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Hannes Kothe-Opperau

lyrische Texte

und was Karl Krolow, Reiner Kunze und Hans Mayer zu meiner Lyrik sagten
 
 

 T A G E S B L Ä T T E R

                                                                      eine Text-Sammlung



 I N H A L T

         G E G E N S T Ä N D E
              SOUND & Co
                                     A.B.: TEDEUM etc.
            TRÄNEN           LUFT       
JUDAIKA I., II.
    NIEMANDSLAND
        DANN  JA
Petrmayr
     GRÜSZE NOCH, HERR Doktor Als...
 
   E I N R I C H T U N G E N     
 VIEHISCH NACH LEBEN
     EIN EI VOLL WIND
PISA 1, 2., 3.
VATER(MUTTERKINDER)LAND

     R E I S E B L I C K E
  Kreuzung Spinne SOG  
Ö S T E R L I C H E   R E I S E
   MIJOH  VIELLEICHT  MILO
dreisiebenfünf - weit davor und noch heute
  ETRURIEN  IM  EINDRUCK

     L A N D P A R T I E
      AUGENSCHEIN (Pastorale I)
    BEILÄUFIG (Pastorale II)
 WENN  ES  ABEND  WIRD  (Pastorale III)



   
 
                                                          G E G E N S T Ä N D E
 
       
   
 
                  SOUND & Co.         
                                                                   as LoveParade


           Auch  mal  Singsang
      vor der  Tapete.
           Doch die  Seife  ist
      vom  Schlager  längst   verwaschen.
           Und  mit  fetten  Sprüchen  
      volle  Null  am  Hut.
 
 Was  dauernd  da  an  Krise   ist
          probiert  sich  frei zu schrein.
          Und  töst  der  Sound  im  Kopf:  Dass
alles  rum geht   volle    ex.
             Der  Rhythmus  fetzt  nen  Gipfel  rauf.
             Und  Drumming  bringt  es  volle   raus.
              Die  Sache  ist,
       wie  wenn  da  was
       auf  starken  Herzschlag  macht.
 
            Das  Affen geile  Feeling  dann,
            dass  alles  da  im  Gleichtakt  ist.
 
              So  was  wie   FRIEDENSLÄRM
     SCHALLT   DICH   DA    AN.
 
            Und  die  Totale  ist
            ganz  auf  der  Haut.
            Kein  Missen  und  in  Zero  greifen:
       Man  hat  sich  immer  schon,
            wenn  man  da  im  Getöse   ist.

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      A. B.: TEDEUM  etc.

           Er hat mit schieren Worten nicht zu Beschreibendes organisiert  
           Und es in seinen Harmonien  den  tauben Welten  offeriert.  Die
           Schämten  sich  aber ihrer  Harthörigkeit  nie. Am  Ende  Grüße
           Aus  des Herrn Kaiser Franz-Josefs  Gartenhaus:  Alleweil noch   
           Unterthänigst  gewesen – Ihr sehr ergebenster Bruckner,  Anton.

          Die  lichtstrebige Gewalt seliger Geister.  Bei diesem Meister so   
          Klangbürtige  Scharen:  Die  Chöre  überflügeln  in goldwolkener      
          Sehnsucht alle  Beschwörungskunst der Zeit. Da  den Menschen
          Die Engel doch samt  Glauben  vergehn -  aber flederwischig im   
          Kirchenstuck und vielen andren Werbeträgern wieder auferstehn.

         Ihr Heiligen  alle, Euer irdischer Freund ist nun lange hin und seine
         Renaissancen betten ihre Zeitlichkeit in diesen fetten Oberswolken      
         Weihrauchs. Die Werktreue als so ein  bürokratisches  Äquivalent.
         „Die  hobeln doch nur ganz schön  brav  ihren  Soundso herunter!“
 
          Wer  könnte je  wieder  das  Jenseits so an den Himmel zaubern
          (an  dem heute  der  Orbitflitter  zieht)  und  wer wird  den  Leuten
          Verklärung  deuten (denen  die  Melodie verloren  ging)  wer aus
          Dem  Kreißen aller Dinge noch einmal solche  Harmonien ziehn?
 
                                 Claude Debussy: Musik ist der Ausdruck des Unaussprechlichen

 
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  TRÄNEN                LUFT


              1                                                                        2

             Wunden,                                                 
      Die das Leben schlägt,
      Baden wir                                                     Stress
      In heißen Tränen aus,                          Und alles
              Die unsere Seele nicht                      ist da abgefuckt
      Vergießen kann.                                      Du   bist  wie Gummi
                                                                                                    schlaff                                                       
                                                                  Und bläst dich  aber
                                                                   doch noch auf
                                                               Und raus aus deinem  MegaLoch                 
                                                               Da wird Belebung prall
                            Und der Zustand                          
                          fliegt
                        Bis du für dich
                                        ganz fat
                       über deine Kante  
                                         bist

                             

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J U D A I K A  
 
          I. SAMUEL BAK's
                                 (entfernt an Botticelli erinnernd)


        Gesichter,
       Gesichte tragend.
       Antlitz schwere Tafeln stehen im Licht.
 
                       Seelentempel schwankend:               
                             Zerborstene Symbole im tiefen Raum.
                                        Klassische Gebilde: verhüllt, umwunden.
 
                             Zerschundenes. Und die vielen offenen Male.
      
       Irrläufte umher.

       Gesichter.
          Tief gedränte Fassaden.
                                   
                                       Ein Volk aus den geteilten Fluten.
                                  Auf dem dornigen Weg durch die Zeit.  
                                                                 Das Grauen als Bürde:
                                                 
        Leichengraugelbe
                und diese Blutbräune
auf jedem Blatt
                      der Geschichte.  

       Und weiter sein.             
 


II.  Lettern                   
                           (für Hans Mayer, Salcia Landmann, Victor Klemperer ...) 
  

 Lettern.
Und Sinngebilde mit Worten gemalt.

Weshalb soll es einen wundern:
Da sie doch mit den Buchstaben
herangewachsen sind (dieser
fesselnden Wahlverwandtschaft).
 
Beharrlich aus ihrer Summe zu zeichnen
unternommen haben:
Das URBILD, bleibende Sicht.
 
Das Auge ahnt hingegen:
Es gibt keine eigentliche Begegnung
mit dem schon immer ERHOFFTEN.
 
Doch diese Erkenntnis:
Dass man EIGENTLICHES nur
mit dem inneren Blick wahrnimmt (jenseits allerdings
der schönen Behauptung, das geschähe
mit dem Herzen).

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NIEMANDSLAND

     Der Tod lebt
    von den Jahren. Sauft
    uns die Farbe aus den Blütenkelchen.
    Aber eher setzt sich alles Tönen
    in ein Sagen um: Als dass die
    schmalen Rosenstraßen uns
    in die fernen Ziele liefen.

    Der Tod ist
    gelb vor nichts. Und tanzt
    auf Schlagrahmwolken mit den Weibern:
    Die ihm ihre Kinder lieben.
    Aber eher tuscheln die Äcker sich
    den Wettersegen zu: Als dass
    geraubte Tränen uns
    zum Brot des Lebens würden fließen.
 
    Der Tod bläst
    den Seelenwind. Und
    schlägt mit jedem Atemzug
    die Fuge Nacht.
    Aber eher silbt das Wort  
    das Sinnen auf: Als dass
    dem dunklen Niemandsland
    lichtsteile Orgelpfeifen wollten sprießen.


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        DANN  JA
                                (als Ballettfigur)
         Die Erwartungen an
           diesem Tage
            Die Erwar...
              an diesem Tag
                Die Er...
                  an die... Tage
         Die Die D...
 
         Die Erwartung an
          diesem Tag
            Die Die
         Die bringt die Hoffnung
                an
                  diesem Tage
                    Die Erwar...
 
         Wenn die Erwart...
           Wenn die Er... Hoffnungen
             zeitigen
              Wenn Er...
                Wenn Er... Hoff...
                Wenn Er... Hoff... zeitig...
              Dann Ja
            Wenn Wenn Dann Die
          We... We... Da... D...
        W E D A D
 
 
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Petrmayr             

  FARBFORM@KatAlog20...
                                                                                                                                                                                   

 
NahWeite, darum(herum)
das Erahnte, die AnteilSplitter noch -
AbschnittElemente darunter.
Undallesweiter von dem,
was JA die ReindenkZeit nie zulässt.
Abseits des so genannten geübten Blicks (
dieses Alltag beschlagenen). Empfindlich, wo
 
du es gar NICHT mehr aufzulösen glaubst:
Ergriffen-, Verschoben-, Gereiht-, ja Angedockt-ES.
Und VERWÜNSCHT-wünschenswerten Sinn
ja nicht gleich (oder noch besser
: überhaupt nicht) ANGENOMMEN.
Weil nämlich ALLES um ALLES sich
gelegentlich GERADEZU aufdrängt.
 
Gleichwohl: Eindruck @ Augen-jump im Nerv,
wenn etwa dort die Vermutung siedelt: Bunte,
so etwas wie Belege @ versammelter BLEIBE.
So ein Ausruf dazu: Dass die Erkenntnis vereinzelt
das Wort beschweigt. Wie das wirkliche Auge sich   
vor dem ab-gesehenen Gegenstand hinterm Lid verbirgt.
 
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GRÜSZE NOCH, HERR DOKTOR ALZ...

Wie.
Was. Wo war DAS gleich - oder alles: ERSIEeS
                  Wenn es die vielen Möglichkeiten.
                       Und. Wovon auch immer. Ja das Ganze
   im Grunde.
Das Langgezeilte für dich. Ein Geschenk, was du irgendwie noch für Gedanken hältst.    
Diese Klaffen aber.
Riesen Risse mittendrin.
Es liegt    
ja manchmal richtig schwer
auf der Zunge, freilich.  Und ist weg.
 Oder war da überhaupt was?
Du schaust:
                     Wenn deinen Blicken schließlich
doch kein Gedanke mehr folgt: sehen dieAnderenirgendwann
                 Was war’s noch gleich: Vor dem Absaufen sich   
          retten aufeine Insel Erinnerung, ja, irgendwo und das
          gefährliche Vergessen darumrundherum:
wie ein Meer wie ein Mehr. Du versucht dich
worin   und
ach so: Immer wieder schwimmen.
Wo ist der Schwanz von diesem Fisch. Irgendwo,
Herr Doktor.  Wie  denn: Wenn man dann als
Schatten im eigenen Traum firmierte? Ach
 
Wann
ist man längst für
die Anderen die LIEBEN darunter
                    ach ja denenpeinlich     Das
war es immer: Die Liebe mit ihrem dicken Arsch
erdrückt ja eigentlich die Pein.
Oder längst nicht mehr. Alles ist
 umgekehrt und die Mutter hätte einem auf das Maul
                   Vater. Was ist das?   Wieder
  tauchen da noch feste Punkte auf: O ja die
eingebläuten Sprüche: Die granitene Brocken sind im Hirn der Seele.
Vater unser.  Heil!  Aber wie hieß der doch?
Gott mit dir, du Land  
Da war doch noch was!
              Gleich weg Wenn noch ein Funke
 dann der: Dass der sofort
 



                                                             E I N R I C H T U N G E N
 
 

 
 
 VIEHISCH  NACH  LEBEN

           Jenseitsschiff.
 Dem ausgebauchten Kiel sind
                   die freien Gewässer fremd geworden.
 
Doch stark vor Anker:
            Das alte Schiff  hält sich am sicheren Grund.
 Im (weichen) Hafenbett
 die goldnen Ruder halten.
 
Und die großen angejahrten Worte                                                          
 Tönen unverdrossen den Traum von einer guten Welt.
 
Doch stets das Ärgernis:
Das ewig junge Leben treibt ohne Auge  
                                                            ohne Ohr vorbei.
                                       
            Und zudem immer dieses Sickern
            durch die fugigen Spanten:
                                                             Die ungebärdige Gegenwart
   dringt in den auf  heilig erkannten Leib:
   Und alles wittert viehisch nach Leben.
 
Da gilt es zu schöpfen.                              
Die auf göttlich erkannte Schöpfung
will immerhin getätigt sein.


 
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PISA

Null-1
(lernen)
Zeit. Zeit. Nichts
weniger
: Als das Augen-, das Ohren- und so weiter
als das HändeHirn (das es ja ist).
 
Dagegen diese Nicht-
angetroffenheit:
My own is my castle.
 
Stetig ist jedoch
der Brückenschlag.
Und Grund gelegt  
: Sogar
vom Ausgang her.
 
Was wegzutragen
wäre, das könnte es sein
: Es ist indes
so schwer.
Bemerkenswert dagegen
: Die Leichtigkeit der
Schwäche.
 
Angenehm vor allem
: Die Bedeutungsträchtigkeit.
 
 Null-2
(lehren)
Burn-in, das Flimmern im
verlässlichen Behufe:
Die enorme Gedanken-
kugel (die Welt gar),
denkbar „ruhig geschoben“.
Ein rundes Werden, sinngemäß.
Zum Trost umfangen mit Lächeln
& Bedeutungsgraden (diesen Maß-
EINHEITEN).
 
Die Fäden hingegen
verfehlen sich mitunter
mit ihren Enden: Asche (Aus-
gebranntes nämlich), schweigt es verzagt.
Gleichwohl ein Pausenloses:
Lächeln & Bedeutungsgrade auch um
ORIENTIERUNGS-Größe angetan.
 
In der Folge zeigt es sich
anhaltend: Aus allem
immer üppiger WERDENDES.
Ein Knäuel gar: Wohl-
tuend auf BedeutungsgErade
herabgesetzt (Die kürzeste Verbindung ...).
Verstrickung wird endlich möglich:
Die WÄRMENDE.
 
Null-3
(leeren)
-    -    -
-    -    -
.    .    .
 
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 EIN EI VOLL WIND
 
   So viele Bilder drängen sich
   in meinen Horizont.
   Aus allen Winkeln der Welt
   flimmert es auf  mich ein.
   Und wenn ich mich
   anschicke, türmen sich im Nu die Eindrücke.  
Aber alles scheint schon
                        zugestellt in meiner Welt.
                                                        
Ach.
Mit all dem mutterseelenallein.
        So reime ich mir die ganze
 Schose aus dem Wind der Himmelsrose.
       Und ich lasse mich immer
wieder auf dem poetischen Nistplatz nieder.
       
       Dort bringe ich ein Ei voll Wind
       hervor. Und gebe vor,
       es auszubrüten.


 
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VATERLAND - so nach '89
                                                                                          Vater...?
                                                    Ist’s nicht auch Mutter-
                                                                  und ein Kinderland?
                                                                          Unser Land.

            
                   VATER(MUTTERKINDER)LAND - Rückvorausblick

                    Vaterland und gelle Patrioten.
                    Die Narretei mit Blut und Boden.
                    Sie wollten auf fremdes Blut erkennen
                    und sich die besseren Menschen nennen.   
                    Sie raubten ihrer Opfer Gut,               
                    vergossen in Strömen unschuldiges Blut.
                       
                      Und büßen noch die KindesKinder
                       für diese skrupellosen Schinder.
                                          Zumal‘s den neuen Narren gibt
                      der diesen Wahnwitz wieder liebt.
       
                                   

Vater(MutterKinder)Land - zweiter Versuch  
                                                                      (Maueröffnung ´89)                    
   

So viele Füße überschwebten
zwar für Augenblicke nur - doch immerhin
den Grund an diesem deutschen Tor.
 
(Wenn man nur bedenkt
was für böse Geister dort schon spukten.)
 
Und das starre Gespann über der Menge  schien
für Augenblicke nur - doch immerhin -
                        in rasendem Galopp:
                               Alles triefte von Küssen.
                               Und in der geballten Faust war heute
die glückliche Flasche.
                                Das törichte Herze schwellte einem die Brust,
auch wenn man nur via Mattscheibe zugegen war.
 
Für einen Augenblick fühlten sich alle
in diesem (zwar ungern so genannten Vater-)Land
als ein Volk
und man war
(wieder einmal) von der Geschichte
so besoffen.


Vater(MutterKinder)Land – Einlassung  (nach ´89)

Die Ereignisse haben es gezeigt:
Da sind immer die Verzierungen,
die uns im Denken geschehen und
die uns dann unter die Worte geraten.
Geschmeidige Wendungen sind da und
stets diese Versuchung, Wind zu machen und
ein laues Lüftchen andern in die Ohren zu blasen.
 
                    Doch man weiß ja: Dass die Wahrheit
            so ordentlich ist.  Sie wäscht sich (früher
oder später) von all unseren Grotesken rein.
 
Darum begegnete bald schon den
Brüdern und Schwestern der verklungenen Sonntagsreden
die Wirklichkeit (die nun einmal ein Ziehkind der Wahrheit ist):
                                                                          Da ging ihnen auf,
                                                          dass sie all die Jahre zuvor
                                                   schiere Kunstfiguren waren.
 
 

Vater(MutterKinder)Land - Schmährede 
    

 Dessen muss man sich
bei Dir liebes ...
alle Mal gewärtig sein:
Dass du es
immer wieder bringst
mein liebes ...
Am stärksten jedoch
unter den Peitschenhieben
deiner Donna Geschichte.
 
Du machst
Bange.  
 
Denn durch die offenen Fenster
der Welt
dringt deine Lautwonnigkeit.
 
Du
...land.
 


Vater(MutterKinder)Land - fünfter Versuch


Diese kabarettistischen Momente
gelegentlich:
Da zwängen sich die schieren Umstände
in die vielen Worthülsen.
Und sie verdrängen von dort den
gemeinen Sinn.
 
(In gewissen Situation würde die Wirklichkeit,
hätte sie Beine,
ihren eigenen Interpreten aus dem Wege geh’n.)
 
„Wir sind das Volk!“,  hat man noch im Ohr.
Wir sind ... - was auch immer (jedenfalls
gemeinhin ohne Macht darüber).
 
Freilich sind da auch
die vielen Rollen auf den eigenen Brettern,
die uns Zeit bedeuten.
 
Und immer wieder Bühne frei!
Was dann auch jedes Mal
  zum Vortrag steht: Wir werden
        es zur Aufführung bringen. Denn
                 in der Moral des sozusagen blinden Zufalls
                      haben wir schon immer das Zeittheater mitvollführt.
 


Vater(MutterKinder)Land
                     gemischte Betrachtung der Zipfelmütze

Von der Firne  Himmelsnähe
zu der Täler reichem Glück.
 
Heimatlied in Reih und Glied.
                  Müh und Geld für heile Welt.                     
                    (Bis dass das Säckel leer und schlaff)
 
Hinter Wassers Deichbestürmen
weiden Rinder grünes Glück.
 
                    Bankenhort und Kapitalkonsort.
                      Arbeitsplatz und Sozialversatz.
                                     (Bis dass der Schornstein nimmer raucht)
 
                 Was alles so im Herzen wohnt.
                 Was auch nicht das Hirn verschont
bewegt schlechtweg die ganze Welt
(soweit sie sich dem Zwerg erhellt).
 
Drum Mütze auf und Zipfel runter
durch die Zeiten ziehen munter:
 
Vaterland und Mutterboden
und das Landeskind gezogen.
 


 Vater(MutterKinder)Land  VII - erneuter Anlauf


Wenn du schon theaterst.
Dann ...
Wenn du zur Erbauung
deiner selbst (wie du auch eben
verfasst sein magst) undoder  deiner
vorderen Ränge ...
 
Wenn du  also
wieder dein Wesen treibst
dann
sei  gefälligst entgegen
deiner Gewohnheit (sonst)
kein ruchloses
Vater, Mutter,
Kinder fressendes Land ...


 
 
                                                                 R E I S E B L I C K E
 
 


 
KREUZUNG: Spinne SOG                                                          
                                (Nach LL, MOD, KF, GAP oder ...)

Die Straße fließt in dir,
auf der die Köpfe hinter Scheiben ziehn. An der Gosse
entlang reisert sich mitunter der Hund (in dir) den Weg.            
Versenkt hindurch! (Oben verfehlt der Silberpfahl
 
den gelben Regenschutz.) Unten heißt es: Meide
die Nacht. An Wänden entlang
sprechen aber Graffiti Bände - und ungeschminkt
 
die eigne Wahrheit. Nimm oben den Asfalt: Frei
von platten Dosen und zerbrochnem Glas. Dein Weg –
und zu den andren Städ/tten: Überall die Kissen
 
auf der Fensterbank. Da ist das Warten ohne Ziel:
Der freundliche Augenblick weht dich an und fegt (zum
angenehmen Schein) die Langeweile fort. Im Gerinne aber
 
lassen unsre teuren Besen nichts verrotten. Dann noch
der Blick von der verirrten Bronze: Er sticht
von seinem festen Fundament ganz uferlos ins Leere.
 
Nicht weit davon wartet die heilige Kapelle
auf „ein Ros“, das noch nicht entspringen will. (Und
das grüne Licht erlöst den Eiligen.) Um Weihnacht flirrt es
 
an den Häusern seelenvoll. Gewiss ist alles, wie
„alles fließt“ des frühen Griechen. Nur, der Raum bleibt
scheinbar stehen. Doch alles Geschehen formt dir Zeit.
                                                                                           
                                                                       Heraklits :“panta rhei!“
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B I L D U N G S R E I S E - p r e i s g ü n s t i g
         
        Am Brenner:
         Ich ahne Sonne hinter den Bergen, und da wärmt der
         Gedanke, dass sich die Bilder aus den Ansichtskarten drängen.
 
         Die Werbung tönt:  San Remo, an der  ital.  Riviera  gelegen,
                                          hat   zu  allen  Zeiten ein  internationales  
                                          Publikum angezogen.Das günstige Klima,
         Zu Milano:
         Von Reflexion befallen: der türmchenbekrönte
         Marmordom (Gottesirrtum über die Zeiten), Bank und
         Despotenburg (auf klassisches Dreiecksverhältnis erkannt).
   
        Ein Geschichtsbild: Die Sforzas  benutzten Mord  als Politmitt
                                         el, haben  aber  Kunst  gestiftet, sagt  der
                                         Busfahrer. Echter Adel dagegen die Borro
         Zielseits Riviera:
         An der azurnen Rampe,
         mit geschäftiger Enge da und dort (aus
         allen Winkeln der Welt die Sedimente der Paradies-
         Vorstellung und therapeutischen Bedeutung des Meerblicks).               
 
        So ein  Ortsbild:     Kilometer Marmorpflaster (weiß/rot)  der Uf
                                        erpromenade;  die private russische  Kirche                                  
                                        ist nachts bunt  beleuchtet,  eine  Besichtigu
 
         Zwischen Gründerzeitbarock:
         Schwer mit Historie befrachtet,
         Cappuzzino schlürfen. Und  dann
         noch zum Santo hinauf: Durch enge steile
         Gassen (das romantische Spiel der Geschichte
         mit der Angst und Not) der Eingeborenen. Drüben den
         Hang hinauf: Die blind glitzernden Augen der Blumenbauern.
 
          So ein  Sittenbild:  Wassernot.  Man  weiß  nichts  Genaues, sa
                                           gt die Reiseführung, um die alljährlichen  Brä.
                                           nde Allerdings verdunkelte dichter Wald die L
 
        Freilich:
        Nietzsche  war da  (mit  Zarathustras Weltverbes
         serung).  Very   important   poeple   ließen   ihre
         Schlösser  und Villen  zurück  (als  fest  verpack
         te Geschenke an die dienstbare heimische Welt).
        Diese  gesuchte Stätte  im zeitigen Frühjahr: Ein
        e ältliche Dame am frühen Morgen,  die einsame
        Nacht  noch im faltigen Leib (mit  irgendwie  jung
         en Augen) und etwas  unförmig -  noch ohne die
         gegen den neugierigen Tag schützende Schmink    
 
         Doch:        
         tief eingeritzt in das breite Agavenblatt dort am Strand,
              sticht mir schließlich ein Seufzer ins Herz:
        
                                  Jimy ls. Swany,
 
              Da bin ich wieder bei mir.
 
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      MIJOH  VIELLEICHT  MILO

     Beim Hören des Quartetts habe ich den Esprit
     bewundert - und mich mit den Tönen augenblicklich
     nach Frankreich entführen lassen.  D. M's musizieren aus
     biographischen Paradiesen und in literarische Freundschaft
     gebettet. Solch geistig-seelisches Klima: D. M's Bureauräume waren      
     womöglich elysäische Hallen.
     Wo heutzutage nach MS DOS oder sonstigen Systemen arbeitende  
     PCs   (Rechner, Bildschirm, Festplattenspeicher,  Drucker)  ständig  
     Einsatzbereit  mit  umfangreichem   Datenzugriff  und  internetionaler  
 
     Doch bald suchten Fragen ihren Ton:
     Befinde ich mich nur im Garten Eden, so lange ich nicht
     nach den Früchten vom Baume Fortschritt meine Hand ausstrecke?
     Und ereignet sich die neue Musik nicht gar in Abwesenheit aller, denen
     Leben Melodie (und umgekehrt)?
     Darius Milhaut (:mijoh oder milo): französischer Komponist, Aix-en-
     Provence 1892 ... Schüler von ... In seiner frühen Zeit der  romanti
     schen,  später  der  atonalen    Richtung  angehörend ... Diplomat ...
 
     D. M's schaffen: Auch groteske Acht-Minuten-
     Opern (die Wunderlichkeit des Sich-Ansingens thematisie
     rend) und eben das hier: für Flöte, Oboe, Klarinette, Klavier. Der verwegene
     Oktavensprung und Gegeneinandergereiztes.
     Man kann den Bildungsstand heraushören und die technikbeflisse
     ne Dikussion zwecks Ausschöpfung aller Möglichkeiten  zwischen    
     den Tönen. D. M. scheint ohne Scheu vor nervigen Effekten u. dgl.
 
      Bach  kommt mir  da in  den Sinn (Gott segne das
      ehrbare Handwerk) Wolfgang Amadé ... – und gefällig harmonisierten. Auch,
      dass sie heute in E- und U-Musik teilen und die Melodie als Dirne verachten, die
      sich dem billigen Schlager vekauft.
      Die diskursive (i.S. v. Habermas) Sprache ist angefochten, zerfalle
      n  ist  auch  die Identität der Erfahrung, das  in sich kontinuierliche   
      Leben (Zit. Adorno). Als deren Begründung die Melodie gelten kön
    
      Und  es  scheint doch so,  dass die Klang-Geräusch-Welt heute  beinahe
      haltlos auf Expression als Wirklichkeitskulisse steht, vor der die Moderne
      abbildend operiert ... (Man  sollte versuchen schon in den Schulen -  und
      wo man sich auch sonst über den Menschen hermacht - die akademische  
      Musik  über die Gewohnheit zur Schönheit - und  ins Gemüt gelangen zu l
      
      Im  Fortgang dieser Übertragung bin ich überrascht vom beflissenen Kiche
      rn der gebildeteten  Damen und  Herren  (im  subventionierten Saal). Dere
      n Hysterie sich steigert  im Maße der Zurücknahme der Verfremdung  des  
      music joke’s: happy  Mondscheinsonate.
      
 
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   dreisiebenfünf - weit davor und noch heute
                                                    (Besichtigung RAVENNAS)
     

     Das historische Durcheinander
     aus dem Lautsprecher vom Brummen
     des Motors untermalt. Völkerwanderung
     jahraus, jahrein. diese Geräusche vermengt
     mit geschäftigem Trippeln germanischer Horden
                       (auf  Turnschuhsohlen).   
 
            "Gordischer Knoten" - 1. Version: in Gordion, Kleinasien, aufbe
             wahrt; mit dem Orakel behaftet, dass derjenige, der ihn löst, die
             Herrschaft über Asien erränge; Alexander ...
 
     Unter programmatischer Strenge
     glasbunter Heiligen. Nichts wächst
     in den Himmel. Alles, alles versinkt im
     Sand  (hier). Wer hatte da den richtigen Gott
     gehabt (in klammer Düsternis) und die Macht, ihn
     durchzusetzen? Oder wo haben sie Galla Placidia, die
     Römerin, vierhundertfünfzig hingebracht? Und wie kam der
     schwere Deckel ein Jahrhundert zu spät auf Theoderichs Topf?
 
           "G. K." - 2. Version: griechische Sage;  der Knoten zwischen  Deich
            sel und  Joch des dem Zeus geweihten Wagens; der Löser erränge   
            Weltherrschaft;  und  der  große  Alexander ...
 
     Diese vielen Versuche mit
     dem Instrument der Vermählung.
     Ist es wahr, dass Kulturen, die freilich
     Leben sind, durch Befruchtung entstehen
     und durch das Schwert (welches auch immer) sterben?
 
            Wer hat dieses Meisterwerk geknüpft, in welcher Zeit, mit welcher
            Technik (die stets Ausdruck von Geisteshaltung ist)? Geht es um
            die  Macht und  Menschen  wie Alexander  und seinen Epigonen?
                 
    
 
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         ETRURIEN  IM  EINDRUCK

         Nachfahr dieses irgendwie verschwiegene
         n Volkes sein? Aber im Boden  (unter  den
         Füßen) eine Ganzheit wissen. Vom Staune
         n durchzogen (wie  allerdings jeder Winkel
         der Welt). Doch im Wesentlichen  unbehell
         igt  sein von großen Punkten der uns mitge
         teilten Geschichte.
 
         Dort  suchte man ja gerne,  sich zu  finden.

         Die Fragmente: Dome und andere Versuche
         eines frühen Pius Stadtidee als  Groteske in
         Stein. Es duftet  aus Gewölben mit Wein un
         d anderen Köstlichkeiten.  Und  ein paar Hü
         gel weiter der Pulcinella.  Das ganze  Treibe
         n unterm Mantel der Geschichte  von  Refle
         xion kaum angenagt.
 
         Man riskierte  (nüchtern), das  eigene Dafürh
          alten als Wirklichkeit zu setzen.
 
         Auf den sanften Höhen hausen.  Hoch  hinaus
         will ja das Leben allemal.  Und  von den Häng
         en fließt der Weizen  (der ja nicht wissen kann,
         wer ihn  drischt - und  den  Boden  vergeudet).
         Doch unter der Erde ist die unerwartete Schön
         heit des Todes: die Damen,  Herren und Kinde
         r auf ihren Sarkophagen.
 
         Allerdings wagt man dann doch nicht mehr, an
         ein Verweilen zu denken und macht sich mit d
         en  Anderen ins immer flüchtige  Leben  davon.
 
 


 
                                                              L A N D P A R T I E
                            
 

 
 
 AUGENSCHEIN
                                 (Pastorale I)

  Die Sonne flirrt
  durch ein paar Ritzen im Verschlag.
      
  Der Blaumann tritt
  die Viktualien auf der Stelle.
 
  Gelb erst knallt die Pusteblume ins Licht
  und der emsige Hahn ist überm Hühnervolk.
 
  Schlägt der Regen auf die bunten Tupfen,
  wäscht sich graubraun, was nicht sattes Grün sein will.
 
  Die Eindrücke von gestern sind
  die nasse Wäsche auf der Leine.
      
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BEILÄUFIG

                              (Pastorale II)

           Worte purzeln
           durch die Finger vor dem Mund.
           Es huscht auch mal
           ein Grinsen über die Züge.
           Und im Faltenwurf der Haut -
           mit den Jahren immer tiefer -
           kauert beharrlich das Weltbild.
       
           Auf deinem Weg liegen diese Steine,
           an denen man sich immer stößt.
           Du wirst sie dort aber lassen,
           obschon sie ja sehr handlich sind.
           Ansonsten
           hinter dem schäumenden Glas hervor
           den nahen Horizont fest im Auge behalten.
 
 
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WENN  ES  ABEND  WIRD
                                         (Pastorale III)
                                           
     Wenn du nicht so richtig
     nach der Uhr lebst,
     hat die Zeit hier noch ihren Glockenschlag.
 
Zwar dieses Zuckerwerk, das zum Verrat an der Volksweise führt. Viel
Lärm und Bewegung dazu. Und die Nestflucht der Jungen. Auch löste
das Streichelvieh die großen Milchleiber ab. An manchem Tag werden
die Menschen zu Regen. Es durchsickert klamm und das Gesicht zieht
sich mit den Wetterzeiten in die Länge.
 
Würdest du achtsam sein, stellten sich Bilder ein:Auch die bemühteste
Melodie erreicht nie den Reiz der Lerche überm Feld.  Man hat es eher
mit greifbaren Dingen. Wie  das Drama  der  Waschmittelentscheidung
das Gewissen  fordern  will. Immer später flimmern  ferne  Geschichten
durch all die glasflächigen Fenster.
 
         Doch wenn es Abend wird überm Dorf,
         ist  manchmal der ruhige Atem  wieder
         tausend Jahre alt.
 
 


 
Aus Kontakten:


Karl Krolow über meinen Gedichtband Trebegängers heiliger Kram:
"Sie haben einen Ton für das Kräftige, Derbe wie für das Empfindliche.  
Beides liegt ja möglicherweise enger zusammen, als man denkt: die  
Entschiedenheit und die Sensibilität ... Das Kraftvolle, Intensive  überwiegt ..."

Reiner Kunze zu Polis und Herzgebau: "Ich habe so manche originäre Fügung
in Ihren Gedichten gefunden und freue mich . (Die Hände sind eigentlich /
die Hände des Gehirns! - Hervorragend!)  Darf ich Ihnen die Hand drücken? ..."

Hans Mayer, Tübingen :
"Wenn einer einen Text schreiben kann wie 'Nichts' mit der Zeile:
Der Tod ist / gelb vor nichts", so weiß er doch, was ein Gedicht ist. ..."  
 



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