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    Landglut

                         Hopfensud

Einladung zur Leseprobe!

 

Fünftes Kapitel

...

Resi, mit Berufsnamen, eigentlich Michaela, Michi, wie sie Bärlapper nannte, wartete bereits auf ihren Hans mit Tee und Gebäck bei Kerzenschein, dem auch ein geheimnisvoller Duft entströmte. Dieses Arrangement war fester Bestandteil einer Übung, die sie das ganze Jahr und nicht nur zur Zeit der, wie eben jetzt, kürzer werdenden Tage pflegte. Bei ihrem Hans machte es auch noch viel mehr Spaß als bei ihren verflossenen Herzbuben, die sich, sonderbarerweise der eine wie der andere, durch Unpünktlichkeit ausgezeichnet hatten. Michaelas Kerzen waren dann meist heruntergebrannt und der Tee hatte Blumen bekommen, wenn der Kerl endlich aufgetaucht war. Sie vertrat die Auffassung bereits mit Prinzipientreue, dass man auch und vielleicht gerade in Herzensdingen immer unter dem Einsatz von gewissen, wenn auch schlichten Ritualen, wie den ihren zum Beispiel, vorzugehen hätte. Das sei zu wichtig und dürfe nicht schnöder Alltag werden, was da um die Liebe herum alles abläuft, bildete sie sich ein. Aber jetzt, mit ihrem Hans, gab es da keine Schwierigkeiten, denn der war pünktlich, und man könnte sogar die Uhr nach ihm stellen, sagte sich Michaela gern und auch mit Stolz. Und wenn sie ihn hin und wieder deswegen lobte, erhielt sie zur Antwort, dass er ja bei seinen Kühen auch pünktlich sein müsse, weil er sich da beim Melken leichter tue, "denn weißt, die haben auch so was wie eine inwendige Uhr, da geben s' dann die Milch leichter her." Das fand Michaela toll, wenn er so etwas aus der Natur der Natur daherbrachte.

Da stand er heute auch bereits vor der Tür.

Man schlürfte nach dem Begrüßungshallo zunächst schweigend seinen Tee und genoss die Atmosphäre, vielleicht auch nur die schiere Freude des Beisammenseins. Bärlappers Wohlgefühl steigerte sich zunehmend. Er vermutete, dass die vorhin hastig trocken hinuntergewürgten Brotbrocken in seinem Magen jetzt dank des Tees aufquollen, weil es ihm so satt zu Mute wurde. Da wagte er aus dieser Sicherheit seiner Existenz heraus auch ein problematisches Gespräch, und zwar um eine so überaus ungewisse Sache wie die Zukunft. Er hatte ja die Mutter immer ziemlich gut verstanden, wenn sie am Donnerstag stets so ein bisschen sorgenvoll hinter ihm her schwieg. "Magst nicht ...?", begann er und holte noch mal Luft, "... magst nicht meine Bäuerin werden?"

"Bäuerin!", war von Michaela nur -- und obendrein fast wie ein Klagelaut zu vernehmen. Damit diese völlig offene, nämlich viel und auch wieder nichts sagende Äußerung nicht etwa von ihm als gegen sich oder gar den ganzen Berufsstand der Bauern gerichtet gedeutet würde, rückte sie näher zu ihm hin und begann, ihn zu streicheln und zu herzen. Das blieb nicht ohne Antwort, ja, es schien sogar auf ein heftiges Verlangen gestoßen zu sein.

...

 

 

 

 

 

Siebtes Kapitel

 

Heute hatten sie den Unterlassner einzugraben. Vier Mannsbilder aus der Nachbarschaft mussten den Sarg tragen. Sie waren dem Brauch nach in Tracht, aber ohne Feder am Hut gekommen. In der Leichenhalle war zu beiden Seiten des Sarges Aufstellung zu nehmen. Und so blieben sie stehen, bis alle Leute, die dem Unterlassner noch ein paar Spritzer Weihbrunn geben wollten, vorübergezogen waren.

Dann war Totenmesse, die der Dorfchor auf Lateinisch begleitete. Die dünnen, manchmal etwas brüchigen Stimmen passten heute direkt zum traurigen Anlass.

Schließlich schritt man zur eigentlichen Beisetzung, zu der sich die ganze Gesellschaft wieder vor der Aussegnungshalle versammelte.

Hochwürden Bahtiar, zog mit seinen Ministranten auf, unter denen sich sogar ein Mädchen befand, und verrichtete seine Handlungen. Als er zu Ende gekommen war, trat die Beisetzungsmannschaft des Veteranenvereins an. Ein gichtiger Trupp von sechs Greisen formierte sich in Reih und Glied. Der Meinl Hans, der es im Krieg bis zum Spieß gebracht hatte, befehligte den kläglichen Haufen. Als sein Stillgestanden ertönte, ging immerhin ein beachtlicher Ruck durch diese hinfällige Schar. Sogleich stimmte die Blasmusik ein ergreifendes Stück an, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voran schritt der Pfarrer mit seinen Messdienern, gefolgt vom Sarg, der von Bärlapper und drei weiteren Mannsbildern aus der Nachbarschaft getragen wurde. Dahinter kam die Trauergemeinde. Die Reihenfolge am Sarg hatte sich nach Verwandtschaftsgrad gebildet.

Zuerst ging es um die Kirche herum, man war bald am Grab angelangt, und die Träger stellten den Sarg ab. Sofort musste der Messner-Dammerl dem Dorfbäck ein Zeichen geben. Der hatte den Schießschein und außerhalb des Friedhofs auf der Wiese Posten bezogen: Die dumpfen Böllerschüsse, die ein Vorrecht der Veteranen waren, krachten in die Melodie vom treuen Kameraden, die gleichfalls auf das Zeichen vom Messner-Dammerl hin angestimmt worden war. Diese ergreifende Melodie, und wie es da hineinkrachte! Das ging ziemlich ans Gemüt, und die Leute würgte es im Hals, und auch die Mannsbilder hatten zu kämpfen, dass das Wasser in den Augen blieb. Als diese wohlige Seelenqual vorüber war, folgten die Reden der Vereine, denen der Unterlassner angehört hatte. Nach diesen weltlichen Einlagen trat der Gottesmann erneut in Aktion und segnete noch einmal die Totentruhe samt inneliegenden Verblichenen. Und dann ging es an die Versenkung, nach der der Geistliche die drei Schippen Erdsymbol unterbrachte. Am Ende war noch der Vorbeizug am offenen Grab. Jeder spritzte dreimal Weihwasser in die Grube und brachte bei den Verwandten des Gewesnen noch seine Beileidsbekundungen an.

Dann zog die Trauergesellschaft ins Wirtshaus.

Bärlapper und die anderen Träger mussten das Grab zuschaufeln. Sie banden sich Schürzen vor, um die schönen Lederhosen zu schonen. Der Behringer Martl war der Kapo. Versenkungswart sagten sie auch zu ihm. Er befahl: "Auf geht's, Männer, und hinter den Unterlassnerischen ihrem Grabstein liegt ein Flaschl Schnaps, wenn ein G'schmackerl raufkommt ausm Grab oder für sonst was, wenn wer Durst kriegt." Der Kies prasselte hinunter und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf den Sargdeckel.

"Mei, wenn du denkst, wenn sie einen verbrennen, da braucht es kein so großes Loch", sagte der Mertl Sepp dazwischen. Sonst war außer den Arbeitsgeräuschen lange nichts zu hören.

Auf einmal hatte der junge Zittler Michl, der das erste Mal bei so etwas war, einen Totenschädel auf der Schaufel. Er stand wie angewurzelt da und schaute die anderen ganz abgestanden an: "Mensch", stammelte er, "da sind ja noch Haare dran, sind da!" Er wurde käsbleich.

"Das täuscht, der ist sauber nach der Zeit und der schiere Schädl bloß. Auch wenn es auf der Nordseite von der Kirche mit dem Moder nicht so schnell geht. Nur 'nunter damit", befahl der Behringer, "es hat alles seine Richtigkeit! Geweihte Erde! Da drunten kommt alles zusammen, und ein Segen liegt auf der geweihten Erde."

Der Michl gehorchte sofort. Er zuckte zusammen, als der Schädel unten aufschlug, dann atmete er tief durch. Aber er war jetzt noch blasser um die Nase.

"Geh, Michl, nimm dir einen Schluck von dem Schnaps da hinten", sagte Bärlapper, "nachher wirst schon wieder!"

Die anderen Männer verschnauften ein wenig und schauten mit ernsten Mienen in die Grube. Die Flasche machte die Runde.

"Das muss dem Unterlassner seinem Bruder sein Schädel sein", meinte der Behringer, "nämlich der, wo sich Ende der Fuffzigerjahre mit seiner Horex derennt hat. An einen Amitrack ist er hin, frontal, dass es ihn geschmissen hat, dass alles hin war und er selber auch. Habe ihn gut gekannt. Ein prima Kerl, ganz prima .. ." Er zog sein kariertes Sacktuch heraus und schnäuzte sich.

Dann brachten sie ihr, laut Katechismus, Werk der Barmherzigkeit schweigend zu Ende. Auf den kleinen Hügel wurden zum Schluss die Kränze gelegt. Danach standen sie alle noch davor und machten das Kreuzzeichen. "Kein einziges Fleckerl Moos ist auf die Unterlassners ihrem Grabstein", sagte der Behringer anerkennend, als sie abzogen. "Die Bäuerin schrubbt den Stein fei jede zwei Wochen mit der Wurzelbürste ab. Da könnt sich ein mancher da herum sein Beispiel nehmen!"

Im Nebenraum zum Leichenhaus wuschen sie sich die Hände und banden die Schürzen ab. Schließlich ging die Flasche herum, bis sie leer war. Sie sollten mit dem Schnaps den fauligen Geschmack im Hals wegkriegen, wie der Behringer sagte, "aber es ist auch der Brauch, dass die Totengräber einen kräftig zur Brust nehmen, denn sonst packst du das manchmal nicht."

Sie waren die ganze Zeit über ziemlich niedergeschlagen und kleinlaut gewesen, auf dem Weg ins Wirtshaus kam ihnen dann aber die gute Laune wieder.

"Behringer, wie lang bist jetzt schon der Versenkungswart?", wollte der Michl wissen.

"Seit ich im Austrag bin", antwortete der stolz, "so vor zehn Jahr."

Beim Wirt angekommen, hatten sie das Tischgebet versäumt und waren mit Essen und Trinken im Rückstand. Bärlapper kam neben dem Totengäber zu sitzen. Er war es zufrieden, denn da war er weiter entfernt von den Verwandten und näheren Bekannten des Verblichenen und musste sich nicht die Geschichten und Betrachtungen anhören, die meistens mit "ja mei" angingen und die Qualitäten des Toten beschrieben, nämlich, was der Unterlassner für ein guter Mensch war und dass es solche nimmer viele gibt auf der Welt und dass es kein Wunder ist, wenn die Welt immer schlechter und lotterhafter wird, und was sich die Leute heute alles trauen, was man früher nur heimlich gemacht hat, weil, wenn die Guten wegsterben, die manchmal auch zuerst sterben, aber der Unterlassner habe ja ein gottgesegnet langes Leben gehabt und das sei ihm schließlich vergönnt ...

Sie sahen zu, dass sie mit dem Essen nachkamen, auslassen wollten sie natürlich nichts, das waren sie sich und dem Verblichenen schuldig. "Weil", kommentierte der Behringer, "bei den Heiden haben sie einem das Essen mit ins Grab gelegt. Aber davon ist der Christenmensch auch erlöst wie von dem anderen Blödsinn umeinander, denn der Christ darf das selber fressen, so lang er das Leben noch hat, und was übrig bleibt, wenn er abkratzt ist, das kriegen dann die, die wo noch leben. Und richtig zulangen musst, das bist dem Unterlassner freilich schuldig, dass es ihm gut geht im Jenseits drüben. Das ist dann doch noch blieben vom Heidnischen, und richtig ist das so, denn wenn was gut ist, nachher ist es auch eine Tradition!"

Trotz dieser Verpflichtung zum Verzehr, der er mit seinen drei Zähnen eifrig nachkam, fand der Behringer Zeit zum Erzählen. "Da hat es einmal eine Leiche angeschwemmt im Bach", setzte er an, als er ein ordentliches Stück vom Schweinebraten eingefahren hatte, musste sich diesem aber zunächst widmen.

"Ja mei, man weiß schon", sagte der Bärlapper und rückte sein Bier ein wenig vom Behringer weg, "wenn es ein Hochwasser hat, da treibt es schon einen Haufen Zeug an im Bach. Und alles von die Bayerdorfer, diesen Schlampern. Kaputte Hennen, und voriges Jahr sogar eine verreckte Sau ... Man weiß nicht, wo das noch hinführen soll." Bärlapper nahm mit besorgter Miene einen tiefen Schluck Bier, stellte sein Glas noch etwas weiter vom Behringer ab und aß weiter.

"Aber der Kerl, den wo es da hergeschwemmt hat", machte der Behringer kauend weiter, "der hat dann der Gemeinde gehört. Da bist noch ein Schulbub gewesen, Bärlapper. Weil die Polizei auch nicht rausfinden hat können, wohin der gehört hat. Und man hat ja das Sach, was es da immer wieder mal hergetrieben hat und auch wenn's eine Leich gewesen ist schon auch mal mit der Mistgabel weggeschubst, dass es ins Nachbardorf hinunter ist im Bach. Aber der hat sich irgendwie verfangen gehabt, und dann ist er der Gemeinde geblieben. Bissl schlecht ausgesehen hat der dann schon, voll Dreck und Schlamm und aufgegangen, dass du gemeint hast, den zerreißt es."

Bärlapper hatte kurz zum Behringer hingeschaut, musste aber gleich wieder wegschauen, um sich den Appetit auf den vierten Knödel zu retten. Auch seinen Teller schob er jetzt aus Behringers Niederschlagszone heraus.

"Bereits aufgetrieben ist er gewesen, wie es halt mal so ist. Aber mit einem Kübel Wasser und dem Schrubber drüber, und da hat er gleich wieder anders ausgeschaut. Weil, der Schlamm ist wenigstens weggewesen."

Bärlapper spülte mit einem kräftigeren Schluck hinunter. Sie haben dann nachgefasst und weitergegessen.

Der Behringer schaute immer wieder einmal zum alten Schulmeister hinüber, während er seine zweite Portion verschlang. Der Lehrer saß zwischen zwei älteren Frauen und hielt Vortrag. "Richtig grantig schaut der Behringer auf den Oberlehrer", fiel Bärlapper auf. "Und überhaupt, wie schafft der Behringer das Einfuttern mit fast keine Zähne im Maul", fragte er sich, "der muss doch ganze Brocken runterwürgen." Er aß weiter. "Wunder ist es ja nicht, wenn der Behringer was gegen den Lehrer hat", dachte sich Bärlapper dann, als er ein frisches Bier bestellte, "denn da ist er ja nicht der einzige im Dorf, der wo so denkt."

Der alte Schulmeister redete immer noch händefuchtelnd auf die Frauen ein. "Da kann er daherreden, was er will", grinste sich Bärlapper.

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