Hannes Kothe-Opperau

Landpartie

     oder

Auf der Suche sein

Geschichten vom Land

 

Inhalt

Herz – und so

Haller fährt aufs Land

Dequadratviertel

Zum Jahresende irgendwo

So eine heiße Pracht

Danach bist wieder bei uns

Eingang zu Amt

Vor einer Liebesnacht und danach

Man sollte Geige

Ich werde jetzt mehr …

So ein Hin und Her

Man hieß mich wallen

Ein Leichenbegängnis

Ein Rebell vom Lechrain

Ihre kleinen Geschichten

Toms Auferstehung

Was in einigen Zeitungen stand:

Landsberger Tagblatt vom 19.06.2007

... vorstellen, und wer den Autor kannte, der ahnte bereits, dass ihn keine Lesung nach dem Schema „Tisch mit Glas Wasser drauf“ erwartete. Gleich am Anfang stellte der Autor und Bildhauer seine Skulpturen „Enso und Ensa“, die männliche und weibliche Form des „Seins“, vor. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Kothe-Opperau las markante Ausschnitte aus seinen Erzählungen, wobei er sich aber häufig vom Text löste und frei rezitierte, in seine Figuren schlüpfte und manche Szenen mit gekonnter Dramatik darstellte. Und immer wieder sind es interessante Charaktere, die, auf der Suche nach sich selbst, in die absurdesten Geschehnisse verwickelt werden und dadurch gleichsam in die Abgründe ihrer eigenen Seele stürzen. Da ist der Lehrer Berziger, der an seiner Aufgabe zusammenbricht, da kann der Totengräber Martl seine grausig-makabren Erlebnisse nur mit Alkohol übertönen, da gerät der Bauer Bärlapper unter Mordverdacht. Köstliche Ironie in der Geschichte „Man hieß mich wallen“, wo der Protagonist der Erzählung  in einen heftigen Streit mit dem Autor gerät.

Weilheimer Tagblatt vom 19. Oktober 2007

... Der neueste Erzählband des Hohenfurchers heißt "Landpartie", kam beim Wißner-Verlag Augsburg heraus (162 Seiten, 9.80 Euro) und berichtet mal augenzwinkernd, mal ironisch distanziert von Landwirten und Lehrern, von schnöseligen Schlossherren, irren Journalisten, korrupten Politikern — gern in Umgangssprache und Dialekt, immer gerade heraus. "Ich will nicht stromlinienförmig schreiben, nicht nur Standarddeutsch reden lassen", erklärt Kothe, "einfache Figuren reden in einfacher Grammatik. Aber man muss behutsam damit umgehen." ...

     Die Erzählungen:

Herz – und so

„Runter zur Aufsicht“, mahnte Berziger sich. „Nein. Das schaffe ich

jetzt nicht. Hundselend ist es mir. Es pfeift wieder so in den Ohren.

– Ein verdammter Flop, die Versetzung aufs Land damals.

Hierher. Wo man sich angeblich schonen kann.“

Im Pausenhof war sein Sorgenkind jetzt wieder Mittelpunkt.

„Sie lassen Dampf ab an ihm. Ich werde den Trottel aus der Klasse

 entfernen müssen!“, ärgerte sich Berziger. „Der macht mir den

 ganzen Unterricht kaputt! Allein durch seine Art. Die leeren

Augen. Sein schlaffes Gesicht. Der Sabber in den Mundwinkeln.

Immer, wenn die anderen ihn ansehen, müssen sie ihm irgendwas

antun. Grimassen schneiden, Papierknäuel werfen … Häme. Ein

böses Vergnügen.“ Er holte tief Luft und legte die Rechte an

die Herzgegend.

„Greife schon lange nicht mehr ein“, murmelte Berziger vor sich

hin. „Gelegentlich Mitleid. Aber wer weiß, so einer fühlt sich auch

irgendwie wohl. Einer wie der fühlt anders als unsereiner.

Ein einfaches, leichtes Leben!“, redete sich Berziger heraus.

Er sank auf den Stuhl. „Etwas Tee.“

Er nahm einen Schluck. Es tat wohl. „Dem seine Ansprüche

an das Leben sind viehisch parterre. Wohl von Vaters Kühen

abgeschaut“, fand sich Berziger erneut in seinem Selbstgespräch.

„Der nimmt, was kommt – was unsereiner längst übersieht.

Was weiß so einer schon um unsere Höhenflüge – um unsere

Abstürze? Seine Genussebene ist viehisch. Durch die Last

unserer Ansprüche ist dieses Paradies aus uns rausgequetscht.

Der hätte sogar Anlass, über unsereinen zu lachen!

Aber eigenartig. Habe ich ihn überhaupt schon mal lachen

sehen?“

Berziger kramte seine Pillen hervor. „Verdammt flau. Aber nicht

wieder Wochen ausfallen. Die Kollegen …

Dieser stechende Schmerz im Brustkorb!“

Dann war Berziger wieder vor die Klasse.

Der Einstieg ins Thema gelang nicht. Die Tabletten wirkten

kaum. Die Klasse war unruhig. „Es nervt!“, sagte er – ohne

gehört zu werden. Herzstechen. Er schleppte sich zum Pult. Ihm

drehte sich alles vor den Augen. Berziger nahm noch wahr, dass

die Schüler umhersprangen und das Schwätzen längst in lautes

Lärmen übergegangen war …

                                             ––––––––––––––

„Na. Sie machen ja Sachen!“, leitete Willner im Krankenhaus

sein Besuchsgespräch ein. „In Ihrer Klasse war vielleicht was

los, als wäre noch Pause! Ihr Einfaltspinsel kam zu mir ins Rektorat

gelaufen: ‚Dem Lehrer ist‘s schlecht!‘ – Sagen Sie, das mit diesem

 Kerl wird immer schlimmer. Wie der nur aussieht und wie er

 sich gibt. Also, ich kenne ihn seit der Einschulung. – Also, ‚dem

Lehrer ist es schlecht‘, hat er doch noch rausgebracht. Ich bin aus

meinem Rektorat gleich hinüber. Man hat Ihnen ja kaum was

angesehen. Sie waren zwar bleich, eher grüngelb, aber sie saßen

an ihrem Pult beinahe aufrecht. Na, wohl der starke Wille,

nicht unterzugehen. Wo käme man auch hin, wenn man

diesen Willen nicht hätte in unserem Beruf und in diesen

Zeiten und mit dieser Jugend?“

Er verabschiedete sich bald: Berziger solle zusehen, dass er

rasch wieder auf die Beine komme. Alle klagten, dass sie so viel

Arbeit hätten, und er selber habe mit den Vertretungsplänen die

größten Schwierigkeiten.

                                 ––––––––––––––

„Haben es denn nicht wenigstens meine guten Schüler bemerkt,

dass mit mir etwas nicht in Ordnung war?“, fragte sich Berziger.

„Sie hätten es doch bemerken müssen. Sollte es wirklich nur

der Trottel empfunden haben?“, ging Berziger durch den Kopf.

„Vielleicht so etwas wie tierische Witterung, Instinkt. – Aber

vielleicht hatten die Guten es doch bemerkt und den Trottel nur

geschickt? Der stupide Kerl kam doch nicht etwa von alleine

darauf! – Ich werde sie fragen. Die kommen sicher, mich hier

zu besuchen.“

Tage vergingen.

Wenn angeklopft wurde, hoffte Berziger, dass seine jungen

Leute vor der Tür stünden.

Irgendwann kam der Krankenpfleger mit einem sonderbaren

Gebinde daher. Er lachte und reichte es Berziger so, als ekelte

er sich davor: Eine angebrochene Tafel Schokolade mit einem

Bändel darum. Es war ganz verworren geknüpft. Darauf lagen

zwei Löwenzahnblumen.

Berziger ahnte bereits.

Der Weißkittel freute sich: „Das stammt offenbar von einem

Verehrer von Ihnen. War das ein komischer Kerl. Hat bloß immer

Ihren Namen – ja, eigentlich nur gelallt. Wir haben ihn natürlich

 wieder weggeschickt. Was sollte der auch bei Ihnen?

Dem gebe ich höchstens ein Halbnormal!“

Haller fährt aufs Land

Die Ampel stand auf Rot. Haller trat auf die Bremse. Da war ihm

der Wagen auch schon in die Kreuzung gerutscht. „Mensch,

Glatteis!“ Er fühlte den Pulsschlag im Hals.

Beim Anfahren schlitterte das Heck zur Seite. Haller erschrak

aufs Neue. Fast stand das Auto quer! „Auf die Kupplung! Das altes 

Ding hat ja kein ABS! Ja  nicht auf die Bremse!“, murmelte er vor sich 

hin. Er hatte gleich wieder alles im Griff.

Haller hatte die Stadt hinter sich. Auf einmal packte ihn der

Übermut. Er probierte auf freier Strecke so was wie Wedeln:

„Wie auf der Skipiste!“, kicherte er.

Dann nannte er sich einen Idioten. „Sieh zu, dass du nicht im

Graben landest – oder einem anderen in der Karosserie: Peng!

Dieses dumpfe Dröhnen! Und dann das Entsetzen! Blut …“ Es

überlief ihn kalt. „Nur nicht daran denken!“

Scheinwerfer in der Ferne! Haller zählte: „Acht, neun oder zehn

Autos. Okay, sie halten auf Abstand und kriechen irgendwie nur

 so dahin“, beruhigte er sich.

Da, plötzlich! „Was soll denn das?“ Haller stockte der Atem. Da

war einer aus der Kolonne ausgebrochen! „Der Irre überholt!“,

schrie Haller heraus. „Ein Wahnsinniger! Kommt auf mich zu!

Schleudert total!“ Es war wie in Zeitlupe. „Ein großes, schweres

Ding!“, stammelte Haller vor sich hin. „Macht dich platt mit

deiner kleinen Rostlaube!“

Für Sekunden war der andere schon hinter der Scheibe zu erkennen:

Ein fettes Gesicht, aus dem das Entsetzen starrte. Der Mensch

kurbelte hektisch am Lenker. Und der Straßenkreuzer schlug umso

wilder aus auf dem Eis.

Die Schlange gegenüber war bereits am Straßenrand zum Stehen

gekommen. Einer nach dem anderen hatte es geschafft.

Da blitzte es Haller auf: „Rechts raus! Vorbei lassen! Und zusehen!

Der landet am Alleebaum! Zusehen, wie dieser Straßenkreuzer

zerknautscht!“

Hinterm Fenster hervor starrten jetzt die Leute auf die beiden

Akteure.

„Trau dich was!“, durchzuckte es Haller. Dass ihm bei dem Tempo

nicht viel passieren könne, spukte ihm plötzlich durch den Kopf …

Der große Amischlitten aber mäanderte nur noch ein paar Meter

vor Haller. Und die platten Nasen an ihren Fenstern drüben

lauerten auf den Crash: aufs Krachen, Knirschen, Splittern …

Flugs hatte Haller seine Gespinste durchtrennt. Das bedrohlich

tanzende Ungeheuer war direkt vor ihm. „Weiter! Nicht bremsen! Der

Dicken soll rechts vorbei!“, befahl sich Haller. „Leicht nach links

anziehen! Verdammt! Die Kiste schlittert hinten weg! Kupplung!

Steuer nach rechts!“ Der Wagen hinten wieder nach links …

Herüber, hinüber, herüber, hinüber …

Das Kreischen einer Frau. Die Leute gegenüber hatten runtergekurbelt

und die Köpfe rausgestreckt. Eine Show: zwei so ungleiche blecherne

Tänzer auf dem Eisparkett!

Plötzlich schien für Sekunden alles zu Ende gekommen: Der

große Wagen war aufs Bankett geschlittert, und die Bremsen

hatten offenbar gegriffen.

„Da, da!“, schrie einer, und die Köpfe fuhren herum: Die kleine

Rostlaube schlenzte noch hin und her – und schlängelte sich

jetzt zwischen ihnen und der Nobelkarosse hindurch. Das mickrige

alte Ding brach immer wieder aus, wurde eingefangen, schlug

 aus wie ein Pendel, beschrieb fortgleitend Wellenlinien, wurde

 in die Gegenrichtung geführt, tanzte, wedelte, schwenkelte,

schlenkerte auf dem Eis … Dennoch, immer wieder unter

Kontrolle, erkannten die Gaffer: Dieser Kerl da kriegte das Ding

ja immer wieder richtig in die Hand, klar, das ist einer, der es

kann, einer, der das beherrscht, ein richtiger Dompteur! Tolle

Augenblicke! Eine Nummer schon, wie im Circus! Was sollte

noch passieren?

Der Wagen war schon am letzten vorbei. Nur noch leichtes

Flattern. Nun völlig in der Richtung. Es war geschafft!

Jetzt rissen die Leute die Wagenschläge auf, sprangen auf die

Fahrbahn, rannten, rutschten auf die Straße, winkten Haller

hinterher, klatschten und warfen die Arme in die Höhe …

Haller sah alles im Rückspiegel, sah, wie sich auch der fette

Mensch aus seiner Luxuskarosse herauszog, fertig, bleich …

Er sah seinen Triumph an Ort und Stelle bleiben.

Dequadratvietel

 

Kobenmüller hatte in der Arbeit beim Schüler Hassler das richtige Ergebnis gesehen und rollte nun die Aufgabe vom Ende her auf. „Der Bursche könnte ja abgekupfert haben“, argwöhnte er.

 Schon war er an einer kritischen Stelle: „Durchmesser …“, sagte er laut vor sich hin. „Der Bursche ermittelte die Kreisfläche doch tatsächlich mit dem Durchmesser!“, bestätigte er seine Entdeckung und gab sich der Genugtuung hin, diesen Hassler überführt zu haben. „Na so was!“ Er ließ die Korrektur liegen, um sich einen Kaffee zu gönnen. Als er so auf das Wasser wartete, ging ihm die Angelegenheit noch einmal durch den Kopf – und führte ihn weit zurück. Er stieß darauf, dass man ihnen ja im Seminar eingepaukt hatte, beim Kreis die Umfang- und die Flächenformel auseinander zu halten. Schüler verwechselten diese immer wieder, hatte es geheißen. So hatte er immer artig danach gehandelt. „Das muss doch in die Schädel reinzukriegen sein“, biss er sich (auch jetzt wieder, als sein Wasser gerade zu kochen begann) fest. Das Schuljahr war lang, viel zu lang, bemitleidete er sich selber. Der Inhalte gab es viele. Die paar Wochen aber, die er dem Kreis zu widmen hatte, kostete er als Höhepunkt aus.     

Kobenmüller nahm ja auch jetzt bei dem ersten Schluck Kaffees durchaus wahr, dass er stets kämpferisch zur Sache kam und (er nahm in der Hitze seiner Gedanken einen tiefen Schluck) dass mit jeder Steigerung darin auch ein gewisser Grad der Vergeblichkeit einherging. (Er hatte sich die Zunge verbrannt, die Brühe aus dem Mund wieder in die Tasse laufen lassen und sog jetzt kalte Luft über die brennende Zunge.) Während dieser Kühlbemühungen hatte er auch noch gegen das Gefühl der Vergeblichkeit anzukämpfen und wollte sich auf keinen Fall in der Rolle eines Don Quichotte der Kreisberechnung sehen müssen. Mannhaft bestimmte er: „Alle Durchmesser-Flächen-Versuche, bleiben aus meinem Unterricht verbannt“, fand er im abklingenden Schmerz. 

Selbst unter seinesgleichen wollte Kobenmüller auch in Zukunft jede sich bietende Gelegenheit nutzen, dahingehend aufzuklären. Wenn diese in der Vergangenheit einmal gegeben war, hatten es die Anderen ja mit einiger Geduld ertragen. Lediglich seine Deutsch lehrenden Kollegen, fiel Kobenmüller ein (bei seinem jetzt achtsamer eingenommenen Kaffee) hatten sich offen darüber mokiert, dass er den eines gebildeten Menschen angeblich unwürdigen Reim erzeugt hatte: „Die Fläche ermittle stets mit dem Ra­dius, / Mit Durchmesser machst du bei Fläche Stuss!“ Die Schülerzeitung hatte ja seine tolle Gebrauchslyrik aufgenommen. Es machte ihm auch jetzt (beim letzten Schluck Kaffees) noch nichts aus, den jun­gen Leuten damit einiges, wenn auch boshaftes Vergnügen bereitet zu haben. Das nur scheinbar geringe Nive­au des Spruchs wollte Kobenmüller als Element bereits professioneller Werbetechnik erkannt haben, die sich – wie er überzeugt war – auch solcher Schocker befleißigte.

 

(Lange Zeit verborgen war ihm geblieben, was unter den Schülern die Runde machte: „Wenn ihr den Kobenmüller kriegt, habt ihr viel Spaß. Der steigert sich rein: Den könnt ihr mit seinem idiotischen De-Quadrat anlassen wie einen Motor. Und wenn ihr mal eine Stunde ohne Stoff durchbringen wollt, dann tippt das eben nur mal an.“

Natürlich hatte er schließlich doch davon gehört. Dass der Erfolg allein wichtig sei, das, was man der Jugend mitgeben könne, hatte er sich da gesagt.

Seit ihm einmal hinter der Ecke hervor ein stimmbrüchiges „De-Quadrat“ erreicht hatte, kannte Kobenmüller schließlich auch seinen Spitznamen – und nahm ihn lachend als sein Emblem an.)

 

Er saß jetzt wieder vor Hasslers Rechenarbeit, in der die von ihm blindwütig verdrängte Formel Anwendung gefunden hatte. Dieser Bursche war doch schon Jahre unter seinen Fittichen. „Also handelt es sich um eine echte Unart“, empörte er sich. „Allerdings hat der Kerl alles richtig!“, musste sich Kobenmüller eingestehen, nachdem er sich wieder beruhigt hat­te. „Vielleicht ist der Lauser ein ganz abgefeimter Zyniker? Und das bereits in diesen jungen Jahren. Man wird ihn im Auge behalten müssen!“

„Dieser Hassler geht ja mit der Formel ganz sicher um!“

„De-Quadrat...“ Er zuckte zusammen „Pi ...“ Er saß eine ganze Weile wie gelähmt da. „Herrgott, das war ja richtig verschüttet bei mir!“, stammelte er.  Da suchte ihn eine ungute Erinnerung heim: „Menschenskind! Wie war das damals bei der Zweitkorrektur?“ In Kobenmüllers Kopf hämmerte es: „Der Kollege gab sie mir mit der Bitte, sie schnell zu erledigen. Mein Blick aufs Papier. Da stand De-Quadrat ... Ja, freilich, wie hier beim Hassler! Und das war ja damals doch auch so verdammt richtig – wie hier beim Hassler!“ Er schnappte nach Luft. „Und ich hatte damals den Stift gezückt. Zack, ein roter Strich durch die Aufgabe ...“

Kobenmüller fügte sich mit diesem Rückblick eine tiefe Wunde zu. Diese schmerzte ihn. Bald trieb es ihn grausam um: „Der Kollege hatte damals nur gefragt, ob ich bei dieser Entscheidung bleiben wolle.“ Kobenmüller hatte direkt das Mienenspiel dieses Menschen von damals vor Augen und glaubte jetzt in seinem Horror, die Stimme von damals zu vernehmen und interpretierte jetzt Hohn und Verachtung hinein. Alles focht ihn außerordentlich peinlich an, ja, es nagte ihn ausgesprochen an.

„Am schlimmsten ist, dass man es jetzt nicht mehr ändern und irgendwie verwischen und überspielen kann wie sonst, wenn einem ein Lapsus unterlaufen war.“

 Kobenmüller schrieb so plötzlich und entschieden eine Eins auf Hasslers Arbeit, wie er damals das Ergebnis mit einer Sechs ans andere Ende der Notenskala gedrückt hatte.

Was er in der Folgezeit auch unternahm, nämlich besonders nett, ja, ungewöhnlich nachsichtig zu seinen Schülern zu sein, den Kollegen freundlich zu begegnen ... Es half ihm in seinem aufgewühlten, verletzten, gehetzten Inneren nichts. Kobenmüller hatte enorm qualvolle Tage zu durchleben. Schreckliche Wochen wurden daraus. Der Gedanke hielt ihn gefangen und peinigte ihn, dass seine fachliche Kompetenz vernichtet war. „Wie lange wissen die Anderen davon?“, fragte er sich immer wieder, fühlte sich gehetzt, gejagt – waidwund. Wenn er einem Kollegen begegnete, zuckte er zu­mindest innerlich zusammen – bevor er zu seiner übertriebenen Freundlichkeit ansetzte.

„Vielleicht habe ich dem Jungen sogar derart geschadet, dass seine ganze Zukunft verdorben ist“, überkam ihn dann auch noch. Kobenmüller trieb es nun auch noch um, dass der Junge auf die schiefe Bahn geraten sein könn­te, weil er durch diese, nämlich seine, Kobenmüllers eigene, hanebüchene Fehlentscheidung in seinem Gerechtigkeitsempfinden verletzt worden war und gar an der ganzen Gesellschaft, dem Staat und seinen Vertretern zu zweifeln begonnen hatte.

Kobenmüller fühlte sich am Ende unbeschreiblich elend. Er meldete sich krank und blieb der Schule fern.

 

Zu Hause fand er auch keine Ruhe, geschweige denn Erholung. Sein Zustand verschlimmerte sich sogar. Bald litt es ihn dort auch nicht mehr. Er spielte damit, sich auf  Reisen zu begeben – das Risiko in Kauf nehmend, dafür dienstherrlich zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dieser Einfall ließ ihn nicht mehr los, bis er sich gar danach sehnte, jemandem für so etwas Greifbares geradezustehen, wie diesem sich dann abzeichnenden 'sich ungerechtfertigt vom Genesungsort zu entfernen und Freizeitbetätigungen nachzugehen'. So etwas Irrwitziges wie eine Sehnsucht nach Strafe keimte in ihm, so hinfällig war er bereits.

Doch vorerst war er in seiner vermaledeiten Sache immer noch nur sein eigener Richter und konnte zwar – im Namen wessen auch immer – entscheiden. Sich fortwährend selber aus­geliefert, nahm er seine Schuld- oder Freisprüche  nicht mehr ernst, zumal sich alles wiederholte und abschliff, was er um den allemal steinharten Brocken der Selbstanschuldigungen an Aufarbeitung auch unternahm.

Am Ende bemühte Ko­benmüller sogar den längst verschüttet geglaubten archaischen Begriff der Entsühnung und wollte es mit Bußübungen versuchen. Vergeblich. So stellte er auch seine Sühnearbeit als erfolglos ein.

Jetzt warf er sich Hals über Kopf in Freizeitaktionismus, weil der einem bekanntlich den Kopf entleert. Er stürzte sich aufs Segeln, sogar mit einer Argumentation, die er zwar genoss, aber sich selber gegenüber als weit unter seinem Niveau bezeichnete: Der fliegende Holländer, dessen er sich anlässlich der gerade stattfindenden Wagnerei in Bayreuth entsann, sei ja auch, allerdings durch die Selbstaufopferung einer Jungfrau, erlöst worden. Das Herumschippern trug sogar eine Weile. Aber die alte Gewissenspein fand immer wieder Lücken, um sich einzuschleichen und ihm sozusagen innerlich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Man wechselt in solchen Fällen die Gefilde – nicht nur die Tapete“, war er sich bald im Klaren. „Man muss sich herausfordern, sich völlig neu oder gar erst richtig einstellen ...“

 

Aufs Geratewohl – und für seine Verhältnisse wiederum geistig ordinär – war Kobenmüller einfach abgehauen, ohne weiter zu kalkulieren und zu berechnen. Sein Instinkt, dem er zu vertrauen beschlossen hatte, trieb ihn in die Richtung Osten und dabei südlich. Und auf  Bali dockte er nach geraumer Zeit an.

Zunächst wie alles Neue unkommod, stellte sich jedoch unverhofft und aufs Höchste überraschend Ruhe ein, und er fand sich schließlich gut zurecht. Dann war es auch so weit, dass sich so etwas wie ein mehr oder minder unangefochtenes Sein in ihm ausbreitete: Sonne, Strand, Hüttenleben – und der pralle Segen der Liebe ... 

Kobenmüller genoss, was er ehedem als kitschiges Klischee verlacht hätte.

Eines Nachts, sein Bewusstsein dämmerte gerade in den köstlichen Schatten der Nacht hinüber, überkam es ihn: „Sei doch nicht so dumm, gescheit sein zu wollen!“ Das erschien ihm sofort, kaum, dass er es richtig wahrnehmen konnte, wie eine Eingebung. Die Erregung darüber holte ihn flugs aus seinem Zwielicht. Er ließ sich noch zu später Stunde darauf ein nachzudenken. In seiner neuen Umgebung hatte er ja tatsächlich schon begonnen, der dort immer auch gegenwärtigen Jenseitswelt eine gewisse, wenn auch noch recht distanzierte Aufmerksamkeit zu widmen. Und nun meinte er, dass diese Eingebung nach der Eigenart ihres Auftretens nur von irgendwoher, jedenfalls nicht aus seinem eigenen Kopf stammen konnte. Er überlegte, ob es wohl ein böser oder ein guter Geist war, der ihm diesen Appell hatte zukommen lassen. „Es sind gerade diese Grenzzustände, in denen sich die hellen Zonen im Kopf ins Bett des Unterbewusstseins legen“, war er überzeugt. Daran anknüpfend, erinnerte er sich, solche oder ähnliche Anwand­lungen in besagten Zuständen an der Grenze des Wachseins bereits als Schüler, als Student bei unterrichtlichen Veranstaltungen gehabt zu haben. So fühlte er sich im irgendwie doch Vertrauten, das nur etwas verschüttet gewesen war, geborgen und schlief endlich mit diesem guten Gefühl ein.

Gleich beim Erwachen war dieser Sinnspruch wieder da: „Sei nicht so dumm, gescheit sein zu wollen!“ Kobenmüller nahm sich seiner an und versuchte, Material zu sammeln, um eine Rechtfertigung für die Praktizierung des Epigramms zu erzeugen (denn Reste des alten Abendländers steckten freilich noch in ihm). Bei seinen Nachforschungen fielen ihm dann die Einleuchtungen geradezu in den Schoß, und zwar des Kalibers, dass die Natur den Rechten Winkel nicht kennen wolle, sondern eben nur toleriere, dass sie aber die Rechtwinkler mit Beschränktheit strafe. Und dass die Natur vielmehr nur das Leben kenne, nämlich das vollzogene, nicht das be- oder gar erdachte. 

„Allen Theorien- und sonstigen Kram raus aus dem Kopf!“, forderte er sich auf. „Dieses Intellektgehäufe dient ja nur dazu, sich nicht mehr mit Fischfang, Wildstrecke und Früchtesammeln beschäftigen zu müssen, weil man das irgendwelchen Sklaven ... Ach so, diese Sklavenhaltungsgesellschaften, auch die zeitgenössischen, die ihr Gehirn im Schatten halten und mit Hirngespinsten aufladen. Bei denen schleichen sich die Gedanken ein, wie sie andere für sich an die Ressourcenbergung bringen können. Und sie kapieren nicht, dass sie sich damit selber zum Lakaien ihrer Bemühungen machen.“

Gerade die Schlichtheit seiner Einsichten empfand er als Glück – und die Tatsache, dass er erst gar nicht in Versuchung kommen konnte, sie jemandem anzuvertrauen oder sie gar zu diskutieren. Denn wer hätte ihm in seiner neuen Umgebung auf so etwas eingehen wollen?

 

Als ihn die böse Angelegenheit aus der Vergangenheit dann doch einmal gedanklich heimsuchen wollte (eine seiner Hütten-Gefährtinnen kam gerade nieder, und er saß dabei, von den Medizinfrauen zur Untätigkeit verurteilt), fand diese Affäre keinen Einlass mehr im Gemüt, konnte nur kurz in der kalten Erinnerung lungern, um dann doch für immer zu verschwinden.

Kobenmüller fühlte sich (den eben zur Welt gelangten und dem Vater gegenüber etwas dunkelhäutigeren Josef-Emanuel im Arm) über die Fiktion erhaben, in seine alten Verhältnisse zurückzukehren. Die Verantwortung nämlich, die ihm die Gegebenheiten während seiner über die Maßen angenehmen Genesungsarbeit aufgebürdet hatten, hielt ihn, wo sich Kobenmüller beinahe mit jedem Erwachen wie neugeboren fühlen konnte.   Er war längst überzeugt, es obendrein seiner Gesundheit schuldig zu sein, an seinem Genesungsort zu verharren. Die Kinder, mit denen er es auch dort zu tun haben würde, hatte Kobenmüller unternommen, selber zu zeugen. Erst aber wollte er noch eine Weile von seinen lieben Naturwesen ins pralle Leben eingeführt werden.

 

 

Zum Jahresende irgendwo

Es kündigte sich die Zeit der Weihnachtsfeiern an. Zwar war

es noch eine Weile hin. Aber bei der Kramerin, die seit ein

paar Jahren den Edeka hatte, lag bereits der süße Himmel in

den Regalen: Es gab den schokoladenen Nikolaus, Engel und

Sterne dazu. Und so manche Mutter traute sich gar nicht mehr,

die kleinen Schratzeln mitzunehmen, nämlich wegen der Quengelei.

Wenn sie dann doch mürbe geworden war, musste sie

die Kinder sogar noch auffordern, alles gleich hineinzufuttern.

Sonst hätte ihr zu Hause die Oma in den Ohren gelegen: So

eine Schleckerei hat es früher bei uns vor Weihnachten nicht

gegeben.

Auch in der Stadt drinnen und im Fernsehen war Advent längst

mit Hilfe von Santa Claus, diesem liebenswürdigen Trottel

aus Übersee, zu Marktgeschrei geworden. Der Manger Matthis

schickte zwar seine Trachtler-Kinder zum Klöpfeln von Haus zu

Haus: Ein Lied, ein Segenswunsch für die Hausleut – und dafür

gab es dann Naturalien, lieber natürlich hörten sie es im Beutel

metallen klimpern. Aber diese Aktion war nur ein bunter Tupfen.

Gegenüber der Stadt konnte man auf dem Dorf – Pfarrers

Mahnungen zwar im Ohr, dass der Advent eine ruhige, ja sogar

Fastenzeit sei – nicht zurückstehen. Denn man wollte sich nicht

für rückständig und damit für blöd verkaufen lassen. Alle Vereine

bemühten sich sodann und legten ihren Termin fest – und

sich ins Zeug. Die Tradition gebot den Vorständen, unbedingt

auch etwas für die geistige Erbauung zwischen dem Hunger

nach Unterhaltung und den schieren Ansprüchen des Leibes zu

landen. Das musste man gut, ja raffiniert kombinieren. Denn es

hatte sich auch schon gezeigt, dass gerade in der Weihnachtszeit

selbst die beste Darbietung in Kritik ersäuft worden war.

Und zwar genau dann, wenn man den Leuten die Kultur bei leerem

Magen und im wahren Sinn des Wortes, nämlich trocken,

zugemutet hatte. So erwärmte man sich beim Krippenspiel gerne

mit Glühwein, und die Lesung des Weihnachtsevangeliums

konnte durchaus mit Gebäck versüßt werden. Lediglich so etwas

wie Stille-Nacht, vom Schlager und der Folklore noch süßer und herzergreifender getrimmt, ging immer so ans Gemüt,

dass es ohne Beilagen geboten werden konnte. Dann folgte jedoch

meistens die Christbaumversteigerung, die die Stimmung

aufhellte und Geld in die Vereinskasse brachte. Abgeschlossen

wurde dieser Teil sinnigerweise durch das Absingen von Oh-

Tannenbaum. Worauf die Ehrung verdienter Mitglieder folgen

konnte. Was natürlich unter Ausschank von Freibier geschah,

welches die Geehrten zu stiften hatten. Und die musste man

richtig hersaufen, damit sie nicht hoffärtig wurden und damit

sie merkten, dass alles seinen Preis hat im Leben. Am schwierigsten

war es jeweils, irgendwo auch das Gedenken an die Toten

unterzubringen, denn am Anfang stand ja immerhin Die

Geburt, und am Ende der Feier gab es zu viele, die ihren Durst

schon zu eifrig gelöscht hatten und Gefahr bestand, dass da wer

nicht an sich halten konnte.

Einladung zu diesen Feiern erfolgte erst, nachdem die Termine

im Dorf sorgfältig abgestimmt worden waren. Wobei alle Prominenten,

auch der Bürgermeister mit seinem Gemeindeschreiber,

stets ihre ohnedies schon aufopfernden Dienste anboten.

Denn niemand, der guten Willens war, sollte doch auch nur

eine dieser dörflichen Herz- und Seeleausschüttungen – etwa

wegen unzureichender Planung – versäumen müssen. Das wäre

ein echtes, obendrein unverzeihliches Armutszeugnis für die

führenden Köpfe im Dorf gewesen und hätte mit Sicherheit bei

Wahlen seinen unerbittlichen Niederschlag gefunden. „Denn da

siehst es ja, was einer kann. Und nach was solltest sonst gehn,

wennst deine Kreuzl machst? Weil, politisch und so sind wir eh

nicht da heraußen bei uns. Weil‘s das nicht braucht.“

Man hatte dann bereits einige dieser Feiern hinter sich gebracht.

Von denen man schon auch mal erst zur Stallzeit, jedenfalls

sehr erfüllt und wieder um sein Menschsein wissend,

nach Hause ging.

 

 

 

 

So eine heiße Pracht

   Es mochte Ende der Neunziger gewesen sein, da hatte endlich einer dieses Schloss erworben. Es lag immerhin inmitten herrlicher Natur und obendrein in Großstadtnähe. Allerdings halste sich der Käufer damit eine Ruine auf.

   Nachdem sich das Erstaunen darüber gelegt und sich herumgesprochen hatte, um wen es sich bei dem neuen Schlossherren handelte, wurde in der Zeitung eine kulturelle und heimatpflegerische Tat der Familie dieses Industriellen daraus. Dies geschah sozusagen auf Vorschuss, der Zustand des alten Gemäuers ließ jedoch gar keinen anderen Schluss zu, als dass zumindest bauliche Erhaltungsmaßnahmen ergriffen würden.

   Kein Museum sollte daraus entstehen, das war schnell klar. Es sollte neben der Möglichkeit zur Repräsentation auch Wohnlichkeit hergestellt werden. Die Pläne dazu lagen bald auf dem Tisch – gefolgt von den Bedenken des Denkmalschutzes. Mit Anwälten und Fachgutachten war jedoch Paroli zu bieten. Als sich am Ende doch noch das Bauamt an den geplanten sanitären und sonstigen Installationen als erheblichem Stilbruch festbiss – und dies mit möglichem Erfolg, kam der Prozess ins Stocken. Jedenfalls vertagte sich der Bauausschuss, ohne einen Beschluss fassen zu wollen. Darauf nahm die Presse einen tiefen Atemzug von der Luft über den Stammtischen und brachte einen Leserbrief:

 

Da will ein zwar gewiss nicht mittelloser Mitbürger sein Geld immerhin in das erhebliche Risiko des Erhaltes eines altehrwürdigen Gemäuers stecken. Er plant das unter Opfern und Mühen, anstatt sich problemlos etwas Neues hinstellen zu lassen. Und da ist dieser Heimatfreund und Kunstkenner unter Zurückstellung von Eigeninteressen bereit, der Öffentlichkeit ein Stückchen örtlicher Vertrautheit und baulicher Kultur zu bewahren.

Gerade staatliche Stellen hätten bei ihrer chronischen Geldknappheit dankbar sein müssen, dass ein privater Investor für eine im Grunde öffentliche Aufgabe die Geldbörse öffnet.

Es leuchtet aber einigen Köpfen in der Kreisverwaltungsbehörde nicht ein, dass sich ein Mensch unserer Zeit kaum nur mit Wessobrunner Stuck und Marmorsäulen begnügen kann und dass er auf Ausstattungsstandards gar nicht verzichten kann. Jedes Bauernhaus hat heute elektrischen Strom und fließend Wasser.
Es ist kaum nachvollziehbar, dass behördliche Stellen wieder ihr Knüppel-zwischen-die-Beine-Spiel betreiben und den Fortgang der Restauration des Bauwerkes mit Behördenkram behindern.
Tatsächlich vernichtet das kleinkarierte, kurzsichtige Paragrafenreitertum ein großherziges Konzept zum Erhalt des unwiederbringlichen Kleinods. Man muss mit größtem Bedauern feststellen, dass dieses Stück Heimat nun wohl dem endgültigen Verfall preisgegeben ist.
Auch wird die heimische Wirtschaft das Nachsehen haben. Dass sich auf einen Investor dieses Kalibers mit Sicherheit bereits andere Gemeindesäckel freuen, ist abzusehen.

 

   Das hätte wirken und den Bauausschuss in eine positive Entschlusslaune versetzen können. Es war indessen durchgesickert, dass sogar ein Golfplatz und ein kleiner Flugplatz geplant seien. Und gleich stürzten sich die Naturfreunde darauf. Ihr Kampf um den Erhalt "des idyllischen Fleckchens Erde" begann mit Leserbriefen. Die Heimatzeitung hat sich, wenn auch mit gehörigen Kürzungen eingreifend, dem nicht ganz verschließen können, war jedoch sozusagen zwischen zwei Stühlen platziert. Denn einerseits haben die Ökokämpfer mit ihrer Angriffslust das Meinungssediment aufgemischt und somit gewiss Lesebereitschaft mobilisiert, andererseits hat man sich der Stammleserschaft verpflichtet fühlen müssen, die so einen Wirbel immer als störend und unerquicklich ablehnte.
   Die Schwierigkeiten des Schlossherren mit den Behörden wurden dann im Wege mehrerer Zugeständnisse beseitigt und die ökologischen Einwände, da sie politisch dort hineintransportiert worden waren, vom Kreistag niedergestimmt. Die Mandatsträger waren offenbar überzeugt worden, dass sie nur die Wahl hatten zu entscheiden, ob das heruntergekommene Gemäuer im Rokokostandard ganz verfallen oder aber auf modernen Level gebracht, nämlich mit elektrischem Strom, Heizung, fließend Wasser und zeitgemäßer Infrastruktur ausgestattet, überleben sollte.

   Lediglich der ´indoor swimmingpool`, der in der Schlosskapelle hätte eingerichtet werden sollen, hat sich nicht durchsetzen lassen.

   Schließlich stand die Einweihungsparty an. Und von der Presse wurde alles gründlich vorbereitet, so dass auch das gemeine Volk darin schwelgen können würde.

   Als es so weit war, fuhren die Erwählten auf, entschwebten oder entkrochen dem Fond der großen Limousinen, deren Türen gemeinhin von Chauffeuren geöffnet worden waren. Große Abendrobe, schwarz-weiß – schimmernd, glänzend, gleißend die Damen, nach außen gekehrte Safes. Zwischen den Pinguinen auch mal ein blauer Frack oder jemand mit einem Halstuch statt des Binders. Mit ein paar Zupfübungen wurde die üppige Kleidung zurechtgerückt, natürlich ohne die mühsam erzeugten Lässigkeiten in spießige Ordnung zu bringen. Dann schritt man und trippelte frau, locker untergehakt, zuweilen gnädig lächelnd, von rokokolivrierten, fackeltragenden Lakaien geleitet, ins strahlende Palais.

   Auch die Presse hatte sich etwas fein gemacht, wenigstens obenrum. Ihr Vertreter erschien mit Krawatte und dunklem Jackett. Untenherum musste der ausgebeulte Pumpwurm genügen.

 

   Dieser in der eben beschriebenen Kleidung steckende Zeitungsmann soll von nun an aus seiner Sicht Bericht erstatten, da er ja bei dem Event zugegen war. (Er war seit längerem mit der Angelegenheit befasst gewesen. Es war sogar schon gemunkelt worden, dass er diesen zitierten Leserbrief fingiert hatte.) Sein Name braucht allerdings nicht erwähnt zu werden – was gerade in einem solchen wie dem darzulegenden Fall durchaus ratsam ist. Er wird also persönlich weiterprotokollieren.

 

   Nun gut: Ich drängte mich dann – nämlich nach dem vorhin geschilderten theatralischen Aufzug – in einem Pulk bestellter Zuschauer und abgestellter Dienstboten zum Eingang und erzeugte mit den anderen Fotografen Blitzlichtgewitter.     Am Portal machten die Livrierten Halt, warteten ein wenig, bis die Herrschaften in die von Lüstern erhellte, mit Musik ausgeschallte Freundlichkeit weggetaucht waren.

   Nachdem das Hauptkontingent der Gäste eingezogen war, wurde das Spalier aufgelöst. Die Dorfbewohner, die meisten in Tracht, bekamen etwas abseits eine Kleinigkeit zu essen, origineller Weise in ein weißblaues Tuch gebunden. "Vergelt‘s Gott", hörte man immer wieder.

   Eigentlich wäre es das jetzt auch für mich gewesen, denn ich hatte Fotos und wusste, wer alles aufgekreuzt war. Aber ich wollte das Feld noch nicht räumen, auch deswegen nicht, weil mir der Magen knurrte und ich Atzung witterte. Es wäre zwar möglich gewesen, mit Presseausweis den Haupteingang zu benutzen. Ich hätte dann aber wegen meiner Kamera dauernd ihre Schöngesichter sozusagen auf dem Hals gehabt. So drückte ich mich durch den Lieferanteneingang ins Innere.

   In der Halle gelang es mir, auf der Galerie hinter einem Säulenpaar Stellung zu beziehen. Zwischen den Säulen hindurch konnte ich gut beobachten und sogar fotografieren. Vor mir spielte sich nämlich alles wie auf einer Bühne ab, nur eben tiefer gelegen. Ein ausgezeichneter Platz. Es rührte sich üppig da unten. Hier oben ist sonst keiner. Und es ist hier richtig angenehm.

   Man könnte einduseln, war ich versucht. In dieser Position, mit diesem Überblick oder besser sogar Einblick – auch in die Balkone der tief ausgeschnittenen Damen. Vielleicht was zum Futtern mausen. Was Flüssiges auch. Und dann einfach nichts tun. Irgendwann gibt es womöglich etwas mit der Kamera einzufangen. Wie auf einem Ansitz fühlte ich mich, auf einem Jägerstand. Sie waren noch bei der Begrüßung, konnte ich sehen, immer wieder offene Arme, Bussi.

   Dieser vielstimmige Chor im Parkett. Geräuschkollektiv der beauty people. Doch immer noch reichlich verhalten. Sie sind noch nicht auf Touren. So eine Gedämpftheit ist nicht ihre Art. Bei so einer Fete wie hier jedenfalls nicht. Allenfalls bei der Abwicklung ihrer Geschäfte. Und wenn es etwas unter der Decke zu halten gilt.

Ab und zu lösten sich doch ein paar Gesprächsfetzen: "... wie in der heiligen Wieskirche kommt man sich hier vor, nur mit lauter ungetauften Geistern dort über einem an der Decke um diese Jagdgöttin ...", lästerte einer, "... sozusagen weit über uns getauften Heiden hier unten!", lachte er seinem Einfall nach. Ich folgte seinen Worten nach oben. Eigentlich hatte er Recht: Der rankende Stuck; die bunten, mit Natur und schwebenden Gestalten gefüllten Fresken – die Decke schien zu schwingen. "... exzellent", hörte ich noch, "diesem Hausherrn seine Buchhaltung möchte man mal durchstöbern ..."

   Gute Akustik hier, war ich überzeugt.

"... und dem seine Konten in der Schweiz. Man muss ja zusehen, dass man sein Geld am Finanzminister vorbeibekommt, wenn man es nicht hier mit ein paar Subventionskröten staatlicherseits alimentiert unterbringen kann. Unsere Politik ist mit dem neuen Osten so meschugge, dass sie einem das Geld aus der Tasche zieht, um es dort drüben hineinzupumpen ..."

   Ich wäre gerne noch etwas näher an den beiden Finanzjongleuren gewesen. Die hatten vermutlich noch mehr von diesen Schlauheiten auf Vorrat – und nicht nur Ansichten über diesen Schlossherren M. (der Name darf aus presserechtlichen Gründen leider nicht genannt werden!).

   Diener schritten immer wieder an die Grüppchen heran. Jetzt war einer bei den beiden, deren Gespräch ich belauscht hatte. Sie wechselten das Thema und begannen, über die Zigarren auf dem hingehaltenen Tablett zu diskutieren. Der Diener ertrug es mit Geduld, eine ganze Weile so dastehen zu müssen. Diese Haltung, ein Mix aus Artigkeit und Würde. Mir fielen jetzt die vielen Butler auf. Alle wie man sie vom Film kennt. Sie waren weiß behandschuht, hielten ihr Tablett auf angewinkeltem Arm, boten Champagner oder Zigarren und Zigaretten an, reichten den Rauchern Feuer.

Und ich sitze auf dem Trockenen, packte mich der Neid. Ein in Rokoko gewandeter Maître de plaisir  ließ einen Tusch ausbringen und ersuchte die hochverehrten Damen und Herren um geneigte Aufmerksamkeit. Während zwei Posaunen erschallten, deutete der Maître mit einer ungemein graziösen Geste auf eine Tür. Ich hatte kaum Zeit, über diese Verrenkung zu reflektieren, denn da schwebte bereits ein Dutzend Schürzchen und Häubchen herein. Das Aufsehen war groß und die Küchenfeen wurden mit Beifall bedacht. Jede der kurzberockten Maiden hatte auf elegante Weise ein Tablett mit Häppchen geschultert. Sie tänzelten hin und her und zwischen den Grüppchen hindurch.

Die Posaunen zogen ab und machten fünf feixenden Violoncelli Platz.

   Bald waren etliche Tablettserien abgeräumt und die Mägen fürs Erste wohl gefüllt.   Die Ballerinas tanzten ab.

   Die Cellisten hatten immer noch ihr Grinsen, während sie die Instrumente stimmten.   Etliche Herrschaften wandelten nun ein wenig plaudernd umher.

   Jetzt schienen die nach Ansage akademisch-philharmonischen Musiker ihre Instrumente auf Klang gebracht zu haben. Ihre Mundwinkel waren immer noch honigkuchenpferdesüß, als sie zu einer Melodie ansetzten.

   In die ersten Takte hinein hörte man jemand mit erhobener Stimme zu einem Vortrag ansetzen. Aus der Ecke zur rechten Seite kam es und steigerte sich. Die Musik nahm sich höflich zurück. Nach und nach horchten alle dem Störenfried zu. Man verstand ihn allerdings trotz seiner Lautstärke nicht genau, denn er hatte offenbar Schwierigkeiten, seine Zunge zu steuern. Ungefähr in der Mitte der Treppe zur Galerie stand er. Ein etwas struppiger Mann in mittleren Jahren. Er steckte in seinem Frack in einem buntkarierten Hemd. Und er redete und redete und fuchtelte dazu wild mit den Armen.   Man merkte sofort, dass er zu dieser Stunde bereits gehörig abgefüllt war. Wissendes Lächeln in seiner Zuhörerschaft. Er war offenbar in diesen Kreisen eingeführt – und ich wunderte mich, dass er nicht auch bereits pressebekannt war, was ich natürlich bei Gelegenheit zu korrigieren dachte. Auf dem Gipfel seiner lautlichen Möglichkeiten angelangt, brüllte er mit überschnappender Stimme ein Wort in den Saal. "Exalismus" oder so ähnlich hatte es geklungen. Es hatte sich wie eine Drohung angehört. Alles verstummte im Nu. Er schrie es gleich noch mal. Tatsächlich: "Exalismus". Die Leute in seiner Umgebung wichen etwas zurück, man konnte ja nicht wissen. Dagegen haben sich etliche Damen und Herren, die im Saal weiter weg ihrer Unterhaltung nachgegangen waren, der Szene genähert. Von diesen Zuwanderern wollte wohl einer den Redner noch mehr entflammen: "Dieser Sartre, dieser wunderliche Ober-Existenzialist, ist doch zu den Bader-Meinhofs, dieser ganz ordinären Mörderbande, ins Zuchthaus gepilgert!"

   Etwas Unruhe im Saal. Laute, die wie "pfui Teufel" klangen, waren zu hören.   Dazwischen ein verlorenes Kichern. Es war für einen Moment ganz ruhig. Ich wunderte mich. Selbst an den Celli wurde nicht mehr geschabt. Der Mann stand jetzt auf seiner Stufe ganz allein und glotzte ins Publikum. Das rotkarierte Hemd ätzte noch intensiver aus dem Frack.

   "Das ausdrucksstarke Nichts ist da zu betrachten", war aus einer Ecke zu hören, "jenes mit Sartre und Co.!"

   Den Worten folgte ein schütteres Klatschen.

   Ich hatte mich nur für einen Moment gebückt, um die Kamera vom Boden zu nehmen, und wollte mich jetzt wieder dem Rotkarierten auf der Treppe zuwenden. Der Existenzialist war aber verschwunden. Nun, er war wohl irgendwie abgetaucht, um den Abend schlafenderweise, unter einem Tisch vielleicht, zu verbringen.

   Nach dieser kleinen Einlage nickten sich die Musikanten zu und begannen unter ihrer Grimasse die Saiten zu greifen und zu schrubben. Wagners ´Einzug der Sänger auf der Wartburg` erklang prall aus den Bäuchen der Instrumente und rief bei etlichen älteren Herrschaften leises Entzücken hervor.

   Ich wechselte meinen Standort und besetzte einen Platz, der mir einen günstigeren Blickwinkel bescherte: Frisurenlandschaften taten sich auf, speckig glänzende Zonen dazwischen. Einige Paare schlenderten umher. Es wogte dort unten – und manchmal direkt im Takt der seifigen Musik. Die ganze Szene war eingerahmt von Greisen und Matronen, die in Polstersesseln hingen und in Gedanken, Gespräche und Genüsse vertieft waren.

   Bewegung, Geräusch – und Erwartung. Natürlich, das hätte ruhig noch eine Zeit so weitergehen dürfen. Aber das geht hoffentlich nicht dauernd nur so weiter! Doch nicht bei diesem Malefiz, der nun auch noch Schlossherr war! Man kannte ihn ja, diesen famosen Kerl. Er hatte doch immer noch etwas in petto, mochte in den allmählich wohl etwas gelangweilten Köpfen umgegangen sein.

   Vielleicht wird nach der Show mit den Häppchen bald das große Buffet eröffnet, bewegte mich. Ich war fest entschlossen, mich mit einer allerdings noch zu erfindenden List darüber herzumachen. Nur etwas Genierlichkeit wegen meiner knautschigen Klamotten hätte mich zurückhalten können, offen in Aktion zu treten.

   Es zog sich noch eine ganze Weile so hin. Die Musik, mal Offenbach, dann wieder was von einem Walzer-Strauß. Die milden Klänge durchzogen die Gesprächskulisse und dieses Gemenge schwappte zu mir herauf. Gelegentlich konnte ich da und dort ein Gähnen beobachten. Und das war ansteckend. Abwechslung wäre fällig gewesen – und für mich ... Und rauchen habe ich auch nicht dürfen. Da hätte mich der süßbrandige Qualm meiner ordinären Selbergedrehten als Fremdkörper verraten.

Auf einmal begann sich ein Paar zu dem Streichen zu drehen.

   Es waren ältere Leute. Die Umstehenden nahmen es kaum zur Kenntnis, machten lediglich ein wenig Platz. Die schiere Verzweiflung, lästerte ich. Zwei, drei Paare ließen sich schließlich anstecken.

   Das mit dem bisschen Tanz konnte es ja auch nicht sein. Man wartete weiter auf etwas, was neuen Auftrieb gebracht – und vielleicht ein wenig voneinander abgelenkt hätte.

   Die Celli schrubbten allerdings, durch die spärliche Verwertung ihrer Kunst herausgefordert, um einiges wackerer. Doch das verebbte dann auch wieder, nachdem die Tänzer nach und nach ihr Drehen eingestellt hatten.

   Zwar etliche Gesprächsinseln. Aber Stumpfsinn hing im Raum – wie die Tabakhechte da und dort. Und die Damen und Herren sind schon von einem Bein aufs andere getänzelt. Etliche hatten sich auf den Stufen niedergelassen.

   Gelangweilte Blicke zur Decke. Ich folgte ihnen. Ach ja, die Fresken, in Stuck gefasst: Eine barockfüllige Diana mit Pfeil und Bogen in angenehmer pastellfarbener Natur, von drallen Putten umschwirrt. Raffiniert streckte Diana ein üppiges Stuckbein aus dem Fresko. Dieses Überquellen der Körperlichkeit: Vielleicht ein Fall für Weight-Watchers, kicherte ich mir zum Zeitvertreib.

   Und wie ich so vor mich hin ödete, schockte mich der Gedanke, dass da noch die Ansprachen zur Eröffnung ausstanden. Um Gottes willen, das würde besonders unangenehm werden, wenn Politiker anwesend sind. Ich suchte nach welchen.   Bestimmt werden dann im ganzen Haus alle Toiletten besetzt sein.

   Ich guckte umher, dieses und jenes fiel mir auf, nichts Besonderes zunächst, doch war ich immer sozusagen sprungbereit, etwas einzufangen. Das ist der Beruf, sagte ich mir. Ich hielt Ausschau über die Köpfe hinweg und auch zum Portal hin. Da! Es durchfuhr mich wie ein Blitz! Was war denn das? Ich starrte dorthin und riss die Kamera hoch. Eine bizarre Gestalt war am Eingang aufgetaucht. Kurioses Outflt: Schlapphut, Sonnenbrille, lappiger Trenchcoat ... Sonnenbrille hier und jetzt? Wie in einem miesen Krimi. – Den Fotoapparat in Anschlag gebracht. – Und wie dieser Bursche durch das Foyer hastete und schnurstracks die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal. – Abgedrückt! – Hatte nicht nach links, nicht nach rechts gesehen. Kopf eingezogen und durch. – Noch ein Bild, denn das könnte irgendwie interessant werden! – Ach ja, mit einem Koffer war der hier durchgerannt, erinnerte ich, als er bereits weg war. Auch das Gesicht! Das musste schon einmal etwas von einer Schrotladung abbekommen haben.

   Diese Beobachtung hatte mich richtig aufgekratzt. Ich dachte mir, dass da endlich noch etwas anstünde, was wieder Laune bringt. Dann machte ich mich an die Flasche heran, die da jemand abgestellt hatte. Erst schnuppern, sagte ich mir, denn da kann alles Mögliche drin sein. Vielleicht hatte gar einer Rokoko total gespielt, blödelte ich bei mir, wo sie keine Toiletten in ihren Schlössern hatten. Aber es roch angenehm nach Sherry.

   Diese Pulle setzte mir allmählich zu. Ich war bald ein wenig benebelt. Die Musik, das Stimmengewirr und die Mixtur des Echos von den hohen, kahlen Wänden her. Dieses Gedröhn, das bei mir ankam. Ich setzte mich und lehnte mich lässig an die Säule.

   Da zerriss ein schrilles Kreischen meine Dunstglocke.

   Im Saal herrschte augenblicklich Stille. Überraschung. Kommt jetzt endlich etwas? Abwechslung, Aktion, Amüsement? Die akademischen Philharmoniker blickten sich eine ganze Weile erschrocken an. Sicher, der Laut hatte ihre Harmonie zerfetzt. Die freundliche Larve war nicht mehr im Gesicht, und sie vergaßen zu streichen, ließen den Bogen an den Saiten entlang nach unten schaben. Aus den Bäuchen der Instrumente kamen noch ein paar Grunzlaute.

   Alles lauschte. Dann schaute man etwas ratlos umher und wartete auf eine Fortsetzung, wenigstens Wiederholung, besser natürlich noch Durchführung, von was auch immer, aber immerhin von etwas.

   Doch da kam nichts mehr. Achselzucken.

   Schließlich fiel alles wieder in diese träge Bewegung. Die Musik hatte auch wieder ihr Gesicht – und ´Donau so blau` erklingen lassen.

   Ein gehender Schrei vom Treppenhaus her übertönte die Donauwellen. Es hatte fast so geklungen, als hätte da jemand Feuer gebrüllt!

   Prompt versiegte die blaue Donau, und den Leuten hatte es mitten im Satz, mitten im Wort die Sprache verschlagen. Man stand wie angewurzelt da.

   "Feuer!", zerriss diese gespannte Lautlosigkeit. Das hatte geschockt, alle waren im selben Augenblick zu so einer Bewegung wie zu einem Knicks zusammengezuckt.

    Jetzt packten die Gesichter ihre Instrumente und machten sich davon. Die Herrschaften beachteten diese Flucht nicht. Sie standen immer noch beinahe reglos da.

   Jetzt ein Winsellaut von irgendwo da oben. Es hatte schier etwas Komisches an sich. Und man hätte lachen können – wenn einem da nicht doch noch der Schock von vorhin im Griff gehabt hätte.

   Die Blicke bewegten sich zur Galerie hinauf. Doch da war nichts auszumachen. Alles suchte die Decke ab – und man wanderte in seiner Angst ganz unsinnig mit der Göttin Diana durch heitere Landschaft.

   "Es brennt!", gellte es gleich darauf.

   Die Leute standen wie Skulpturen da.

   Nach einer Weile löste man sich wieder, schaute im Raum umher und hinauf ... Es schien fast so, als ob alle auf eine Wiederholung warteten, vielleicht zur endgültigen Bestätigung des noch immer Unglaublichen. Da kam tatsächlich ein Kreischen:

   "Es brennt! 0 Gott, es brennt alles!"

   Es hatte sich eigenartig hohl angehört.

   Ein Verdacht keimte auf. Richtig wie im Theater hatte es sich angehört und hinter der Kulisse hervor. Ein Schauerstück! Alles fast so wie inszeniert! Verdammt, das war es doch auch!

   Einer der Gäste stieß Laute aus, die sich wie Lachen anhörten. In die Gesichtszüge kam wieder Leben.

   Da, ein Meckern, das wieder ein Lachen gewesen sein konnte. Prompt das Echo von irgendwo im Saal.

   "Das ist Theater!", war eine sonore Stimme zu hören, sie klang bedächtig, fest und Vertrauen erweckend.

   "M...", rief einer in diese karge Heiterkeit. "Menschenskind, das ist es ja! Das habe ich mir doch die ganze Zeit gedacht!" Der Sprecher blickte in die Runde und holte tief Luft: "Selbstverständlich! Ich habe mir doch gedacht, verehrte Freunde, dass hier bei unserem M... noch etwas kommen müsste!" Der Herr wendete sich zur Treppe und rief ins Leere hinauf: "Meister! Wo bist du denn überhaupt, alter Junge?" Er lachte trocken und feixte in die Gesellschaft. Alle hielten Ausschau nach dem Hausherrn. Ich ging hinter der Säule in Deckung, als die vielen Augen meine Gegend erreichten. M. war jedoch nicht ausfindig zu machen. Es war allerdings zu spüren, wie die Ablenkung von der Horrormeldung, die ja jetzt als Klamauk gedeutet war, die Stimmung gelöst hatte. Die Herrschaften begannen zu plaudern, führten ihre Gespräche fort. Ein Kichern da und dort.

   Und siehe da! Auf der Bühne dort drüben saßen auch wieder die Kniegeiger und grinsten und machten ihre Musik.

   "Eine verflucht heikle Sache, das!", durchdrang eine mahnende Stimme das tönende Allerlei. Die Musik, allmählich darauf eingestellt, hielt mitten im gerade angeschlagenen Takt inne. Alle Augen wandten sich dem Rufer zu. "Das sage ich ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren!", setzte der nach, um seine Warnung zu bekräftigen.

   Zunächst kam nichts mehr. Man konnte den Mahner nur orten, wie er, grau und fett, mit Sektglas und Zigarre – und bereits wieder in seine Unterhaltung vertieft – an der Treppe stand.

   "Ungemein gefährlich, das!", trompetete der Mann dann doch noch ins Publikum, als dieses sich bereits abgewandt hatte. "In diesem alten Kasten hier ist es allzumal gefährlich. Mit dem alten, zunderdürren Holz!"

   Während die meisten jetzt diesen Worten durch Nicken ihre Zustimmung erteilten, machte er sich daran, ein paar Stufen zu erklimmen. Es dauerte etwas, die alten Knochen nach oben zu bekommen. Jetzt legte er die Stirn in Falten und alarmierte weiter: "Und da darf man Feuer nicht mal auch nur mit nackten Worten heraufbeschwören !"

   Erneut zustimmendes Nicken, das sich langsam steigerte, als immer mehr Leute diese Bewegung als eine allgemeine erkannten. Der ganze Saal nickte bald so.

   "Von wegen alter Kasten!", wagte sich da einer. "Was für ein stilloses Wort für dieses Prachtstück hier!", setzte er hinzu. "Hier ist ja immerhin beinahe alles so gut wie neu, und was sollte denn da passieren?"

   Diesen Worten begegnete man allerdings mit etwas Murren. Dahinein drang von der Galerie her ein Summen, ein Zischen, durchsetzt von einem Knistern.

   "Was war denn das wieder?", hörte man eine ängstliche Frauenstimme, "dieses komische Zischen und Knacken vorhin!"

   "Aber Gnädigste!", wurde sie beruhigt, "Das ist das neue Material. Das Neue stellt sich jetzt sozusagen dem Alten vor, mit seinen lauten Äußerungen! Mehr kann es ja nicht. Wir wissen doch alle, dass das Neue das immer auf diese unangenehme Weise unternimmt, denken wir nur an unsere Jugend!"

   Man freute sich: "Ja, ja, in der Tat!"

   "Ich habe es gleich gewusst", meinte ein Herr noch, "dass unser M... da etwas inszeniert! Und, zum Teufel, das ist diesem Gauner denn auch gelungen!"

 

   Die Angelegenheit um das Feuer schien fürs Erste erledigt: Das Ganze eine Möglichkeit, freilich! Freilich auch mit einem gewissermaßen hohen Unterhaltungswert von schauerlicher Schönheit, die der Gesellschaft dort allerdings weniger das Zwerchfell als sie außen herum mittels Gänsehaut pflegte.

 

   Jetzt rührte es sich wieder im Parterre, lebhafter noch als vorhin, allem Anschein nach richtig entspannt. Man war gelöst und über die bisherigen Attacken hinweg und konnte das mittlerweile anstrengende Lachen als freundliches Schmunzeln in den Mundwinkeln verschwinden lassen.

 

   Freilich, was kann denn an unserer genormten, nachhaltig überprüften Sicherheit so einfach vergänglich sein? Das fragte sich sicher auch unser Gewährsmann. Er fuhr wohl mit den Augen das Säulenpaar empor, um sich der Geborgenheit zu vergewissern: Diese mächtigen marmornen Stämme! Sie ragten in die Höhe und haben ja Dianas Himmel getragen, und das bereits seit etlichen Jahrhunderten.

   Als dann sein Augenmerk in Richtung Treppe ging, fiel ihm ein Tischchen auf Drauf befand sich ein Tablett, auf dem irgendwelche Engel eine Pyramide von Köstlichkeiten aufgeschichtet hatten. Ein Geschenk des Himmels, dachte er sicher, begab sich hin und griff zu.

 

   Ich hätte jetzt eigentlich ein paar Fotos von dieser heiteren Gesellschaft da einen Stock unter mir schießen können. Aber um Gottes willen, jetzt kein Blitzlicht!

   Ich steckte gerade noch einen Happen in den Mund, da stach mir etwas in die Nase. Ich war erstaunt: Das ist doch nicht das Rauchfleisch hier! Ich beschnupperte das Restchen zwischen meinen Fingern – und konnte verneinen. Aber gleich war es noch deutlicher in der Nase. Ein beißender Gestank. Klar, etwas Verbranntes! Tatsächlich, etwas massiv Angesengtes. Und ich würgte den letzten Happen unzerkaut hinunter, dass es im Hals schmerzte.

   Etwas Öliges, etwas irgendwie verflucht Chemisches! Und schiere Wirklichkeit! Kein Witz mehr!

   Mir hatte es den Atem verschlagen. Jetzt holte ich tief Luft und wollte schreien: "Feu..." Ich schnappte wieder nach Luft, als wollte ich die paar schon ausgestoßenen Buchstaben wieder einsaugen. Menschenskind, mit so einem Warnruf trete ich Panik los und ein Fliehen, Stürzen, Niedertrampeln vermutlich!

   Dass ich ihnen das nicht antun dürfe, davon war ich überzeugt. Sofort überkam mich auch gleich wieder der Zweifel.

   Ob dieser Qualm nicht doch zu einer Show gehörte, einer mit maßlosem Aufwand betriebenen Show, die man einem reichen Exzentriker durchaus zutrauen könnte?

Ich beruhigte mich damit, dass die feine Gesellschaft es ja jeden Augenblick selber merken und entscheiden würde. Ganz gewiss. Alle Zeichen sprachen dafür. Diana war nämlich fast hinter einer grauen Wolke verschwunden. Nur dieses üppige Bein lugte noch hervor. Das beißende Grau quoll aus den oberen Gängen nur so nach ...

   Da konnte ich mich ruhig heraushalten und sie die Entscheidung wirklich selber treffen lassen. Worin sie ja inzwischen Übung hatten. Bei den vielen Warnrufen bis jetzt.

   Ich gönnte mir einem Schluck Sherry.

   Als ich die Flasche neben mich stellte und ins Parterre sah, fiel mir auf, dass dort eine ganz eigenartige Betriebsamkeit herrschte. Die Musik war verstummt – und gar nicht mehr anwesend. Richtig! Obgleich keine Warnrufe zu hören gewesen waren, hatten sie, anscheinend nur ihrer Nase, ihrem Auge folgend, die Gefahr erkannt. "Na, siehst du!", sagte ich zufrieden laut vor mich hin.

   Hektik hatte alle erfasst. Alles strömte dem Ausgang zu.

   Das sah wirklich nach Flucht aus. Von meiner Empore aus behielt ich das Szenario unter mir im Auge. Ich fühlte mich in der zwar immer beißender werdenden Luft noch irgendwie sicher. Also etliche Fotos geschossen. Unten erkannte ich hinter den Rüstigen und Jüngeren einige Lädierte humpeln. Ihr Jammern erweichte immer wieder einmal jemanden, und es wurde Platz gemacht. Ein alter Herr wurde von zwei Livrierten in seinem Lehnstuhl weggeschleppt, er teilte fortwährend mit seinem Gehstock ins Leere hinein Hiebe aus.

   Noch ein paar Fotos! Das durfte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen!

   Ein Torflügel war zugefallen. Du lieber Gott, bei dem Run darauf!

   Ich schoss in das Geschiebe und Gedränge und sagte mir bei nahezu jedem Abdrücken, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf habe, das alles festgehalten zu bekommen.

   Ein Auflauf war unten! So etwas wie ein Flaschenhals war entstanden. Einige Männer mühten sich ab, den zweiten Flügel zu öffnen, doch der Gegendruck von innen war stärker.

   Eine ganze Serie festhalten!

   Ich entdeckte einen großen Sektkübel, griff ihn mir und stülpte ihn mir als Helm über.

   Der Pulk der Fräcke und Roben saß an der Engstelle fest. Ein immer heftigeres Stoßen und Drängen. Angstschreie, Schmerz, Empörung. Dazwischen Befehle. Einige liefen wieder in den Saal zurück, irrten klagend umher, einen anderen Auslass suchend, kehrten zurück

   Ein Bild und noch eines! Das ist Dokumentation: Wer alles war es oder wer war es zuerst, wer alles ist drüberweg getrampelt? Das kann wichtig sein, danach ... Da wird man der Öffentlichkeit zeigen können, wie es um die Verantwortung für den Mitmenschen in solchen Situationen gestellt ist.

   Ich stand immer noch an meiner Säule, die mir wie ein treuer Wächter das Gefühl von Sicherheit schenkte. Ich beobachtete und versicherte mir, dass das meine ureigene Aufgabe sei hier und mein verdammter Dienst an der Allgemeinheit.

    Einige irrten ziellos im Saal umher ... Noch ein paar Aufnahmen.

   Angesichts immer dichter werdender Schwaden sah ich mich dann doch genötigt, mich in Sicherheit zu bringen. Dabei kam mir zustatten, dass sich da ein von meiner Ebene aus gut zu erreichendes Fenster befand. Es war durch zwei Säulen verdeckt und von unten nicht zu erkennen. So konnte ich mich ungestört vom Ort der Katastrophe entfernen und in Sicherheit bringen. Ich nahm den zum Schutzhelm unfunktionierten Sektkübel vom Kopf und sprang die vielleicht nicht ganz zwei Meter hinab ins Freie.

   Ich saß eine Weile im Taunassen mit dem Rücken zur Wand. Eine Wohltat, die frische Luft! In Sicherheit und in einer alles in allem schönen Nacht. Tief durchgeatmet und das Ambiente genossen, noch etwas von den Köstlichkeiten aus meinen Taschen zu mir genommen.

   Es war wieder an der Zeit, meine Aufmerksamkeit den schlimmen Umständen zuzuwenden. Dem Schreien und Kreischen nach zu schließen, das durch die Fenster drang, herrschte im Saal noch Panik.

   Ich hatte mich schon etwas entfernt. Da hörte ich aus dem Inneren des Schlosses ein fürchterliches Ächzen. Gleich krachte und polterte es und stürzte prasselnd zu Boden.   Die Fenster barsten und die Funken sprühten durch die leeren Höhlen. Die Decke samt Deckenbalken! Ach, die barockdralle Göttin Diana war aus ihrem Himmel gefallen und in Staub und Asche gesunken.

   Welch ein Gleichnis, armer Krösus! Dass deine Götter aus deinem Himmel fallen, ging mir durch den Kopf.

   Im Park suchte ich einen Weg um diesen gewissermaßen riesigen Ofen herum.

   Ich verirrte mich zwar ein paar Mal. Der unaufhörlich anwachsende Schein der gigantischen Fackel, die das Schloss abgab, führte mich zurück. So gelangte ich auf die Frontseite, wo sich noch vor wenigen Stunden die Auffahrt der Gäste ereignet hatte.

   Umhereilen dienstbarer Geister. Und eine Überraschung für mich: Etwas abseits flanierten die Herrschaften umher, Arm in Arm oder solo. Die Geretteten. Kein Hinken und Humpeln mehr wie vorhin bei der Flucht. Andere standen nur da und betrachteten das glühende Schauspiel.

   Plötzlich begann ein Deuten und Winken zum Schloss hin. Sie mussten etwas entdeckt haben. Ich konnte ausmachen, wie ein paar rußgeschwärzte Figuren durchs Portal wankten. Sie wurden mit Klatschen empfangen, umarmt und geherzt.

   Die Damen und Herren waren lange und ausgiebig mit den Herzlichkeiten anlässlich des freudigen Wiedersehens befasst. Sie dehnten ihre Übungen auf ihre ganze Ansammlung aus. – Ein paar Bilder. – Auch diese menschliche Seite musste dokumentiert werden.

   Als die feine Kommunität nach einiger Zeit des Herumquetschens überdrüssig sein mochte, widmete sie sich wieder dem Untergangsgeschehen, dem Umherhasten der Dienstboten vor allem. Ein Herr meinte, man müsse aufpassen, dass diese Leute nichts beiseite schaffen, was dann erst im Antiquitätenhandel wieder auftauchen würde.

Ein dienstbarer Geist kam jetzt mit einer Schubkarre voll Flaschen an. Es dauerte nicht lange und das lustige Knallen der Korken war zu hören. Gleich machten die Flaschen die Runde. Selbst feine ältere Damen unternahmen es nach einigem Zieren, daran wenigstens zu nippen. Da und dort Wölkchen Tabakrauchs. Man war deutlich entspannt, stand nur so da oder spazierte gemächlich umher – hatte sich und im Grunde auch die Vergnügung ins Freie und damit ebenfalls in Sicherheit gebracht.

   "Wo ist eigentlich die Musik?", wollte jemand wissen.

   "Beim Untergang der Titanic", erinnerte sich eine Dame feixend, "hat man auch bis zum Schluss seine Musik gehabt – jedenfalls im Kino."

   Durchdringende Geräusche vom Brand her, da war ein Knallen wie von einer Salve von Böllern. "Das war Gas!", glaubte ein Herr erkannt zu haben. Alle wandten sich dem Geschehen zu. Von dort strahlten Licht und Wärme herüber – in der beginnenden Kühle der Nacht eigentlich angenehm. Eben schlugen Flammen aus den oberen Fenstern und große Teile des Dachs sah man lichterloh brennen. Die Dienerschaft eilte nun noch aufgeregter umher. Diese braven Leute sammelten unaufhörlich Dinge auf oder schleppten Gegenstände, die wohl gleich zu Beginn in rettender Absicht aus den Fenstern geworfen worden waren. Dadurch wurde es für die feine Gesellschaft immer gemütlicher und fast wohnlich, denn man hatte jetzt Stühle und Tische zur Verfügung, konnte sich auf Teppichen bewegen und sein Glas, das es jetzt auch bereits wieder gab, abstellen.

   Nun auch mal wieder auf den Brand gehalten und abgedrückt. Erst jetzt erkannte ich, dass schon ein Feuerwehrtrupp dagegenzuhalten versuchte – und hielt das natürlich fest.

   Noch immer war es mir nicht möglich, den Schlossherrn ausfindig zu machen. Wie gerne hätte ich auch von ihm ein Bild gehabt. Ein paar Worte vielleicht auch. An ein Interview wagte ich gar nicht zu denken.

   Vom Dorf her drang nun das Tütatü einer Feuerwehr.

   War die Gesellschaft bis jetzt nur mit sich beschäftigt, konnte sie nun dem Auftritt dieser Truppe Aufmerksamkeit schenken. Es dauerte nicht lange, da stand auch diese prächtige Wehr, wohl von etwas weiter her kommend, mit ihren großen, vor Sauberkeit im Feuerschein blitzenden Fahrzeugen vor Ort.

   Die Uniformierten sprangen heraus, setzten sich in Trab, und gleich rollten die Schläuche. Behände wurden sie an die noch freien Hydranten angeschlossen. Alles lief perfekt auf Kommando und im Takt ab. Die Leitern waren kaum ausgefahren, da sah man auch schon die Männer mit ihrer Spritze oben stehen. "Wasser marsch!", ertönte der Befehl mit fester Stimme. "Wasser marsch!", klang die Annahme des Befehls aus den Kehlen der Retter.

   In den Schläuchen rührte es sich jetzt. Lagen sie bisher platt und schlaff am Boden, so erwachten sie nun zu Leben und begannen sich zu regen. Zusehends füllten sie sich und wurden prall und steif.

   Eine ältere Dame war zu hören, wie sie zu ihrer Nachbarin hin sagte, sie wolle bei Ernst-August in Zukunft auch auf ´Wasser marsch` setzen. Gewieher, und etliche begannen zu skandieren: "Wasser marsch!" Und immer wieder: "Wasser marsch!" Bis die Orgie durch die strengen Blicke des Feuerwehrhauptmanns allmählich abklang.

   Daraufhin stand man oder saß wieder ruhig da, beobachtete beinahe stumm das Tun der strammen Retter oder glotzte minutenlang in die Flammen und genoss es, als hätte sich da der heimatliche Kamin zum Monster ausgewachsen.

   Ein Donnerschlag! Die Gesellschaft tat wie auf Kommando einen Sprung zurück. Der Aufschrei war den Leuten im Hals stecken geblieben. Einige standen eine ganze Weile mit offenem Mund da. In den Schreck hinein fuhren fauchend Stichflammen aus den Kellerschächten und züngelten blitzschnell die Stockwerke bis zur Dachtraufe hinauf.  Und für Sekunden war die Nacht knallrot zerrissen.

   Dann waren da noch Schreie, Schmerzensschreie.

   Sie galten vielleicht dem Tritt, den jemand beim Rückzug von seinem Vordermann erhalten hatte.

   Oder sie galten einem anderen Ereignis. Denn da war ein Feuerwehrmann von der Leiter gestürzt, war jetzt zu sehen. Vermutlich war er von der Wucht des Feuers hinabgeschleudert worden. Was auch immer, der arme Kerl lag jetzt am Boden.

 

   Man kann sich an dieser Stelle gut denken, dass unser Reporter sofort in Versuchung war, das ausgestreckte Elend auf Film zu bannen. Aber er hielt sich zurück und wollte erst in Aktion treten, wenn der Unglückliche gerade, auf Trage verbracht, in den Sanka geschoben wird. So würde er den Ernst der Lage gleich mit erfassen.

 

   Die meisten eilten zur Unfallstelle, drängten sich schon und bildeten einen Kreis um den Pechvogel. Die Helfer hatten es schwer, durch das Spalier der Gaffer zu gelangen, bis jemand zornig schrie, dass sie sich hier alle in größter Lebensgefahr befänden, jeden Augenblick sei es möglich, dass irgendwelche Teile herabstürzten, vielleicht sogar ganze Mauerpartien einbrächen oder weggesprengt würden mit ungeheuerer Wucht.

   Das hatte die Neugierigen verscheucht. Während sie dann so beisammen standen, versuchte ich herauszufinden, ob es wirklich alle geschafft hatten, den Festsaal zu verlassen. Ich zählte und kam auf die von mir allerdings lediglich zu schätzende Zahl.   Trotzdem vermisste ich etwas. Das rotkarierte Hemd fehlte. Sie haben wohl ihren Exoten da liegen und verschmoren lassen, war ich gleich überzeugt. Schade, dachte ich mir, denn diesen Sonderling wollte ich auch einmal meinem Lesepublikum vorstellen.    Ich hatte keine Zeit, diesen Gedanken um meinen Verlust weiter nachzugehen, denn da rollte eine dicke Limousine an. Eine mittelgroße, etwas pummelige Figur entstieg ihr, der Landrat. Er vollführte ein paar gymnastische Übungen, um sich zu lockern, und sondierte dabei das Terrain. Ihn habe die Nachricht von dieser Katastrophe hier während der Generalversammlung des Gartenbauvereins erreicht, bekundete er. Und er sei jetzt angesichts dieses Trauerspiels hier heil froh, damals sein Bauamt angewiesen gehabt zu haben, wirklich alle Sicherheitsmaßnahmen zu veranlassen. Denn was wäre das für ein Debakel, wenn beispielsweise zu wenig Hydranten für das Löschwasser zur Verfügung stünden? Alle würden sie wieder über ihn und seine Beamten herfallen.

 

   Es war natürlich allen bekannt, dass das Amt bei der Baugenehmigung für M. zunächst sehr verhalten, dann aber mehrere Male – um welchen Preis auch immer – über das Gewöhnliche hinaus entgegenkommend gewesen war. Niemand wollte daher das Haupt dieses Instituts vergraulen und sich damit seine eigenen Möglichkeiten verbauen. Etliche werden versucht haben, in die Nähe des quirligen Ankömmlings zu gelangen, einen Smalltalk zu starten oder eine Witzige Bemerkung, vielleicht über das höllische Wetter an diesem Abend, abzusetzen.

 

   Nachdem ich mich eine Weile dieser sich selbst verzehrenden Pracht dort zugewandt hatte, war ich mit Gedanken bei M. Mein Gott, der Arme! Ich hielt Ausschau nach ihm.   Er wird sich zurückgezogen haben, dachte ich, und noch um Fassung ringen müssen.    Ich ging umher. Um mich genauer umzusehen, blieb ich immer wieder einmal stehen.   Der vom Schicksal Geschlagene, wie ich ihn nun schon betitelte, war jedoch nirgendwo aufzuspüren. Dennoch erwies es sich als ganz interessant, diesen glühenden Untergang da vor mir, dieses sündteuere Feuerwerk, von immer anderen Stellen aus zu betrachten.   Ich wollte noch um die Ecke dort hinten und um den Mauervorsprung von der alten Befestigungsanlage herum. Dort ist man ganz nahe an der Brandstätte und hat doch Deckung, meinte ich. Deckung vor den jederzeit möglichen gefährlichen Auswürfen dieses Höllenfeuers. Deckung auch vor den Blicken der Anderen, denn als Beobachter bin ich immer am liebsten selber unbeobachtet geblieben. Es war obendrein leicht möglich, dass sich da hinten auch abseits des Brandherdes etwas Sehenswertes ereignet. Wer weiß? Dass sich dort Leute herumtreiben, die sich etwas von den erlesenen Kostbarkeiten aus dem Schloss krallen und davontragen.

   Zwielichtige Gestalten ... Aufregende Dinge gingen mir bei meiner Pirsch durch den Kopf. Dazu passend überlegte ich mir, wie ich einem Schurken die Augen verblitzen würde, sollte er mich angreifen wollen ... Gleich hinter der etwa mannshohen Wehr lagen qualmende und teilweise noch glimmende Holzstücke.

   Plötzlich ein dumpfes Dröhnen!

   Ich war hinter einen Baum in Deckung gesprungen, hatte mich unwillkürlich geduckt, mich dann aber doch beeilt, in die Richtung zu sehen, aus der das Getöse gekommen war. Ich durfte nichts zu versäumen. Teile des Dachs waren abgesprengt worden: Dachplatten und Blechteile lagen herum. Das hätte mir ja zusetzen können! Ich grinste in Gedanken meinem Sektkübel-Helm nach, den ich bei meinem Sprung ins Freie zurückgelassen hatte, und atmete tief durch. Ob es wieder einen von der Feuerwehr erwischt hatte? Es rumorte weiter im flackernden Haupt des sterbenden Prunkkörpers, hie und da löste sich daraus eine ganze Serie von Explosionen. Ich wartete auf den nächsten größeren Ausbruch dieses bizarren Vulkans. Während ich so dastand, wollte sich mir sogar so etwas wie die Schönheit dieser Tragödie da vor meinen Augen offenbaren: Es war mir nämlich so zumute, als würden die aus dem Flammenmeer ausgeschleuderten Geräusche vom Park wieder zurückgeworfen werden; als würden sie sich an den glühenden Mauern aufheizen, neue Kraft gewinnen, um erneut zwischen die Bäume zu schlagen, um, jetzt vertont, eine Sinfonie des Grauens ... Ich bremste mich allerdings bei dieser schieren Ästhetisierung, dieser immerhin zumindest ein wenig verrückten Inschönheitsetzung sofort wieder aus – oder hatte gar keine Zeit, damit fortzufahren, denn da bot sich ein grandioses Schauspiel: Das glühende Gerippe des mächtigen barocken Dachstuhls sank stöhnend, knarrend, krachend in sich zusammen.   Überwältigend! Ich stand wie gebannt da und genoss das Schauspiel dieses prächtigen Untergangs: Eine Fontäne von Funken sprühte flammendurchsetzt empor und übergoss den weiten Umgriff mit seinem sanften Licht und überflutete die Schatten des Parks.

Von Ferne tönten begeisterte Rufe zu mir herüber, Jauchzen und lautes Klatschen. Das entriss mich meinem beinahe ekstatischen Zustand.

   Ich betrachtete jedoch weiter das Sterben des stolzen Herrenhauses – und in einer zugegeben etwas süßlichen Anwandlung dachte ich, ihm damit die letzte Ehre zu erweisen.

   Ernüchtert begab ich mich zurück zur Vorderseite – ... des Schlosses, wollte ich gar nicht mehr denken, aber eben Ruine auch noch nicht! Jedenfalls versuchte ich in die Nähe der Gesellschaft zu gelangen.

   Ich staunte nicht schlecht, dort tatsächlich M., den ja jetzt wohl gewesenen Schlossherren – und auch in voller Aktion erkennen zu können. Er schien ausgesprochen – und für mich ebenso verwirrend – unbeschwert. Er war der Herr dieses seines Kreises.

   Alle hielten sich an M. – wenigstens in seiner nächsten Umgebung – und mit dem Glas in der Hand an seine Plaudereien. Die altbekannte Form von lässig überspielter Aufgekratztheit und um pointierte Mitteilung bemühter Gesprächigkeit war wiederhergestellt.

   Die Feuersbrunst, wie sie einer der Herren bezeichnete, erwärmte Leib und Gemüt jetzt noch mehr oder jetzt erst richtig. Ausgesprochen angenehm war es. Wurde es einem doch zu warm, war mit ein paar Schritten in Richtung Park die Kühle der niederrieselnden Frische des nächtlichen Taus zu genießen. Und das hier alles kredenzt mit flüssigen und festen Genüssen des Leibes und im das Gemüt beruhigenden Bewusstsein, den Herrn, dessen Pracht da vor ihren und seinen Augen in Schutt und Asche sank, in völlig gelöster Stimmung in ihren Reihen zu wissen.

   "Ein nachgerade genial guter Verlierer, dieser M.!", war zu hören. Und da war auch einer, der dauernd den Kopf schüttelte und anscheinend etwas gar nicht fassen konnte. Ich wollte wissen, was ihn umtrieb. "Brillant!", sagte er immer wieder vor sich hin, "brillant! Dieser Mensch ist sogar noch bei so einer Pleite einsame Klasse!" Das war zwar nicht viel, aber ich hätte da auch nichts ergänzen können.

   Man hatte sich jedenfalls wieder und beschäftigte sich miteinander und stellte so etwas wie eine Insel der Seligen im immer noch irgendwie hastigen Getriebe dar. Eine Menge Menschen bewegte sich nämlich um dieses Eiland der Unbeschwertheit:

Uniformierte Helfer von der Feuerwehr waren natürlich noch da, die ihren Spritzkameraden zugearbeitet haben; die Hüter des Gesetzes, die ihren Dienst taten; hilfreiche Geister aus dem Dorf, welche, sich immer noch redlich mit geretteten Gegenständen abmühend, hin und her eilten; anderes Volk, das zwar nur gaffte, jedoch mit seinen erstaunten Augen wie Kinder am Weihnachtsbaum und daher beinahe rührend anzusehen war.

   Es drehte sich wieder alles um sie, die Society. Auch war da ja immer noch das Schauspiel dieses Verlustes der ganzen Herrlichkeit – jetzt bereits nur noch als Kulisse des Promitheaters: Es rauchte und roch und machte seinen Spektakel, loderte auf und fiel in sich zusammen ... Jetzt freilich bei weitem gedämpfter als zu Beginn und allem Anschein nach gebändigt.

   "Da jettet man durch die Lüfte und weit weg und überall hin, um etwas zu erleben", hörte ich einen Herr, als er sich gerade eine Zigarre angesteckte, "und dann erlebt man auf heimatlicher Erde dieses hier und noch dazu so absolut überraschend, wo es doch sonst für unsereinen eigentlich gar keine Überraschungen mehr gibt. Und bei diesem M., den man doch auch schon mal auch irgendwie ein wenig für einen Halunken gehalten hatte oder es eben nicht ausschließen wollte. Es gibt nun mal Geschäfte, bei denen einer immer irgendwie mit einem Bein im Gefängnis steht. Doch auch die müssen gemacht werden. Nun ja! Aber jetzt erleben wir ihn doch als einen tadellosen, generösen ... – was auch immer –‚ einen Gentleman eben."

   Auch da hätte ich nichts hinzufügen können.

   Der feine Herr paffte mit dem Qualm seiner Zigarre Ringel in die Luft und sah ihnen gedankenverloren nach, wie sie der Luftzug vom Feuer her in den Park trieb.

   Alle kamen sie gewiss auf ihre Kosten. Und es ging bis in den Morgen. M. und seine Freunde wollten sich am Ende noch einen Spaß daraus machen, die Männer von der Feuerwehr zu Gast zu haben. Die gegen Morgen zu etwas verbrauchte Stimmung der noblen Runde sollte durch den Mutterwitz der einfachen Leute aufgemöbelt werden.

Die wackeren und ob ihres Einsatzes doch ziemlich abgespannten Männer zögerten zunächst. Sie wollten erst darüber beratschlagen, ob man ´bei den Bonzen da` mitmachen solle. M. wusste sich auch dabei zu helfen, indem er, mit merklich schwerer Zunge zwar, aber jedenfalls in scharmanter Art, der Truppe einen Zuschuss für die Anschaffung eines neuen Löschfahrzeuges auslobte. Sie sollten kommen, um den Betrag bei einem Fass Bier, das bereits auf das Anzapfen warte, auszuhandeln.

   "Nun gut", sagte der Hauptmann, "Feuerwache müssen wir sowieso halten!"

   Das frische Bier schwemmte dann die Genussnacht aus dem Gebiss der Herrschaften und schenkte der Feuerwehr frischen Mut. Es ging bald hoch und laut her.

 

   Nun soll jedoch unser Berichterstatter wieder seiner Muße nachgehen und sich erholen können; allem Anschein nach wird er es nötig haben.

   Wir müssen jedoch tatsächlich weiter bei der bis jetzt geübten Zurückhaltung bei der Namensnennung, insbesondere des M. bleiben, jetzt allerdings gar nicht mehr so sehr nur aus presserechtlichen Gründen. In letzter Zeit wurde nämlich bekannt, dass in der Brandsache staatsanwaltschaftlich ermittelt wird. Über den Grund kann vorerst leider nur spekuliert werden. Dabei braucht man jedoch nicht bloß im Nebel herumzustochern.   Es liegt nämlich direkt auf der Hand, dass M. sein Schloss hatte ... Na ja.

   M. gehörte zu denen, die treuhandlich abgewickelte DDR-Betriebe aufgekauft hatten, und zwar in seinem Fall im großen Stil. Das war weithin bekannt, denn M. hatte sich von der Presse als Wohltäter feiern lassen, der Vermögenswerte und vor allem Arbeitsplätze erhalte. Er war also im neuen Osten mit einigen Geldmitteln eingestiegen.

Fehlte ihm dann das Kapital, das er in sein Schloss gesteckt hatte? Oder drückte ihn diese Kapitalbindung, weil er noch ein weiteres Betätigungsfeld dort drüben im Auge hatte? Wird er sich folglich sein Festgelegtes wieder lockermachen haben wollen, nämlich mit Hilfe der Brandversicherung?

   Wie auch immer, das werden Gerichte festzustellen haben. Selber muss man mit seinen Mutmaßungen auf der Hut sein, sich nicht das Mundwerk zu verbrennen, solche Leute hetzen gleich ihre Anwälte auf einen.

   Sehr viel unangenehmer könnte es jedoch für unseren Augenzeugen werden, der uns seine Erlebnisse schilderte. Er hatte ja mit einiger Sicherheit Beweismaterial "geschossen ‘ Man muss sich nur daran erinnern, dass er zum Beispiel diesen wunderlichen Typ auf Film nahm, jenen mit Sonnenbrille und Schlapphut. Da hatte er mit der Kamera bestimmt einen Ganoven eingefangen. Es wird auch zu ermitteln sein, was der in dem Koffer hereingeschleppt hatte!

   Das ganze Bildmaterial! Und wenn diese umfangreiche Dokumentation nicht ein oder gar der Schlüssel ist zu einer Beweisführung in Richtung Brandstiftung!

   Also ist auch sein Name sozusagen unter Verschluss zu halten. Verschluss, ein Stichwort! Nämlich für den Umgang unseres Informanten mit seinem Filmmaterial. Am besten ganz weg damit, möchte man ihm raten. Freilich! Ob das aber genügte? Denn da ist vor allem sein Beweismaterial in seinem Kopf .

   Man kann ihm nur wünschen, dass da nicht ein kriminelles Entsorgungsteam bei ihm auftaucht, das ihm dann das Material aus seinem Hirn wischt.

   Gehört hat man schon von solchen, nicht zuletzt ungesunden Praktiken.

 

 

 

 

 

Danach bist wieder bei uns

 

Draußen nahm Hans nach dem Stall eins von den Bäumchen und band es ein wenig zusammen. Dann machte er sich auf den Weg.

Die Straßen waren auch außerhalb des Dorfes geräumt worden. Er kam gut voran. Als er aber die Abzweigung zur Müllgrube einschlug, musste er durch den tiefen Schnee. „Hund, nixiger“, schimpfte er auf den Gemeindearbeiter. „Der wird sich gedacht haben, die sollen nur drunten bleiben in ihrem Loch!“ Hans stapfte zornig durch den Schnee. Da kam er auch mal vom Weg ab und trat in den verschneiten Graben. Er fiel der Länge nach in den Schnee. Er rappelte sich hoch und klopfte den Schnee ab. Wütend fuchtelte er mit dem Christbaum gegen das Dorf hin. „Ich kenn euch doch, wie ihr über die da unten denkt!“

Er kämpfte sich schnaubend voran, dass es ihm heiß wurde. Dann stand er am Tor zur Müllgrube und verschnaufte. Mit der flachen Hand fuhr er über die Stirn und wischte sich den Schweiß ab. Erst jetzt merkte er, dass eine Totenstille herrschte. Er spähte durch den Maschendraht. „Diese sternklare Nacht wieder, eine stille Nacht, vielleicht ist so eine Heilige Nacht - oder irgendwas Besonders“, ging ihm so durch den Kopf.

Er sah wieder zum klaren Himmel hinauf, zu den Sternen – ein paar hauchdünne Wölkchen. Und diese Stille. Kein Laut.

Dann ging ihm auf, dass diese Stille hier eigentlich eher ungewöhnlich war. „Klar“, lachte er, „die sind hier immer so laut, grad weil‘s so still ist vielleicht da!“ Hans ging ein paar Schritte am Zaum entlang und hielt Ausschau. „Wo sind denn die beiden Hunde“, fragte er sich, „die haben mich doch allerweil von ganz weit schon g‘schmeckt und bellt haben sie dann und in der Nähe haben sie gewinselt zum Gruß und vor Freude. Und Licht brennt auch keins in der Baracke!“

Er machte jetzt das Tor auf und ging auf die Baracke zu. Nach etlichen Metern blieb er stehen und sah umher und lauschte wieder angestrengt. „Irgendwas stimmt doch da nicht!“ Er ging ganz langsam auf die Bretterbude zu, trat ganz vorsichtig in den frischen Schnee, so als müsse er schleichen. Es blieb immer wieder stehen und wartete darauf, dass sich irgendetwas regte, etwas zu sehen oder zu hören sei.

Aber da war nichts!

Als er das Holzhaus erreicht hatte, warf er einen Blick durchs Fenster, konnte aber nichts erkennen. Er schlich weiter und versuchte es beim nächsten Fenster. Nirgends war etwas auszumachen. Alles war dunkel und still.

„Nichts rührt sich“, sagte er sich, „schon gruselig, schier gar Totenstille. Es ist schon komisch“, sagte er sich, „fast gruselig ist das!“

„Vielleicht wollen die mich verarschen!“ Er lachte, „klar, so ein Schlitzohr wie der Iwan!“ Er lachte, das befreite. Dann lachte er noch einmal, jetzt noch lauter. „He, wo seid ihr denn, Bande?“

Keine Antwort. Er wiederholte: „He, Bande! Raus mit euch! Ich bin‘s, der Hans vom Dorf!“

Es regte sich nichts. Er wollte noch nicht aufgeben: „He, rührt euch doch endlich. Ich hab’ was für euch!“ Und er hob den Christbaum und winkte damit, ging zu der Behausung und von Fenster zu Fenster und winkte mit dem Baum in die Dunkelheit hinein. Aber umsonst, keine Antwort. Jetzt wurde es ihm ärgerlich zumute. Er überlegte, ob er ihnen vielleicht sogar das Arschlecken anbieten und gehen sollte - oder ob er einfach hineingehen und Licht machen sollte oder ...

Er konnte sich nicht gleich entscheiden und wartete. Dann versuchte er es noch mal und schrie: „He, Iwan! Matuschka! Herrgott, rührts euch endlich! Jetzt langt‘s mit eurem Schmarrn, hörts auf und rührts euch!“

Immer noch keine Antwort, nur so etwas wie ein verstümmeltes Echo von der steilen Abbruchwand am anderen Ende der Kiesgrube. „Mensch“, sagte er sich, „dich hört man ja bis ins Dorf nunter!“

Er zählte jetzt so laut er nur konnte auf und hielt die Hände an den Mund, dass sein Rufen verstärkt wurde: „Matuschka! Lorenz! Iwan! Anna!“

Wieder nur dieses spärliche Echo.

„Das gibt‘s doch nicht. Die wolln dich auf den Arm nehmen, ganz sicher.“

Er versuchte es jetzt mit den Hunden und rief ihre sonderbaren Namen: „Bismarck, na komm! Und Nazi, komm! Nazi, he, Nazi!“ Das wiederholte er so laut, bis ihm die Gurgel kratzte.

Wieder Warten. Es wurde ihm sonderbar. „Es wird doch nichts sein!“

„Einfach das Bäumerl hinschmeißen. Wenn sie kommen, dann sehn sie’s schon.“ Jetzt erst merkte er, dass er die kleine Fichte mit beiden Händen vor sich hielt. Mit angewinkelten Armen stand er da und hielt das Bäumchen wie eine Waffe und wie zur Abwehr. Er ließ die Arme sinken.

Nun hielt er den Atem an, um noch besser hören zu können. Aber da war nichts, es bleib still. Nur die Geräusche der winterlichen Nacht, ein Vogel, ein Stück Wild, das im nahen Wald durchs Unterholz brach ...

 „Die sind weg. Abgehaun. Auf und davon. Schaut ihnen eh gleich, täten die Leut sagen. Und da siehst es wieder, was das fürwelche sind, kommen und gehn einfach, wie‘s ihnen passt.“

Dann fasste er Mut, ging zur Tür und drückte auf die Klinke.

Die Tür war nur angelehnt.

„Abhaun. Gleichschaun tät‘s ihnen ja. Warn irgendwann plötzlich da und sind halt jetzt plötzlich weg. Zigeuner!“

Er schlich in den dunklen Flur. Es roch modrig. Die Dielen knarrten. Er trat noch vorsichtiger auf, ging an den Rand, wo die Bretter fester auflagen. Ganz vorsichtig tastete er sich die Wand entlang. „Klar, das vergammelte Holz. Aus der Nazizeit.“ Ganz behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen und trat nur mit den Spitzen auf. „Wie das stinkt hier herinnen. Sonst hat das denen ihr Zigarettengestank überstunken. Und was sie so zusammengekocht haben für einen Fraß, einen ausländischen.“ Da knarrte wieder ein Dielenbrett. Er blieb erschrocken stehen, holte tief Luft, hielt den Atem an, lauschte, ob sich auf das Geräusch hin etwas rührte. Eine ganze Weile. Aber nichts. Er atmete wieder durch. „Heut stinkt‘s nicht mal nach ihrem Rauch!“

Immer dicht die Wand entlang. Dann ertastete er einen Rahmen, hinter dem sich eine Einbuchtung ausmachen ließ. Es musste die Tür zum Wohnraum sein.

„Reingehn! Dort drinnen die Streichhölzer holen, ich weiß ja, wo sie die immer habn! Der verdammten Dunkelheit den Garaus machen! - Garaus, Mensch, schau zu, dass dir keiner den Garaus macht, weil, bis jetzt sind sie bloß aufeinander losgegangen. Aber wer weiß, ob ich nicht auch mal dran bin. Jetzt ...“ Er stockte einen Augenblick und überlegte, wie er reagieren würde. Dann nannte er sich aber einen Idioten und schlich hinein und fingerte sich an den Gegenständen entlang. Die Örtlichkeit war ihm fast vertraut: „Die Kommode ganz links. Da müssten die Zünder liegen. – Herrgott! Scheiße, Fingerabdrücke!“, schockte er sich selber.

„Wenn jetzt doch was ist, dann habn sie mich am Arsch!“ Er fingerte schon nach dem Sacktuch. „Wie im Krimi. Bin ich ein Spinner? Das kommt von dem saublöden Fernsehn! Fingerabdrücke. Kripo.“

„Da! Richtig, die Zünder, endlich Licht machen! Und jetzt rüber zum Petroleumleuchter. Wie das hier komisch stinkt! Und wie das pappt beim Auftreten! Was die hier herin für eine Nacht habn, wo‘s draußn so hell is‘! Ein paar Schritte noch. Die haben scheinbar überall Pech, sogar mit der Nacht! Die bei denen pechschwarz ist wie sonst wo nirgends.“

„Mensch, irgendwas stimmt hier nicht! Der Gestank! Anders als wie sonst, Moder, Tabak, Fraß ...“

„Endlich, da ist‘s!“ Bärlapper strich ein Zündholz an. „Blödmann, das hättest doch gleich machn können!“ Die kleine Flamme tat den Augen weh. Er musste eine Weile die Lider zukneifen. „Es werde Licht!“, rutschte ihm heraus, als er die Augen wieder öffnete. Jetzt, da es heller wurde, fühlte er sich befreit von dem Druck. Seine ganze Aufmerksamkeit galt noch der kleinen Flamme. „Ein Licht geht dir auf“, sagte er sich, „bei so was wie hier, da spürst du so richtig, wie das is‘, wenn dir ein Licht aufgeht.“ Es wurde schon heiß an den Fingern, er fasste das Zündholz an der abgebrannten Seite und zielte mit der Flamme auf den Docht der Lampe, die vor ihm stand. „Jetzt noch die Flamme so aufdrehn, dass man alles sieht. Die verdammte Dunkelheit. Gut! Jetzt die andre Lampe noch. Und der beißende Rauch vom Zündholz hat sogar den Gestank von der Bude überdeckt. Und wenn das Petroleum brennt, dann überstinkt das auch noch ein bissl.“

„He, jetzt is‘ Schluss mit dem Blödsinn, Freunde!“, rief er in den Raum. „Jetzt geht her, nachher kriegt ihr was von mir. Ich hab fei was mitgebracht!“ Er atmete auf, als es endlich einigermaßen hell war und er laut hatte sprechen können - und er hielt doch gleich wieder den Atem an, vergaß einfach, Luft zu holen, war starr, stand wie angewurzelt da, riss die Augen auf und fuhr sich ganz mechanisch mit der Hand übers Gesicht, so als wollte er einen Spuk wegwischen: „Etwas Rotes an den Wänden, verdammt, gar nicht wenig, jede Menge, der Boden rot, der Tisch ... Überall dieses Rot! Ja was is‘ denn das? Seids jetzt ganz blöd oder gleich total verrückt und irr und wahnsinnig?“ Bärlapper war starr vor Schrecken. Er glotzte in den Raum. Er konnte es nicht fassen: „Ja, verreck, das darf nicht wahr sein!“ Er holte so tief Luft, dass es ihm fast schwindlig wurde. „Ja, Wahnsinn: Blut, das ist doch Blut, helles, frisches Blut überall umeinander, rumgespritzt, umeinander, ganz frisches Blut, da eine rote Lache und dort eine. Und da. Und dort. Der Iwan. Und ... Körper, Leiber ... Keiner rührt sich. Starre Leiber da und dort im Raum. Und die Augen. Die Glotzaugen. Sie starrten mit aufgerissenen Augen ins Leere ...“ Bärlapper klammerte sich an eine Stuhllehne und blickte ratlos umher und seine Blicke fuhren immer wieder über dieses Chaos und er konnte es nicht fassen. „Ja, was is‘ jetzt das?“, stammelte er, trat einen Schritt zurück, stieß an die Kommode und hielt sich an ihr fest. „Das darf ja aber gar nicht wahr sein. Dene trau ich‘s zu, dene trau ich‘s pfeilgrad zu, dass sie mich auch mit so einem Horror verarschn!“ Das ließ ihn für einen Augenblick wieder freier atmen. „Am Puls fühlen, ganz einfach! Das werdn wir gleich habn!“ Er hatte die Kommode losgelassen und bewegte sich bereits auf den ganz in seiner Nähe liegenden Iwan zu, da wurde es ihm wieder ganz klar im Kopf und er blieb stehen: „Schmarrn. Das is‘ verdammt echt. Die brauchst bloß anschaun, die sind hin, maushin. – Und ich bin hier, Mensch, was mach ich hier noch!“ Er ging ganz mechanisch rückwärts zur Tür. „Abhaun!“ Dann blieb er wieder wie angewurzelt stehen. „Das darf doch nicht wahr sein“, sagte er laut und hatte bereits die Hand ausgestreckt, sich zu einem der Hunde gebeugt, um ihn zu betasten, um nun doch die Echtheit seiner Beobachtung zu prüfen, wenigstens an einem Hund. Aber er zog die Hand zurück und richtete sich wieder auf. „Abgemurkst. Alles. Da brauchst nix anlangen, so wie’s da ausschaut, is‘ es ganz verdammt echt. Alles abgemurkst!“ Seine Augen gingen wieder über das Schreckensbild, fuhren über die Körper. Jetzt entdeckte er auch diese kleinen wunden Stellen in den Körpern, die aussahen, als ob aus ihnen noch Blut sickerte. „Sakra, ich hab ja doch schon viel gesehn“, sagte er sich und fasste sich an den Hals. „Und Säu hab ich abgestochn. Dutzendweise. Und das hat mir gar nix ausgemacht. Und Blut gerührt. Aber das hier, das geht mir jetzt g‘scheit ans Gemüt. Und da kriegst dich nimmer mit dem hier. So was, ja wie’s nur sein darf!“ Er ging rückwärts auf die Tür zu, ließ keinen Blick von diesem Schlachtfeld. Es würgte ihn im Hals. Schritt um Schritt ging er rückwärts. Es roch jetzt noch viel stärker, meinte er, so sonderbar und zum Kotzen. Er achtete gar nicht mehr darauf, wo er hintrat, ob er in eine der vielen Blutlachen trat. In seinem Kopf hatte es sich zu drehen begonnen. Da waren auf einmal lauter so rote Punkte, die sich auch noch auswuchsen, die zu lauter so wunden, roten Öffnungen auswuchsen und sich allmählich zu drehen begannen, dass es ihm bald im Kopf tanzte, und er hatte bereits das Gefühl, mit ihnen tanzen zu müssen ...

Bärlapper versuchte noch, mit seinen Blicken in der Mitte des Raumes Halt zu finden. „Vielleicht sind‘s die Blutspritzer an der Wand, dass mir so irr wird!“ Aber da lag der Iwan mit einer Pistole in der Hand, und er lag da mit dem Kopf auf der Tischplatte zwischen den vielen Flaschen ... Das kleine, rotgerandete Loch in der Stirn ... Und der Kopf schwamm in seinem Blut ... Bärlapper würgte es, und es kam ihm alles hoch. Er hielt sich am Türrahmen fest und spuckte in den Raum, zwei, drei Mal. „Ja so was, das alles - und das jetzt auch noch!“, sagte er laut, als er sich wieder gefasst hatte. Dann begann aber das im Kopf wieder mit dem Kreisen ... Er drehte sich mit einem Ruck um und rannte hinaus. Draußen schrie er, während er davonrannte, etwas von Irrsinn, Wahnsinn. Es tönte laut in die Nacht. Er stieß, als die Stimme nicht mehr mitmachte, einfach Laute aus wie ein Tier. Er rannte den Lichtern des Dorfes entgegen, stolperte immer wieder, fiel in den Schnee, in den Graben, kroch dann ein paar Meter auf allen vieren ... Dem Bürgermeister fiel Bärlapper keuchend und hustend ins Haus.

„Was is‘ denn Hans? Spinnst du? Hock dich doch erst einmal hin und verschnauf dich!“, sagte der Bürgermeister. „Und wie du stinkst! Los, wasch dir erst mal dein Maul ab, du hast ja gekotzt und bist ganz verschmiert, ja, pfui Teufl, du Dreckbär!“

Bärlapper ließ sich auf einen Stuhl fallen und saß dann wortlos,in sich gesunken da, stierte vor sich hin, die Bilder noch vor Augen, stöhnend, schweißgebadet, hörte gar nicht auf die Fragen, „ob eine Kuh kaputt worden is‘ oder gar der Mutter was is‘.“ Die Bürgermeisterin kam mit einem Kübel Wasser und wischte ihm mit einem Lappen das Gesicht ab. „So“, sagte sie, „jetzt schaust wenigstens nimmer gar so arg aus, bloß stinkn tust noch!“, und ging wieder.

Der Bürgermeister wollte immer noch wissen, was los war. Aber Bärlapper reagierte nicht. So gab der Bürgermeister vorerst auf und verlegte sich darauf, ernst dreinzublicken und zu warten. „Irgendwann muss der ja zum Spinnen aufhören“, sagte er sich, setzte sich aufs Kanapee und steckte sich eine Zigarre an:„Damit‘s nimmer so saumäßig riecht“, sagte er zur Frau hin. „Irgendwann hört der zum Spinnen auf. Sonst tut man ihn zu die Spinnerten auf Kaufbeuren oder Haar, wurscht, wo s‘ ihn halt habn wolln.“ Als aber auch nach längerer Zeit von Bärlapper nichts kam und der Bürgermeister auch nicht gleich und noch dazu vor Weihnachten so hart durchgreifen wollte, beorderte er seine Frau zur Aufsicht. Er ging einstweilen nach draußen, um nachzusehen, „vielleicht weiß man schon im Dorf, was passiert is‘, das den Bärlapper so aufgeregt hat - den Bärlapper Hans, den so leicht nix aufregt, wie ein jeder weiß“, sagte er. Zeit verging, während der Bärlapper reglos dasaß. Die Bürgermeisterin redete ihm immer wieder zu, er soll doch das Maul aufmachen und endlich sagen, was los war. Es nützte gar nichts, außer einem Schlucken war nichts zu vernehmen. „Magst ein Schnapsl? Wirkt Wunder, dass du wieder wirst!“ Sie beschwor ihn, endlich Rede und Antwort zu stehen: „Ich hab doch noch deinen Vater gekannt - und im Übrigen hab ich ja auch noch was andres zum Tun in Haus und Stall, als hier zum Hocken mit so einem bockbeinigen Kerl, der wo nix sagt und einem die Zeit stiehlt!“

Dann kam der Bürgermeister wieder herein, hatte die Tür aufgerissen und stand in einer etwas komisch, aber doch auch wieder bedrohlich wirkenden Positur im Türrahmen. Er warf seinen Blick auf Bärlapper. Er schien eine Nachricht erhalten zu haben und in voller Kenntnis einer gefährlichen und eine Amtshandlung fordernden Sachlage zu sein. Jetzt hob er ganz langsam und bedeutungsvoll die rechte Hand, richtete den Zeigefinger auf Bärlapper und forderte diesen dazu auf, alles einzugestehen, alles und restlos alles. Während er, nachdem er den Arm wieder hatte sinken lassen, wartete, ruhte sein stechender Blick weiter auf Bärlapper. Bärlapper aber tat keinen Mucks. Der Bürgermeister ordnete dieses Schweigen, nach kurzem, erfolglosem Harren, als für einen Verbrecher typisch ein. „So sind s‘, die Halunken, die unrechtmäßigen. Zuerst ein Verbrechen machen und dann das Maul nicht aufbringen!“ Er bewegte seine drei Zentner auf Bärlapper zu, packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn mit den Worten: „Gib alles zu, du Haderlump, was du da getriebn hast und was man ja schon lang hat kommen sehn. Der Jäger hat dich fei gesehen, wie du hinein bist! Und du bist ertappt und überführt, wie sich‘s gehört in der ganzen Kriminalität. Und wie ihr umeinandergeschrien habt, hat der Jäger gesehn, und gehört hat er es auch, dass du es weißt. Und wie ihr gestritten habt. Zugangen is‘s wie bei die Wilden und vollkommen Unzivilisierten. Los, Kerl, da gibt es nix mehr abzuleugnen!“

Bärlapper riss seinen Kopf hoch und glotzte den Bürgermeister mit offenem Mund an. Der jedoch wiederholte seine Aufforderung von vorhin und noch lauter und fügte hinzu, dass man sogar Einzelheiten wie Schimpfworte gehört hat: „Einen Nazi hast du den Russ‘ geheißen und einen Bismarck dazu und lauter so ein politisches Zeug! Und das du, ein Mannsbild aus unserm Dorf hier! Und dass man nie denkt hat, dass du ein solcher bist. Aber da sieht man‘s ja wieder, wie man sich in die Leut täuschen und gar nicht genug aufpassen kann. Und dass das alles jetzt in der Weihnachtsstimmung eine große und viel größere Sauerei ist mit dem Mord und ja überhaupt hat kommen müssen, irgendwann, doch unausweichlich, bei dene Leut da unten in der Müllgrube!“, schrie er und drehte sich weg, um sich seine Zigarre wieder anzustecken, die ihm während seiner Amtshandlung ausgegangen war.

Nach einigen Zügen an dem braunen Prügel hatte sich der Bürgermeister wieder beruhigt, und es überkam ihn ein Anrühren. Er stieß eine Tabakwolke aus, ließ von seiner Amtspose, kam näher an Bärlapper heran und sagte fast weinerlich, „dass alles so saumäßig traurig ist, weil erstens bald Weihnachten ist und zweitens er, Bärlapper, sich an dem Gesindel die Hände hat dreckig gemacht und grad ein so ein braver Bursch - der du ja gar nicht mehr ganz bist, erstens wegn deine mitterdreißig Jahr und zweitens wegen dem Mord und Totschlag jetzt! Aber du, Hans, grad so einer wie du! Und wo ihr daheim doch so anständige Leut seid. Und gleich so radikal und gleich alle und die Hund gleich mit, aber die hätte man doch noch irgendwie brauchen können, schöne Viecher, Deutsche Schäferhund! Also weißt, das musst du mir dann doch schon sagn, ob‘s das braucht hat, so radikal!“

Bärlapper schnappte nach Luft und würgte, dass der Bürgermeister Angst hatte, dass da wieder was beim Bärlapper aus dem Hals kommt. Er hat seine Fleischmassen beinahe ruckartig zur Seite und damit sein Gewand in sichere Entfernung gebracht. „Aber nicht, dass du meinst“, sagte der Bürgermeister noch, kam wieder näher und klopfte Bärlapper auf die Schulter. „Zu dir haltn tun wir allesamt.“ Er qualmte eine große Wolke ins Zimmer. „Das, was du da gemacht hast, das hätt in Anbetracht der Lage einem jeden von uns auch passieren können. Das is‘ eben so, wie wennst im Rausch einen z‘ammfahrst mit dem Auto und der dann hin is‘. Das kann einem jeden von uns passieren. Kommst eben ein bissl ins Zuchthaus auf Landsberg oder Stadelheim.

Und da kommt man dich besuchen. Und danach bist wieder bei uns. Wirst sehn, die Zeit vergeht ganz schnell, bloß zugebn musst gleich alles. Weil, die vom Gericht, die mögn das nicht so, wenn einer so saumäßig verstockt is‘ oder gar noch lügt auf Teufl komm raus. Einem solchen, dem brummen s‘ gleich noch ein paar Jahrl mehr drauf, dass er zu sich kommt und ein anständiger Mensch werdn kann im Zuchthaus. Aber du bist ja schon ein anständiger Mensch, das weiß man ja. Und jetzt machst dein Maul auf und sagst mir alles!“ Doch der Bürgermeister hatte kein Glück bei Bärlapper. Der war jetzt aufgestanden, stand stumm vor dem Bürgermeister und schaute ihn, jetzt allerdings nicht mehr mit gar so großen Augen an. Der Bürgermeister war einen Schritt zurück getreten. Denn bei einem Mörder, dachte er sich, kann man ja nicht wissen, ob die Mordlust vorbei ist und er sich nicht noch einen greift. Er war beinahe über den Stuhl gestolpert, der da hinter ihm war, hatte sich aber wieder gefangen. So standen sie sich gegenüber, wenn auch jetzt etwas entfernt voneinander. Aber keiner wusste zunächst, wie es weitergehen sollte. „Da bleibst jetzt, Bärlapper Hans, und schön staad weiterhin.

Hinhocken, verstanden! Jetzt wartet man auf die Polizei!“ Bärlapper gehorchte und setzte sich wieder. Der Bürgermeister warf noch einen gestrengen Blick auf diesen Haufen Elend dort vor ihm auf dem Stuhl, war sicher, dass da wenigstens im Augenblick keine Gefahr zu befürchten sei und ging hinaus, um sich den Leuten zu zeigen.

 

 

 

 

E I N G A N G   Z U M    A M T

 

   Eine Tür aus hellem, matt glänzend versiegeltem Eichenholz von ansehnlicher Größe. Schnitzereien zieren die beiden Blattfelder: Da sind Rosetten zwischen Ranken, mit einer schmalen, gedrechselten Leiste gefasst. Das Türblatt ist in einem Rahmen angeschlagen, dessen Kanten mit einem feldartigen Profil gebrochen sind. Und die feinen Lebenslinien des Holzes laufen durch das ganze Werk.

   Generationen schon mögen durch dieses prächtige Portal das in der Barockzeit entstandene Gebäude betreten haben.

   Mein Blick gleitet am Zierrat entlang. Ich bin versucht, an Verschwendung zu denken. Dann leuchtet mir jedoch ein, was Türe denn wirklich darstellt: Einlass und Abweisung, Austritt und Rückzug, Öffnung und Verweigerung gestattet oder fordert sie. Im Nu erblicke ich in ihr ein äußerst wichtiges Organ des Gebäudeganzen – und bin sogar bereit, den Höhenflug zu wagen, einem Haus eine Abbildschaft der menschlichen Seele zuzubilligen.

   Ich stehe immer noch auf der Straße und mein Blick gleitet am Zierrat dieses honigfarbenen Meisterstückes entlang und verliert sich in der fantastischen Schönheit.     

   Ich verharre so eine ganze Weile.

   Erst die Erinnerung an mein eigentliches Anliegen lässt mich geradezu aufschrecken und treibt mich fort. Ich drücke eilig, wenn auch vorsichtig auf die handgeschmiedete Klinke. Die Tür ist nur angelehnt. Beinahe andächtig trete ich in den Vorraum des Amtes und denke noch: als Eingang zu einem Amt so etwas Schönes. Drinnen blicken Menschen zu mir auf. Ich werde von den wartenden Personen schier ehrerbietig gegrüßt, bilde ich mir ein. Ich wundere mich, dass sie mich für jemanden halten mögen, den sie erwartet haben. Ich fühle mich einen Augenblick lang unangenehm von den Hoffnungen der Leute bedrängt.

   Ich stelle mich hinten an.

   Da fällt den Leuten die Erwartung nebst Achtung aus dem Blick.

   Es überkommt mich trotzdem einen Moment lang angenehm, dass mein Auftreten  von ei­ner etwa Hoffnungen erweckenden Art gewesen sein konnte. Womöglich scheint mein äußerer Habitus, meine Ausstrahlung gar würdig eines Amtsinhabers. So eines Menschen, der über Wohl und Wehe der Bürger entscheidet – zwar nur in seinem begrenzten Zuständigkeitsbereich, aber immerhin als Teilhaber der staatlichen Hoheit und Gewalt.

   In diese Gedanken hinein geht die Tür wieder auf, diesmal wie nur etwas vom Wind bewegt. Ein kleiner Spalt von Öffnung entsteht, wie wohl der ganz Sparsame in der kalten Jahreszeit sein Haus betritt. Und hindurch zwängt sich, scheu umherschauend, ein großhändiger, rotgesichtiger Hüne in grünem Loden. Al­le schauen zweimal hin, niemand kann glauben, dass einer wie er so wenig Platz benötigt. In das Staunen brummt dieser Mensch sein Grüß-Gott.

   Der eine oder andere nickt auf den Gruß ein wenig mit dem Kopf. Einer grinst, will eine Bemerkung loswerden, da fliegt die Tür auf, dass alle ruckartig den Kopf wenden. Sperrangerweit ist die Öffnung, und krachend schlägt die schöne Klinke an die Wand.   Das Auge vollzieht diese Attacke nach, und man entdeckt eine wohl im Laufe der Zeit entstandene Mulde herausgebrochenen Putzes. An der Wand hinunter führt eine schmale Spur zu einem auf dem Boden zu entdeckenden Fleck frischen roten Ziegelstaubes. Alle waren zusammengezuckt. Die Mauer blute, sticht einen in den Sinn.   Ein Gewohnheitstäter, ist man überzeugt. Man hat aber keine Gelegenheit, wenigstens in seiner Miene Entrüstung zum Ausdruck zu bringen. Schon nimmt ein kleines, vertrocknetes Männlein wahr, wie es hereinhuscht mit einer Aktentasche in der Hand, die bis zu den Knöcheln zu reichen scheint, wehenden Mantels, Mäntelchens ...

   Den kennt man im Städtchen. Man grüßt kurz, laut, fast militärisch. Sein Auge streift die Schar für den Bruchteil einer Sekunde nur und hat womöglich alle und alles als Schnappschuss im Gedächtnis. Dann scheint der Spuk vorüber zu sein. Der kleine Despot, als den man ihn einschätzt, mit dem phänomenalen Personengedächtnis, von dem man weiß, ist verschwunden.

   Sich mit einem Seitenblick versichernd, dass die Luft rein ist, wagt jemand aus der Warteschlange zu äußern, dass die große Aktentasche immer einige dicke Telefonbücher enthalte, die dem brutalen Gnom als Sitzunterlage dienten.

Einige haben gelacht, andere zwar nur geschmunzelt, doch man ist sich näher gekommen. Das ermuntert einen Mann aus der Gruppe festzustellen, dass das gewalttätige Männchen wohl bald einen Wanddurchbruch geschafft haben wird, wenn es weiter so hereinstürmt. Das zustimmende, vor Empörung trotzige Nicken mehrerer Leute ermutigt ihn, noch anzufügen, dass wohl das ganze Gebäude irgendwann zusammenkrache, habe dieser Terrorzwerg noch etliche Dienstjahre für sein Zerstörungswerk zur Verfügung.

   „So etwas muss man sich bieten lassen!“, ist zu hören. „Parasiten, die auf unsere Kosten leben!“, erklingt. – „Verschwendung von Steuergeldern!“, wird hinzugesetzt ...

Augenblicklich ist eine Gemeinschaft in einer Art heiligem Zorn entstanden. Und man murrt in der Stimmung noch eine Weile zwar vernehmlich, aber eher nur so vor sich hin. Dann verebben die Aussendungen in einer gespannter Ruhe. Man würde zusammenhalten, womöglich sogar in Taten, aber zumindest in Wor­ten oder auch nur in zornigem Schweigen ..., geschähe jetzt jemandem etwas von Seiten der Obwaltenden hier ...  Altmünchner Trambahnstimmung ...

   Der Zorn verraucht allmählich, die Bewegungen sind entspannter. Man ist sich sogar ein wenig – still zwar, doch immerhin zugetan. Begegnen sich die Blicke, nickt man sich jetzt freundlich zu und lässt vielleicht sogar ein Lächeln über die Wangen huschen.

Als habe sie auf diese Öffnung gewartet, erhebt jetzt eine Frau, die schon seit einiger Zeit unruhig auf der Stelle tänzelt, ihre Stimme. Sie erklärt in lauten Worten mit hektischer Gestik ihrem Vordermann und in gleicher Weise dann der ganzen Gesellschaft, dass sie schnell einmal wohin müsse. Sie beteuert noch eben, schon auf dem Weg, gleich wiederzukommen.

   Alle nicken wissend und schmunzeln verständnisvoll. Sie fragt vom Gang her und natürlich noch lauter, ob sie dann wieder auf ihren erstandenen Platz in der Reihe zurück­kehren dürfe. Alle haben ein Einsehen. Jemand bietet sich an, einstweilen ihre Aktentasche zu halten. Die hübsche junge Frau trippelt davon. Als sie weg ist, zeigen sich alle gerührt von so viel Menschlichem und nehmen Anteil am Diktat der Natur, jemand berichtet, dass es ihn neulich auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt ganz brutal heimgesucht habe. Man lächelt sich zu. 

   Dann wieder Schweigen. Warten. Ein tiefer Seufzer tönt in die angespannte Langeweile.

   Da kann sich ein Mann nicht mehr halten und es bricht aus ihm heraus und er beginnt polternd zu berichten, er sei schon das dritte Mal in derselben Angelegenheit hier und immer nur wegen einer angeblichen Lücke, die er im Formblatt gelassen habe, oder wegen eines fehlenden Beleges oder …  – er wisse jetzt überhaupt nicht so recht, warum er immer wieder weggeschickt worden sei. Oder er wisse es gar nicht so genau. Immer wieder entdeckte dieser Federfuchser, Erbsenzähler, Tüpfelkacker etwas, das er dann Fehler nenne ...

   Da ergreifen gleich zwei für ihn, den sie in die immer größer werdende Schar der Entbürgerlichten einreihen, und gegen die Bürokraten, die immer anmaßender werden, Partei und reden sich die Köpfe heiß. Mit puterrotem Gesicht schwingen sie sich in ihren Angriffen zu wüsten Beschimpfungen auf und versuchen sich darin zu übertrumpfen. Von Saubande ist die Rede, von Steuerparasiten, die der Bürger mit seiner Hände Arbeit durchfüttern müsse ...

   Die anderen nicken schweigend dazu. Und am Ende ist dann der ganze Staat dran als Tummelplatz von Ausbeutern und Betrügern, den es zu bescheißen gelte, wo es nur immer ...

   Geräusch. Mehr Licht im Raum. Ein Luftzug ... Die Tür ist wieder geöffnet worden. Augenblicklich endet die Szene. Einer hat seine zornige Rede mitten im Satz abgebrochen. Alle wenden sich ruckartig dem Eingang zu – und haben noch sehen können, dass dessen Öffnung durch einen Fußtritt erfolgt war. Ich bin empört: die schöne Tür! Man solidarisiert sich wieder stumm mit Blicken, und ich meine aus dem einen oder anderen Gesichtsausdruck der Leute lesen zu können, dass sie in dem Moment so wie ich denken: Ein  anständiger Mensch sollte es sich versagen, eine Tür auf diese Weise zu öffnen, erst recht eine öffentliche Tür, die doch immerhin allen gehört.

   Als ich meine Blicke wieder dem Eingang zuwende, nehme ich erstaunt eine unförmige Masse Mensch wahr. Ein Globusschädel, groß und rund, darüber ein üppiges, faltiges Hautgewand, oben völlig glatt und speckig glänzend, mit einem borstigen Pelzbesatz, einem Haarkranz. Den Hals kann ich nur vermuten, denn die Linienführung des Kopfes geht ohne Absatz in die Schultern über. Und Augen, Nase, Mund scheinen eingebettet in den Faltenwurf der Haut. – Eigenartig, ich bin fasziniert und kann meine Blicke nicht abwenden. – Die Gegend des Nackens ist geschoren, erscheint ebenfalls glatt und glänzend um eine tiefe waagrechte Falte.  Großartig, denke ich, diese Spielart der Natur, und ich überlege, ob man bei so einem Menschen immer hinten und vorne sofort auseinander kennen würde. Noch mal hinsehen! Ich erblicke ihn gerade noch, als er bereits um die Ecke biegt, kann meine Frage jedoch noch nicht klären. Nach einer Weile angestrengten Nachdenkens fällt mir ein, dass ich ja doch nur immer auf die Füße sehen müsse, dann könnte ich sofort und mit Sicherheit schleißen, wo bei einem Menschen hinten und wo vorne ist.

   Am Ende rüge ich mich allerdings, dass ich mich zu diesem Gedankengang, den ich freilich für unter meinem Niveau halte, habe hinreißen lassen. Ich sage mir noch, dass insbesondere diese einfachen, einleuchtenden Erkenntnisse von scheinbar allgemeiner Richtigkeit sehr gefährlich sind, nämlich für den Fortbestand des kritischen Bewusstseins. Sind diese Formeln doch in der Lage, den Zweifel zu untergraben, der für die Ehrlichkeit des Menschen zu sich selber so wichtig ist. 

   Ich schaue umher, um zu sehen, ob ich nicht auch noch etwa etwas, zwar so vor mich hin, aber immerhin für andere vernehmbar gesprochen hätte. Aber da begegne ich, wenn überhaupt, Blicken, die kalt, jedenfalls ohne Ausdruck bleiben. Man scheint sich gegenseitig wieder verloren zu haben, und jeder ist nur in sich er selber. Keiner hat mehr etwas mitzuteilen.

   Ich bemerke nur beiläufig etwas mehr Bewegung im Raum und in der Warteschlange. Das Portal wird häufiger passiert, bleibt mitunter länger geöffnet. Im Haus klappen Türen ... Ich besinne mich dann wieder meines Anliegens und beginne, die mitgebrachten Akten zu studieren. Ich konstruiere Formulierungen, denn ich bilde mir ein, dass diese Herrschaften hinter den Schreibtischen Respekt empfinden gegenüber der Fähigkeit, präzise vorzutragen sowie in der Lage zu sein, Formulare korrekt auszufüllen. Und wer Achtung genießt, hat es leichter im Leben, denke ich mir und sporne mich damit an, um nämliche zumindest bei den Anderen nicht zu verlieren.

Bevor ich noch richtig in mein Aktenstudium einsteige, befällt mich allerdings wieder diese Beunruhigung, mir an diesem Ort hier erneut eine Einsicht allgemeiner Art geleistet zu haben. Ich sehe auf – und stelle fest, dass die Leute zu mir so eigenartig freundlich sind, wenn sie aus dem Amtszimmer kommen und an mir vorüberschreiten, um das Amt verrichteter Dinge zu verlassen. Weshalb dieses höfliche, schon dankbare Nicken? Ich vertiefe mich in meine Akten.

   Ein komplizierter steuerlicher Vorgang, um dessen Klärung ich mich lange Zeit gedrückt habe, werfe ich mir vor. Mit Lesen, Nachdenken und sich Vorwürfe machen vergeht die Zeit.

   Die Leute gehen jetzt achtlos an mir vorüber, bemerke ich beim flüchtigen Aufschauen. Das empfinde ich dann schließlich doch als Verlust, sehe deshalb konzentrierter auf – und auf die Uhr. Ich bin erschrocken. Ich mustere die Runde eine ganze Weile, erkenne, dass die Reihe aus ganz anderen Menschen besteht, und ich mich außerhalb derselben befinde und höchstens ab und zu etwas fragend angesehen werde.

   Ich denke mir meinen Teile, vermeide es geflissentlich, mir selber Vorwürfe zu machen und stelle mich als gesitteter Mensch erneut hinten an. Auf keinen Fall jedoch will ich mich mehr ablenken lassen durch Gedanken. Denn es ist ja abwegig, an einem solchen Ort zu denken und sich mit anderen Menschen zu befassen – von schönen Dingen gar nicht zu reden, von Kunst, von dieser einmaligen Eingangstüre, von diesem honigfarbenen unvergleichlich kunstreichen Meisterstück eines sicher leider längst verblichenen Handwerkers, von diesem Denkmal des Könnens und Geschmacks, rankenbeladen, rosettenbesetzt ...

   Mein Gott, jetzt bin ich doch schon wieder befangen!

Mein Gott, jetzt bin ich doch schon wieder befangen!

 

 

 

 

Vor einer Liebesnacht und danach

 

Hans hatte seine Fahrt beim Wirt kurz unterbrochen und war

vom Traktor gestiegen. Er war unten stehen geblieben und hatte

mit dem Schuh gegen den Reifen geklopft, so als ob er ihn

prüfen wollte. Dabei hatte er aufmerksam umhergeschaut, um

zu sehen, ob ihn jemand beobachtete.

„So, gehst auch zum Bier?“, fragte der Müller-Nachbar im Vorbeigehen.

Hans zuckte zusammen. „Das is‘ das schlechte G‘wissen“, dachte

er. – „Nein, das grad nicht!“, rief Hans gekünstelt lachend.

„Ich muss dem Wirt bloß was sagn wegen die Trachtler, da

brauch ich den Saal.“

„So, so, machts wieder was“, sagte der Müller nur und ging

weiter.

Hans drückte sich beim Hintereingang in die Wirtschaft. Auch

dort schaute er sich ein paar Mal aufmerksam um, weil er gerade

hier sicher sein wollte, dass er bestimmt alleine war. „Das

muss keiner wissn. Im Dorf wissn sie eh immer zu viel. Vielzuviel,

von dem was sie nix angeht.“ Er holte die Silbermünzen

aus der Hosentasche, fingerte sie aufgeregt in den Schlitz am

Automat, schaute noch mal herum und lauschte – und zog sich

ein Päckchen.

Den Rückweg trat er eilig, aber mit Besitzerstolz und wiederhergestellter

innerer Ruhe an. Jetzt schaute er lässig umher,

hatte das Päckchen in der Hosentasche und grabschte danach,

tastete es von allen Seiten ab, fuhr die Kanten entlang. Er bebte

schier vor Freude, während er zum Führerhaus emporkletterte,

steckte den Schlüssel in den Schlitz, brachte sein Gefährt auf

Touren … Als er seine Tastübungen noch einmal aufnahm, fiel

ihm wieder diese blöde Geschichte über den Pfarrer ein: „Wie

der alte Schwarzkittel sich aufg‘führt hat. Wie der vor etlichen

Jahren aus heiligem Zorn, wie er‘s genannt hat, gegen die Unmoral

und den Blechkasten im Abort gekämpft hat. Der Kasten,

der immer die Sündengummi ausspuckt, wenn man seine

Silberlinge, wie er gesagt hat, reingeworfen hat – die wo eigentlich

ins Sammelsackel in der Kirchen gehörerten. Mit seim

Gehstock, dem Hacklsteckn, hat der Pfarrer auf das Teufelswerk

eing‘schlagen. Der wollt ein Zeichen gegen den sittlichen

Verfall setzn. Und hat‘s drauf auch von der Kanzel runter geschrien,

dass man den Kopf einzogen hat – bis auf die alten

Weiber, die wo rumg‘schaut habn, wer da den Kopf am ärgsten

einzogn hat. Und der Pfarrer wollt ja den blechernen Kasten,

dem sein Inhalt zur ungehemmten Fleischeslust anregte, wie er

g‘sagt hat, runterschlagen und möglichst samt Inhalt vernichten.

In den Staub mit der Verderbnis!“ – die Hans jetzt in der

Hose fühlte. Aber mehr als ein paar Beulen, die man heute noch

sehen konnte, hatte der Pfarrer nicht landen können, geschweige

denn, dass er es geschafft hätte, das Ding aus seiner soliden

Verdübelung zu bringen.

Hans musste jedes Mal, wenn er sich ein Päckchen zog, daran

denken. Und dann merkte er, dass es ihm doch irgendwie

ans Gewissen ging. Da ging es ihm im Kopf herum, gelegentlich

wieder zur Beichte zu müssen – was allerdings beim neuen

Pfarrer aus Indien nicht mehr ganz so unangenehm wäre.

„Der alte hatte einen immer im Beichtstuhl zusammengeschissen,

wenn das sechste Gebot dran war und das mit die Gummi

raus hat müssen – wo‘s doch mit ohne Gummi schon für einen

Anschiss g‘langt hätt ohne verheirat zum sein“, erinnerte sich

Hans. „Wenn es damals laut worden is‘ im Beichtstuhl, dann

hat die Schlange der wartenden Sünder draußen immer genau

g‘wusst, um was es da gangen is‘. Und grad da, beim sechsten

Gebot, is‘ er immer so eing‘stiegen, der Alte. Warum grad da?

Das war für etliche dann gleich schon ein bissl Fegfeuer, wenn

er als zwar losgesprochener Sünder dann, aber mit knallrotem

Kopf und dem Auftrag, zur Buße einen Rosenkranz zu beten,

wieder rauskommen is‘ und an den anderen vorbei hat müssen

und die grinst haben – um dann selber diese Abreibung zu

kriegen.“

Resi, mit Berufsnamen, eigentlich Michaela, Michi, wie sie Hans

nannte, wartete bereits auf ihren Hans mit Tee und Gebäck bei

Kerzenschein, dem auch ein geheimnisvoller Duft entströmte.

Dieses Arrangement war fester Bestandteil einer Übung, die sie

46 das ganze Jahr und nicht nur zur Zeit der, wie eben jetzt, kürzer

werdenden Tage pflegte. Bei ihrem Hans machte es auch noch

viel mehr Spaß als bei ihren verflossenen Herzbuben, die sich,

sonderbarerweise der eine wie der andere, durch Unpünktlichkeit

ausgezeichnet hatten. Michaelas Kerzen waren dann meist

heruntergebrannt und der Tee hatte Blumen bekommen, wenn

der Kerl endlich aufgetaucht war. Sie vertrat die Auffassung

bereits mit Prinzipientreue, dass man auch und vielleicht gerade

in Herzensdingen immer unter dem Einsatz von gewissen,

wenn auch schlichten Ritualen, wie den ihren zum Beispiel,

vorzugehen hätte. Das sei zu wichtig und dürfe nicht schnöder

Alltag werden, was da um die Liebe herum alles abläuft, bildete

sie sich ein. Aber jetzt, mit ihrem Hans, gab es da keine Schwierigkeiten,

denn der war pünktlich, und man könnte sogar die

Uhr nach ihm stellen, sagte sich Michaela gern und auch mit

Stolz. Und wenn sie ihn hin und wieder deswegen lobte, erhielt

sie zur Antwort, dass er ja bei seinen Kühen auch pünktlich sein

müsse, weil er sich da beim Melken leichter tue, „denn weißt,

die haben auch so was wie eine inwendige Uhr, da geben s‘

dann die Mili leichter her.“ Das fand Michaela toll, wenn er so

etwas aus der Natur der Natur daherbrachte.

Da stand er heute auch bereits vor der Tür.

Man schlürfte nach dem Begrüßungshallo zunächst schweigend

seinen Tee und genoss die Atmosphäre, vielleicht auch nur die

schiere Freude des Beisammenseins. Hansens Wohlgefühl steigerte

sich zunehmend. Er vermutete, dass die vorhin hastig

trocken hinuntergewürgten Brotbrocken in seinem Magen jetzt

dank des Tees aufquollen, weil es ihm so satt zu Mute wurde.

Da wagte er aus dieser Sicherheit seiner Existenz heraus auch

ein problematisches Gespräch, und zwar um eine so überaus

ungewisse Sache wie die Zukunft. Er hatte ja die Mutter immer

ziemlich gut verstanden, wenn sie am Donnerstag stets so ein

bisschen sorgenvoll hinter ihm her schwieg. „Magst nicht …?“,

begann er und holte noch mal Luft, „… magst nicht meine Bäuerin

werdn?“

„Bäuerin!“, war von Michaela nur – und obendrein fast wie

ein Klagelaut zu vernehmen. Damit diese völlig offene, näm47

lich viel und auch wieder nichts sagende Äußerung nicht etwa

von ihm als gegen sich oder gar den ganzen Berufsstand der

Bauern gerichtet gedeutet würde, rückte sie näher zu ihm hin

und begann, ihn zu streicheln und zu herzen. Das blieb nicht

ohne Antwort, ja, es schien sogar auf ein heftiges Verlangen

gestoßen zu sein.

Nach geraumer, vergnüglicher Zeit erhob sich Michaela und

sammelte die Klamotten zusammen. Sie warf Hans die Bluejeans

zu und machte auch sonst wieder Ordnung. Sie fragte so

nebenbei, während sie sich bückte, warum er denn gerade auf

eine wie sie abgefahren sei, wenn er denn so unbedingt seine

Bauernklitsche erhalten und sich schinden und plagen wolle.

Da verklärte sich sein Blick, und er begann zu schwärmen, dass

er eigentlich immer – sie solle das nicht falsch verstehen – auf

Mädel aus der Stadt gesponnen habe. Da sei er stets in seinen

Tagträumen mit dem Motorrad durch die Stadt gerauscht, nein,

gedonnert und geknallt, „dass es von den hohen Wänden der

Häuser z‘rückkommen is‘ als wie im Gebirg das Echo … So ganz

schwere Maschinen, nicht unter tausend Kubik, heiße Öfen“, die

er da in seinem Kopf geführt habe – und das hat gekracht da, –

„klar, ganz echt, in mei‘m Schädl, dass die Leut sich umgedreht

haben und die Mädl natürlich – ganz besonders die … und dass

es die Zündkerzen hinten hinausgehaun hat schier, vor lauter

Fehlzündung – lauter so irres Zeug, wie es die Buben nun mal

im Grind haben … Aber Stadtmädl hab ich schon immer …“

„Du immer mit deinem ‚das habe ich schon immer‘“, klang es

etwas heftig vom Badezimmer her. „Und überhaupt mit deinen

komischen Flaschen auch in der Brauerei, die du auch schon

immer …“, sie zögerte einen Augenblick, „… geliebt hast – oder

diese blöde Arbeit. Warum machst du denn eigentlich nichts

anderes?“ Sie schien es sofort bereut zu haben, denn sie lenkte

ab: „Bist du heute wieder mit deinem Bulldog, ach Verzeihung,

mit deiner Agrarlimousine da?“

„Ein Fendt, Michi, vier Zylinder, Kabine und mit einer Hydraulik“,

klang es stolz zurück. „Den hab ich in der Seitenstraß‘

abg‘stellt“, fuhr er fort. „Die Polizei mag das nicht so, wenn man

mit so was privat in die Stadt fährt. Nicht so wegn dem Lärm,

denn die Maschinen sind heutzutag ganz leise, wassergekühlt,

verstehst? Sondern wegen dem bissl Steuervergünstigung, die

wo wir Bauern kriegn. Aber, das muss man auch wieder sagn,

angehalten habn‘s noch keinen wegen dem … „

„Ich glaub‘, ihr Bauern seid alle Bulldog-Narren“, schimpfte sie.

„Ich würde ja ganz genau rechnen, ob sich das Maschinenzeug

rechnet, das sag ich dir, wenn ich mal …“

„Ja?!“, versuchte er sie bei ihrem Versprecher zu packen.

Sie ließ sich nicht mehr darauf ein, sondern suchte in der Kommode

herum.

„Ja?“, versuchte er es noch mal, „dann komm doch mit mir, da

kannst du das ja alles ausrechnen und wir hausn miteinander,

wenn du meine Hauserin wirst, wie man früher gesagt hat!“

„Was tust du denn da auf deinem Dorf?“, fragte sie herausfordernd

und setzte hinzu: „Geh doch in die Stadt – und überhaupt:

Mach doch was aus dir, blöd bist du doch nicht!“

„Ja mei“, sagte Hans nachdenklich, „aufm Dorf bin ich halt daheim.

Also, verstehst, das ist Heimat … Heimat“, wiederholte er.

„Heimat“, prüfte er den Klang und war überrascht, dass ihm aus

dem schlichten Daheim so was Großes wie Heimat geworden

ist. Er wartete etwas, dann versuchte er es: „Also, in der Stadt

hier, nicht noch weiter weg, da ist ja auch Heimat, irgendwie.

Also, das ja, aber so richtig ist das bloß bei mir daheim, also in

Ritzling. Jedenfalls für mich.“

„Gewohnheitssache!“, warf Michi ein.

„Ich weiß nicht“, zweifelte Hans und setzte wieder an: „Weißt,

hier ist ja auch Heimat, da spricht man meine Sprache, weißt

ja, wie ich das mein‘. Aber so richtig Heimat ist nur in Ritzling,

weil, da braucht man mich.“ Er war jetzt überrascht:

„Ja, grad das is‘ es! Weil, da braucht man mich, weißt, und

ich brauch die andern dort. Weißt …“ Er redete jetzt richtig

auf Michi ein: „Verstehst, da bist wie ein Radl in einem

Uhrwerk. – Sakra, Uhrwerk!“ Der Vergleich gefiel ihm. „Aber

auch wennst einmal nicht rundläufst als so ein kleines Radl,

da steht aber daheim nicht gleich alles still … Das is‘ ja das

Wunder! Heimat! Anders als wie in einem Uhrwerk, das bloß

eine Maschine is‘ und da wo alles gleich still steht, wenn auch

nur das kleinste Radl spinnt. In der Heimat, da geht alles seinen

Gang, auch wenn da mal was nicht ganz rundläuft. Und

überhaupt: In Ritzling, da versteh ich alles, das is‘ wichtig. Ja,

und das langt, glaub ich, weil, wenn wer an was glaubt, der

fragt ja nicht …“

„Aha“, sagte sie trocken, „Heimat ist, wo man daheim ist, weiter

nichts.“

„Ja mei, muss alles immer so kompliziert sein und dass man‘s

sagen kann, was man spürt?“, war er etwas ratlos.

Michi sagte, dass sie, wenn sie es so wie er sehen wollte, eigentlich

gar keine richtige Heimat habe.

„Ja, dann geh eben mit mir zu mir heim“, versuchte er es wieder,

aber sie reagierte nicht. Hans gab sich Mühe: „Geh halt mit.

In die Heimat muss man reingehn, dann nimmt sie einen auf!

Bloß das hat sie dick, die Heimat, wenn man nämlich durch

die offene Tür nicht geht!“ Er schnaufte tief durch und ging

seinem Gedanken, von dem er selber einigermaßen überrascht

war, noch einmal nach. Dann holte er aus: „Also, da komm ich

jetzt drauf, weil mir das Liedl eingefallen is‘, das die Isartaler

singen, und wo‘s heißt: … dann schlag halt ein, sollst auch ein

Isartaler sein …“ Er summte die Melodie.

„Du, ich hab da was“, fiel Michi plötzlich ein. Sie eilte zum

Plattenspieler und legte eine Scheibe auf: Chormusik erklang

„Das ist meine neueste Errungenschaft!“, rief sie begeistert nach

den ersten Takten in die Musik hinein und drehte lauter.

Es dauerte ein paar Minuten: „Gehört hab ich‘s schon, glaub

ich!“

Die Musik war laut, so kam Michi näher zu ihm: „Klar, das

musst du kennen!“, sagte sie, „du bist doch katholisch, im Gegensatz

zu mir, und wie du katholisch bist, du bist sogar ein

Kirchgänger!“

„Das hab ich sogar oft gesungen“, erinnerte er sich jetzt. „Früher

hat man das gesungen, heutzutag nicht mehr so oft. Denn

die da in Rom auf ihrem Konzil damals habn die Pfarrer richtig

rumgedreht, zu die Leut hin. Und die müssn nur noch lauter

so komische Lieder singen, die wo keiner mehr kennt, und da

brummeln sie bloß noch, wenn der Pfarrer nicht ins Mikrofon

reinsingt.“

„Also, Hans, hör mal, das ist Schubert! Eine Messe von Franz

Schubert! Toll, was? Darauf bin ich voll abgefahren!“

Er nickte begeistert und begann zu summen, zuerst nur leise

und fast schüchtern und schaute sie immer wieder fragend an.

Dann erinnerte er sich an ein paar Teile des Textes. Das genügte

bereits. Er stieg stärker ein und begann mit seinem dunklen

Organ kräftig zu singen – worein sie dann mit ihrem rauchigen

Alt stimmte …

Es ging in diesem eigenartigen, aber beiden sehr wohltuenden

Duett eine ganze Weile in der Deutschen Messe von Franz

Schubert. Sie kamen mit wenigen Worten aus und dichteten

eben frei hinzu, wenn ihnen der Text ausging. Auch in die Melodien

schlichen sich mal kleinere, mal größere Abweichungen

ein. Aber ihre Ergriffenheit überbrückte diese Mängel ganz locker,

überflog alles, sozusagen, und ließ sie darüber hinwegschweben.

Sie umschlangen sich immer wieder während ihres Gesanges,

küssten sich in den Pausen wie Besessene und liefen bei wieder

einsetzender Musik zu gesanglichen Höchstleistungen auf. Ihren

Höhepunkt erreichten sie bei der Stelle, wo es heißt: „Noch

lag die Erde wüst und kahl …“ – oder so ähnlich – „Da sprach

der Herr: Es werde Licht. Er sprach‘s, und es ward Licht …“

Sie hatten ihr ganzes Gemüt in die Melodie gelegt, als die Folgen

dieses Schöpfungswortes singend darzustellen waren: der

Ursprung schlechthin, mochten sie, zumindest während sie sich

in den Armen lagen, fühlen. Und sie taten es beide voll Wonne

und mit einer nicht mehr zu steigernden Ausdruckskraft. Es war

ihnen so zu Mute, als reiche ein Exemplar dieses Kosmos nicht

aus, und sie taten so, als gelte es, das ganze All noch einmal

hervorzubringen, und zwar in einer kleinen Stadtwohnung im

dritten Stock.

Außer Atem, hing Hans im Sessel und genoss das Glück. Michi

lag mit dem Kopf auf seinen Schenkeln. Es störte sie nicht, dass

der Tonarm am Ende der Platte knackte und der Apparat nicht

aufhören wollte. Später erhob sie sich doch, um abzustellen.

Nach einer Weile rief sie ihm aus dem Schlafzimmer zu, dass es

jetzt doch Zeit sei, ins Bett zu gehen.

Er lag bald neben ihr. Und sie redete ihn in den Schlaf, dass

das bei den „Katholen“ toll sei in der Kirche mit diesen Rauschegewändern

aus dem Altertum und von ganz weit weg aus

dem Orient und sozusagen aus Tausendundeiner Nacht, ein

richtiges Kostümfest, das die Leute eben nötig hätten, denn das

sei ja auch Heimat oder so was, meinte sie, denn man braucht

was fürs Auge, fürs Ohr und vor allem fürs Herz und so, und

er solle doch so häufig, wie es ihm nur immer möglich sei,

mit seiner Lederhose, der ganz schönen nämlich, der mit der

Stickerei drauf, zu ihr kommen, da sei sie ganz erpicht drauf,

und sein lustiger Hut, der mit der Adlerfeder drauf – so was

habe ja kein richtiger Mensch auf der Welt heutzutage mehr an,

höchstens die Naturvölker in der Dritten Welt, aber das fände

sie so was von originell, wo sie doch eine evangelische Preußin

sei, eigentlich, und in der Welt alles immer platter werde und

schnöder und eiliger obendrein, wenn er verstehe, was sie damit

meint …

Hans aber verstand gar nichts mehr, denn er schlief bereits eine

ganze Weile tief und fest.

 

 

 

 

M A N   S O L L T E    G E I G E  

ANNODAZUMALUNDSOWASGIBTESHEUTEGARNICHTMEHR

 

   Ein eher kleiner, rundlicher Mensch, der (krawattengeschnürt) einer Bildungsanstalt vorstand.

   Er hatte sich hinaufgedienert und schien nun bemüht, Boden unter den Füßen zu behalten, indem er fest auf- und nach unten trat. Er las fleißig (wie er ja grundsätzlich war) die Pflichtergüsse von Schülern und Lehrern. In ihnen tobte er sich schier hemmungslos in Randbemerkungen aus. Immer wieder tauchte er irgendwo in seinem Herrschaftsbereich auf und erzeugte so den Eindruck von Allgegenwärtigkeit. Ein besonderes Talent besaß er in seinem untrüglichen Blick für die Schwächen der Anderen. Und man bezichtigte ihn (ob zu Recht oder Unrecht – gleich gesehen hätte es ihm), darüber Dossiers angelegt und geführt zu haben. Besonders die Individualisten hatten es schwer unter ihm, insbesondere, wenn sie sich darein verstiegen, auch einmal wider den Stachel zu löcken. Eine seiner Führungsweisheiten lautete: Wenn ein Lehrer beliebt ist, ist etwas faul an seiner Arbeitsweise.

   Er musste auch sonst immer etwas um sich herum verbreiten. Wenn er sich nicht gerade mit einer Wolke Zigarrenrauchs umgab, war er in süßliches Kölnisch gehüllt.

   Es konnte allerdings durchaus vorkommen, dass der Potentat auch einmal in der Lehrerkonferenz auf Widerstand stieß. Er hüllte sich bevorzugt zunächst in Beleidigtsein. So löste er Schuldgefühle aus, und die Diskussion lief führungs- und bisweilen haltlos auseinander. Aus dieser seiner Tarnung heraus veranstaltete er schließlich (in der Regel tobend) einen Ausbruch. Wonach er die Schar der begossenen Pudel polternd verließ. Sie waren darauf (einer nach dem anderen) zur Vorsprache beordert.

   Das runde Gesicht glänzte wie eine Schwarte. Er polierte es zur Jungerhaltung regelmäßig mit Gelee Royal. Das hatte er (dank seiner selbst bekundeten guten Beziehungen überallhin) direkt vom Imker und zu einem günstigen Preis bezogen.

   Und da er zu den Honoratioren im Städtchen zählte, durfte er einmal im Jahr vor der Blasmusik im Bierzelt den Taktstock schwingen. Der Dirigent ermunterte ihn gewöhnlich: „Nur zu, mein Herr, sie können überhaupt nichts falsch machen. Die guten Leute beherrschen alle ihre Arbeit, sie kennen auch ihre Einsätze selber.“

   Er war stets ungeschoren durch alle Zeiten – und nach dem Krieg wieder regelmäßig zum Gottesdienst gekommen. Wofür er den Segen erhielt. In der „tausendjährigen“ Zeit soll er seinem Erstaunen am liebsten durch die Formel Ausdruck verliehen haben: Wenn das der Führer wüsste.

   Eines (zunächst schönen) Tages referierte dieser Mensch über Kunst, um die Schüler zum Violinspiel zu bewegen. Er hätte sonst mit der Fachlehrkraft nichts mehr anzufangen gewusst und sie einer anderen Schule abgeben müssen (was er jedoch einmal besaß, das gab er so schnell nicht aus der Hand). Er bekannte: Es gab Zeiten in meinem Leben, da wäre ich froh gewesen, wenn ich mein zu Schulzeiten erlerntes Geigenspiel auch weiter gepflegt hätte. Das wäre in so mancher Lage sehr gut für mich gewesen, eine große Hilfe sozusagen ...

   Manchmal, vermuteten jetzt einige seiner Zuhörer, hat auch so eine Mensch gute, vielleicht sogar sensible Anwandlungen. Und es ist ja möglich, dass er gar nicht so ist, wie er sich sonst gibt.

   Nach einer kurzen Pause fuhr dieser verlernte Geiger fort: Hätte ich Geige spielen können, da wäre mir vieles leichter gewesen. Ich hätte es in der Kriegsgefangenschaft besser gehabt.

   Sicher, waren jetzt viele seiner Zuhörer sogar überzeugt, sicher wollte er seinen Kummer, seine Not, seine Bedrängnis in die Musik einfließen lassen, um ihrer Herr zu werden. Und vielleicht wollte dieser Mensch (ließen sich etliche verleiten), seine Kameraden trösten mit seiner Musik. Man kann überhaupt so viel Gutes bewirken mit Kunst, gar mit Musik. Musik, diese Sprache des Herzens und der Seele, die noch klingt, wenn die Sprache der Zunge versagt.

   In diese versöhnliche Stimmung setzte er nun seinen Schlussakkord: "Hätte ich", bekannte er (schaute bedeutungsvoll und hatte den  Zeigefinger erhoben), "hätte ich das Geigespielen beherrscht, dann hätte ich mir ganz schön was erspielen können, nämlich bei den Amerikanern im Offizierskasino."

   Ratlosigkeit machte sich unter den Zuhörern breit.

   "Nämlich", ging es bei ihm unverdrossen weiter, "nämlich ich hätte bei und von den Amerikanern, den Siegern und unseren Bewachern, Zigaretten, Schokolade und sonst was bekommen. Das war nämlich Währung damals, nota bene, vor der segensreichen D-Mark! Ich  hätte mich erhoben. Ich wäre, liebe junge Freunde, dank Violinspiels der König gewesen unter den Elenden, der King, wie der Amerikaner sagt ..."

 

   Er besaß einen wohlerzogenen Hund – lebt aber vermutlich schon lange nicht mehr.

 

 

 

 

Ich werde jetzt mehr …

 

„Erinnerung weiterspinnen“, war im Parkhaus blutrot auf den Boden gesprayt. Die junge Frau zuckte zusammen: "Dieses furchtbare Rot!" Die Übelkeit würgte jetzt noch mehr. Sie ging näher zur Römermauer, die im Gebäude eingearbeitet war. Ihr Blick fuhr über die alten Quader und fiel dann auf das Graffito. Steine, Farbe, Lettern – durchsetzt mit Bruchstücken der Ereignisse der vergangenen Nacht. Alles kam ihr vor wie ein Puzzle, das ihr nicht gelingen wollte. Ihr war elend zumute. Sie wandte sich schließlich ab und sah umher. "Niemand hier, alles wie ausgestorben!", stellte sie fest. "... gestorben!", wiederholte sie erschrocken.

Ein paar Schritte auf den Ausgang zu. "Warum bin ich eigentlich ausgerechnet in diesem Parkhaus?" Ein Stechen in der Brust. Sie lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Ein Reigen roter Buchstaben. Minuten. Dann fühlte sie sich etwas besser. Sie versuchte, sich an die vergangene Nacht zu erinnern. Schlipsträger, Wortgeplänkel, Gehabe – letztlich war doch nur ein Wirrwarr von Erlebnisresten auszumachen.

"Weg hier!" Ihre Finger strichen die urigen Quader entlang. "Die alten Römer. Was die ans Donauknie gebracht hatte? Es war freilich keine Flucht. – Ach ja, so war es heute! Ich bin weggelaufen, bin aus dieser widerlichen Männerrunde geflohen!"

Sie blieb stehen. "Diese verhexte Nacht – und das grelle Rot da!", sagte sie vor sich hin. "Meingott, wo ist der Zauber unserer Nächte?", schluchzte sie. "Rot ist die Liebe – gewesen! Damals, Bernd und ich!" Sie spürte ihren Worten nach. Da löste sich eine Träne aus dem verloren in die Ferne gerichteten Auge. "Die Erinnerung ... Freilich! Zu leben bedeutet, was jemand da so knallrot gesprayt hatte: Den Faden der Erinnerung weiterzuspinnen!"

Ein Zecher lärmte sich irgendwo durch den grauen Morgen. "Als wir jüngst in Regensburg waren ...",  setzte sie aus dem brüchigen Krakeelen zusammen. "Ein Volkslied, das auf Tugenden weist", hatte man ihnen in der Schule gepredigt. "Dann passt es heute zu Allerheiligen, diesem kirchlichen Gedenktag", dachte sie. "Aber auch unsere Stadt hat ein Gedächtnis!" Mit diesem Schwenk ihrer Gedanken hatte sie sich selber überrascht. "Man hat alte jüdische Gewölbe gefunden", stand ihr dafür. "Was hier alles im Boden liegen mag? – Wo man ja selber irgendwann ..."

"Weg hier!" Sie wollte in die City und ein Café suchen. "Ins Zentrum! – Ach ja, Zentrum! Das Zentrum von meinem Bernd? Seine Karriere ist es gewesen. – Um Gottes willen, warum jetzt dieses Gewesen? – Was war da mit Bernd heute Nacht? – Nicht daran denken!"

"Da, Gotik und Co. in neu-alter Frische", versuchte sie auf andere Gedanken zu kommen. "Beim Immerwäh­renden Reichstag diese immer währenden Baustellen", mäkelte sie. "Nun ja, die Schönheit hat ihren Erhaltungsbedarf!" Da fuhr sie sich mit der flachen Hand übers Gesicht. "Du lieber Himmel, wie schlecht erhalten sehe ich jetzt wohl aus?" Ihre Schritte wurden schneller. "Wieder dieses Flimmern vor den Augen! – Irgendwo setzen!" Noch ein paar torkelnde Bewegungen. "Sieht wohl aus wie betrunken", lachte sie trocken. Sie ließ sich auf der Treppe zum Dom nieder, fühlte ihr Gesicht kalt werden. Das große Gebäude gegenüber, an dem ihr Blick Halt suchte, begann zu schwanken, drehte und verzerrte sich, verschwand in Myriaden grauer und roter Punkte. Dann war da ein kreisendes Dunkel, aus dem sich alles plötzlich wie im Film bewegte:

 

Bernd erschien da: "Es hat geläutet, meine Beste! Willst du denn  nicht öffnen?"

"Oh, es sind ja deine Mitarbeiter, mein Allerbester, deine Untergebenen. Freilich öffnet da der Herr Chef nicht selber. Seine kleine graue Ehe-Maus macht Pförtnerdienst!", hörte sie sich spitz.

"Kuh!", zischte Bernd. 

"So, jetzt musst du den Stall selber aufmachen!", kicherte sie gequält.

 

Plötzlich  war da so etwas wie Filmriss. Zeit mochte vergangen sein.

 

"Trink nicht so viel!", hörte sie Bernd dann wieder. "Die Andern merken schon, dass du einen sitzen hast   und halte vor allem deinen Mund ..."

 

Noch einmal lösten sich die Bilder in wirre Punkte auf.

 

Kurz darauf  war Bernd wieder eingeblendet: "Hör auf! Kein Fleisch mehr fürs Fondue! – Kannst du mir in deinem Dusel eigentlich noch folgen?" Er ging auf sie los: "Bist du verrückt? Leg sofort das Messer weg! – Und wie das hier aussieht! Alles voll Blut!"

"Blut!" Ein Signal.  Jäh färbte sich alles blutrot. Ein Meer von Blut. Und Bernd versank ihr in die­sen Fluten.

 

In dieses Chaos drang eine schrille Tonfolge - und riss sie aus ihrer roten Hölle. Das Handy! Sie griff in die Tasche. Da war es zu Ende. "Black-out!", stöhnte sie. "Eher Redout! – Das viele Blut!" Ein Schauder überlief sie. Sie krampfte sich zitternd zusammen. "Dieses Blut! – Bernds Blut? – Um Gottes willen! Man wird mich suchen!  Die Polizei! Das Messer! Das Blut! Doch nicht etwa von ...? Oder doch. Bei unserem verdammten Streit dauernd! – Und jetzt dieser Kerker hier, dieser Kerker von furchtbaren Gedanken!" Sie hätte am liebsten laut aufge­schrien, um sich zu befreien. Sie versuchte aufzustehen. Da! Wieder das Handy. Sie kramte es hastig hervor. "Bernd" war zu lesen. Sie zuckte zusammen – und versäumte das Gespräch. Sie sank auf die Stufe zurück. "Die Kripo hat bereits Bernds Handy! Bestimmt! Sie fahnden nach mir! Weg hier! Das Ding wegwerfen ..." Sie holte bereits aus. "Etwa davonlaufen?" Sie schüttelte energisch den Kopf – und wählte Bernds Nummer. "Egal, wer jetzt sein Handy hat."

"Hallo, Lisa! Wo bist du denn?", tönte es da.  Ihr stockte der Atem.  "Meine jungen Herren sind schon auf Suchfahrt nach dir!" Es war  tatsächlich Bernd. "Lisa, ich lasse gerade meine famosen Gäste nach dir suchen. Ich habe ihnen gesagt, dass dein Schwips nur gespielt und dein Verschwinden Teil eines Planes sei. Und alles solle zu einem witzigen Abschluss unseres Treffens führen, nämlich zu einer Suchfahrt zu früher Stunde. Ich habe sie angewiesen, hier nur wieder zu erscheinen, wenn sie dich gefunden haben. – Die sind wir also los, Lisa, und ich hole dich jetzt! Und dann machen wir gemütlich Frühstück", quoll es aus dem Hörer. "Verrate mir aber, wo du bist!"

Sie hatte noch "Dom" hauchen können ...

 

Sie saßen dann beim Morgenkaffee. Ihre Blicke trafen sich immer wieder, und sie verweilten dabei, bis sie sich mit einem Lächeln abwandten und durchs Fenster schauten. Ein tiefes Morgenrot säumte den Horizont. Nach einer Weile fanden sie auch Worte zueinander.

Nach Stunden standen Bernd und Lisa Hand in Hand auf dem Balkon und genossen die Strahlen der Herbstsonne. Es war ihnen, als hätten sie heute ihr erstes wirkliches Ge­spräch geführt. Sie waren müde, fühlten sich jedoch gut und blickten in Richtung der Turmzwillinge des Doms.

Bernd legte den Arm über Lisas Schultern. "Unsere Stadt ist um ihren Kern gewachsen", sagte er, "wie ein starker Baum mit seinen Jahresringen. Unsere Stadt lebt sich weiter."

"Und sie spinnt den Faden ihrer Erinnerung fort", flüsterte Lisa. 

"Ach, ich werde jetzt mehr an Familie denken", sagte Bernd.

"Damit es auch mit uns weitergeht", ergänzte Lisa.

 

 

 

 

So ein Hin und Her

 

„Nur herzu, Bursche … äh, mein Herr!“, hörte der Junge, als er

in die Wirtsstube kam.

Was ist denn das für ein Typ da beim alten Maurer?

Der Junge ging zu dem Tisch, an dem die beiden saßen. Es war

ihm aber fad dabei.

„Setzen!“, bestimmte der Fremde und setzte versöhnlich „bitte“

nach. Dabei rückte er zum Maurer und legte ihm den Arm auf

die Schulter. „Das ist der Herr Gebl!“

„Weiß das Bürschel ja“, sagte Gebl, „er ist ja von hier und dem

Metzger sein Stift.“

„Ein Helles!“, rief der Junge gallig. Er schielte zu den beiden.

Muss der Nämliche sein, über den die Leute reden. Über den

man aber nichts Genaues weiß. An die Fuffzig wie der Maurer.

Aus der Stadt und immer zum Gebl.

Der Mann nuschelte etwas. Es verlor sich in Räuspern. Die Hände

führten die Gedanken etliche Takte fort. Er kippte einen Klaren

und spülte mit Bier nach.

Ladehemmung. – Ob sie die neue Spider Murphy im Kasten

haben? – Was essen.

Der Mann versuchte es noch mal. Es kamen wieder nur Laute.

Er packte Gebl am Arm. Dabei setzte er erneut an. Die Zunge

machte nicht mit. Er sammelte Wortfetzen. „Franz …, äh,

Franzosen. Fuchs“, kam zusammen. Die freie Hand fuchtelte

umher.

Kann zum Zirkus. Der Gebl gleich mit.

Gebl patschte auf die Greifhand.

Gebl hatte seinen Spaß. Er wartete und hatte ein Grinsen. Sein

Freund mühte sich, bekam ein paar Brocken zusammen, griff

nach Gebl. Da klatschte es.

Zwei Komiker!

Gebl lauerte. Sein Freund sank schließlich zu ihm hin. Gebl

schob ihn weg. Der Mann beugte sich vor. Er wendete den Kopf

und stierte Gebl an. Dann machte er einen Schwenk und hatte

den Jungen im Visier.

Ein Glotzen. Wie das Vieh beim Schuss.

Der Mann griff jetzt mal den, mal den. Hatte er einen am Arm,

drückte und knetete er. Dabei starrte er ins Leere und warf unermüdlich

seine Bruchstücke aus: „Franzosen … Fuchs …, zum

Mahl …“

Wahnsinn! – Vielleicht will da eine Story nicht raus. – Ich

schmiere ihm eine! – Wie heißt so eine Story gleich wieder mit

Viehzeug? Wie Mickymaus: Die Biester machen Quatsch wie

der Mensch.

Die junge Bedienung war jetzt am Tisch. Sie hatte die beiden

Männer mit einem Blick abgestraft. Die kuschten.

Irgendwie krass, das Geschau von der. Auf diese staubigen Brüder

da.

Die Bedienung stellte dem Jungen das Bier hin. Ihre Augen

begegneten sich. Sie lächelte. Den Jungen überlief es knallrot.

Sie nahm das Essen auf und ging.

Was hat die heute bloß für Stöckelschuhe! Klack, Klack! Das

törnt an! Alles wippt irgendwie ganz heiß! Fleisch! – Bei der

müsste man landen können!

„Die Fabel hat mir in Deutschland keiner abnehmen wollen!“,

klappte es plötzlich bei Gebls Freund. Und er nutzte den klaren

Moment, berichtete, dass sein Werk in Frankreich jedoch seine

Bewunderer gefunden habe.

Aha, einer mit Werk. Unsereiner muss werken, dass es kracht.

Aber dem fliegt das Werk zu, während er irgendwo rumsitzt.

Der Junge nahm sein Glas. Gebl zog mit einem Prost nach. Der

Mann wollte sich dranhängen. Er griff ein paar Mal ins Leere.

„Der Franzose ist weiß Gott begnadet!“, tönte es. „Esprit!“,

folgte. Der Zeigefinger wies empor. Er hatte mit der anderen

Hand das Glas erwischt und schluckte kräftig.

Franzosen. Aha. Die machen es auf Französisch. Man weiß

nicht so genau, wie es ist. Aber eine scharfe Sache muss es ja

sein.

Der Mann war jetzt näher beim Jungen: „Jenseits des Rheins

hat man mich verstanden“, schwärmte er und tätschelte ihm die

Hand. „Dort wusste man sofort, dass ich Recht hatte. Die Deutschen

hingegen wissen heute noch nicht, wie ihnen geschieht!“

Er holte tief Luft und setzte sich zurecht.

Der Junge hatte seine Hand weggezogen und war zur Seite gerückt.

„Der Deutsche Michel, Doppelpunkt. Er glaubt immerhin / er

hat viel Geld / und die ganze Welt / freute sich darob mit ihm!“

Damit rutschte er dem Jungen nach. „Weißt du-sie, Herr Stift,

das ist oft so im Leben, wenn auch mitunter durchaus … äh

…: Du überschreitest eine Grenze, und schon begegnest du auf

der anderen Seite anderen Bedingungen. Bleibst du, wo du bist

und in deinem sozusagen eigenen Hinterland, dann, ja dann

kommst du nur ins Hintertreffen oder bleibst dort.“ Er warf

Gebl einen trotzigen Blick zu, während er seinen Arm auf der

Schulter des Jungen platzierte.

Was ist das jetzt? – Stinkt aus dem Hals und nach Schnaps.

– Weg hier! In der Box einen Song hebeln!

„Der Franzose!“, kam es bedeutungsvoll – und der Junge hatte

es wieder in der Nase.

„Herrgott, den Quatsch kannst du dir sonst wohin schieben!“,

maulte Gebl und holte aus. Er bekam seinen Freund am Kragen

zu fassen. Er zerrte ihn weg. „Lass endlich dem Bürschel seine

Ruh!“, keuchte er.

Der Mann gab nach. Gebl ließ los.

„Mon Dieu, wie unscharmant!“, hauchte der Mann. Gleich wieder

beim Jungen: „Der Fuchs lud den Wolf zu Gaste. Er versprach

ihm ein leckeres Menü aus einer fetten Gans. Er möge

nur vor dem Bau Platz nehmen und etwas warten … – Ich heiße

Helmut! Bitte, duze mich …“ Sein Kopf sank dem Jungen auf

die Schulter. Der Junge zuckte zusammen und drehte sich weg.

Da, ein Knacken.

Der Mann saß im Nu aufrecht und rieb sich das Genick. Der

Schmerz stand ihm im Gesicht.

Verdammt! Wie komme ich hier weg! Abhau‘n! – Aber das Essen.

Der Mann hatte die Hand noch am Nacken. Da war aber schon

wieder sein Helmut und das Du. Jetzt holte er mit beiden Armen

weit aus. Der Junge wich vor der drohenden Umarmung

zurück. Der Mann holte seine Extremitäten ein. Er zielte mit

dem Ellbogen auf die Tischplatte. Die verfehlte er. Fast wäre er

vom Stuhl gekippt.

Da trete ich nach!

„Also wiederhole: Ich heiße Helmut! – Ach, Pardon, du heißest.

– Wie heißest du eigentlich? – Pardon!“ Er quälte sich von seinem

Stuhl. Er knickte zum Jungen hin zu einer Verbeugung

ein. Gebl lugte hinter ihm hervor und machte eine Grimasse.

Die Falten in seinem Gesicht waren wie Gräben. Aus dieser

zerfurchten Landschaft zwinkerte er dem Jungen zu. Das ging

eine Weile so.

Oldtimer mit Blechschaden. Und Blinker an. – Mensch, endlich

das Essen!

Der Mann saß wieder und schnupperte. Er fächelte sich die

Schwaden zu. „Brünstig ordinär: Kadaver von Sau!“, näselte

er. „Warum du essen nicht Lebenskäse, äh, Leberkäse in diese

Bajuwar hier, diesem schönöden?“ Er riss sich zusammen und

war noch einmal bei seiner Geschichte: „Der Fuchs also bat

den Wolf zu Gaste, nachdem er die Jagdhörner bereits vernommen

hatte. In der Tat, bald kamen die Häscher im roten Rocke.

– Nota bene: im roten Rocke!“ Er stocherte mit dem Finger in

der Luft umher. „Ach, was für ein Text! Wie habe ich selbigen

virtuos gehandhabt!“

Jäh schlaffte er ab, fiel in sich zusammen. Sofort war er wieder

da. Beide Hände auf den Tisch gestützt, stemmte er sich hoch.

Er warf eine eitle Visage in den Raum. Dann saß er wieder,

schlug auf den Tisch, schickte ein „Parbleu!“ hinterher.

Gebl war erschrocken. „Herrgott! Das ist so idiotisch! Bist du

bald fertig?“, schimpfte er. „Der hat den Russen gemeint mit

dem roten Rock!“, grinste er abfällig und blinzelte dem Jungen

zu. „Dauernd kommt er mit seinen Russen daher!“ Dann

herrschte er seinen Freund an, dass es diesen roten Russen

gar nicht mehr gebe und dass man überhaupt mit dem Raketenzeug

heutzutage sowieso jede Grenze überschießen

könne und dass es wurscht sei, wer da an der Grenze liege

oder nicht. „Kapito?“, schrie er seinen Helmut an. „Ist eh alles

verwahrlost beim Russen da drüben! Und die Verkommenheit

schwappt über die Grenzen, seit es keinen Eisernen Vorhang

mehr gibt!“

Der Mann sank vornüber. Der Kopf knallte auf den Tisch.

Hoppla! – So ein Schlag war längst fällig! Jetzt ist er hoffentlich

richtig weggetreten und hat Sendepause.

Der Junge war enttäuscht. Er schnitt das Fleisch.

Das Gesicht war dem Jungen zugewandt. Die Augen öffneten

sich. Sie stierten zum Teller hin.

Die Sau haben wir gestern abgestochen.

Der Junge gabelte sein Essen. Gebl schaute vor sich hin und

tippte an die Stirn.

Da tönte es von der Tischplatte her: „Der Sozialismus ist keineswegs

am Ende! Der Schoß ist fruchtbar noch! Was nämlich für

den Nazi gilt und der Brecht dereinst gerülpst hat! – äh … lauter

abgeschmierte Kommunisten!“

Ziemlich fett, die Sau. Da ist das Fleisch nicht so trocken. – Die

Kommunisten. Wie sich die alten Bonzen immer abgeknutscht

haben! Pfui Teufel!

Der Mann saß jetzt aufrecht: „Und der Franzose legt den blöden

deutschen Wolf als Kanonenfutter vor seinen Bau – an

seine Grenze, nämlich seine Interessen, um die ganze Schose

zu schützen!“, rief er und hatte den Arm beim Jungen auf der

Stuhllehne.

Bleibe du lieber hinter deiner Grenze und mir vom Leib!

Gebl schlug mit der Faust auf den Tisch: „Rede doch nicht so

geschwollen daher mit deiner Politik!“ Er griff seinen Freund

wieder am Kragen. „Lass dem Bürschel seine Ruhe …“

Gebl musste husten. Er nahm die Hand weg.

Der Mann lachte und rutschte von Gebl weg. Er echote seine

Russen und Franzosen und Grenzen in den Raum. Er zupfte den

Jungen am Ärmel. Der Junge schüttelte sich ab und schnitt das

Fleisch jetzt mit heftigeren Bewegungen.

Dem drücke ich das Messer an die Gurgel!

„Darf ich vielleicht fertig essen?“, protestierte der Junge und

verpasste dem Mann einen kräftigen Schubs.

Gebl saß jetzt wie versteinert.

Der Mann warf einen kalten Blick auf Gebl. Er wendete sich

dem Jungen zu. „Diese sinnlichen Lippen …“, tönte es.

Was soll das jetzt? – Der hat mich gemeint! Sinnliche … Das

darf ja nicht wahr sein!

„… die weichen Züge, die den Mund umspielen“, säuselte es.

Das ist ja der helle Wahnsinn. Diese Show hier! – Was soll ich

für Lippen …

Der Junge fühlte die Blicke. Er starrte ins Leere und suchte Halt

an der Musikbox. Er würgte die letzten Bissen hinunter.

Vom Tresen her Geräusche, Klirren von Gläsern – jetzt fast aggressiv

Gebl löste sich aus seiner Starre. Er kratzte sich am Kopf und

aus seinem Gesicht blitzte es schlau. Er schaute an seinem

Freund vorbei zu dem Jungen. „Na, hat es denn nun endlich

geklappt mit Nachbars Kathrin?“, kam er heraus. Er hatte sich

mit dem Unterarm auf die Schulter seines Freundes gelehnt. Er

schaute den Jungen lauernd an. Der zuckte die Schulter.

Gebls Stirn durchzogen Sorgenfalten.

„Ich habe dich doch bei ihr am Fenster gesehen!“, behauptete

Gebl. Aus den Mundwinkeln wanderte ein Grinsen über die

Backen.

„Sechzehn Jahre ist das Ding erst“, informierte er seinen Helmut,

„aber da ist schon alles dran!“

Gebl machte mit seinen knochigen Händen Rundungen über

der Jacke. Er lachte hohl.

Sein Helmut saß wie erstarrt da.