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                                                     Zeitennehmer

 

Ausschnitte aus dem Roman

 

 

  '... damit sich auch auf unserem widerspenstigen Planeten die wesentliche Aufgabe des Weltalls erfülle, das dazu da ist, Götter hervorzubringen.'                                                                                                      Henri Bergson

 

                                                Zu schreiben ist die bedeutendste Art zu schweigen

 

   Sterne schwebten durchs Dunkel. Das Kreisen im Kopf war dann allmählich langsamer geworden.

   Nun dämmert es dir, Tom, alter Junge. Die Sache da am Schreibtisch in deiner Redaktion wird dir langsam klar: Außer dir war ja niemand mehr da. Dann aber Geräusche im Gang. Wie Marschtritt. Gleich tauchten zwei Gestalten auf. Sie bauten sich vor dir auf und kamen sofort zur Sache. Fotografien wollten sie, die von neulich.    Aber sonst braucht ihr nichts, Männer?, wolltest du noch auf cool machen. Da waren jedoch die Fäuste von dem einen, groß wie Vorschlaghämmer. Du hast dein Grinsen sofort aus dem Gesicht genommen. Welche Fotos, bitte? Ach so, solche von diesem Brand da in der Nobelherberge -- wie hieß der Bonze gleich noch, bei dem dieses Feuerwerk abging?, wolltest du Abstand markieren. Ach so ja: Mentenheim ...

   Die Schläger hatten vermutlich kein Verständnis für Spaßetten. Sie fingen gleich an zu arbeiten. An dir. Auf ihre barbarische Art.

   Die haben dich zerlegt, Tom. Da sprichst du jetzt mit dir, als ob du dir selber außen vor wärst. Es tut aber doch irgendwie gut. So als wollte es heilen, nachdem was weggeschnitten worden war. Sich selber anlabern. Du sprichst eben mit dir. Wo ja sonst eh keiner ist, mit dem man zu reden hätte. Sprichst mit dir wie mit einem anderen, den du gar nicht so richtig kennst.

   Du tastest an dir herum, wie um zu fühlen, ob du dir nicht auch körperlich abhanden kamst. Da merkst du, dass du richtig eingewickelt bist. Und verpflastert. Überall. Sie haben dich in dieser Heilwerkstatt hier schon wie eine Mumie zurechtgemacht. Das ist auch gleich da. Dass du aus dieser deiner Konserve rausglotzt. Dass du dann irre wieder auf dich zurückgaffst. Oder so ähnlich. Auf dich starrst, noch dazu mit irgendwie weit aufgerissenem Auge. So etwa mit innerem Auge.

   Was dir so alles kommt, wenn du nicht mehr ausweichen kannst. Wenn du dir nicht mehr davonlaufen kannst. Du schwebst ja rich­tig über dir. Wie es sein soll, wenn man seinen Kratzfuß gemacht hat. Dass man da für eine Weile über seiner Hülle flattert.

   So liegst du die ganze Zeit. Wie lange schon? Du klärst das nicht. Die schiere Frage befriedigt bereits, weil sie die Tür offenhält. Wie dich immer alles Ungelöste angetörnt hat mit seinem Versteckenspiel. So ist das Leben, gönnst du dir. Ungeklärt. Bis zuletzt.

   Dann reißen sie die Tür auf. Du siehst, wie sie ein Bett reinkarren. Eine frische Bandscheibe, hat der weiße Mensch zu dir hin gesagt. Er parkt das Bett ein. Er macht es linkisch wie ein Fahrschüler. Er misst mit Blicken immer wieder den Abstand. Rangiert herum. Du versuchst dich abzulenken. Du glotzt an die Decke.

   Jetzt hat er aufgehört.

   Schön wach bleiben, Opa Sänger!, hast du gehört. Und zu dir hin: Ein bissel aufpassen, Herr Nachbar! Ja? Dieser Herr hier will nämlich wieder in Richtung Nirwana. Dann bleibt er uns womöglich für immer dort.

   Der Pfleger tätschelt Sänger die Wange.

   Der Alte starrt ins Leere.

   Kaum ist der Pfleger draußen, ist die frische OP wieder weggetaucht. Tiefes Atmen.

Wenn es ihm wohl tut, denkst du. Du bist kein Aufpasser, sagst du dir. Schlafen ist allemal gut. Wenn alles weg ist. Bis auf den Müll vom Tag und was sich da abfilmt. Ja, höchstens träumen.

   Sein tiefer Atem. Ein Rasseln jetzt. Dazwischen ein steiles Auflärmen. Du fährst zusammen. Es hallt von den Wänden. Da fällt dir die Nacktheit der Wände hier erst so richtig auf. Die paar winzigen Bilder richten dagegen nichts aus. Das Kruzifix über der Tür hält deine Blicke für Momente gefangen. Du wartest auf einen Gedanken dazu. Da kommt aber nichts. Mensch, fährt es dir durch den Kopf, nicht auch das noch: Irgendwann mal Blicke, denen keine Gedanken mehr folgen -- und schöne Grüße dann von Doktor Alzheimer. Das laute Auffahren des Alten reißt dich davon weg. Dann sein Aussetzer. Fast ist es im Rhythmus: Aufbäumen, Absturz, Aufbäumen. Du wartest jetzt richtig darauf, dass der Alte wegbleibt, ertappst du dich. Da, ein leises Kollern. Neben einem liegen, wie er sich davonmacht. Wohin?, schaudert es dich richtig. Dabei streift dein Blick wieder das Kruzifix. Da reißt dich ein pralles Schnarchen aus deiner Ratlosigkeit. Du erschrickst. Rapide anschwellend der Lärm. Aggressiv. Dann stürzt es ab. Du hältst den Atem an. Totenstille. Lässt du ihn abschrammen? Plötzlich ein Sägen. Noch mal dieses jähe An­steigen. Das sich gleich in einem Stöhnen entlädt. Warten, wie es weitergeht. Du meidest den Kruzifixblick. Da ist es wieder. Es reißt dich. Vielleicht kriegt er doch noch die Kurve zu seinem Abgang. Du wirst nicht Alarm schlagen. Was kann man dir anhängen? Da ist aber gleich sein Lärmen. Es schwillt zu diesem dröhnenden Röcheln an. Ein Schrei der Gurgel nach Leben, dass es widerhallt. Aus. Es ist eine ganze Weile so ein Spiel. Dieses Pokern mit dem Tod. Ein Prickeln läuft dir über den Rücken. Wenn du ihn verenden lässt. Du als Mörder. Dann gehörst du auch zu den vielen Alltagskillern. Denen man es nicht nachweisen kann. Dass sie Menschen auf dem Gewissen haben. Die sie auch zu Tode gebracht und allein mit ihrer Feigheit -- und noch bequemer mit ihrer Untätigkeit, Faulheit, ihrem Wegsehen umgebracht haben. Ein perfekter Mord!, denkst du im Spektakel, den der Alte gerade wieder macht. Dass du eigentlich doch auch so ein feiger Hund bist.

   Jetzt ist Ruhe. Du hast es sowieso satt. Dein Kopf. Der verdammte Schädel. Du hörst ein Murmeln neben dir. Das wird deutlicher, da hörst du hin. Der Alte ist anscheinend noch in seinem Narkose­rausch. Wie du genau hinhörst, kriegst du mit, dass er da wohl einen Hitler heilen will und dann auch noch einen Sieg: Sieg heil. Das eine ganze Weile so. Na ja, denkst du dann, wenn schon, gönne ihm seinen seelischen Stuhlgang.

   Der Kopf brummt dir unterm Verband. Das linke Auge tickt dazu. Ein irres Konzert in der Birne. Man könnte lachen. Wenn das nicht wieder Terror machte.

 

   Anderntags ist dein Gespensterheiler hell wach. Da war das fernöstliche Putzmädchen. Das hat bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen, den er dir jetzt vermitteln will. Die hätte noch Platz in seinem Bett, hat er gemeint. Ein bisschen was müsste bei ihm ja noch drin sein, ist er richtig aufgekratzt. So wie sie es jetzt im Film immer bringen. Weil das Fernsehen immer dreckiger werde, hat er geschimpft. Du wunderst dich noch darüber. Da hast du von ihm bereits was von moralischer Zersetzung gehört und dass alles dem Verfall entgegengehe, wo die Schwulen aus ihren Lasterhöhlen hervorkriechen würden und Kanaken aus aller Welt sich hier rumtrieben bei uns und dass alles verrasse und dass es das früher nicht gegeben habe.

   Bei eurem tollen Führer mit seiner Wahnsinnstruppe!, ist dir da rausgerutscht.

   Er hat nichts mehr gesagt. Du warst überzeugt, ihm ordentlich eins gegeben zu haben.

   Es hat jedoch nicht lange gedauert, da ist der Alte wieder da gewesen. Er hat dir mitgeteilt, dass er sich vorgenommen habe, bei dem Mädchen irgendwann ordentlich hinzugreifen. Als er dann seine Knochenhand hebt, wie um es zu beschwören, da fällt dir ein: Der Tod und das Mädchen -- dieses Gedicht. Schuberts ergreifende Melodie dazu ...

   Er hat nachgesetzt: Wenn sie ihm bloß in die Nähe komme ...

   So ein Tonfall, denkst du noch. Es hat ja sogar irgendwie nach Sehnsucht geklungen, wie er das brachte. Ob so einer zu so einem Gefühl überhaupt fähig ist?, fragst du dich. Es war vermutlich nur deine Poesie. Du entscheidest dich dann für dirty old man.

    Im Altersheim, erfährst du, im Altenheim, das sie jetzt Seniorenheim nennen, weil ihnen das Alter Angst macht. Oder alles muss so überspannt klingen. Wenn einer alt ist, da ist er nicht mehr so dicht. Dann atmet er tief durch. Wenn du da mal nach einer gegriffen hattest von den jungen Dingern von der Pflegetruppe, hörst du, da haben sie dann immer sofort nach deiner Hand geschlagen.

    Keinen Respekt mehr!, schleimst du -- und lachst in dich hinein.

    Rotzjunge Dinger!, hat er sich aufgeregt. Man solle sich das nur mal vorstellen. Die lassen sich nichts mehr gefallen! Ihr Kerle heute könnt einem allesamt leid tun.

   Ein schönes Durcheinander, Mei­ster!, hast du geschimpft. Das mit den Weibern, den Kanaken und dem Spaß! Du setzt allerdings lachend nach, dass das so ist im Leben, nämlich dass es ein Durcheinander ist mit allem.

   Im Leben!, hat es von nebenan geechot. Angst haben vor dem Abkratzen! Eine ganz feige Bande, heute! Wenn unsereiner Angst gehabt hätte! Du lieber Gott! Wo man in Russland war mit der Wehrmacht -- ein schönes, verfluchtes Land! Was haben die jetzt für einen Saustall nach ihrem Kommunismus? Verbrechen und nichts zum Fressen und dazwischen stinkreiche Schieber. Das hat der Amerikaner falsch gemacht. Dass er dem Russen geholfen hat und diesen jüdischen Bolschewisten. Der Deutsche hätte aus den fetten Böden in Russland ein Paradies gemacht. Dem Russen hätten wir das Arbeiten gelernt.

   So ein Schote!, denkst du. Womit man im Jiddischen einen Narren bezeichnet, fällt dir ein. Du beschweigst aber dein Staunen, spielst lieber noch mit den Worten, ob das, was er da brachte, auch eine Schote war -- wie sie heute eine irre Story nennen.

...

 

Versuch einer Rekonstruktion: Begegnung mit Karl

 

   "Gestern die Nuckelpinne im Parkhaus beim Zentrum abgestellt. Bereits in der Nähe des Ausgangs gewesen. Da zog hinten ein tiefes Rauschen vorbei. Habe mich danach umgedreht und einen knallroten Por­sche im Auge gehabt. Um ehrlich zu sein: Der Anblick hat mich gefesselt. Mit der Entschuldigung, dass sich auch ein bereits weltanschaulich auf Ente fixierter Automobilist in so einem Fall des kor­rupten Blickes nicht zu schämen brauche, bin ich stehen geblieben ..."

 

   Du lässt das Blatt auf den Stapel sinken und schließt die Augen. Es ist ja etwa ein Jahrzehnt her, dass du das aufgezeichnet hast, geht dir durch den Kopf. Aber du weißt noch nicht so recht, ob du dich auf diese Erinnerung ganz einlassen sollst.

   Du legst das Papierbündel weg und steckst dir den Thermometer rein. Diese Verrichtungen immer. Dein Barockengel ist noch da und hat das veranlasst. Du suchst nach einer Freundlichkeit für das Mädchen. Es fällt dir nur ein, dass du immer noch ganz dankbar bist. Schon gut, hat sie kurz geantwortet. Dann hast du deine Siebenunddreißigacht angegeben. Sie ist wieder gleich weg gewesen. Du machst weiter -- mit dem Altpapier, wie du vor dich hin grinst:

 

  "Das rote Ding war gerade abgestellt worden, im Parkverbot. Habe noch einen neugierigen Blick darauf geworfen, um zu sehen, was für ein Wesen so einem Ding entsteigen würde. Ein intelligentes Gesicht erschien. Von mittellangem, brünettem Haar gerahmte männlich kantige Züge wurden im Halbdunkel erkennbar. Ich stand da und verfolgte, wie der Typ seine gut Einsachtzig entfaltete. Er mag um die Dreißig und meines Alters sein, dachte ich noch. Der kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich war mir aber nicht sicher. Solche Exemplare kennt man eben aus Illustrierten oder aus der Werbung. Der Schönling musste mich bemerkt haben. Er blickte skeptisch zu mir herüber. Verständlich, denn in diesen Parkhäusern pas­siert allerlei -- hatten wir erst letzte Woche ganz groß in unserem Blatt auf­gemacht. Ich tat so, als interessierte ich mich nicht für ihn und hätte noch etwas in meiner Tasche zu suchen. Das ist idiotisch, was du da machst, sagte ich mir, er muss ja befürchten, dass du womöglich eine Waffe ziehst. Auch das wieder Blödsinn. Ich machte an der Aktentasche herum. Während ich noch so mit meiner Haltung beschäftigt war, hatte er sich auf den Weg zum Aufzug  gemacht und war jetzt in meiner Nähe. Ich wollte ihn passieren lassen.

   Um ihn zu beruhigen, hatte ich ein Lächeln aufgesetzt und ihn dabei angesehen. Aber dieses Gesicht kennst du doch!, durchfuhr es mich. Da hörte ich ihn auch schon: Hallo, Tom!

   Karl Mentenheim stand vor mir, machte noch einen Knopf am Jackett zu und blickte freundlich auf meine Einsachtundsechzig herunter. Ich war überrascht. Mir fehlten die Worte. Er reichte mir lächelnd die Hand: Na, Tom, dieses Parkhausidyll hier ist hoffentlich nicht dein Arbeitsplatz!

   Mensch, Karl!, fiel mir nur ein. Das ist ja toll!

   Ja, wie lange haben wir uns denn nicht mehr gesehen, Tom?, fragte er in einem Ton, der nicht auf Antwort zielte, und ging auch gleich weiter.

   Ich dachte angestrengt nach, während ich ihm zum Aufzug folgte. Mir wollte es nicht einfallen. Das ist überhaupt das erste Mal, dass wir uns treffen, sagte ich dann, als wir nach unten fuhren. Er schien es überhört zu haben oder war eben mit den Gedanken woanders. Stell dir vor, das erste Mal, dass wir uns sehen, seit wir unseren schwarzen Kasten verlassen haben.

   Ach ja, dieser Kasten!, lachte er trocken. Überhaupt diese Leute dort. -- Drücke doch mal 'Erdgeschoss'!, forderte er mich auf.

   Dann waren wir draußen. Er schritt dahin, ohne darauf zu achten, ob ich ihm folgen würde. Natürlich blieb ich in seiner Nähe, trabte seitlich etwas hinter ihm her. Man konnte ja so ein Zusammentreffen nicht nur mit diesen paar Worten erle­digt haben. Ich machte ihm den Vorschlag, im nächstgelegenen Café ein wenig zu plaudern. Er zeigte sich überrascht. Es kam mir einen Moment gleich so vor, als hätte ich damit ein ungebührliches Ansinnen geäußert. Er dachte nach und blickte etwas leidend drein, so als fahre er im Geiste mit dem Finger über das heutige, natürlich bis zur letzten Zeile volle Blatt seines Terminkalenders. Schließlich wollte er sich aber die Zeit nehmen.

   Kaum Platz genommen und bestellt, versuchte ich ein Gespräch: Oh, du rauchst Astor!, sagte ich und schaute, anerkennend mit dem Kopf nickend, auf die braune Schachtel. Wo gibt es denn die noch?

   Karl schien meine Bemühung nicht weiter zur Kenntnis genommen zu haben. Er hatte sein Augenmerk auf die Aquarelle gerichtet, die hier präsentiert waren.

   Das ist keine Marke, strengte ich mich weiter an, die man am Automaten ziehen kann!

   Interessant, sagte er, sie haben hier Kunst hängen. Das sieht man jetzt häufiger auch in ganz einfachen Cafés, dass sie damit einen Galerieeffekt zu erreichen versuchen.

   Er öffnete seine Zigarettenschachtel und erklärte mir eher beiläufig, dass die ihm der Concierge immer besorge, er wisse gar nicht, wo die her sind. Kiosk oder nicht, meinte er, es dürfe lediglich kein billiges Zeug sein. Dabei hielt er mir die geöffnete Schachtel her. Ich zog mir eine und fingerte mit der anderen Hand in meiner Jacke nach meinem Souvenir-Etui aus Mallorca. Er nahm sich dann mit amüsierter Miene eine von meiner Sondermarke. Er meinte, wäh­rend er mir Feuer gab, dass die meisten Leute beim Genießen den Fehler begingen, nicht auch noch den zweiten Schritt zu tun, der eigentlich der erste sei. Ich schaute ihn fragend an. Nun, sagte er, die Leute sparen beim Vergnügen und kaufen billiges Zeug. Das ist es, was gesundheitlich ruiniert, meinte er. -- Es scheint ihm ein Anliegen zu sein, dachte ich mir. -- Dann sollen sie lieber ganz darauf verzichten, als sich mit Dreck die Gesundheit zu ruinieren. Damit drückte er die Zigarette auch schon gleich aus und war anscheinend wieder ganz bei den Bil­dern. Ich schielte auf den langen Stummel im Ascher und dachte an die Abende, an denen ich zu Hause immer stundenlang für diese Zigaretten Tabak in fertige Hülsen stopfte.

   Durchs Fenster sah man die Passanten. Im Raum war nur wenig Bewegung, mäßiges Kommen und Gehen. Wir saßen da und schwiegen eine Weile.

   Mir fiel nichts ein, als mich lobend über das schöne Wetter auszulassen. Karl mein­te, man müsste sich jetzt Zeit nehmen und in die Berge gehen. So richtig, setzte er hinzu, einen Dreitausender machen. Ich stimmte ihm mit sozusagen innerer Gänsehaut zu, war allerdings überzeugt, dass er da nur geprahlt hatte. Ich sagte mir, dass so ein Mensch wie er doch eher weniger harten Vergnügungen nachgehen würde, vielleicht ein bisschen über Wellness hinaus. Ich vertiefte das Thema Bergsteigen nicht. Ich hielt nicht viel davon. Ich wollte ihn aber nicht mit meiner Anschauung darüber vergrätzen. So lenkte ich ab und fragte, ob man sei­nen schicken Sportwagen denn nicht auch 'oben ohne' fahren könne, gerade bei so einem schönen Wetter.

   Er wisse gar nicht, sagte er, ob das ein Hardtop sei, er habe sich eben einen Wagen vom Fuhrpark kommen lassen. Das Personal habe ja so seine eigenen Ansichten.

   Fuhrpark, wiederholte ich, ach ja!

   Ich nahm die Speisenkarte zur Hand, blickte ein wenig hinein und bemerkte beiläufig, dass das alles bald teurer werden würde. Er schaute mich forschend an. Ich holte aus und ließ mich über Staatsverschuldung und Steuererhö­hung aus. Ich wollte es mit Politik versuchen, um das Gespräch etwas in Gang zu bringen.

   Er lächelte und meinte nur, es gestalte sich immer unrentabler, einer Arbeit nachzugehen. Wir lachten trocken. Damit hatte es sich allerdings auch schon wieder.

   Ich nahm einen Schluck Kaffee. Man hat sich eben nichts mehr zu sagen, dachte ich. Es war auch ärgerlich, dass er sich gar keine Mühe gab. Er saß lässig da, die Beine übergeschlagen, hatte mir die Seite zugewandt. Er lässt arbeiten, dachte ich mir, einer von denen ist er. Er lässt arbeiten -- in diesem Fall lässt er mich arbeiten. Solche Leute finden immer wen.

   Ein paar Tische weiter lag ein Boulevardblatt. 'Qmran' stand ganz fett im Aufmacher. Ach ja, erinnerte ich mich, die Sache da mit den alten Schriftrollen von irgendwo in der Wüste. Das wird immer wieder einmal diskutiert. Ich sagte: Qmran. Wie denkst du darüber?

   Er goss sich Kaffee ein und schien in seiner Allgemeinbildung zu kramen. Habe ich sicher mal gehört, sagte er. Aber ich kann es jetzt nicht mehr richtig zuordnen.

   Ich genoss meinen Informationsvorsprung und ließ ihn noch eine Weile in seiner Wissenslücke sitzen.

   Qmran, wiederholte er. Hm, muss man das wirklich wissen?, fragte er dann.

   Ich versicherte ihm und fühlte mich dabei sehr gut, dass es gewiss keine Bildungslücke sei, davon nicht viel zu wissen, auch dass man Qmran gar nicht so in Konversation einbringen könne, weil kaum jemand genauere Information habe. Es sei ja stets eher peinlich, wenn jemand eine Unterhaltung zum Vortrag umfunktioniert, kehrte ich gute Kinderstube heraus. Dann erklärte ich ihm so bescheiden, wie ich meinen Stolz nur immer verbergen konnte, dass es sich dabei um uralte Schriftrollen aus der frühen Christenzeit oder sogar davor und eben um jenen Ort östlich von Jerusalem handle. Texte, klärte ich ihn auf, die von der jüdischen Sekte der Essener verfasst, von einem Hirtenjungen Ende der Vierziger gefunden worden waren.

   So, so!, quittierte Karl meine Lektion.

   Das hatte natürlich nicht sehr nach Aufforderung zur Fortsetzung geklungen. Ich wollte deshalb -- auch weil ich selber gar nicht viel mehr wusste -- die Sache zu Ende bringen: Weißt du, man liest immer wieder mal etwas darüber. Die Texte sol­len längst übersetzt und ausgewertet sein, aber man sagt, dass die Kirche die Hand draufhält, weil da Tatsachen zum Vorschein gekommen seien, welche die herkömmliche Lehre ins Wanken geraten lassen könnten.

   '... die herkömmliche Lehre ...!',  wiederholte Karl. Da böte sich dann auch noch die Gretchenfrage an: 'Wie hältst du's mit der Religion ...?'  oder so ähnlich aus dem guten alten Faust.

   Wir haben ja früher jeden Tag zur Kirche gehen müssen, erinnerte ich. Dass wir deshalb eigentlich ja doch fürs ganze Leben über einen satten Vorrat verfügten. Also, vielleicht kann man Kirche nicht schon mit Religion gleichsetzen, aber immerhin ... So ein Konto -- vielleicht nicht gleich Frömmigkeit, wie's eben nicht gleich Frömmigkeit ist, wenn man so eine Übung regelmäßig, nämlich nur durch die Umstände getrieben vollführe ...

   Du bist ja reichlich bemüht, Tom!, ging Karl lachend dazwischen.

   Aber immerhin einfach ein Guthaben von früher ..., wollte ich weitermachen.

   Du lieber Gott 'früher'!, unterbrach er mich. Weißt du, Tom, ich muss dir gestehen, dass ich gerne so einfache Grundsatzfragen absetze. Ich wollte dich mit dem Faustzitat nicht in einen Erklärungszwang bringen.

   Natürlich nicht, beruhigte ich ihn. Du handelst da aber eminent journalistisch, kann ich dir bescheinigen: Gerade die einfachen Fragen bringen die Leute zum Reden!

   Ja, eben. Solche einfachen, vor allem unerwarteten Fragen treten einen erheblichen Beantwortungsaufwand auf der anderen Seite los.

   Wir nickten uns zu und griffen beinahe gleichzeitig zu unseren Zigaretten.

   Früher!, sagte er in seine Tabakwolke hinein. Früher ..., und hielt seinen Satz an.

Wie lange ist das eigentlich her, das mit der Schule?, begann er wieder. Ein Jahrzehnt oder gar schon länger? Man ist ja ... -- freilich, wir sind ja gleich alt.

...

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