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   Auszüge aus Traumgalerie

Etliche Tage, besser Nächte vergingen. Bacher hatte beinahe nicht mehr an seinen Plan der Pflege der Traumerinnerung gedacht. Denn sein Schlaf war in dieser Zeit ereignislos gewesen.

Anfang Februar fand er sich immerhin in seiner Nachtwelt in einer Arztpraxis wieder.

Er war dort behandelt worden: ein Herummachen an ihm – nicht eben schmerzlich, allenfalls lästig.

Schließlich sollte er sich waschen, denn sein Rücken war von Blut verschmiert. Was verursacht zu haben der Arzt nicht nur wort-, sondern vor allem gestenreich energisch von sich wies, und zwar noch bevor ihn jemand dessen bezichtigt hätte.

Von einem Vorhang halb verdeckt, kam Bacher der Weisung zur Reinigung seines Oberkörpers nach. Er bediente sich eines Waschhandschuhs. Auch eine kleine weiße Schüssel war ihm gereicht worden. Deren Überzug aus Emaile schien brüchig zu sein, jedenfalls waren rote Stellen zu sehen. Bei denen konnte es sich allerdings auch um Blut gehandelt haben, bei dieser Örtlichkeit dort.

Bei seiner Waschung setzte er das Behandlungszimmer völlig unter Wasser. Er war gezwungen, sich auf den Medikamentenschrank zu retten. Von dort oben herabblickend, sah er den Arzt auf dem Rücken der Krankenschwester, die in der Brühe umherschwamm. Der Arzt war vielleicht Nichtschwimmer oder hatte einfach keine Lust, sich eigenständig über Wasser zu halten. Er klammerte sich mit einer Hand an seine Helferin und patschte mit der anderen auf die Blutbrühe ein. Bacher meinte, ihn grinsen gesehen zu haben.

Das Unterhemd sei ruiniert von dem vielen Blut, diagnostizierte der Doktor, den Bacher plötzlich auf dem Schrank neben sich hatte. Kopfschüttelnd reichte er Bacher das schwarze, ärmellose Trikot. Ein kaum verhüllter Ekel war in seinen Zügen auszumachen. Bacher nahm das Knäuel an sich, entfaltete es und streifte es sich über, erleichtert, nicht mehr so entblößt zu sein.

 

Tagsüber musste Bacher wiederholt an diese sonderbare Szene denken. Da kam ihm in den Sinn, darüber mit jemandem zu sprechen. Wir erhalten diese Geschenke in unseren Schlaf hinein, widmen uns ihnen jedoch nicht sonderlich, war er überzeugt. Wir fliehen sie geradezu, besonders natürlich, wenn sie uns erschreckt hatten.

Also darüber reden, war er überzeugt. Gleich fasste Bacher auch eine weibliche Person aus dem Bekanntenkreis dazu ins Auge. Diese stand ihm bereits etliche Zeit unter dem mitunter etwas verliebten Decknamen "Sonnenschein" im Kopf – was er sich hingegen einigermaßen strikt weigerte, sich einzugestehen. Sie war etwa Anfang dreißig und voll Temperament – jedenfalls im Verhältnis dazu, wie er sich diesbezüglich selber einschätzte.

 

Am Morgen des 9. Februar ging Cassian Bacher durch den Kopf, dass er sich in der Nacht in einer Zelle eingeschlossen gefühlt hatte. Eine selbst noch am Morgen beklemmende Situation für ihn.

Es war ihm gleich so vorgekommen, wusste er noch, als sei da noch irgendwer. Dort hinter der Ecke seiner Traumzelle mochten sich noch etliche mutmaßliche Schicksalsgenossen aufgehalten haben. Jedenfalls hatte er ein gedämpftes Stimmengewirr wahrgenommen, das allerdings auch wieder so klang, als komme es von viel weiter her.

Ehe sich Bacher versah, befand er sich in seinem bloßen Nachdenken darüber, sozusagen wieder mitten in diesem Vorgang: Die Anderen hielten sich immerhin – wenn sie denn wirklich in seiner Umgebung vorhanden waren – so weit von ihm entfernt auf, dass sie nicht zu sehen waren. Die Örtlichkeit befand sich im Dachgeschoss einer großen Anlage, war ihm gleich bewusst. Er stellte sie sich als ein, wenn auch sonderbar kahles, jedenfalls kein verschnörkeltes barockes Kloster vor. Ödnis, wenn er aus dem vergitterten Fenster in den Hof hinunter und zu dem abgewinkeltem Gebäudeteil hinüber sah: Graue Wände mit Fenstern, wie Schießscharten so schmal und klein, obendrein vergittert; auf dem Hof kein Halm Grün; mannshohe Mauern umfingen das Gelände.

Gestalten, eher nur Schemen, schatteten in der Zelle an ihm vorüber. Alles spielte sich immer noch in einiger Entfernung ab und war kaum auszumachen. Es konnte also eine Täuschung sein. Dennoch kam es ihm so vor, als leerte sich der Raum allmählich. Als er dann meinte, alleine zu sein, kam ihn Einsamkeit an.

Später wurde ihm von einer zwar deutlich auszumachenden, allerdings und deswegen auch wieder erschreckend körperlosen Hand ein Schlüssel gereicht. Er versuchte, mit einigem Schauder, die zu der Extremität mit dem Schlüssel gehörende Gestalt zu erkennen. Vergebens. So fiel sein Blick auf die Reichung: ein Miniaturschlüssel mit schwarzem Kunststoffgriff, augenfällig für ein Zylinderschloss. Dieses Ding sah gerade so aus wie jenes zu dem Fach, in dem in seiner Dienststelle die Kasse weggeschlossen war. Bei dieser handelte es sich immerhin um eine so genannte schwarze Kasse. Deren Existenz bereitete einem stets ein wenig schlechtes Gewissen, wenn man auch nur daran dachte. Diese Kassen enthielten Beträge, die an der Buchhaltung vorbei irgendeinem Zweck, der ebenfalls außerhalb des Regulären lag, zugeführt wurden. Man durfte nicht erwischt werden. Es war gnadenlose Ahndung zu befürchten.

Irgendetwas in ihm bedeutete ihm, seinen Schlüssel einzuführen. Das war ein überaus wohltuender Akt, den er mehrmals wiederholte. Er genoss das Hineingleiten des Schlüssels. Es bescherte ihm ein angenehmes Gefühl, so etwas Märchenhaftes wie aus der Verheißung des Sesam-öffne-Dich. Es erregte ihn.

Er konnte sich jetzt nach vollführter Handlung aus dem Gebäudekomplex hinaus begeben – und das allerdings mit einem verwirrenden Gefühlsmix aus Befreiung und Hilflosigkeit.

Eine ältere männliche Person gesellte sich zu ihm. Ein Deut von Beziehung entstand sofort, sogar etwas Vertrautheit war augenblicklich fühlbar, empfand er. Ein Hauch von Geborgenheit kam auf. Es könne ja auf keinen Fall schaden, in Begleitung zu sein, meinte er angenehm berührt.

Mit dieser Person befand er sich vor dem Tor unversehens in einer Menge offenbar ebenfalls Befreiter. Alle zogen an einer großen, schwarz bemantelten Gestalt vorbei. Diese sah so aus, wie sie bei Don Giovanni gerne den Komtur als Wiedergänger darstellen.

Dieses im Grunde furchterregende Gespenst hatte etwas zu verteilen. Es war wohl Geld, stellte Bacher fest.

Als sie an der Reihe waren, erhielt sein Begleiter tatsächlich etwas. Bacher konnte es in dessen Hand klimpern hören. Für sich hingegen war nur noch ein Stückchen Stanniol übrig. So eine leere Geldimitation aus etwas stärkerem Blattzinn, wie sie zur Umhüllung von Schokoladetalern verwendet wird. Sie war nicht goldfarben, sondern nur schnöde grau.

Ihre Wege trennten sich, da der Andere vorgab, von seinen Angehörigen zu wissen und diese gleich aufsuchen zu wollen. Bacher konnte nicht mit so etwas aufwarten. So irrte er umher und lief im Grunde ins Leere.

 

Bacher verfolgten diese Eindrücke über sein Frühstück hinaus. Auf dem Weg zum Dienst wurden sie aber von dem Gedanken verdrängt, doch mit dieser Dame Sonnenschein über Träume zu sprechen. Sein Planen an diesem privaten Vorhaben beflügelte ihn dann bei seiner Arbeit ungewohnt. Ob es deren Qualität auch steigerte, mag dahingestellt sein – zumal Cassian Bacher das mit der alten Frau da vom Flohmarkt auch noch verfolgte. Dem wollte er jedoch später auf der Bahnfahrt während seines Nachhausewegs wieder etwas weiter nachgehen.

 

 

Nachts (auf seine Begegnung mit Sonnenschein hin?) stellten sich bei Cassian Bacher diese Szenen ein:

Ein 2CV war da vorne abgestellt. Diese Schachtel wackelte sonderbar. Da musste ein Parkplatz sein – und dort diese Bewegungen? Das irritierte Bacher ausgesprochen. 2CV heute noch? Nur noch was für Liebhaber und auch nur, wenn sie Bastler sind. "Döschöwo", fühlte er sich erklären. Wie das auch klang! Dieser kessen Bescheidenheit auf vier Rädern trauten es alle zu, dass sie sich irgendwie und auch aus keinem Grund bewegte. Das nicht nur geradeaus, sondern auch zur Seite und sonst wie. Alle hatten ihr immer alles Sonderbare nachgesehen – so er auch jetzt, wo sie im Stehen schwankte. Sie hatten das Ding nicht Auto genannt. Ente sagten alle dazu. Gleich waren bei Bacher die späten Sechziger wieder da. Als junger Mensch mit so etwas herumkurven, das war cool.

Das Schwanken war jetzt stärker geworden. Es sah wunderlich und schier zum Lachen aus, wie dieses komische Ding immer stärker wippte, gewissermaßen in die Knie ging und wieder emporsprang. Bacher kam es so vor, als ob sich beim Aufschwung gar die Räder vom Pflaster hoben.

Kopfschütteln über sich selber. Offenbar misstraute er seiner Einbildung. Zum Ersatz war da wieder die Erinnerung an früher: Kein Fahrzeug im engeren Sinne war es ja, hatte es geheißen. Eher eine rollende Weltanschauung. Da waren tatsächlich die Endsechziger wieder. Wo sich die alte und die heraufziehende Zeit in den Haaren lagen. Diese Bilder, lange versteckt gehalten, kamen hervor. Die Staatsanwaltschaft wachte sogar über die Tiefe der Dekolletés bei den Evastöchtern in den Illustrierten. Justiz. Gericht ...

Bacher bewegte sich in die Nähe der wackelnden Nuckelpinne. Dieses Wort von früher! Er wollte an sich selber hinuntersehen, ob seine Kleidung auch aus der Zeit stammte. Alles verschwamm für einen Augenblick. Er konnte an sich nichts erkennen.

Jetzt war er so nahe, dass das Quietschen und Ächzen der Federn zu vernehmen war. Er wagte einen neugierigen, wenn auch unverfrorenen Blick durchs Fenster hinein. Oh, was ging denn da ab? Ein Staunen überkam ihn. Ein enormes Kribbeln durchfuhr Bacher. In dem Wackelding lief ein Film – und was für einer! Tief durchgeatmet! Den Blick nicht mehr abgewendet. Ein blanker Rücken hob und senkte sich in so etwas wie beharrlicher, unentwegter Genussarbeit. Dieser Eindruck bewegte Cassian Bacher tief. Er fühlte diesen Takt sogar in sich. Das enthüllte Individuum war über einem anderen, einem ebenso bloßen, aber in Vorderansicht, entdeckte er. Bebendes, sich hebendes und sich senkendes Fleisch. Verschlungen und ineinander sein. Im Augenblick vereinigten sich auch die Laute aus dem fast hüpfendem Behältnis mit denen vorhin wahrgenommenen Geräuschen. Eine lustvolle Addition: Vierfaches Federnquietschen plus zweifaches Stöhnen ist gleich Sextett, zählte er zusammen. Sextett, drängte sich ihm wollüstig auf! Beide Hände gegen den immer wilder auch zur Seite ausschlagenden Wonneraum gedrückt. Solidarisch als Außenhelfer sein Umschlagen und die Störung dieser elementaren Besorgung zu verhindern. Bald erhob sich ein hohes, steil ansteigendes Solo aus dem Sextett. Es überschwebte alles, flatterte für wunderbar mitreißende Sekunden schier über dem ganzen Zustand – und da stand auch gleich eine schwarze Robe neben der immer noch wild bewegten Schnuckelpinne. Dieser Schatten hatte die erhoben ausgestreckten Arme als Geste der Konfiskation über das Corpus Delicti gebreitet: Der Staatsanwalt aus den Sechzigern war da. Genau so, wie er zu erinnern war! Die geballte Wucht allen moralisierenden Über-Ichs, die diese Vorstellung wohl zu fassen gedachte ...

 

 

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