da ist er ihm nach, und dann ist es einfach passiert, dass er sie umgelegt hat! Ein jeder von uns würde einen auch verfolgen, der ihm was klaut! Wenn er nicht zu feig ist dazu. Aber der Bärlapper, der ist halt nicht zu feig!"

Der Martl kassierte für diesen Vorstoß nicht einmal einen Deppen. Sie schauten ihn erst nur mitleidig an. Dann ließen sie doch raus, dass wohl ein jeder schon mal dem Nachbarn so einen windigen Baum "an Weihnachten aus dem seinen Wald raus hat". Sie grinsten wissend vor sich hin. "Wenn es da gleich immer Mord und Totschlag gegeben hätte, mein lieber Schwan, da säße das halbe Dorf im Knast oder wäre unter der Erde, je nachdem." Sie hatten am Ende ihren Spaß und lachten. Da hat es der Martl in Zukunft sein lassen.

Es setzte sich – wie es sich für ein intaktes Gemeinwesen gehört – annähernd der Gedanke des Bürgermeisters durch, nämlich: "Gleich umbringen, das hätte nicht sein müssen – und die Hunde dazu!" Wer mehr sagen wollte, konnte sich ja dem Mesner-Damerl anschließen, der meinte: "Jeder ist ja auch irgendwie ein Christenmensch. Getan haben die Russen nämlich niemand nichts, auch wenn sie kein gutes Beispiel gegeben haben mit ihrem Hausen im Dreck. Einen Wert haben sie ja sogar gehabt, weil sie am Müllplatz ein wenig das rausgeholt hatten, was irgendwer noch benutzen hat können." 

 

Um die Bärlappers stand es gar nicht gut. Mutter und Sohn hatten sich in ihr Schicksal verbissen. Waren sie sonst schon nicht gerade gesprächig, so herrschte jetzt beinahe völliges Schweigen.

Beide versuchten allerdings erst gar nicht, sich aus dem Weg zu gehen. Im Gegenteil, es schien ihnen so, als suchte sich ihr Schweigen und sie hätten es einander zuzutragen. Die Stunden verhockten ihnen in der Stube, als wollten sie sich als Ewigkeit einrichten.

 

Kurz darauf hatte sich dann die Heimatzeitung der Angelegenheit dort in Ritzling angenommen. Zur Freude der Krämerin war die Zeitung bis Mittag ausverkauft. Und Kundschaft hatte sie gesehen, die schon lange Zeit nicht mehr bei ihr war, weil immer mehr in der Stadt im Großmarkt einkauften. Nicht nur die Zeitung hatten die Leute mitgenommen, sondern irgendwie aus Verlegenheit auch noch dieses und jenes an Ware. Die Krämerin hatte von der Zeitung einen Nachschlag bestellen müssen und eine neue Sendung herbeitelefoniert. So zufrieden war sie lange nicht mehr. Sie schnitt den Artikel sogar aus und klebte ihn ins Schaufenster – nicht, ohne dieses zuvor zu putzen:

 

TRAGÖDIE  IN  WELTKRIEGSBARACKE

Schrottsammler richtet Blutbad an. Drei Gefährten und zwei Hunde auf der Strecke. Polizei ermittelt großkalibrige Wehrmachtswaffe als Tatwerkzeug.

Ritzling (gh). Die liebenswürdige Gemeinde in unserer Nachbarschaft, die weit über die Landkreisgrenzen hinaus wegen ihrer Geselligkeit und der Traditionsbrauerei bekannt ist, wurde zu nachtschlafender Zeit jäh aus dem vorweihnachtlichen Frieden gerissen. Eine grauenvolle, bestialische Bluttat von seltener Brutalität suchte die Bürger heim und versetzte sie in Angst, Schrecken und Empörung. 

Der hiesigen Polizei unter bewährter Leitung von Hauptkommissar Johann Lechner gelang es jedoch, dank sofort eingeleiteter und zielstrebig vorangetriebener Ermittlungen, bereits nach sechs Tagen den Johann Mirzwa (63), genannt Iwan, aus Königsberg in Ostpreußen der Öffentlichkeit und Staatsanwaltschaft als Täter zu präsentieren. Damit konnten alle Verdachtsmomente gegen den einheimischen, ledigen Bauer H. B. (36), der ein treues und verdientes Mitglied des Trachtenvereins seiner Heimatgemeinde ist, fallen gelassen werden. 

Die dem Alkohol verfallenen und im ganzen Dorf als gefährlich streitsüchtig eingestuften Außenseiter hatten sich Mitte der Fünfziger in der kleinen, friedlichen Gemeinde eingenistet. Sie hatten sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in der Wehrmachtsbaracke an der Müllgrube festgesetzt. Die Gemeinde musste diesen unzumutbaren Zustand zähneknirschend dulden. Das Beamtenheer der zuständigen Bundesliegenschaftsverwaltung war nämlich bisher untätig und unfähig, die Eigentumsverhältnisse eindeutig zu klären und für Ruhe und Ordnung zu sorgen, worauf der steuerzahlende Bürger schließlich Anspruch hat. Jetzt beendete das Schicksal, da das Beamtenheer dazu zu faul war, diese unerträglichen Verhältnisse am Rande des idyllisch gelegenen Ortes in Nachbarschaft der Kreisstadt und mit Blick auf das Gebirge tödlich in Hass, Suff und Mord. 

Der Täter hat zu nächtlicher Stunde mit der Waffe in der Faust seine alkoholisierte Horde in dem apokalyptischen Milieu an der Abfallgrube kaltblütig, gewissenlos und radikal ausgelöscht. Zwei Männer, zwei Frauen und zwei Hunde sind seine Opfer und blieben auf der Strecke. Nach vollzogener skrupelloser Bluttat an seinen Hausgenossen hat sich der erbarmungslose Mörder mit seiner großkalibrigen Pistole, die aus Wehrmachtsbeständen stammt, selber eine Kugel in den wahnsinnigen Kopf gejagt. Er hat sich damit den Garaus gemacht und feige der irdischen Gerechtigkeit entzogen.  

Bei ihrem Eintreffen fand die Polizei am Tatort überall, und zwar an Wänden, auf dem Boden und an den Möbeln Blut. Die Beamten wateten voll Entsetzen und Abscheu durch dieses Chaos. Und auf dem Tisch standen noch leere Schnapsflaschen, mehrere davon waren umgeworfen, ja zertrümmert. Damit war auf eindringliche und nicht so schnell zu vergessende Weise gezeigt, wohin ein asoziales, unordentliches Verhalten unausweichlich führt.

 

Die starren, fahlen Gesichtszüge der Mutter hatten sich belebt. Sie beendete eines Morgens, während sie dem Sohn die Brennsuppe hinstellte, das Schweigen: "Warum sagst du denn nichts, Hansl? Jetzt ist doch wieder alles gut. Und der Herrgott hat es gerichtet, wie es sich gehört." 

Dann fuhr sie ihm mit der Hand über den Kopf. Das hatte sie zuletzt gemacht, als er zur Bundeswehr musste.

"Ach ja", kam zunächst nur von Hans. Er holte tief Luft und räusperte sich. "Wo hätte ich da anfangen sollen, das ist ja so viel, so unbändig viel, wo hätte ich da anfangen sollen?" 

Mehr musste gar nicht gesprochen werden.  

Tags darauf war der Braumeister da und drückte Bärlapper die Hand, ließ sie gar nicht mehr los, unterstützte den Händedruck mit der Linken und beteuerte Bärlapper immer wieder, "dass alle froh sind, aber gleich gar restlos alle. Jetzt rücken die Leute auch damit raus, dass sie es gleich nicht haben richtig glauben können. An deiner Unschuld hat jeder nur ganz kurz seine Zweifel gehabt. Da sind immer gleich wieder die Zweifel an deiner Schuld gekommen!" 

Bärlapper ließ es über sich ergehen. "Wärst du nur gekommen, du guter Mensch, wo es mir dreckig gegangen ist", dachte er sich.

Schließlich gab der Braumeister zu, auch, allerdings für Augenblicke nur, an Bärlappers Unschuld gezweifelt zu haben. "Aber mache dir nichts draus, Bärlapper", meinte er, "es ist halt so." 

"Bist ein Schafskopf wie die andern", fand Bärlapper, "doch du bist wenigstens ehrlich." 

"Und", redete der Braumeister weiter, "du musst unbedingt wieder zur Arbeit kommen. Vor allen Dingen musst du morgen zur Weihnachtsfeier kommen, denn es ist ja eine Überraschung für dich vorbereitet. Ich will dir verraten, dass ich daran mitgewirkt habe. Weil ich dich eben sehr schätze als Mensch und Arbeiter dazu! Ich möchte dich dem Betrieb als Arbeitskraft erhalten, komme auch immer, was da kommen mag. Das darfst du mir glauben!"

  

Bärlapper machte sich am nächsten Tag tatsächlich auf den Weg, um zum Schloss hinauf zu gehen. So ungut hatte er sich bei diesem Gang überhaupt noch nie gefühlt. Es war ihm so, als ob ihm da etwas mit ungeheurer Kraft den Brustkorb zuschnüren wollte. Er musste immer wieder stehen bleiben und nach Luft schnappen.

Oben angelangt, ging er zum Fasslager, das sie heute festlich geschmückt und beheizt hatten. Die Leute grüßten ihn sonderbar, irgendwie verlegen, aber freundlich, nickten und winkten ihm auch zu. Der Marxer hielt ihm sogar die Hand zum Gruß hin und begann gleich zu erzählen, dass sich sein Kleiner zu Weihnachten nur noch einen Streifenwagen und eine Pistole wünsche, "seit die Bullen so oft im Dorf waren und den ganzen Irrsinn da um die Müllgrubenbande aufgeklärt haben. Das ganze Zeug darf nicht etwa nur so aus Plastik sein. Das Auto muss zum Fernsteuern sein." Sie hätten doch neulich erst Fußballschuhe für den Jungen besorgt, doch die seien jetzt wohl nicht mehr so die große Sache, jetzt wollten wohl alle Buben Polizist werden.

"Dann ist es ja gut", murmelte Bärlapper und drängte den Marxer zur Seite. "Dann ist ja alles in Ordnung hier", knurrte er vor sich hin, während er weiterging, "wenn alle Polizei sind und wenn nur noch lauter Gerechtigkeit ist. Dann brauchen auch die losen Mäuler nicht so saublöd daherreden und einem gleich einen Mord anhängen." 

Er suchte sich einen Platz. Dabei wurde er immer wieder mal angesprochen. Stets ging es ihnen natürlich um die leidige Sache da und dass alle  sich gleich gedacht haben, dass er es gar nicht gewesen sein konnte. Bärlapper war es lästig, auch wenn sich gerade die Frauen Mühe gaben, so etwas wie Mitgefühl anzubringen. Für ihn waren es Schwätzer. Er ließ sie einfach stehen und setzte sich dann ziemlich weit hinten. 

"Wäre ich lieber daheim geblieben", hielt er sich vor, "oder in die Stadt rein. Aber da ist ja auch nichts mehr los. Vielleicht ist alles nichts mehr – oder alles war auch noch nie was, und ich hab es eben nicht kapiert."

Immer mehr Leute strömten herein. Ein Grüßen hierhin und dorthin, und der Geräuschpegel wuchs ständig. Bald dröhnte es unentschlüsselbar in den Ohren. Das hinderte allerdings niemanden, sich weiter auszuschütten. Sie mussten immer lauter werden und fast schreien. Am Ende waren es wohl nur noch Selbstgespräche mit dem guten Gefühl, alles losgeworden, aber auf keinen Widerspruch gestoßen zu sein. 

Bärlapper drehte es sich im Kopf. An so viele Menschen, so viel Gerede und so einen Lärm war er nach seinen stummen Tagen überhaupt nicht mehr gewöhnt. Er fühlte sich wie in einem Rausch. Am liebsten hätte er sich wieder davongemacht. Doch da erhob sich die Posaunengruppe der Blasmusik. Ein scharfer Fanfarenstoß zerschnitt die Geräuschkulisse. Augenblicklich war Ruhe, und die Leute setzten sich. Dann schmetterte das Blech einen weihnachtlichen Choral, dessen Klänge von der metallenen Wandung der Fässer, die rundum bis zur Decke gestapelt waren, zurückgeworfen und auf diese Weise vervielfacht, allerdings auch gehörig durchmischt wurden. Die Leute saßen zwar brav da. So mancher war sich jedoch wohl nicht sicher, ob er überrascht oder eher entsetzt sein sollte, "vielleicht gehört sich das so, und die Jungen haben es auch so laut in der Disko, sagen sie, vielleicht sogar noch lauter. Es ist nun mal heute so und es ist keine leise Zeit." 

Während das dröhnende Blech noch in den Ohren schmerzte, marschierten die Akteure ein. Die Zuschauer verrenkten sich fast den Hals: Da kamen lauter Krawattenträger, die vom Büro zuerst, ein paar dann, die keiner kannte, irgendwie fremdländische Typen, Ausländer, Exoten. "Allerdings ganz so wie Kanaken sehn sie nicht aus", hörte Bärlapper neben sich. "Es konnte sein", meinte Bärlapper bei sich, "dass die das Büro wieder aufgebläht haben, weil ja immer weniger Menschen richtig arbeiten wollen und die mehreren nur an so einem Schreibtisch rumhocken mögen. Dass sie dann gleich Ausländer geholt haben zu der Faulenzerei und keine von hier?" Die Leute erhoben sich manchmal von der Bank, um zu sehen, wer da noch alles daherkam. Ob die Herrschaften doch wenigstens einen kleinen Prinzen schicken würden? Neben Bärlapper versuchte der Hublbauer, das Blech zu überschreien, um seiner Frau etwas mitzuteilen. Da waren die Musiker plötzlich fertig und das Geschmettere brach schlagartig ab. Der Hublbauer war nun einmal in Fahrt, er schrie weiter: "Wartest du denn auf einen von den Noblen? Denen gehört doch der ganze Laden nimmer! Kein Nagel gehört denen hier noch! Das hat doch alles der Ölscheich eingekauft!" Alle hatten aufgehorcht und schauten jetzt auf das Hublbauerpaar. Die Frau hätte sich vor Scham am liebsten verkrochen, war ihr richtig anzusehen. Etliche grinsten, einige nickten, andere waren empört und wieder andere lachten über den Hublbauer, "den groben Lackel". Den meisten war ja das, was der Hublbauer da gebrüllt hatte, als Gerücht, das bereits einige Zeit kursierte, bekannt. Nur für Bärlapper war es ganz neu.

Dann war die Aufmerksamkeit gleich wieder aufs Podium gerichtet. Der Abend konnte seinen geplanten Lauf nehmen. Der Programmpunkt 'Ehrung verdienter Mitarbeiter' fiel allerdings üppiger aus als sonst irgendwo, nämlich in den Vereinen. Das war jedoch wenigstens zunächst verständlich, weil sie sich in den Vereinen immer sehr davor hüten mussten, Eifersucht zu säen, um nicht nur Verstimmungen, sondern sogar Austritte zu ernten. Ganz anders hier. "Die von der Betriebsleitung", hatte der Müller Seppl voriges Jahr bereits behauptet, "können es so richtig rauslassen mit den Ehrungen. Das ist verdammt schlau, denn die wissen genau, dass sie mit Ehrung Konkurrenz schaffen unter den Arbeitern und dann eine viel höhere Leistung kassieren."

Jetzt war Bärlapper an der Reihe. Er wurde aufgerufen und erhob sich langsam – wenn auch nicht gerade mit frohem Gesichtsausdruck. Der Weg zum Podium kam ihm elend lang vor. Dort angekommen, wusste er nicht, wie und wo er sich hinstellen sollte und tapste herum, dass er meinte, einige lachen zu hören. Der Chef wies ihm dann seinen Platz zu, und zwei vom Büro flankierten ihn und richteten ihn aus, er solle seine Hände auf dem Rücken zusammentun und aufrecht stehen und nicht so schlaff. In seiner Verwirrung musste er erst nachdenken, wie 'schlaff' zu vermeiden sei, um eine andere Haltung einnehmen zu können. "Stillgestanden!", kam von irgendwo unten. Wenn auch wieder von Gelächter begleitet, wusste Bärlapper nun doch, dass es Strammstehen bedeutete und gab sich einen Ruck. Dann durfte er hören, dass er ein äußerst zuverlässiger, ungemein geschickter, darin sogar rekordverdächtiger Arbeiter sei ... ein doch guter Mensch, der in den vergangenen Tagen allerdings vom Hauch des Schicksals gestreift worden war, aber nun, wie der Phönix aus der Asche auferstanden, wieder mit makellos reiner Weste, die er ja nie abgelegt hatte ... – "Wir wissen es, wir wissen es, mein lieber Bärlapper! Gott sei's gelobt, getrommelt und gepfiffen, dass Sie wieder unter uns weilen dürfen ..." Dann versuchte der Lobredner noch, einen Witz draufzusetzen: "Was hätten die in der Justizvollzugsanstalt für einen guten Schnitt mit Ihnen, guter Bärlapper, gemacht!" Ein etwas zögerliches Lachen, vermischt mit immerhin auch Geräuschen der Zustimmung war das Echo darauf.

Bärlapper stand wie begossen da und wäre am liebste davongerannt. Ein Tä-tä Tä-tä Tä-tä der Blaskapelle, das sie sonst im Fasching machten, holte ihn wieder ein wenig zurück. Applaus folgte, und der Redner hielt eine Weile den Mund und nippte an seinem Glas.

"Nun jedoch, mein lieber Bärlapper", ging die Tortur weiter, "will Ihnen die Betriebsleitung nicht nur dieses Ehrengeschenk zukommen lassen, sondern sie will Ihnen auch eine Erleichterung bescheren. Kommen Sie einmal näher, guter Mann! Her da! Ich darf Ihnen – und im Übrigen Ihnen allen hier verraten, dass unser Betrieb, den Erfordernissen, ja Zwängen der Zeit gehorchend, erhalten allerdings eben umgestellt wird." 

Ein Raunen ging durch die Reihen.

Der Redner nahm wieder einen Schluck und beeilte sich fortzufahren, da der Reaktion der Zuhörer nach nicht auszuschließen war, dass Unruhe aufkommen und der Fortgang gestört werden könnte: "Ich möchte, Bärlapper betreffend, mitteilen – die anderen von diesen aufwändigen Maßnahmen Betroffenen mögen noch etwas Geduld aufbringen –, dass wir diese harte Arbeit am Abfüllband, die ja in einer Zeit, da Maschinen als des Menschen treue und zuverlässige Diener dem Menschen die härteste Arbeit abnehmen –, dass wir diese harte Arbeit am Abfüllband also, die zugegeben doch bereits auch rein menschlich nicht mehr ganz zu vertreten war  – ja, ja, wir sahen es immer mit größter Sorge! –, dass wir also den guten Bärlapper von seiner Arbeit am Band entbinden werden. Vom Band entbinden!", setzte er bedeutungsvoll nach und grinste breit in die Menge, um seiner witzig gemeinten Wiederholung über die Rampe zu helfen.

Das Gefeixe zündete allerdings nicht, niemand lachte, allen ahnte vermutlich etwas Ungutes.

"Es ist dieses einfach nicht mehr verantwortbar, aus humanen Gründen", nahm der Redner wieder seinen Faden auf, "und zwar in dieser unserer Zeit, die sich ja auch eine soziale nicht nur nennt, sondern laut Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auch tatsächlich ist. Die Betriebsleitung sah sich gehalten, auf Kronenverschlüsse umzustellen und damit – sowieso als eine der allerletzten Brauereien – den guten alten, besonders im Bauhandwerk so geschätzten Bügelverschluss leider, leider aufzugeben!" Er hielt kurz inne und blickte mit flugs aufgesetzter Trauermiene in die Runde, dann versuchte er noch etwas: "Und gleich ist die Klage zu vernehmen, dass unsere durstigen Freunde vom Bau in Zukunft immer die ganze Flasche sofort austrinken müssten, weil sie nicht mehr zu verschließen sei!" Nun hatte der Oberbuchhalter ein breites Grinsen überm weißen Kragen, das eigentlich gar nicht in sein fahles, lang gefurchtes Gesicht passte. 

"Darfst eh nichts mehr saufen bei der Arbeit!", schrie einer. "Sonst fliegst du raus wegen der Nüchternheit!" Irgendwoher ertönte es sogar: "Der Simpel weiß doch gar nicht, wie es zugeht in der richtigen Arbeitswelt!"

Die Grimasse des Buchhalters fiel augenblicklich in die grauen Furchen zurück, weil er nun wusste, dass er auch dieses Mal mit seiner Heiterkeit ganz allein geblieben war und obendrein wohl etliche verärgert hatte. Er führte dann noch Verschiedenes aus und beeilte sich, die Sache hinter sich zu bringen.

Bärlapper war immer noch auf der Bühne und stand wie angewurzelt neben dem Redner. Er war mit den Gedanken ganz woanders und nahm gar nicht richtig wahr, was sich da alles abspielte. Als der Sprecher dann zu Ende gekommen war und Bärlapper die Auszeichnung aushändigen wollte, reagierte der nicht. Das fanden die Leute nun doch lustig, sie klatschten und riefen im Takt: "Bärlapper Hans! Bärlapperhans!" Der grinste ganz mechanisch, aber völlig ratlos in die Menge. Die beiden Ausrichter von vorhin sprangen wieder herbei und schoben Bärlapper zum Rednerpult hin, wo der Oberbuchhalter nun doch etwas Farbe im Gesicht hatte und aufgeregt mit einem Gegenstand herumfuchtelte. Dann lief alles ganz routiniert ab: Überreichung, Handschlag, Zinnteller mit Gravur als Ehrengabe. 

"Hochheben! Herzeigen! Hochheeeben! Hochheeeben!", klang es herauf. 

Als er begriff, machte er es wie von der Menge befohlen, hob das gute Stück mit beiden Händen in die Höhe. Das Blitzlicht für die Betriebschronik traf das Objekt – schmerzte, dass Bärlapper die Augen zukneifen musste. 

Mit dem Teller in der Hand stolperte Bärlapper durch die Reihen und suchte seinen Platz, fand ihn nicht gleich, lief mal hierhin und wieder dorthin, irrte eine Weile umher. Einige hatten ihn von verschiedenen Stellen aus seinen Namen gerufen: "Bärlapper, hier!" – "He, Bärlapper, hier!", fanden sie lustig. Er hörte bald auf zu suchen und blickte zornig in die Runde. Er fühlte alle Augen auf sich gerichtet, hörte das Stimmengewirr, hörte Gekicher. 

Da reichte es ihm. "Verarschen kann ich mich alleine", schimpfte er laut, "da brauche ich niemand dazu und euch schon gleich gar nicht!" Er ging mit großen Schritten zum Ausgang und machte, dass er wegkam. 

 

 

Die Brauerei sollte bis über Neujahr geschlossen bleiben, und die Weihnachtszeit verging fast im gewohnten Trott. 

Bärlapper blieb meistens daheim. Nur zum Kirchgang konnte er sich aufraffen. Selbst bei seinem Trachtenverein ließ er sich nicht mehr sehen.

"Lasse ihm doch eine Zeit seine Ruhe", riet die Krämerin der Bärlapper-Mutter. "Der Hans wird schon wieder. Das hat ihn nun mal alles ziemlich mitgenommen. Schön war es ja auch gar nicht. Du wirst sehen, dann kriegt er ein Mädel, irgendwann, und alles hat seine Ordnung. Du wirst sehen. Ich gönne es dir! – Da, vergiss deinen Leberkäs nicht! Und Kinder wird es geben, Bärlapperin, dann kommt Leben ins Haus."

"Ja, mei! Wenn das neue Leben kommt, bevor meines geht, das wäre dann ja ein Segen!", antwortete die alte Bäuerin. "Da zünde ich in der Kirche eine Kerze an oder zwei."

 

 

 

 

 


 

 

AUSKLANG

 

Als im Februar die neue Anlage in der Brauerei installiert war, hatte Bärlapper den Laster mit Bierkästen zu beladen und dann als Beifahrer mit auf Tour zu gehen. Da sie die schweren alten Träger, die aus Holz waren, durch Plastikkästen ersetzt hatten, kam ihm die Arbeit nicht gerade anstrengend vor. Die Lieferfahrten zu den weitverstreuten Abnehmern waren im Vergleich zur früheren Beschäftigung sogar eher Erholung. Es ging über Land. Er sah dabei wieder vieles, was ihm von früher her vertraut war, wo er als Junge mit seinen Freunden herumgestreunt oder allein mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren war – wenn er nicht den Eltern auf dem Hof hatte helfen müssen.

Am liebsten hockte er hinten auf der Ladepritsche bei den Kästen. Er strich manchmal mit der Hand über die Flaschen, über die grünen, lieber noch über die braunen – auch wenn jetzt alle diese Blechkappen hatten, die die Leute nach dem Öffnen wegschmissen und die bereits überall herumlagen. Er dachte auch an die Geschichten, die er erfunden hatte. Das tat ihm wohl – für kurze Zeit wenigstens.

Dass Bärlapper jetzt eine ruhige Kugel schiebe, wurde behauptet. Deshalb bekam er auch mal zu hören – wenn er überhaupt hinhörte –, dass er sich einen ziemlich schlauen Job unter den Nagel gerissen habe. Wenn Bärlapper nicht in der Nähe war, stieg auch mal wer tiefer ein: "Nämlich mit seiner Radlfahrerei beim Chef da an seinem Fließband hat der Bärlapper Eindruck geschunden. Wo er auf den Putz gehauen hat und wie ein Irrer geschuftet hat, dass jeder den Kopf geschüttelt hat." Jetzt sei es ja raus, dass er ein ganz ein schlauer Hund war und das alles hatte kommen sehen und dass er Eindruck geschunden und vorgebeugt hätte.  

"Da liegst du auf dem Auto rum und wirst spazieren gefahren. Während doch jetzt jeder Dritte der alten Mannschaft irgendwohin zum Malochen fahren muss. In die Stadt rein. Wenn einer nicht überhaupt arbeitslos ist", sagte der Marxer einmal zu ihm. Der Huber Xari setzte drauf: "Na ja, die liegen halt dann daheim bei ihrer Alten und machen sich einen faulen Lenz, derweil wir hier schuften." Der Rohrer, der jetzt auch beim Beladen war, meinte: "Oder die hocken beim Wirt rum und tun nichts und kriegen doch ein Stempelgeld. Ein schönes noch dazu! Nämlich schier alles, von der Arbeitsversicherung, wo wir reinzahlen und die kriegen es raus!" Sie waren überzeugt, dass es sich dabei um eine Sauerei handelte. Bei der Heimatzeitung hatte sich sogar der Redakteur in das Thema verbissen und wollte unter den Arbeitslosen jede Menge Drückeberger und Sozialparasiten ausgemacht haben. Deren Faulheit führe dazu, dass der ständig abnehmenden Zahl der arbeitenden Menschen immer mehr aus der Tasche gezogen werde. Weil die Nichtstuer von der Stütze gut leben könnten, müssten die Betriebe auch wieder Ausländer hereinholen für die Arbeit, die sonst liegen bliebe. Immigranten, folgerte er scharfsinnig, die sich dann hier festsetzten. 

Um all das Gerede, erst recht um solches Geschreibe kümmerte sich Bärlapper nicht. Er erledigte still seine Arbeit. Er hatte seine alten Geschichten, und er erlebte immer neue. Während der Fahrt hörte er nämlich zu, wie sich seine Flaschen mit ihrer klirrenden Glassprache, für die er ja das Ohr hatte, unterhielten und sich ihre Dinge von Bedeutung mitteilten, ob sie etwa voll waren oder leer. Doch das war noch lange nicht alles. Er wollte da noch viel mehr heraushören: Was für Leute aus ihnen getrunken hatten, "was für ein Mund, eine Goschen oder ein Maul das war; redlich durstig oder versoffen; vom frechen Daherreden trocken oder von der Arbeit ausgedörrt." So redete er jetzt auf der Ladepritsche hinten laut zu sich selber. Bärlapper meinte auch zu verstehen, was seine Flaschen alles mitbekommen hatten, während sie irgendwo auf dem Tisch standen, und was sie sich jetzt darüber berichteten. Manchmal kam es ihm auch vor, als machten seine gläsernen Freunde sogar Musik. Besonders gute Laune und Lust dazu schienen sie zu haben, wenn es über ein Kopfsteinpflaster ging. Da klang es doch sehr gut, wenn auch fast aufgeregt. Anders auf holperigen Feldwegen, "da hört es sich bald so an", meinte er, "wie die Musik heute manchmal im Radio, wenn ich den falschen Sender erwischt hatte."

 

Irgendwann war der Schrotthändler an der Brauerei vorgefahren. Er war mit seinem Kran bestückten Laster gekommen, um die ausgemusterte Abfüllanlage  abzuholen. 

Darauf hatte Bärlapper bereits die ganze Zeit über gewartet. Er hatte Glück, dass er nicht gerade beim Bierausfahren unterwegs war. 

Der Alteisenmann begutachtete die gestapelten stählernen Kolosse erst noch und mäkelte eine ganze Weile daran herum. Er klagte, eigentlich nicht zu wissen, was er mit dem Schrott anfangen solle, der ja erst aufwändig zerlegt werden müsse. Dass er total draufzahlen würde und nur aus Anhänglichkeit zur alten Herrschaft, der das alles hier allerdings ja auch nicht mehr gehöre, wie jedermann wisse. Den Krempel würde er nur mitnehmen, dass er weg ist und damit Ruhe ist für den Braumeister, seinem Freund. Bärlapper konnte dieses Rumgenörgle nur recht sein. Er war ins Verwaltungsgebäude gerannt.

Noch ganz außer Atem, stammelte er etwas, woraus sich die Schreibdamen reimen konnten, dass er wissen wolle, "was die Anlage, die jetzt weggeschmissen wird", denn noch bringen müsse, nämlich was sie koste. 

Alle waren zunächst sehr erstaunt, weil Bärlapper so aufgeregt war, wie ihn niemand kannte. Vor allem waren sie verwundert, weil er etwas wissen wollte, was ihn doch eigentlich gar nichts anginge. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie mit der Überraschung zurechtkamen. Während eine Angestellte zum Chef geeilt war, versuchten es die anderen mit Fragen nach Bärlappers Gesundheit, nach dem Befinden der Mutter, wie ihm das Bierausfahren tauge und solchen Sachen. Sie wollten ihn beruhigen, weil er immer noch aufgeregt schnaubend in die Runde starrte – am liebsten wären sie ihn natürlich losgeworden. Es dauerte, und den Frauen gingen allmählich die Fragen aus, zumal er auf nichts einging. Sie fingen mit ihrem Katalog bereits wieder von vorne an: Gesundheit, Mutter ... Bärlapper wurde immer ungeduldiger, jetzt antwortete er wenigsten, wenn auch wirr, hätte ihnen am liebsten gesagt, "haltet euren Mund, euren angestrichenen!" Endlich schien der Oberbuchhalter ein Einsehen zu haben: "Sagen wir es ihm eben, jedoch unter der Auflage, dass er still zu sein hat, bis das Zeug vom Hof ist. Der Bärlapper darf nicht etwa das Geschäft kaputt machen", redete er so laut, dass es vorne zu hören war, "sonst kann er alles berappen, auf Heller und Pfennig, und es wird ihm gleich vom Lohn abgezogen". Er kam jetzt doch nach vorne, heftig mit den Armen fuchtelnd. "Und Sie hier, die Damen, sind alle meine Zeugen, allesamt!" Als er das herausgepoltert hatte, schaute er auf den Hof hinunter, um zu sehen, wie weit der Alteisenhandel gediehen war. 

"Ausnahmsweise, Bärlapper!", machte er nun auf freundlich. "Ausnahmsweise, weil Sie so viele Jahre an dieser Apparatur stehen durften. Ich habe sie ja deswegen neulich erst öffentlich belobigt, nicht wahr, was Sie ja wohl erinnern, guter Mann! Ich hoffe doch wohl sehr, Sie empfanden dabei auch ein wenig Dankbarkeit, Bärlapper, denn das wird einem doch nicht alle Tage zuteil, so etwas, und da wäre mancher froh, wenn er überhaupt einmal in seinem ganzen Arbeitsleben auch nur ein bisschen belobigt werden würde."

Eine der Angestellten durfte dann die Unterlagen holen, nachsehen und Bärlapper den erwarteten Preis mitteilen, den sie natürlich längst dem Braumeister als Limit vorgegeben hatten. Allerdings war die Summe auf Geheiß des Buchhalters auf einem Zettel notiert worden – wie dieser später begründete: "Niemand soll mir vorwerfen können, ich hätte ihm den Preis gesagt und etwa mündlich mitgeteilt!" Bärlapper bedankte sich nur mit einem flüchtigen Kopfnicken und lief hinaus. Die vom Büro blickten ihm kopfschüttelnd nach und wunderten sich auch über eine solche Eile. "Ein bisschen spinnt der Kerl und kriegt sich seit damals nimmer, erzählen sie im Dorf", berichtete Frau Bertl, die aus Bärlappers Nachbarschaft war. 

Unten angekommen, sah Bärlapper, dass bereits alles verladen war. Bärlapper rannte zum Schrotthändler, der wieder im Führerhaus seines Transporters saß. Bärlapper riss den Schlag auf und fixierte, tief schnaufend, den Mann dort oben. Bärlapper fiel in der Aufregung nicht gleich ein, wie er sein doch reichlich ungewöhnliches Anliegen vortragen sollte. Er hatte nur den Mund aufgerissen, aus dem allerdings eine ganze Weile kein Laut drang. Der Mann drinnen fuhr erschrocken herum und ging in Abwehrstellung, hatte flugs eine kurze Eisenstange, ein Montiereisen, zur Hand und holte damit aus. Bärlapper sah das, ließ die Tür los und machte einen Satz rückwärts. Der Eisenmann trat in Bärlappers Richtung mit dem Fuß ins Leere und schaute grimmig drein.

Bärlapper hob beschwichtigend die Hände und schrie, immer noch wegen seiner Aufregung mit dem Atem ringend, dass er einen großen Blauen mehr biete, als dem Händler der Schrott gekostet habe. "Einen großen Blauen", wiederholte er ein paar Mal. "Das muss doch Eindruck machen", war er überzeugt. Bärlapper setzte auch noch nach, dass der Schrotthändler die Apparate und alles, was dazugehöre auch gar nicht mit zu seinem Lager nehmen, sondern bei ihm hier im Dorf und auf seinem

Hof abladen könne. "Mensch", wurde er eindringlich, "benütz dein Hirn: Mehr Moneten und das Zeug ohne Risiko gleich los und ohne lang rumzutun!"

Der Mann im Auto hatte plötzlich nicht mehr die Abwehr im Gesicht, legte die Eisenstange auf den Sitz neben sich und schnaufte jetzt erleichtert tief durch. Er schaute ganz verdutzt drein und wusste offensichtlich nicht recht, wie er dieses doch erstaunliche Angebot einschätzen sollte. Dann blickte er mitleidig auf Bärlapper hinunter und tippte sich an die Stirn. Bärlapper achtete nicht darauf, sondern fuchtelte mit dem ausgelobten Lappen in der Luft herum und drückte ihn schließlich dem verblüfften Händler in die Hand, die der gerade von der Stirn genommen hatte. "Anzahlung!", brachte Bärlapper nur heraus, so erregt war er in Erwartung einer bedeutenden Errungenschaft.  

Inzwischen war der Braumeister hinter Bärlapper ins Blickfeld des Händlers getreten und hatte wohl sofort begriffen, was sein Bärlapper Hans plante. Der Mann auf dem Laster hielt den großen Schein noch in der Hand und blickte den Braumeister fragend und achselzuckend an. Der nickte beruhigend, legte den Arm auf Bärlappers Schulter und begann, von ihm und seiner früheren Arbeit zu berichten, er tat es so wie zu den Besuchszeiten ehedem und als ob ein Publikum zuhörte. Zum ersten Mal hatte da Bärlapper das Gefühl, dass diese Rede einen Sinn machte und vor allem ehrlich gemeint war.

Das Geschäft war dann gelaufen. 

Die Sachen standen am gleichen Tag noch inmitten von Bärlappers Hof. Ein paar Buben liefen herum, bestaunten die Apparate machten sich an den Hebeln zu schaffen und fachsimpelten etwas von Raketenstümpfen und dass man die in den Himmel jagen könnte mit ordentlichen Düsen und so was, spielten Astronaut und stritten. Es ging schon auch mal laut her.

 

Um seine Schulden beim Schrotthändler zu begleichen, verkaufte Bärlapper am Tag drauf zwei Kühe.

Er war richtig stolz, dass sein Arbeitsgerät nun wirklich ihm gehörte. Er freute sich auch, dass er es, wenn er es genau nahm, nicht von diesen Leuten da vom Schloss, sondern von jemand anderem hatte, wenn es auch nur der Alteisentändler war. "Das ganze Gesindel da droben, das so schäbig da­mit umgegangen ist und es wegschmeißen wollte", schimpfte er. "Die können mir den Buckel runterrutschen", holte er noch aus, "das Pack da droben. Mich haben die ja auch irgendwie gefrotzelt."

Im Dorf wurde keiner schlau aus Bärlapper. "Der ist durchgedreht", war ab und zu zu hören. "Das ist noch von der ganzen Sache da mit denen von der Baracke", wurde er doch auch wieder entschuldigt. "Lasst ihn in Ruhe. So lang er nicht gefährlich ist und Leute angreift oder Häuser anzündet, kannst du ihn lassen. Es gibt so viele Verrückte auf der Welt, da kommt es auf einen mehr auch nicht mehr an." 

Bärlapper konnte nur vermuten, was über ihn alles im Umlauf war. Es interessierte ihn allerdings nicht. 

Die Mutter sagte gar nichts zu der Sache da mit der Sammlung von ausrangiertem Zeug auf dem Hof. Auch dann schwieg sie und ließ nicht mal ihr Ja-mei heraus, wenn das Thema bei der Krämerin vorsichtig angetippt wurde. Sie fragte auch den Sohn nicht danach. Was er damit anfangen würde, wollte sie auch nicht unbedingt wissen. Sie war froh, dass er da war, ohne Schuld an der widerwärtigen Sache da in der Baracke und dass er vor allem gesund, wenn auch vielleicht doch ein wenig wirr im Kopf war. Sie bekochte ihn aufmerksam, und es gab jetzt häufiger den Schweinsbraten mit der knusprigen Kruste, den er so gern aß. Sie mochte aber gar nicht hinschauen, wenn sie an dem alten Zeug da auf dem Hof vorbeiging.  

Dagegen schwelgte Bärlapper in Besitzerstolz, betrachtete seine Errungenschaft durchs Fenster oder indem er drum herumspazierte, immer wieder mal mit der Hand über den Lack fuhr, kleinere Stücke vielleicht anders platzierte in seiner Sammlung oder an einen Behälter klopfte, dass es aus ihm klang. 

Es fiel ihm jetzt immer schwerer, zur Arbeit in die Brauerei zu gehen. Sie war in seinen Augen nun auch zur Bierfabrik verkommen. Es war ihm dort alles so fremd geworden.

Wenn mal wieder einer maulte, dass der Kronenverschluss das Blödeste sei, was je erfunden worden ist, dann tat Bärlapper das wohl und er nickte zustimmend. 

Der Absatzbereich der Brauerei hatte sich allmählich ausgeweitet. Den neuen Herren war es in kurzer Zeit gelungen, die meisten kleinen Landbrauereien im weiten Umkreis aufzukaufen. Diese legten sie nach und nach still, nur die alte Abnehmerschaft sollte zu Buche schlagen. So musste Bärlapper den Transport auf immer ausgedehnteren Lieferfahrten begleiten – während es ihm bei dieser Arbeit, die für ihn eigentlich keine richtige war, immer enger wurde. Wenn ihm das wieder überkam, versuchte er es hinunterzuspülen. "Jetzt verstehst du", sagte er sich dann, "was die da immer für einen Durst haben, für einen abgedrehten, der Görer, der Socher, der Sacklbauer und der alte Lehrer dazu. So ein ganz komischer Durst ist das, den du jetzt auch verstehst, weil es ein Loch ist da im Leben – sakra, Leben! –, wo du immer was hineinschüttest ohne Boden. Oder dass dir das Kotzen unten bleibt, schüttest du in dich was hinein." Er machte die Kronenverschlüsse voll Verachtung an der Bordwand weg oder schlug manchmal sogar gleich den Hals der Flasche ab. Wenn ihn seine Abneigung wieder so richtig packte, schenkte er einen ganzen Kasten Bier mit diesem Blech drauf weg. Er passte allerdings auf, dass sein neuer Chef, der Kutscher, wie die Lastwagenfahrer noch genannt wurden, nichts davon merkte. Ehrlich, wie Bärlapper nun einmal war und auch blieb, zahlte er stets aus eigener Tasche, was er so sonderbar verbraucht hatte.

Eines Tages schmiss er allerdings diese ganze Beschwernis hin, die von dort oben auf ihn gekommen war.

Bald drauf verkaufte er – unter den Tränen der alten Mutter und trotz brieflicher Proteste der Schwester – auch den Rest seiner Tiere. Kurz darauf räumte er den Stall mit Spitzhacke und Presslufthammer aus, setzte neue Fenster, klopfte Putz weg, zog neuen auf. 

Großes Rätselraten herrschte im Dorf. Gerüchte machten die Runde: "In den Bärlapper seinen Stall kommt eine Fabrik oder auch nur eine Werkstatt." – "Es kann auch leicht sein, dass eine von den ganz verrückten Musikhöhlen reinkommt mit ihrem Lärmterror. So eine, wie sie jetzt wie Schwammerl aus dem Boden schießen. Wo die Jungen hinrennen wie irr und sich taub machen lassen und noch bescheuerter rauskommen, als sie hinein sind!" – "Und das alles mitten im Dorf herinnen, wo dann alles anders wird und versaut und aus mit dem Dorfleben, um das einen die ganzen Stadtdeppen neidisch sind, weil noch alles seine Richtigkeit hat auf dem Dorf heraußen." – "Aber komisch ist das ja, dass so was der Bärlapper Hansl macht, der doch im Trachtenverein ist." – "Wenn es ums Geld geht, dann wird ein jeder schwach und aus ist es mit der schönen Moral!" – "In der Müllgrube und der Baracke könnten sie so einen Saustall machen für die Jungen, die heute so was brauchen, scheinbar." – "Den Bürgermeister fragen, denn der müsste es ja wissen. Aber der lässt nichts raus, weil der da drinnen steckt und schon wieder die Hände drin hat, der Bazi, und nicht nur drin hat, sondern auch aufhält."

 

In seine Halle, die auch noch einen gefliesten Boden bekam und mit wischfester Farbe gestrichen wurde, baute sich Bärlapper die Abfüllanlage komplett ein. Bärlapper machte das so, dass es die Leute nicht ohne weiteres mitbekamen. Er arbeitete gerne daran, wenn es bereits dunkel war. So konnten sie sich nur wundern, dass die Dinger nach und nach vom Hof verschwanden. Bärlapper hatte sich vom Müll auch eine Menge alter hölzerner Kästen und aus der Glassammlung Flaschen mit Bügelverschluss geholt. Braune Flaschen mussten es natürlich sein, für die grünen hatte er sich nicht interessiert.

Bärlapper werkte wochenlang wie besessen. Ob es nun um Maurerarbeit, das Einbauen von Installationen oder sonst was ging, Bärlapper machte alles ohne Hilfe. "Wenn du ein Bauer bist, auch wenn du es nimmer bist, dann kannst du eben alles", bestärkte er sich, "auch wenn nicht alles ganz so richtig wird wie bei den Gelernten."  Die Leute wurden allmählich ungeduldig, ja schier verunsichert, weil niemand richtig wusste, was da vor sich geht, obwohl jeder ja sah, dass etwas ging. "Bürgermeister, da musst du was tun, sonst gibt es vielleicht eine riesen Schweinerei, und wir werden sie nicht mehr los, wenn sie einmal da ist." Der Bürgermeister wusste nichts, behauptete er jedenfalls – und er versicherte auch, dass er nicht noch einmal schnell hinlangen wollte wegen dem Bärlapper und dann den Kürzeren ziehen würde, weil die Polizei alles besser wisse, "so wie damals, wo ihr mich geheißen habt, dass ich hinlangen soll und wo es dann nichts war. Bärlapper macht ja immer noch einen harmlosen Eindruck, meistens", spielte es der Bürgermeister herunter, wenn er wieder einmal angetrieben werden sollte. "Der ist ja noch nicht so gefährlich. Erst wenn er richtig gefährlich wird, so dass man es deutlich merkt, dann packen wir ihn. Jetzt haltet euren Mund, denn das habe ich ja bereits veranlasst, dass er erst kriminalpolizeilich auf Herz und Nieren geprüft worden ist. Das verdankt ihr mir. Ihr braucht euch ja nur einmal in der Nacht hinschleichen und reinschauen", meinte er noch, "oder packt ihn, wenn ihr eine Schneid habt, und haut ihn aufs Maul, bis er es aufmacht. Allerdings habe ich das überhaupt nicht gesagt! Verstanden? Weil ihr es gar nicht gehört habt! Wenn ihr verstanden habt, wie ich das meine."

Ein paar Burschen befolgten diesen Rat sogar – bis zu dem Punkt allerdings nur, der ihnen das Anschleichen und das Ausspionieren riet. "Denn wenn es der Bürgermeister sagt, dann kann dir nichts passieren, das ist so gut, wie wenn es der Richter sagt, jedenfalls fast so gut. Klar, aufpassen musst du bei dem, weil wenn es sein muss, dann lügt der Bürgermeister auf Teufel komm raus, wie er es schon oft gemacht hat, und er weiß dann von nichts." Sie gingen, allerdings hatten sie Pech. Bärlapper hatte immer alle Fenster verhängt und die Türen fest verschlossen. Am nächsten Tag hing allerdings ein Schild aus Pappendeckel am Tor: "Nichts zum Sehen! Abhauen!" Etwas kleiner stand darunter: "Wenn du was willst, gehst du ins Haus, wenn du eine Watschen brauchst!"

 

Nach Wochen war es dann so weit: Bärlapper hatte die Außentünche fertig und ging von Haus zu Haus, um einzusagen, dass es bei ihm "am Samstag auf Nachmittag um fünf was zum Anschauen und mit Freibier gibt" und dass jeder, der Lust hat, kommen oder auch daheimbleiben soll, wenn er keine hat.

"Auch wenn der Bärlapper jetzt im Kopf nicht ganz richtig ist, was könnte überhaupt passieren?" – "Da sind ein Haufen Mannsbilder dort, dann packen sie ihn, wenn er durchdreht und einem was tun will! Da lassen sie ihn richtig durch, bis er wieder normal wird, weil er das vielleicht braucht." – "Das Freibier darf man freilich nicht auslassen. Der Bärlapper hat sein ganzes Vieh verkauft und jede Menge Geld jetzt. Da muss man ihn freilich richtig hersaufen, wenn er einem was schenkt, denn sonst ist er einem auch noch beleidigt, wenn man es nicht tut und zulangt bei ihm." – "Vielleicht ist doch endlich zu sehen, was er da dauernd angestellt hat in seinem Stall drin. Wenn es arg wird, dann kann man ja immer noch ganz schnell abhauen und die Polizei oder gleich die vom Irrenhaus rufen."

 

Die Leute kamen also zur angegebenen Zeit und warteten artig auf Bärlappers Hof vor dem rätselhaften Umbau. 

Als die meisten da waren, tauchten zwei Typen auf, die im Ort niemand kannte. Alle staunten nicht schlecht und fragten sich, was denn das wieder "für welche sind und ob das mit den zweifelhaften Dahergelaufenen im Dorf wieder losgeht. Wo man doch die von der Müllgrube erst losgekriegt hat, und zwar gut verpackt." 

Die beiden tatsächlich etwas abgerissen aussehenden Kerle machten sich daran, die Tore zu öffnen. "Na ja, wenigstens machen sie was Nützliches und arbeiten", wurde geflüstert. Es dauerte allerdings eine Weile, bis der Verschlag abgebaut war. Alle schauten zu und einige gaben Ratschläge: "Da ist noch ein Nagl!" – "Nimm das Brecheisen!"  

Auch der Bürgermeister war da – ganz entgegen seiner sonstigen Übung. Da kam er immer etwas später, um auf diese abständliche Weise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und bei seinem Einzug möglichst auch noch irgendeine Form von Beifall zu kassieren. Heute stand er also sozusagen vorzeitig und in der ersten Reihe der Wartenden, wie es ihm natürlich auch zukam. Mit Fortschreiten der Arbeit der beiden und in Erwartung der Öffnung und vielleicht sogar einer feierlichen Eröffnung unter seiner Regie wurde sein Gesichtsausdruck immer bedeutungsvoller. Dann war es geschafft. Der Bürgermeister wurde von den beiden mit übertrieben tiefer Verbeugung aufgefordert einzutreten. Seine Brust weitete sich: "So, so, so!", brachte er hervor, sog an seiner Zigarre und schritt würdig drauflos. Dicht hinter ihm drängten sich die Leute hinein. 

Ein Ah und Oh erklang. Erst standen alle beinahe wie angewurzelt da. Dann löste sich die Starre. Staunend liefen sie schließlich umher und nahmen alles in Augenschein: Im Weiß des großen Raumes, das im Licht der Neonröhren hell erstrahlte, prangte eine Apparatur, deren zwei übermannshohe senkrechte Teile in einem tiefen Schwarz gehalten waren und in der Waagrechten von knallgelben Aggregaten durchquert wurden. Das lange Förderband, jede einzelne Rolle davon, die Lager, das Gestell, alles war mit einer Sorgfalt sondergleichen bearbeitet. "Wie neu", war immer wieder zu hören, da und dort auch zu "nagelneu" gesteigert. Einige wagten es, mit der Hand drüber zu streichen, ganz behutsam wie über lebende Körper, dieser frische Lack, der Glanz der Farben und was sonst noch dazu verleitete. Die ganze Spannung der letzten Wochen löste sich in Wohlgefallen, niemand konnte widerstehen und musste die Sachen im wahren Sinn des Wortes begreifen. "Ja, so was, und das wollten die Armleuchter vom Schloss wegschmeißen! Und zusammenhauen, plattmachen haben sie es wollen!" – "So irr ist der Bärlapper Hansl gar nicht, wie etliche  immer gemeint haben die ganze Zeit über, sondern saumäßig schlau ist er, dass er sich das alles unter den Nagel gerissen hat!"

"Ja, ja, wer sagt es denn, der Bärlapper! Da wird es sie reuen, die von der Brauerei, dass sie das ganze Zeug hergegeben haben, jetzt, wo es so sauber und nagelneu herschaut!" – "Und der Stall, mein lieber Spitz, da traust du dich ja gar nicht mehr Stall sagen! Da müsstest du ja Madame Kuh sagen, wenn da noch ein Rindvieh herinnen stünde!"

Kleine Gruppen hatten sich gebildet und fachsimpelten oder ratschten einfach. Sie schauten immer wieder zu Bärlapper hin. Irgendwie mussten sie  sich ja versichern, ob er nun wirklich ganz normal war, so normal wie es sich eben gehört. Dann war ja auch sicher noch nicht alles raus von dem, was da noch kommen könnte, das Freibier wenigstens hat er ja noch gar nicht angezapft!

Fast in der Mitte seines Werkes stand er stolz, der Bärlapper Hans. Er stand da an seinem Fließband in seiner schönen bayrischen Tracht mit der bestickten Lederhose, dem bestickten Hemd und dem fesch befederten Hut, den er lässig ein wenig ins Genick geschoben hatte, dass vorne seine dunklen Locken herausspitzten.

Immer noch machte sich gelegentlich ein Ah und Oh und ein Ja-da-schau-Her aus den gedämpften Gesprächen der Leute selbständig und hallte im hohen Raum wider. 

"Nachgerade ein Kunstwerk ist das alles!", war von einem zu hören, den allerdings niemand hier kannte. Der hatte nach der Schrift gesprochen und konnte leicht von der Zeitung sein.

"Aus dem größten Schrott machen sie ja heutzutage eine Kunst", urteilte der Simerl vom Nachbarhof. "Eine Kunst heißen sie es, was kein normaler Mensch versteht, die sie dann sündteuer verkaufen", wusste er noch. Die Leute nickten und lachten dazu, weil ein jeder freilich eine blasse Ahnung davon hatte. 

Alle waren natürlich darauf gespannt, ob "der alte Krempel, den der Hans so schön hergerichtet hat", denn überhaupt noch funktioniert. "Oder ob es doch ein richtiger Ramsch ist, der nicht geht, auch wenn er schön aussieht." – "Und wenn es nur irgendwie gehen würde, Hans, möchten wir uns das Abfüllen und Zumachen von den Flaschen noch einmal zeigen lassen. Wenn es auch nur zur Erinnerung wäre." Denn hatten sie es nicht selber gesehen, wie er früher mit diesen schier gar eleganten Handbewegungen sein Geschäft erledigte, so war davon zumindest ab und zu die Rede gewesen – spätestens während des Wartens, als die beiden struppigen Kerle hier aufgemacht haben. Jetzt wollten sie es richtig sehen. "Also los, Hans, lasse dich nicht betteln!"

Auf ein Handzeichen von Bärlapper stellte einer der Helfer den Mechanismus an: In einem der schwarzen Türme rührte es sich. Alle hatten flugs den Kopf in die Richtung der Geräusche gewendet. Staunen stand den Leuten im Gesicht. Die Spannung machte sich Luft: "Ja da schau her, jetzt geht es los!" Alle traten aber vorsorglich ein paar Schritte zurück, denn es hätte ja was krachen können, "weil es ja vielleicht doch nur Schrott ist und die vom Schloss doch nicht gar so behämmert waren, dass sie es rausgehauen haben." 

Der Turm pustete sich frei, es zischte und stampfte – noch ein paar Schritte zurück! – und der Apparat erreichte bald schnaufend seinen Rhythmus. Der zweite machte es ihm nach. Es plätscherte und zischte. Die Leute mussten hierhin und dorthin sehen und kamen mit dem Zuschauen gar nicht mehr richtig nach, sie wollten freilich nichts versäumen, ihre Blicke gingen eilig umher. Jetzt begann die Flaschenreihe zu kreisen. "Lauter Braune!", rief jemand. Gleich wanderte die Reihe schaumgekrönt, klirrend auf ihren Meister zu. "Ja, da drehst du total durch! Das ist ja pfeilgrad wie echt! Ja so ein Hund, der Hans!"

Bärlapper stand zufrieden lächelnd da und machte, bis die Kolonne ihn erreicht hatte, Fingerübungen wie ein Klavierspieler. Dann langte er hin und alle sahen die Griffe aus seinen Händen gleiten, "schier gar, ganz geschickt, mit dem seinen Pratzen, ja das glaubst du ja nicht." 

Die gefüllten und von Hans verschlossenen Flaschen zogen darauf durch den Etikettierautomat hindurch zum Abkisten. Aus amtlichen, sprich gesundheitspolizeilichen Bedenken heraus musste bei dieser Aktion das Bier leider durch ein gefärbtes und jedenfalls äußerst trickreich zum Schäumen gebrachtes Wasser ersetzt werden. Der brave Bärlapper hatte nämlich nicht versäumt, beim Landratsamt nachzufragen. Aber alles sah ganz echt aus und die Leute staunten nicht schlecht, verrenkten sich fast den Hals, so viel gab es zu sehen, stupsten sich immer wieder an: "Da schau hin und dort und die Wapperl, die hat sich der Bärlapper vielleicht in der Stadt drinnen machen lassen." – "Oder doch ganz gewiss, wo hätte er sie sonst her. Beim Drucker. Meinst du, die hat er vielleicht selber gemalt?" – "Ja schön mit einem Bild vom Dorf, die Häuser, ein paar wenigstens. Ja freilich. Da siehst du es ja, wenn du genauer hinschaust: Die Kirche und das Feuerwehrhaus mit dem Schläucheturm, das ausschaut wie nochmal eine Kirche ..."

"Pratzen weg!", war Bärlapper einmal zu hören, als der Huber Michl nach einer Flasche greifen wollte, "nichts zum Saufen! Gleich gibt es aber was! Nicht dass mir einer verdörrt bei mir da herinnen!"

Dann stand ein Fass, ein ganzer Hirsch Freibier bereit, nämlich satte zweihundert Maß. Kein Geringerer als der Bürgermeister hatte anzuzapfen. Um diesen Dienst musste ihn auch niemand bitten. Der Bürgermeister hatte längst erkannt, dass alles hier durch die allgemeine Zustimmung bereits zu einer öffentlichen und damit wichtigen, ja schier gar amtlichen Angelegenheit gediehen war. Einer solchen musste er sich in diesem seinem Amte und im Hinblick auf die Wiederwahl selbstverständlich widmen. Er stellte sich in Positur. "Auf geht's, Bürgermeister!", befahl der Bärlapper, doch eigentlich nur wegen der Form, weil er ja der Hausherr war und es sich so gehörte. "Einen Durst gibt es!" Der Bürgermeister hatte sich die bereitliegende Schürze vorgebunden, wobei ihm der Gemeindediener half, sodann den Wechsel ans Spundloch gesetzt und führte jetzt mit dem Schlägel drei kräftige Hiebe aus. "Siehst du, das kann er wie so schnell kein andrer!", war zu hören. "Bravo! Kein Tropfen ging daneben!" Alle klatschten. Der Bürgermeister feixte fett in die Runde. Dann schäumten die ersten Gläser voll. Obwohl noch zwei kleinere Fässer angezapft wurden, dauerte es eine Weile, bis alle ihr Glas hatten. Das Warten machte freilich noch durstiger. Dann rann der Gerstensaft. Die Stimmung stieg an und auch die Lautstärke. Die Ritzlinger und wer sich sonst noch dazugesellt hatte, waren heiter und gelöst, ob des Ereignisses und wurden immer lustiger.

Die Bärlapper-Mutter schaute später einmal ganz scheu herein. Sie hatte die Tür zum Haus nur einen Spalt weit geöffnet, so wie sie es immer zu Stallzeiten gemacht hatte, damit nicht zu viel von der gülligen Stallluft ins Haus kam. Sie zählte die vielen Leute, die da mit ihren Bierkrügen in der Hand unbeschwert schwatzend und lachend herumstanden – wo doch früher die Rindviecher waren, "die auch gefressen und gesoffen haben, was ihnen auch zustand. Aber die Milch und Kälber gegeben haben und Mist und einen Odel. Lauter Sachen früher, die einen Wert gehabt haben und von denen wir das Auskommen gehabt haben. Und jetzt das ganze Dorf, das bloß rumsteht und nichts tut und dem Hansl sein Bier sauft." Aber ein Lächeln huschte doch über das von ihrem harten Leben so tief gefurchte Gesicht. "O mei, was macht denn der Hansl mit den Leuten und was soll es denn für einen Wert haben?", murmelte sie vor sich hin: "Aber vielleicht hat es dann doch einen Wert! Der Herrgott wird es schon wissen und richten." Dann war sie auch gleich wieder verschwunden. 

Es war alles in bester Ordnung. Die Leute waren zufrieden und gut gelaunt, weil es so etwas noch gar nie im Dorf gegeben hat, ja nicht einmal gedacht worden ist, dass es so etwas geben könnte, was sonst kein Ort in der ganzen Gegend je hatte und wohl auch haben wird. "Und dass der Bärlapper wieder unter den Leuten ist. Wo  doch viele den ganzen Verdacht gehabt haben." Alle sahen dem Bärlapper jetzt sogar die beiden vermutlich in der Stadt angeheuerten Landstreicher nach, die ihm zur Hand gingen. Die soffen zwar selber wie die Bürstenbinder, waren jedoch immerhin ehrlich und ausdauernd darum besorgt, dass keiner mit leerem Maßkrug herumstand. "Bloß ... ", schrie der junge Jackl vom Huber zum Bärlapper hin, "... bloß denen musst du auch noch irgendwann ein Trachtengewand drüberziehen und zuvor gescheit waschen musst du sie, verstehst? Abschrubben mit der Wurzelbürste darfst du die, denn ganz astrein sind die nicht."

Der Messner-Damerl lief herum und sagte ein: "Morgen kommt ihr bestimmt auch und da wird nichts gesoffen, zuerst, weil da der Herr Hochwürden Bahtiar kommt. Da wird das alles da herinnen ausgeweiht, das ganze saubere Zeug und der gewesene Kuhstall. Nämlich, dann liegt ein Segen drauf auf allem, obwohl es kein Vieh ist, das den Segen freilich nötiger hat, indem dass es Geschöpfe Gottes sind wie der Mensch. Und ihr kriegt auch ein paar Spritzer Weihbrunnen ab, was euch nicht schadet bei euren Sünden. Und eine Klosterfrau kommt auch mit, die den Hansl kennen soll, wie es heißt. Da führt ihr euch  anständig auf und redet nicht so schlampig daher. Und keine Sauereien schon gleich gar nicht!"

Der Damerl machte sich mit seiner Mission allmählich einen trockenen Mund, so dass er ordentlich nachfeuchten musste. Das Bier aber verzog ihm das Maß und er hielt sich bald an den Sünden und an der Klosterfrau aus seiner Botschaft fest. "Klosterfrau-Sünden-Weihbrunn", prosteten sie ihm zu, wenn er wieder ankam und zu seinen Worten ansetzte. Denn auch das hatte er vergessen, wo er bereits war. "Jetzt bist du aber still!", wurde ihm schließlich befohlen. Denn der Herr Rektor aus dem Nachbardorf, wo sie die Ritzlinger Kinder immer hinfuhren, hatte sich durch Händeklatschen bemerkbar gemacht. Er erhob seine Stimme: "Grüß Gott, hochverehrter Herr Bürgermeister und ihr lieben Leute alle!" Alle wussten, was einen jetzt erwartete, waren jedoch bereit, es geduldig über sich ergehen lassen. Nachdem der Herr Rektor seiner Freude über das schöne Wetter und der Freundlichkeit hier Ausdruck verliehen hatte, kündigte er in seiner Rede, in der er auch die Idee als solche und die realisierte Privatinitiative als Motor der Marktwirtschaft im Allgemeinen lobend hervorhob, an, dass er seine Lehrer umgehend anweisen wolle, "mit ihren Klassen diese wohl gelungene, nachgerade hervorragende Rekonstruktion, respektive Restauration eines Industriedenkmals sondergleich zu besichtigen und eingehend zu erkunden. Um aus einem gedeihlichen historischen Erziehungsansatz heraus den Kindern die Zeit der Eltern nicht nur vor Augen zu führen, sondern gewissermaßen auch zu erhalten und den Respekt vor der Leistung der Vorfahren zu aktivieren. An dieser Stelle und zu guter Letzt, aber nicht zuletzt, nicht zu vergessen die edlen Brotgeber auf dem Schlosse und weitsichtigen Urheber dieser wertvollen Gegenstände hier, denen alle Bürger so viel im ganzen Umkreise, wenn auch nun unter etwas anderen Voraussetzungen verdanken und verdankten all die Jahrhunderte hindurch." Der Herr Rektor schloss mit einer Verneigung in Richtung des Schlosses, darauf zu den Zuhörern hin, dann vor den Maschinen und nickte schließlich auch zu Bärlapper hinüber. 

Mit seinem Auftritt hatte der gebildete Herr alle für einige Augenblicke in Schweigen versetzt, sozusagen als stummes Echo. Bis der Görer zum Socher hin meinte: "Mein lieber Schwan, da kommen Leute, jede Menge, wirst du sehen. Und der Hansl kriegt einen Eintritt, und dann kann der leben davon wie der King, weil der gewiss auch noch zu brauen anfängt und mit der Konkurrenz dann die da droben total fertig macht. Von seinem Zeug da, musst du ja sagen von seiner so was wie einer modernen Kunst. Dann lacht der uns noch alle aus! Das hättest du nicht gedacht! Ein Sauhund ist der, ein ganz ein gerissener noch dazu, und für einen Blöden haben sie ihn gehalten. Ein bissl wenigstens, wenn du ehrlich bist!" 

Alle hatten mitgehört, und der Socher sagte laut in den Beifall hinein: "Den Bärlapper, den musst du jetzt noch richtig hersaufen, bevor der richtig viel Geld hat! Denn wenn einer reich ist, dann gibt der nichts mehr so leicht her!" 

"Eigentlich traurig ist es ja, dass immer alles anders wird und gleich gar nichts bleibt, wie es ist!", hörte Bärlapper den Brenner Hans zu seinem Nachbarn sagen. "Überhaupt, das mit der Tradition, das ist ja so, und da siehst du es ja wieder! Immer muss man sich erst dran gewöhnen, dann wird es eine Tradition. Wirst sehen, dass der Bärlapper mit seinem alten Schrott, der ja jetzt gar keiner mehr ist, den er hergerichtet hat wie neu, da auch eine Tradition macht.  Ein Museum da bei uns heraußen, da werden sie einen Neid haben in der Stadt drinnen, wo sie uns gern auch mal für Dorftrottel halten. Dem Lehrer, dem alten Bazi, der doch bald wieder hier auftauchen muss, dem wird man es sagen, dass er das hier vom Bärlapper in die Chronik schreibt. Dann schreibt er sie vielleicht bald, weil niemand bis jetzt noch nichts davon gehört hat, dass er eine macht."